Nie gab es eine schönere literarische Liebeserklärung an die Natur, die Freiheit und die Autonomie
»Walden oder Leben in den Wäldern«, Essay von Henry David Thoreau (1854)

Ein Leben in der Natur und die beständige Arbeit am eigenen Geiste, nicht mehr und nicht weniger braucht der Mensch. Wie kein zweiter schrieb Henry David Thoreau im Jahr 1854 Zeile um Zeile von der reinigenden Kraft der Selbstbestimmtheit. Der Suchende, der rastlose Moderne Mensch findet alles was er benötigt in einem Wald an einem See. Es findet sich keine Bescheidenheit im autarken Leben, denn die Natur ist voll von verschwenderischer Fülle. Erst abseits von Überfluss, Hektik, falschen Idealen und Selbstzweifeln kann die Herrlichkeit der einfachen Dinge erkannt werden. Und so erging es auch Thoreau in seinem zweijährigen Experiment am Waldensee in den Wäldern von Concord, Massachusetts.

Thoreau, ein wahrer Tausendsassa, der neben dem Studium der Altphilologie, der Mathematik, der Geologie, der Zoologie, der Botanik und Philosophie, sowie Französisch und Spanisch, auch Lehrer, Gelegenheitsarbeiter und kurzzeitig Fabrikbesitzer war, entschied sich am 4. Juli 1845 zwei Jahre in einer selbstgebauten Blockhütte in den Wäldern nahe der Stadt Concord am Waldensee zu verbringen und sich dort weitestgehend selbst zu versorgen. Dabei entdeckte der Philosoph und Schriftsteller die reinigende Kraft der Natur, die jegliches modernistische Wehwehchen und Pseudoverlangen als das erschienen ließ was sie sind, eine lächerliche Eitelkeit. Dieses von ihm stets als „Experiment“ titulierte Leben wurde akribisch und doch so facettenreich beschrieben, dass man beim Lesen meinen könnte, man sei selbst am Rande des Waldensees und beobachte Vögel bei ihrem täglichen Geschäft oder Ameisen, die in eine erbitterte Schlacht verwickelt sind.

Die fundamentale Kritik am Zeitgeist

Verschiedenste zeitgeistkritische Motive klingen in dem Werk immer wieder an.

Zum einen ist dies eine fundamentale Kritik am Wirtschaftsliberalismus, gepaart mit der Abneigung gegen einen entmenschlichten Fortschritt, der Menschen lediglich zu Waren und Konsumenten degradiert und sie in eine lebenslange Form der zeitraubenden Sklaverei zwingt. […] er (der Mensch, Anm. d. Autors) hat keine Zeit etwas anderes zu sein als eine Maschine.“ S. 19. Dabei erkannte Thoreau bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, dass es geflüchteten Sklaven aus den Südstaaten im Norden der USA in keinster Weise besser ergehen würde, da sie auch dort nur zu Sklaven eines Wirtschaftssystems gemacht würden und Interessen einer Elite dienen, die aus der Spaltung der Gesellschaft ihren Profit zieht. Die schlimmste Form der Sklaverei bleibe aber immer noch der Selbstzwang: „[…] wo es so viel strengere und schlauere Herren gibt, die sowohl den Süden wie den Norden in Sklavenketten gefangen halten. Es ist hart, unter einem südlichen Sklavenaufseher, härter unter einem nördlichen zu stehen, am schlimmsten aber, wenn wir unsere eigenen Sklavenaufseher sind.“ S. 20.

Ein weiteres kritisches Motiv ist die Verrohung und Verdummung der Gesellschaft. Durch die Beobachtungen seiner Mitmenschen in der nahegelegenen Stadt, seine Erfahrungen im Studium und dem daraus resultierenden Vergleich mit den Abläufen der Natur, kam der Autor zu dem Schluss, dass den Menschen nichts mehr am Erlangen einer geistigen und spirituellen Reife liegt. Im Gegenteil, an die Stelle des reinen Gewissens tritt materielles, vergängliches und rücksichtsloses Streben. […] daß man im allgemeinen mehr darauf besorgt ist, moderne oder wenigstens ungeflickte Kleider zu besitzen, als ein reines Gewissen.“ S. 33. Wir verwenden fast jeden Gegenstand unserer körperlichen Ernährung oder Pflege mehr als auf unsere geistige Nahrung. S. 115. Ergänzend hierzu, findet sich auch eine Kritik an dem Ausbildungssystem der Studierenden. Diese legen nicht selbst den Grund ihrer Ausbildung, studieren Leben bloß anstatt es zu spielen und erlangen somit nur Kenntnis einer theoretischen, nicht aber eine praktischen Welt. Folglich sind Erfindungen für Thoreau auch nur „hübsche Spielsachen, die unsere Aufmerksamkeit von ernsten Dingen ablenken.“ S. 61

