„Junge Menschen haben wieder Hoffnung für die Zukunft“

Äthiopien stellt ein Fallbeispiel für künftige internationale Berichte dar. Es handelt sich um ein sehr armes und krisenanfälliges Land. Laut dem Human Development Index (HDI) liegt der ostafrikanische Staat derzeit auf dem 174. Platz. Laut den Studienautoren Alisa Kaps und Dr. Reiner Klingholz vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung werden künftig viele Menschen aus Afrika – und besonders aus dem Horn von Afrika – nach Europa migrieren. Es sei denn es werden Perspektiven geschaffen, die auch Europa stärker unterstützt. Seit kurzer Zeit gibt es einen politischen Umbruch in Äthiopien und wieder Hoffnung durch die neue Regierung des Landes, die es in kürzester Zeit geschafft hat eine gewisse politische und ethnische Ruhe einkehren zu lassen. Ebenso wurde ein Annäherungsprozess zum ehemaligen Erzfeind und Nachbarland Eritrea gestartet, der mittlerweile Früchte trägt, indem diplomatische Beziehungen wiederaufgenommen wurden. Äthiopien kann deshalb als Stabilisator für das Horn von Afrika wirken, das durch den failed state Somalia unter dauernden Destabilisierungsgefahren steht. Wenn die Beruhigung jedoch nicht nachhaltig eintritt, dann werden größere Migrationsprobleme als ohnehin auf Europa zukommen. Denn Äthiopien stellt ein „Drehkreuz“ für Migranten aus dem süd-östlichen Afrika dar.

Warum gibt es mögliche Hoffnungsträger?

Äthiopien kann seit den letzten 10 Jahren trotz kaum vorhandener Rohstoffexporte ein relativ starkes Wirtschaftswachstum in Subsahara-Raum Afrikas verzeichnen. Es gibt weiterhin eine starke Bekämpfung der Armut, die durch die Regierung fortgeführt wird. Die höhere Produktivität der Landwirtschaft führt zu höheren Einkommen und dadurch kann auch die Armut reduziert werden. Seit dem Jahr 2000 ist die Lebenserwartung stetig angestiegen. Die Geburtenrate ist wesentlich gesunken und wurde in fast 25 Jahren nahezu halbiert. Derzeit leben circa 105 Millionen Menschen in dem afrikanischen Staat. Das aktuelle Regierungsprogramm hat zudem einen umfassenden Entwicklungsplan für die nächsten Jahre aufgestellt.

Gesundheit – viele Krankheiten bzw. Infektionen wurden zurückgedrängt, wodurch die Lebenserwartung nachhaltig gestiegen ist. Dies wurde primär durch Maßnahmen neu geschaffener Gesundheitsstationen ermöglicht. Frauen wurden dabei als Health Care Worker ausgebildet und haben nun die Möglichkeit in den Stationen zu arbeiten und ein Einkommen zu erhalten.

Bildung – es gab eine regelrechte „Aufholjagd“ im Bildungssektor. Mehr als 80 Prozent beträgt die Einschulungsrate bei den Mädchen. Insgesamt wurden circa 30 Prozent des Staatshaushaltes in Bildung investiert. Die Anzahl der Universitäten hat sich von ursprünglich 2 auf ganze 36 erhöht. Bei Frauen hat sich gezeigt, dass mit einem höheren Bildungsgrad gleichzeitig die Geburtenrate sinkt.

Auslandsinvestitionen oder ausländische Direktinvestitionen (FDI) sind ein wesentliches Kernelement bei den Hoffnungsträgern. Dies betrifft vor allem die Infrastruktur und neu geplanten Industrieparks. Natürlich ist China ein federführender Akteur in Äthiopien, was Direktinvestionen, Infrastrukturmaßnahmen und gleichzeitige Ressourcenextraktionen betrifft. Die optimistische und positive Entwicklung im Land sei allerdings kein Selbstläufer, wie die Studienautoren relativieren.

Sechs Herausforderungen wurden vom Berlin-Institut festgestellt:

  1. Andauernde ethnische Spannungen
  2. Ein möglicher Widerstand der abgelösten Herrscher-Elite
  3. Finanzproblematik und extreme Verarmung des Landes
  4. Starkes Bevölkerungswachstum
  5. Angespannte Nahrungsmittelversorgung
  6. Geringe Arbeitsplätze (Unruhen durch Gefährdung des sozialen Friedens)

Aufgrund dieser sechs Aspekte sind Unruhen durch eine Gefährdung des sozialen Friedens in Äthiopien nicht unwahrscheinlich, wie auch jüngste Ereignisse besonders in der Hauptstadt Addis Adeba gezeigt haben.

Deshalb empfiehlt die neue Studie vier Verbesserungsmaßnahmen, um eine weitere positive Entwicklung in Äthiopien voranzutreiben.

Wesentliche notwendige Besserungen:

  • Privatisierungen von staatsnahen Betrieben
  • Landwirtschaft modernisieren
  • Infrastruktur ausbauen (Wichtig für Investoren)
  • Bildungsqualität steigern

Das Resümee der Studie ist, dass Europa helfen müsste, auch wenn dies im Endeffekt nur aus eigenem Selbstzweck geschehen sollte, denn Äthiopien ist „too big too fail“, besonders mit Augenmerk auf Migrationsströme aus dem Land gen Europa. Zur Fortschrittsentwicklung gäbe es keine Alternative, so die Autoren.

Die vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung veröffentlichte Studie “Vom Hungerland zum Hoffnungsträger“ wurde von der Austrian Development Agency mitfinanziert. Die Studie wurde in Printform in einem Rundlauf versendet und ist elektronisch unter folgendem Link abrufbar: https://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Vom_Hungerland_zum_Hoffnungstraeger/Aethiopien_online.pdf

Beitragsbild: U.S. Air Force photo by Senior Airman Jarad A. Denton


Gastbeitrag, T. Eisenhut ist politischer Autor und Blogger

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