Die technische Revolution des 20. und 21. Jahrhunderts mag viele Vorteile mit sich gebracht haben, ein fundamentaler Nachteil war und ist aber mit Sicherheit die Möglichkeit der zentralisierten Überwachung und Planung des Lebensalltags nahezu aller Menschen, die damit konfrontiert sind. Denn die Technik der digitalen Welt, samt künstlicher Intelligenz und Co., ist in den Händen jener die uns beherrschen und kontrollieren zu einem mächtigen Werkzeug der Unterdrückung und Manipulation avanciert. Ein eindringliches Beispiel, wohin diese Reise für den Normalbürger gehen kann, zeigt wieder einmal das kommunistische China auf. Dort werden die Menschen dank des technischen Fortschritts mittlerweile nicht nur auf Schritt und Tritt überwacht, sondern mithilfe von Bewegungs- und Datenprofilen in soziale Cluster eingeteilt, die es dem Staat erlauben, jeden Bürger gemäß seinem Gehorsam und seiner Brauchbarkeit zu klassifizieren. Gekoppelt sind daran folglich Rechte und Pflichten. Aber auch in Sachen bargeldloser Gesellschaft, der Verdrängung menschlicher Arbeitskraft durch Robotik und tiefergreifenden Dingen, wie der Wettermanipulation, geht man in China aufs Ganze. Willkommen in der Cyber-Dystopie!

Schlechtes Sozial-Ranking führt zu Exklusion

Chinas kommunistische Partei sagt es ganz offen: Man will die eigenen Landsleute zu “besseren Menschen erziehen”. Hinter dieser gigantischen staatlichen Umerziehungskampagne steht das Streben, den Kommunismus und seine radikale Ablehnung jeglicher Individualität ins digitale Zeitalter zu transformieren. Dafür bedient man sich sämtlichen technologischen Errungenschaften und koppelt diese mit bewährten Systemen und Strukturen sozialer Kontrolle. Daher betreibt die chinesische Regierung seit einiger Zeit ein sogenanntes Sozialpunkte-System. Dieses erlaubt es dem Staat, von ihm aufgestellte und definierte Ordnungswidrigkeiten, wie nicht zurückgezahlte Schulden und Steuern oder der Besitz von “Drogen”, zu registrieren und anhand eines Maßnahmenkataloges zu sanktionieren. Wer im Sozialcluster schlecht abschneidet, wird sukzessive von der Teilhabe am sozialen Leben ausgeschlossen. Ratifiziert und exekutiert werden diese Urteile von offiziellen Gerichten. Anpassung und Konformität wird so über Exklusion erzwungen. Laut einem Report des zuständigen Sozialkredit-Informationszentrums wurde so alleine 2018 in 17,5 Millionen Fällen Menschen das Reisen per Flugzeug verboten. Fast 5,5 Millionen Mal durften Reisende zudem keine Schnellzug-Tickets kaufen. Chinas Staats- und Parteiführung zielt damit auf die “unehrlichen Subjekte in der Gesellschaft ab”. Gemeint sind dabei freilich in erster Linie Dissidenten und Kritiker des totalitären Staatskommunismus. Und die staatliche Überwachung der Menschen nimmt immer weiter zu. Ziel ist es, alle 1,3 Milliarden Chinesen in das Soizalpunkte-System zu zwängen und sie somit vollends zu kontrollieren. Dafür sammeln die Behörden systematisch und umfassend sämtliche elektronisch verfügbaren Kommunikations-, Bewegungs- und Zahlungsdaten.

