Der Weg als Rückkehr zu ursprünglicher Natur, Tugend und ewigem Leben

Die aus vorchristlicher Zeit stammende Text- und Reimesammlung Tao-Te-King (ausgesprochen: Dau-Dö-Djing, übersetzt: Das Heilige Buch vom Weg und von der Tugend) umfasst einen kurzen und prägnanten Einblick in die Gedankenwelt der Philosophie des Taoismus und ihrer geistigen wie praktischen Anwendung. Über den Verfasser herrscht in der Philologie und Literaturwissenschaft ebenso Unklarheit, wie über das genaue Entstehungsdatum. Vermutet wird als Urheber ein Lao-Tse, vermutlich ein Pseudonym, die Entstehung dürfte um 300 v. Chr. zu datieren sein. Dennoch gelten die Texte als eine der wichtigsten Grundlage der chinesischen Philosophie in der Antike. Auf den Spuren der taoistischen Mystik, soll der Leser vor allem zum Weg ursprünglicher Natur und ewigen Lebens zurückkehren.

Dabei muss der Mensch, wie in vielen anderen Philosophien und Religionen auch, innere und äußere Hindernisse überwinden, um auf dem Weg zu wandeln, der ihn in ewiges Leben führt. Im Taoismus nach Lao-Tse (Laozi), der durchaus auch als politische Doktrin gelten kann, sind das Eigensucht, Gewinnstreben, Bildung, Kunst, Kultur sowie die Satzungen des staatlichen Zusammenlebens. Der ideale Zustand eines Menschen wäre demnach jener eines Kleinkindes, ein “seeliger Zustand”, der eine Abkehr von Worten und Taten verlangt. Der Mensch hat nicht zu streben, zu schaffen, zu tun, er hat in erster Linie zu sein. Der Taoist führt folglich auch ein konsequentes Asketen-Leben, ein “weltflüchtiges Dasein”, versunken in “meditativen, sexuellen und Atem-Praktiken”. Er muss verstehen, dass nur so die scheinbar getrennten Sphären des Makrokosmos und des Mikrokosmos vereint werden können. Lernen und Streben nach Wissen sind für den Taoisten eine Gefahr, denn sie stören den Fluss natürlicher Unschuld und mystischer Glückseligkeit. Die Kritik an der Wissensgesellschaft der Moderne und ihrem substanzlosen Überfluss an irreführenden Informationen, dem blinden Glauben an wissenschaftliche Theorien und Paradigmen, findet hier einen ihrer Ursprünge.

Im folgenden sollen dem Leser ausgewählte Auszüge aus den Texten präsentiert werden, die Inhalt sowie Denkweise womöglich am besten präsentieren und zum Nachdenken anregen:

Könnten wir weisen den Weg,
Es wäre kein ewiger Weg,
Könnten wie nennen den Namen,
Es wäre kein ewiger Name.

Erst seit auf Erden
Ein jeder weiß von der Schönheit des Schönen,
Gibt es die Häßlichkeit;
Erst seit ein jeder weiß von der Güte des Guten,
Gibt es das Ungute.

Viele Worte – manch Verlust.
Am besten, man bewahrt sie in der Brust!

Deshalb der Heilige Mensch:
Er setzt zurück sein Selbst –
Und es wird vorne sein;
Er treibt hinaus sein Selbst –
Und sein Selbst tritt ein.

Wahrlich:
Erkennst du das Da-Sein als einen Gewinn,
Erkenne: Das Nicht-Sein macht brauchbar.

Brach ab die Heiligkeit, verwirf die Klugheit!
So wird dem Volke Nutzen hundertfältig.
Brich ab die Menschlichkeit, verwirf die Rechtlichkeit!
So kehrt das Volk zu Kindgehorsam, Elternliebe.
Brich ab Geschicklichkeit, verwirf den Nutzen!
So finden keine Räuber sich und Diebe.

Der tiefsten Tugend Gebaren,
Es folgt allein dem Wege

Rede selten nur –
so will es die Natur.

Wahrlich:
Ein guter Mensch ist des bösen Lehrer;
Der böse Mensch ist des guten Kapital.

Denn dort wo Heere lagern,
Können nur Dornen und Disteln gedeihn;
Nach einer großen Schlacht
Folgen Jahre der Plagen.

Der Erde ward Einheit verliehen
Und damit die Stille.
Den Geistern ward Einheit verliehn
Und damit die Seele.

Aus dem Sein sind die zehntausend Wesen geboren;
das Sein ist aus dem Nichtsein geboren.

Den Weg erleuchten gleicht der Dunkelheit;
Den Weg vorangehen scheint wie Rückwärtsschreiten;
Den Weg plan machen scheint Unebenheit.

Wahrlich, die Wesen:
Manch einer mindert sie – sie werden mehr;
Manch einer mehrt sie – doch sie mindern sich.

Ohne das Tor zu verlassen
Kannst du das Erdreich erfassen;
Ohne durchs Fenster zu spähen,
Den Weg des Himmels sehen.
Je weiter wir hinausgegangen,
Desto geringer wird unser Verstehn.
Deshalb der Heilige Mensch:
Ohne zu wandeln, versteht er;
Ohne zu sehen, benennet er;
Ohne zu tun, vollendet er.

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