Ein Film am Scheideweg zwischen surrealer Kunstekstase und tiefenpsychologischer Lebensbetrachtung

Noch lange bevor Werner Herzog Klaus Kinski in Fitzcarraldo an sich selbst und den Urgewalten der Natur scheitern ließ und uns Francis Ford Coppola mit Apokalypse Now (übrigens auch mit einem großartigen Dennis Hopper in einer Nebenrolle) einen beklemmenden Einblick in die Abgründe und das Grauen menschlichen Handelns präsentierte, lieferte Dennis Hopper 1971 mit “The Last Movie” ein ebenso schwer einordenbares wie kritisches Filmkunstwerk, dass mehr einem phantastischen Roman als einem Hollywood-Film gleicht. Zu Unrecht wurde dieser Film lange Zeit als Flop abgetan und aus der öffentlichen Wahrnehmung verbannt.

The Last Movie ist eine traurige, komische, gar tragische Geschichte, nicht stringent erzählt von einem desillusionierten Star am Zenit seines Aufstiegs. Es ist eine Abrechnung mit den Illusionen des Lebens, der Moderne und liefert einen schonungslosen Einblick in das eigene, persönliche Scheitern. Einem Scheitern, dass in einer Welt vorprogrammiert erscheint, die das Natürliche mit allen Mitteln zerstört und durch das Künstliche ersetzt, nur um es in einem weiteren Schritt zurück zu bauen, zu renaturalisieren. Das ist jedoch schlicht unmöglich. Das Natürliche wurde durch den Eingriff seiner Wahrhaftigkeit beraubt und durch einen gefährlichen Geist ersetzt. So befinden wir uns nun in einer Welt, die authentischen Individualismus schonungslos bestraft und Assimilation, Unterwerfung und oberflächliches Miteinander fordert. Nicht direkt, sondern hinter einem undurchschaubar, monströsen Regelwerk verborgen.

All diese Motive tauchen zwangsläufig in der kritischen Wahrnehmung des reflektierten Betrachters auf. Er wird schlicht überrumpelt, gezwungen,… nicht zuletzt durch zur damaligen Zeit bahnbrechende Kameraeinstellungen eines László Kovács. Unterstützt zusätzlich durch die Musik einiger Prominenter Musiker und Songwriter wie Kris Kristofferson, interessante Soundeffekte und einer Schnittorgie, an der Hopper maßgeblich beteiligt war, wandert man langsam in die surrealistische Welt des Films, wo die Nachahmer der Kunst, ein ganzes Dorf, den Darsteller in eine künstliche Realität zwingen, die ihn zunehmend direkt bedroht.

Hoppers Film ist ein selbstzerstörerischer, nicht enden wollender Rausch und reizt die Ängste, Schwächen und Tragiken, die an Rande des Bewusstseins des Zusehers im verborgenen leben, gekonnt aus. All das kann im besten Fall zu Erkenntnissen führen, denen man lieber weiter ausgewichen wäre. Nicht zuletzt deshalb wurde der Film wahrscheinlich von so manchem Kritiker, sicherlich nicht zu Unrecht auch als unangenehm und anstrengend empfunden. Aber genau hier liegt auch die Stärke. Es ist weniger der Plot an sich, als viel mehr die Metaebene, die das Screenwriting von Stewart Stern und die Regie von Hopper selbst gekonnt ausarbeitet und hervorbringt und die den Zuseher nicht loslässt und trifft. Was verständlicherweise zu reflexartiger Ablehnung bei weiten Teilen des Publikums geführt haben könnte.

Im Film selbst spielt Dennis Hopper den Stuntman Kansas, der angewidert vom Filmgeschäft und der saturierten Hollywood-Gesellschaft, beiden den Rücken kehrt und am Drehort seines letzten Films – einem malerischen Dorf im Hochland der Anden in Peru – sein Glück in der Abgeschiedenheit und vermeintlichen Gelassenheit eines überschaubaren Lebens suchen möchte. Die scheinbare Utopie des Outlaws wandelt sich aber relativ rasch in eine von der Realität eingeholte Dystopie. Während die Einwohner beginnen, den bereits abgedrehten Film in improvisierter Art und Weise weiter zu verfilmen, indem sie mit selbstgebastelten Lichtgalgen und Kameras aus Strohgeflechten einem fanatischen, selbsternannten Regisseur folgen, stürzt Kansas immer weiter ab, wird in den Strudel der Moderne, der er eigentlich entfliehen wollte, schonungslos hineingezogen. Denn der “heilsbringende” Fortschritt hat auch vor den entlegensten Winkeln der Erde nicht haltgemacht. Der Kontakt mit der surrealen Welt der Filmindustrie verändert etwas Grundlegendes in den Dorfbewohnern, die versuchen das Konzept, die Realität, so gut wie möglich zurückzuführen, in eine Nachahmung des Fake mit realen Auswirkungen und Konsequenzen.

Alltägliche Probleme mischen sich mit existenziellen, wechseln sich ab und bedingen einander. Und wieder sieht sich der Hauptprotagonist gezwungen, nach der Illusion des Ausbrechens aus dem System zu greifen, durch den einen, alles verändernden “Coup”. Freiheit durch schnellen Reichtum. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen zusehends, die Authentizität der lokalen Bevölkerung bei ihrem Tun kann als Selbstreferenzialität gesehen werden. Der Film im Film bezieht sich auf das Leben an sich und wird realer, als alles andere. Auch Kansas kann sich dem nicht entziehen und wird schließlich unweigerlich zum Mittelpunkt des Wahnsinns. Letztlich wirken Kräfte und Mächte, die weit größer und undurchsichtiger sind, als die des Protagonisten. Nichts kann sich dem Wahrhaftigen entziehen, egal wie weit man sich entfernt, egal wie stark man verfremdet. Das Ende des Films ist, wie sein gesamter Verlauf, Interpretationssache. Gott ist überall, so der letzte Satz, den Hopper sich selbst im Film sagen lässt.

The Last Movie (108 Min.) – Regie Dennis Hopper (1971, USA)

Beitragsbild: © VillageVoice

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