Die Bescheidenheit seiner Selbst, abseits einer Verurteilung der Taten seiner Mitmenschen, lässt der Autor anklingen, indem er spricht: „Ich habe nie einen schlechteren Menschen gekannt, noch werde ich ihn kennen, als ich selber bin“. S. 85 Der Prozess der Selbstzufriedenheit beginnt somit immer bei sich selbst. Dennoch darf sich der Mensch im Angesichte einer scheinbaren Philanthropie nicht selbst zu wichtig nehmen. Auch bedarf der Mensch nicht zwangsläufig der immerwährenden Gesellschaft anderer Menschen, wobei der unnatürliche Aspekt von Städten und einem generellen Leben mit Mitmenschen auf engem Raum angesprochen wird: Doch empfand ich manchmal, daß die holdeste und zärtlichste, die unschuldigste und aufmunterndste Gesellschaft in irgendeinem Naturgegenstand gefunden werden kann, selbst von dem menschenfeindlichsten, melancholischsten Menschen. S. 136

Wider der Staatlichkeit

Die zentrale Kritik Thoreaus richtet sich jedoch gegen den Staat und staatliche Eingriffe in die Privatsphäre im Besonderen, welche er übrigens in bester libertärer Tradition in seinem Werk Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat verdeutlichte. Das Individuum, wie das Volk, muss das Recht auf natürliche Grenzen und neutralen Grund besitzen, abseits staatlichen Interventionismus. Würde man dem Menschen auch dies menschenwürdige, einfache und bescheidene Leben gewähren, wären Laster wie die Kriminalität letztlich Fremdwörter im Zusammenleben. Der Staat hat kein Recht Menschen in Dinge wie Krieg, Sklaverei und andere Überflüssigkeiten zu zwingen. Insbesondere auf die Freiheitsrechte des frühen Nord-Amerikas bezogen, fordert Thoreau das Recht ein, seine Lebensweise selbst zu bestimmen. Die Staatskritik führt auch zu einer kritischen Betrachtung von Medien und Informationen. Nie schöpfte der Autor eine denkwürdige Nachricht aus einer Zeitung. Wenn überhaupt würden diese von dem Kontakt mit seinen Mitmenschen oder der Natur kommen, denn „dem Philosophen sind alle Neuigkeiten Geschwätz […]. S. 101. Folglich reicht auch der Gedankenflug der meisten Menschen nicht über die Spalten der Tageszeitung hinaus.

Schließlich sind die Arbeit am Geiste, das Denken und ein reines Gewissen erstrebenswert. Nur sie alleine verleihen uns die Kraft über uns selbst hinauszuwachsen. „Das Denken kann uns bei gesunden Sinnen außerhalb unseres eigenen Selbst versetzen.“ S. 139. Hier werden auch die Einflüsse indischer Philosophien erkennbar.

Natürlich spielte bei dem zweijährigen Aufenthalt im Wald auch die Nahrung eine zentrale Rolle. Wiederum in einer Art Vorreiterrolle, erkannte Thoreau bereits damals die Widersinnigkeit und Widernatürlichkeit tierischer Nahrung: „Der Widerwille animalischer Nahrung ist nicht das Resultat der Erfahrung, sondern ein Instinkt.“ Der Mensch könne sich nicht als zivilisiert bezeichnen, wenn er es immer noch als Notwendigkeit erachte Tiere zu töten. Gleichzeitig seien der Verzicht auf diese Nahrung beziehungsweise die Askese ein Weg zu geistiger Erleuchtung: „Ich bin überzeugt, daß der Mensch, dem es je einmal ein Anliegen war, seine höheren oder poetischen Anlagen auf ihrer höchsten Stufe zu erhalten, sehr geneigt war, sich animalischer Kost und vieler Nahrung irgendwelcher Art überhaupt zu enthalten. S. 214

Wie Thoreau sagte:

“Die Natur passt sich ebenso gut unserer Schwäche wie unserer Stärke an.” S. 23

Nach zwei Jahren beendete Thoreau schließlich sein Experiment beim Waldensee, um sich anderen Dingen zu widmen, die ihm als wichtig und notwendig zu erforschen galten. Gelernt hat der Autor vor allem eines: Zielstrebig seine Ziele im Leben verfolgen, sich an der Natur orientieren und keinerlei Intervention von anderen, es sei denn man billigt dies, zulassen. Nur das führe zum Erfolg. Jeder solle die Möglichkeit haben, für sich selbst zu sorgen, und der zu sein der er ist, und nicht der sein zu müssen den andere wollen. Denn die „Lebensbedürfnisse der Seele kosten kein Geld“. S. 319

“Sieh da die kleine Hütte,
Die dem zerfall geweiht,
Hier hat wohl einst ein Dichter
Vergessen Welt und Zeit.” – S. 204

Beitragsbild: angela n./flickr (CC BY 2.0)


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