Der Begriff der Anarchie ist wohl einer der am kontroversesten diskutierten und am häufigsten missverstandenen der jüngeren Zeitgeschichte. Unabhängig von der wissenschaftlichen Betrachtung der Grundkonzepte und Überlegungen hinter einer herrschaftsfreien und gewaltlosen Gesellschaft, auf welche in dem Beitrag “Über den Anarchismus” in der Rubrik Philosophicum künftig näher eingegangen werden soll, wird in folgendem Fund der Woche kurz oberflächlich und bildhaft umrissen, was Anarchie ist und was nicht. Ein Video für Kinder, welches Anarchie erklärt, soll dabei als Grundlage dienen.

Anarchie und seine Misskonzeption

Bei dem Begriff der Anarchie erscheinen den meisten Menschen relativ negative, dystopische Szenerien und Gedankenkonstrukte vor Augen: Gewalt, Chaos, archaische Zustände, Unordnung. Jeder kämpft für sich selbst und gegen den jeweils anderen. Verwurzelt sind diese Vorstellungen unter anderem in der Definition des “archaischen Urzustandes” des Menschen, postuliert unter anderem durch Thomas Hobbes und andere politische Vordenker der frühen Aufklärung.

Diese negative Konnotation ist jedoch bewusst gewollt, um die wahren Grundlagen der Konzeption zu verschleiern und zu diskreditieren. Meistens muss mehr Zeit aufgewandt werden, die negativen Begrifflichkeiten und Misskonzeptionen der Anarchie zu dekonstruieren, als deren eigentliche Bedeutung zu erläutern. Denn Anarchie bedeutet keineswegs die Abwesenheit von Kooperation oder gemeinsamer Organisation. Lediglich der herrschaftsausübende Überbau des Staates und alles wofür er steht wird abgelehnt.

Das Beispiel der zwei Inseln

An Beispiel zweier Inseln beginnen wir eine Einführung in den Anarchismus:

Die erste Insel trägt den Namen “Authoritania”. Auf dieser befindet sich eine herrschende Klasse beziehungsweise eine Regierung.

Die zweite Insel nennt sich “Anarchia”. Hier existiert keine, wie auch geartete herrschende Klasse.

Auf Authoritania erlässt die herrschende Klasse, unabhängig von der Regierungsform die sie ausübt, Gesetze und bestraft gleichzeitig jene die diese brechen. Dies ist jedoch keine Form der Kooperation sondern der Dominanz. Eine Gruppierung übt ihren Willen, zur Not gewaltsam, über eine andere aus. Auch zwingt die herrschende Gruppe, wir nennen sie hier Regierung, ihre “Untertanen” in organisierte Muster der Kooperation, des Zusammenlebens und der Beschäftigung. Den Menschen wird also das Recht genommen, sich selbstbestimmt und frei zu organisieren. Kommt die Regierung mit neuen Vorschlägen oder Ideen, werden die Menschen zwangsweise an ihrer Umsetzung beteiligt, etwa durch Steuern. Auch der freie  Markt existiert nicht. Der Staat/die Regierung gibt vor was produziert wird, welche Menge davon produziert wird und zu welchem Preis und im welchem Umfang es letztlich verkauft wird. Hält sich der Bürger nicht daran, wird er in irgendeiner Art und Weise von der zentralisierten Gewalt dafür bestraft.

Auf Anarchia existieren hingegen freie Formen der Kooperation und Verwaltung, angefangen von der Güterproduktion und Verwertung bis hin zu freiwilliger Partizipation in diversen anderen Bereichen. Niemand ist in vorgegebene Verwertungsstrategien gezwungen, jeder kann mit seinem Geld machen was er möchte und es investieren in was er möchte.

Bleibt der Kontrast zwischen Voluntarismus und Staatlichkeit.

Die Mär der fehlenden Sicherheit

Die staatliche Version von Kontrolle und Sicherheit auf Authoritania basiert auf Gesetzen und Menschen die im Dienste des Staates diese durchsetzen und sanktionieren. Die Bürger müssen für diese vermeintliche Dienstleistung jedoch bezahlen, meist über Steuern und Abgaben. Weigert man sich, wird man ebenso vom Staat bestraft. Sicherheit muss also erkauft werden und ist kein freiwilliges Produkt menschlichen Miteinanders. Der Eigenschtuz wird meist nicht gerne gesehen und von staatlicher Seite versucht möglich zu unterbinden (Waffenbesitz, etc.). Der Staat nimmt dem Bürger einen Teil seines Hab und Gutes weg, um ihn vor anderen Bürger zu beschützen, die ihm diesen Teil möglicherweise auch wegnehmen könnten. Ein Paradox, den der Bürger wird so oder so um einen Teil seines Besitzes gebracht.