Propaganda via App

Und nicht nur Saudi-Arabien macht dieser Tage mit seiner Überwachungs-App für Frauen Schlagzeilen. Auch China steht dem in nichts nach. Die schwindende Popularität des kommunistischen Lebensdiktus wird neuerdings mittels App und verordneter Zwangsindoktrination kompensiert. Statt Parteizeitung gibt es nun die elektronische Gehirnwäsche. Alles dank der App “Lerne über das starke Land”, oder auf Chinesisch: Xuexi Qiang Guo. Dank dieser App lernt der willige Chinese alles über den Staatsführer Xi Jinping, dessen Leben und seine “glorreiche Errungenschaften” für das Land, beispielsweise Auftritte, Reden oder seine Theorien zur “Neuen Ära des Sozialismus”. Zeitweise ist Xuexi Qiang Guo die am meisten heruntergeladene App Chinas. Natürlich in den meisten Fällen nicht ganz freiwillig, aber was kümmert ein kommunistisches Staatssystem schon die Freiheit. Kritiker sehen in dieser Vorgehensweise eine Verzweiflungstat Jinpings, dessen Popularität auch innerparteilich ob seines von ihm inszenierten Personenkultes abnimmt.

Shenzhen: Das High-Tech-Dystopia

Die chinesische Megastadt Shenzhen entwickelte sich in den vergangenen Jahren zu einem globalen Dreh- und Angelpunkt was die Produktion und Erforschung neuer Technologien betrifft. Hier trifft billige Produktion auf staatlich verordnete Forschung und Entwicklung. Dabei sind viele Vorgänge zu beobachten, die einen zumindest aufhorchen lassen sollten. In den großen Technikfabriken der Stadt werden die Fließbandarbeiter zusehends von Robotern ersetzt. Ein explosives Sozialgemisch braut sich hier zusammen, ist doch ein Großteil der chinesischen Wirtschaftsleistung, samt den Transferzahlungen in strukturschwächere Regionen, abhängig von den Einkommen der Millionen (oftmals zwangsweise umgesiedelten) Wanderarbeiter. Wer davon hingegen “profitiert” sind unzählige Ingenieure, die direkt von den staatlichen Schulen in die Konzerne abgezogen werden, um eben diese automatisierten Roboter und Maschinen zu bauen und zu warten. Aber nicht nur der Arbeiterklasse, um im marxistischen Jargon zu bleiben, geht es an den sprichwörtlichen Kragen. 

Jeder Bürger Shenzhens ist dem digitalen Wandel unterworfen. Bargeld ist schon Geschichte und auch die Bezahlung in Kartenform ist unüblich geworden. Die Bürger werden zusehends dazu gedrängt, ihre Einkäufe mittels Smartphone und QR-Codes zu tätigen. Der Vorteil daran: Smartphones sind leichter hack- und verfolgbar. Denn die chinesische Regierung hat direkten Einfluss auf die zwei einzigen Bezahlanbieter dieses Systems. Mittlerweile wird nahezu jede Dienstleistung mittels dieser Scanncodes bezahlt, sogar Straßenmusiker an der Ecke.  

Doch die Dystopie geht noch viel tiefer. Und sie heißt Gesichtserkennung. In Shenzhen und vielen anderen chinesischen Städten wird der öffentliche Raum mittlerweile flächendeckend mittles modernen Kameratechnologien überwacht und kategorisiert. Dabei scannen die Kameras primär die Gesichter der Passanten. Softwareprogramme werten wiederum mit der Gesichtserkennung sämtliche Daten über die jeweilige Person aus. Verhält man sich “falsch”, beispielsweise durch das Überqueren einer roten Fußgängerampel, wird man erfasst und erhält sofort seine Strafe auf das Smartphone – Big Data sei dank. Und nicht nur das. Die “Sünder” werden auf öffentlichen Videoleinwänden angeprangert. Mit Namen und Foto. Letztlich ist auch das gesamte Internet der vollen Staatszensur unterworfen. Statt westlichen Datensammelkraken wie Google und Facebook gibt es in China ausschließlich chinesische Pendants, da der Staat hier wiederum Zugriff hat. Somit ist alles nachverfolgbar, was das Individuum im Internet macht. 

Willkommen in den Verheißungen der digitalen Zukunft. Mit der mehr als fragwürdigen aber überall propagierten und bald implementierten 5G-Technologie dürfte die High-Tech-Dystopie überdies noch schneller weiter an Form annehmen. 

Beitragsbild: MaxPixel, gemeinfrei

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