Über den verantwortungsvollen Umgang mit dem Bewusstsein und das tugendhafte Leben
»Wege zu sich selbst«, Aufzeichnungen von Marcus Aurelius (vermutlich 179/180 n.Chr.)

Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff schrieb einst über Marc Aurel, er sei „einer der reinsten und edelsten Menschen, die je gelebt haben“ gewesen. Für Alexander Demandt war es mit der Weisheit der Philosophen nach dem römischen Kaiser ohnehin zu Ende. Und auch Friedrich Nietzsche erkannte in dem Philosophen die reine Verkörperung volkstümlicher Ideale, des „guten Menschen“. Nach der Lektüre seiner „Wege zu sich selbst“, einer Art autobiografischen und an der antiken Philosophie der „alten Denkschulen“ angelehnten Anleitung für das tugendhafte, naturnahe Leben, kann man diese Aussagen nur bestätigen. Kaum ein europäischer Philosoph vor und auch nach Marc Aurel konnte die Weisheit des Geistes im Zusammenspiel mit der Seele so klar, rein und wahrhaft formulieren wie er. Der beständige Dialog mit sich selbst, die Selbstreflexion, war für ihn ein Weg des persönlichen Vorankommens und der Weiterentwicklung, der Tod schließlich die Vollendung.

Zu Beginn seiner Selbstgespräche dankt der Kaiser den Wegbegleitern seines Lebens, vor allem all jenen Menschen die seinen Geist in jungen Jahren geformt und geprägt haben. Darauf folgend konzentriert sich Marc Aurel immer wieder darauf, sich selbst und auch seiner Nachwelt praktische Handlungsanleitung für ein den Göttern, der Natur und dem eigenen Geiste gerechtes Leben an die Hand zu geben. Inspiriert sind diese Überlegungen von den antiken philosophischen Denkschulen, hier aber besonders vom Stoizismus, der eine materialistische Naturlehre vertrat. In dieser hatte jeder Einzelne seinen festen Platz und auch seine Vorherbestimmung im Universum, das Leben war möglichst frei von Leidenschaften, dafür umso mehr gemäß den Geboten der Vernunft zu führen. Tugend verhalf dem Menschen zur berühmten „stoischen Ruhe“, die es als Ziel zu erreichen galt.

Über die Natur

Zentral in Marc Aurels „Wegen zu sich selbst“ ist das Verständnis der Natur. In ihr sieht er einerseits Quelle und Legitimität des Lebens, andererseits aber auch eine Richtnorm für jeden Einzelnen. Ein „naturgemäßes Leben“ beschäftigte den Philosophen seit seiner Kindheit. Geprägt durch seine Erziehung und Ausbildung vertrat er den Grundsatz, dass der Mensch keineswegs als etwas von der Natur separiertes sondern als ein Teil dieser zu betrachten sei. Mit der Natur teile der Menschen nicht sein Blut und seinen Samen, viel mehr jedoch dieselbe Vernunft und den „göttlichen Funken“.

[…] und daß niemand dich hindern könne, in steter Übereinstimmung mit der Natur, von welcher du ein Teil bist, zu handeln und zu reden“. (S. 21)

Somit ist es für den naturverbundenen Menschen auch keine Notwendigkeit über Dinge Gram oder Zornig zu werden. Denn jegliches Schicksal des Lebens, und das verdeutlicht Marc Aurel immer wieder, ist eine Vorhersehung der Natur. Alle Dinge umfassen in ihren Teilen ein natürliches Wesen. Sich über diese Ereignisse also unzufrieden zu zeigen, bedeute sich von der Natur loszusagen. Der Mensch bedarf deshalb auch nicht des Beifalles Aller, sondern wenn, nur jenem derer die naturgemäß leben. Die Leute sollen ferner in dir einen wahren, der naturgemäß lebenden Menschen erkennen, nicht mehr und nicht weniger.

Das Kunstverständnis Marc Aurels ist ebenfalls stark an der Natur orientiert. Denn die Kunst könne Natur bestenfalls abbilden, das wahrhaft Schöne bedarf hingegen keinerlei Zugabe.

Über die Herrschaft und den Staat

Zu Herrschaft, ihrer Formen und Menschen die diese repräsentieren hatte der weise Römer ebenfalls einige tiefgehende Gedanken parat. So lehnte Marc Aurel Menschen die krampfhaft um die Gunst der Götter buhlen, ebenso wie jene die durch „Künste der Gefallsucht“ nach der Begünstigung des Pöbels streben, gänzlich ab. Denn was sind es für Menschen, die nach dem Beifall derer buhlen, welche nicht einmal wissen wo, noch wer sie selbst sind? Weder Gott noch Götter verlangen Schmeichelei und Huldigung sondern eine Verähnlichung. Wahre Größe erlangt man auf anderem Wege. Etwa in dem man seine Angelegenheiten in Ruhe den Göttern überlasst, sich gegenüber Anderen hingegen weder als Tyrann noch als Sklave gebärde. Der Mensch soll zu Gott, zu dessen Ebenbild werden und ihn nicht sein Leben lang nur huldigen.