Im Kontrast: Auf Anarchia verliert der Bürger aufgrund der fehlenden staatlichen Gewalt nicht sein Recht auf Selbstverteidigung. Jeder ist in der Lage sich vor anderen zu schützen, wenn diese sich etwas mit Gewalt aneignen möchten. Zudem besitzen die Bürger das Recht, sich zwecks des Schutzes zu organisieren und in Kooperation miteinander zu treten. Dafür sind keine Gesetze und folglich auch keine Regierung notwendig. Ergo kann man sich individuell verteidigen oder jemanden um Schutz bitten oder ihn dafür bezahlen. Auf freiwilliger Basis.

Auch der Aspekt der organisierten Kriminalität darf nicht außer Acht gelassen werden. Regierungen koexistieren seit jeher mit Gruppierungen die sich auf Verbrechen und Gewalt spezialisiert haben. Im Endeffekt bereitet die Staatlichkeit erst den Nährboden für diese destruktive Art der Organisation. Kriminelle Gruppierungen und ihre Schwarzmärkte existieren beispielsweise nur, weil sie durch einen Teil des eingenommenen Geldes das Wohlwollen der Herrscher erkaufen können (Korruption, Patrimonialismus, Nepotismus, etc.). In einem anarchischen Umfeld würden solche Gruppierungen zwangsläufig mit wehrhaften und organisierten Bürgern konfrontiert. Folglich wäre es für sie schwerer Fuß zu fassen und Geld zu verdienen.

Keine Sanktion bei Fehlverhalten?

Die weitverbreitete Skepsis vor einer staatenlosen Gesellschaft speist sich, neben dem Aspekt der Sicherheit, auch aus dem daraus resultierenden Aspekt der (scheinbar) fehlenden Sanktionsmöglichkeiten bei Fehlverhalten. Doch Sanktionen in Form von Gesetzen und Gewaltandrohung können auch durch Eigenverantwortung und Selbstverteidigung ersetzt werden. Organisierte Verteidigung benötigt wiederum keine Staatlichkeit sondern nur Freiwilligkeit.

In Authoritania wird jedoch immer eine Gruppierung durch den Staat zur Kontrollausübung und Gesetzesanwendung aufgebaut (Polizei, Militär, etc.). Damit können alle anderen Gruppierungen kontrolliert, sanktioniert und gegebenenfalls unterdrückt werden.

Es gibt kein Richtig und Falsch

Letztlich ist auch die Vorstellung des Menschen als irrationales, wahnsinniges Subjekt bei fehlender Gesetzmäßigkeit und Autorität, in Form des Staates, leicht zu widerlegen. Hinterfragt man die eigenen Antriebe für Dinge die man gerne tut, wird einem rasch klar, dass man keine übergeordnete Autoritär benötigt, die einem sagt was richtig ist und was falsch. Denn das Streben nach Harmonie, Frieden und Ordnung ist ein menschliches Grundbedürfnis, dass nicht aus staatlichen Vorgaben erwächst.

Dennoch wird einem dies in Authoritania suggeriert, etwa via Wahlen, wo man zwangsläufig zwischen “Gut” und “Böse” entscheiden muss. Die vorgegebene Auswahl soll das eigenständige Denken möglichst allumfassend ersetzen. Diese Separation ist bewusst gewählt, um nach dem Prinzip “Teile und Herrsche” leichter Macht ausüben zu können. Man spricht dem Bürger also das Recht ab über sein eigenes Leben frei zu bestimmen, weil er angeblich ohne Staat unfähig dazu wäre, hält ihn aber dennoch für “fähig” genug “Vertreter” für sich zu wählen. Der Staat kann sich durch Wahlen wiederum selbst legitimieren, damit weiter ungehindert seine Bürger ausplündern und Vermögen und Macht zentralisieren, was im Umkehrschluss wiederum seine allmächtige Position stärkt.

Jedem Leser sei ein Blick in dieses, auch aus libertärer Sicht äußerst treffendes, Einführungsvideo ans Herz gelegt:

Einen weiteren lesenswerten Beitrag zum Thema Anarchie und zu der daraus entsprungenen Theorie des Libertarismus finden sie auf derwondrak.at unter: “Libertäre – oder Anarchie für Anfänger”.

Beitragbild: Janine Pusa/flickr (CC BY-ND 2.0)

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