Auch ein naturgegebenes Recht auf Widerstand erkannte er in der Vernunft. Man habe die Pflicht gegen den Willen der Herrscher zu handeln, wenn das Gesetz der Gerechtigkeit einen dazu anleite. Letztlich seien die, die sich gegenseitig verachten, jene die sich oberflächlich zu gefallen und hervorzutun versuchen.

Eigenschaften negativer Herrschaft, wie Ungerechtigkeit, Ausbrüche von Zorn, Schwermut und Furcht sind nichts anderes als ein Abfall von der Natur.

Wie wäre nun der Idealstaat nach Marc Aurel zu gestalten? Nun zunächst müsse man sich vor allem mit den kleinen Fortschritten zufrieden geben und nicht gleich von Beginn an des Schaffens den platonischen (Ideal-)Staat erzwingen. Nach der stoischen Lehre Zenos wiederum, gilt es einen idealen Weltstaat zu schaffen, in dem Menschen ohne Geld, ohne Gesetze und die anderen Übel der Zivilisation naturgemäß leben.

Über die Philosophie und Gott

Jeder Mensch, der sich mit dem Geiste, der Natur oder anderen tiefer in ihm liegenden Dingen beschäftigt, solle sich die Philosophie zum Vorbild nehmen. Nur sie kann den Menschen in dieser Welt „sicher geleiten“. Sie ist das Rückgrat der Tugendhaften, die „Aufrecht stehen ohne aufrecht gehalten zu werden“ (S. 31). Wird es dem Menschen in der Gesellschaft der anderen zu unerträglich, gibt es keine geräuschlosere und ungestörtere Zufluchtsstätte als die eigene Seele. Es ist ein Plädoyer für die Stille und dem daraus resultierenden Reflektieren der eigenen Handlungen. Denn die naturbedingte herrschende Vernunft genügt sich selbst im Zustand des Rechttuns oder der Stille.

Die Abläufe der Außenwelt, der Sinneswelt können dem Menschen daher auch nichts anhaben und keinesfalls seine Seele berühren, bleiben sie doch nur „unbewegliche Außendinge“. Im Gegenteil: Die Seele ist es, welche vorliegende Dinge gestaltet und Stimmung wie Bewegung dieser vorgibt. Lediglich die Einbildung kann zur Gefahr des Seelenfriedens werden.

Als Vorbedingung der Philosophie erkennt Marc Aurel die Wissenschaft. Sie gelte es unter allen Umständen zu verfolgen. Jedoch sei im Prinzip jede erlernte Kunst, die man mit Liebe ausführt, ein Weg zu innerer Ruhe.

„Auch ich habe keinen Unterhalt von Wissenschaften und bleibe ihnen dennoch ergeben.“ (S. 48)

Vom eigenen Selbst verlangt die Philosophie wiederum nur das was die eigene Natur von einem verlangt. Sie ist also ein universales Werkzeug, dem sich jeder Mensch bemächtigen kann. Das „glückliche Los“, oder das „Glück im Leben“, quellt folglich aus einer guten Gemütsstimmung, einer guten Meinung und guten Handlungen. Diese entspringen wiederum den Tugenden, welche das Göttliche in uns verkörpern, eben deshalb aber auf schwer zu begreifenden Bahnen umherwandeln. Mit den Worten Epikurs: „Einen Räuber der Willensfreiheit gibt es nicht!“ 

Der denkende Geist ist unser Kompass des Göttlichen. Die Seele sehen wir nicht und dennoch sind wir uns ihrer Anwesenheit von Kindesalter an bewusst. Handhabe es auch so mit den Göttern und ihren von allen Seiten gebotenen Proben der Macht. Frage dich immer: „Welchen Gebrauch macht die herrschende Vernunft von sich selbst?“ (S. 193)

Über das Innere

Bei allen Handlungen die der der Philosophie zugewandte Mann vollführt, solle er in seinen Augen rechtschaffen Handeln. Rechtschaffen kann er dann handeln, wenn er in sein Inneres blickt und dort beständig nach der unversiegbaren Quelle des Guten gräbt. Dabei tut es nichts zur Sache, wie einen die Außenwelt betrachtet oder definiert, „denn es ist recht wohl möglich, ein göttlicher Mann zu sein und doch von niemandem dafür erkannt zu werden“ (S. 109).

Um den inneren Frieden zu erlangen, ist es nach den Vorgaben des Kaisers notwendig seine Triebe und Sinneslüste unter Kontrolle zu halten, ja wenn möglich auf sie ganz zu verzichten. Denn sie sind ein nutzloses Übel der unvollkommenen Körperlichkeit, nicht aber ein Gut und Produkt des Geistes und der Vernunft. Für Marc Aurel zählen dazu auch falsche Güter wie Geld und Ruhm. Daher solle der Philosoph auch den Verkündigungen der sinnlichen Wahrnehmungen nicht noch etwas hinzudichten. Der Mensch muss im gegenwärtigen Moment leben und das Zukünftige der Vorsehung anheimstellen, sowie das Vergangene beiseitelassen. Dass es meist ein Leidensweg ist, denn der geistige Mensch damit beschreitet, erkannte Marc Aurel treffend. Rechtschaffene fallen häufig dem Leid und dem was Leid erschafft anheim, während die Lasterhaften in Sinnesfreuden leben. Dieser Zustand ist dennoch nur vorübergehend und letztlich bleibt der Friede nur dem Rechtschaffenen vorbehalten.

Somit ist es auch das Innere, welches die „unsichtbaren Fäden“ unseres Lebens hin- und herzieht und uns zu den Außendingen geleitet und nicht umgekehrt.

Über den Tod

Ein weiteres zentrales Motiv des „Philosophen-Kaisers“ war der Tod und die Unendlichkeit. Dies mag auch an dem sich abzeichnenden Dahinscheiden des Kaisers während der Niederschrift seiner Selbstbetrachtungen gelegen haben. Im Tod sah er weder ein Unheil noch etwas Endgültiges, sondern eine Aufgabe des Lebens, die es glücklich zu lösen gelte. Die Zeit sei nichts anderes als ein Fluss aus dem Werden und Vergehen in den unterschiedlichsten Facetten der Unendlichkeit hervorgehe. Sie ist sowohl vor der Entstehung las als auch nach der Auflösung unendlich. Die Welt könne daher wiederum nur ein zufälliges Gemisch von Dingen oder ein ordnungsgemäßes Ganzes mit Vorsehung sein. Ein denkendes Wesen, in dessen Körper alles zusammenströmt und dessen Teil man ist, oder ein Gewirr aus Atomen und eine zufällige Mischung der Erschaffung und Trennung, dessen Teil des ganzen man ebenfalls ist.

Angelehnte an Plato, konkludiert Marc Aurel, dass jenem dem Denkkraft und Einsicht in jegliche Zeit und jegliches Wesen geboten ist, das menschliche Leben auch nicht für etwas großes und außergewöhnliches halten kann. Im Umkehrschluss könne auch der Tod als nichts Furchtbares angesehen werden.

Die Umwandlung und Auflösung ist also nichts worüber man sich fürchten müsse. Denn auch diese Abläufe geschehen nur der Natur gemäß. Und in den Abläufen der Natur gibt es keine Wertung, folglich also auch kein Übel. Warum also sollten wir dem Tod, der stofflichen Umwandlung negativ begegnen? In klaren Worten beschreibt er den Tod als „Ausruhen von den Widersprüchen der sinnlichen Wahrnehmung, von den Aufregungen der Triebe, von den fortwährenden Arbeiten der Denkkraft und von der Dienstbarkeit gegen das Fleisch“. (S. 81)

Neben den beerdigten Menschenleibern, müsse die Menschheit aber auch über die der täglich zu tausenden verspeisten Tiere Überlegungen anstellen. Da sie ein Teil der großen, stetigen Umwandlung sind, ebenso wie Pflanzen, wäre es vermessen, sich selbst auf eine moralische Ebene über sie zu stellen.

Über Marc Aurels Wirken

Marc Aurels Philosophie ist deshalb so einzigartig, weil sie wie keine andere vermag die prägendsten Theorien und Denkweisen der Antike in ihren zentralen Aussagen zu pointieren. Von Plato über Paulus und Zeno. Der Ruhm, den der Kaiser nachdrücklich verschmähte, wird ihm bis heute zu Teil. Auch den Betreiber dieser Seite und Autor dieser Zeilen hat das Buch nachhaltig in seinen Denkweisen verändert. Diese besondere Lektüre sollte sich jeder Mensch im Laufe seines Lebens zu Gemüte führen.

Wie die „Wege zu sich selbst“ letztlich an die Öffentlichkeit gelangten, immerhin handelte es sich um eine persönliche „Lebensanleitung“, ist bis heute unbekannt.

Beitragsbild: Viennpixelart/Wikimedia (CC BY-SA 3.0)


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