Spätrömische Dekadenz als Spiegel unserer Gesellschaft
Satyricon, satirischer Roman von Titus Petronius (um 14–66 n. Chr.)

Gleichwohl der nur in Teilen erhaltene Satyricon (2 von insgesamt wahrscheinlich 16) des römischen Senators und Satirikers Titus Petronius – einem engen Freund es damaligen Kaisers Nero – als satirischer Roman eingestuft wird, so kann sein Inhalt und der darin enthaltene Einblick in die dekadenten Sozial- und Politstrukturen der römischen Gesellschaft zu seiner Zeit durchaus als warnender Spiegel für die Moderne herhalten. Denn vieles was im Satyricon – wenngleich auch an manchen Stellen durchaus überspitzt – beschrieben wird, ähnelt in fast schon beklemmender Weise Entwicklungen in heutigen (westlichen) Gesellschaften. Nicht von ungefähr zieht der Kulturpessimismus häufig Parallelen zwischen dem alten, niedergehenden römischen Reich und der technikgetriebenen, “fortschrittlichen” Moderne, die das Schöne und Wahre zum Feind der Menschheit auserkoren hat. Auch das alte Rom wähnte sich zivilisatorisch an der Spitze, die fatalen Folgen dieses Irrglaubens sind hinlänglich bekannt.

Zentrales Motiv ist eine durch und durch übersexualisierte und vor Protz und Prunk überbordende Gesellschaft, mit allen fragwürdigen und teils entarteten Begleiterscheinungen. So werden auf humoristische, sicherlich aber auf präzise Beobachtungen der damaligen Zeit und seiner Bräuche basierende Abenteuer von meist drei Protagonisten beschrieben. Im Zentrum dieser aufeinanderfolgenden Geschichten steht dabei der freie römische Bürger und fahrende Schüler Encolpius, samt seinem Lustknaben Giton. Es werden lüsterne Frauen und knabenliebende Männer, denen weniger das menschliche Leben und Schicksal an sich, als viel eher ihre Libido das Wichtigste zu sein scheint, ebenso porträtiert wie neureiche, ehemalige Sklaven, die in der Zelebrierung ihrer Dekadenz einen Lebensauftrag sehen. Auch der Verfall von Religion, Spiritualität und Glauben, die zusehends von weltlichen Bestrebungen durchsetzt werden, wird von Petron gestreift. Doch auf subtile Weise streut Petronius auch immer wieder andere zeitgeistkritische Elemente in sein Werk. Wenn er etwa den Verfall von Redekunst und Malerei betrauern lässt oder die zunehmende Verweichlichung und Verkommenheit der römischen Bürger persifliert. Ebenso bemüht er sich um eine Kritik an der Allmacht des Geldes und seiner fatalen Auswirkung auf Politik, Gesetz und das gesellschaftliche Zusammenleben im Allgemeinen: “Was vermögen Gesetze, wo Geld alleine regiert? […] Auch ein Urteil ist drum nichts andres als käufliche Ware, und es ratifiziert so nur der Richter den Kauf.” S.23. “Geldgier hat diese Revolution verursacht, denn in der Vorzeit, da noch nackte Tugend geschätzt wurde, florierten die schönen Künste […] S.102.

Letztlich bleiben weitere Interpretationen des Satyricon aufgrund des bruchstückhaften Vorhandenseins des Gesamtwerkes vage und spekulativ. Petronius war jedoch mit Sicherheit ein scharfer Beobachter der römischen Gesellschaft und konnte deren Sitten und Eigenheiten wie kaum ein anderer Schriftsteller und Dichter abbilden. Zudem lieferte er mit dem Satyricon den ersten römischen Roman überhaupt. Viele Motive, die in dem Buch anklingen, könnten auch von Beobachtungen aus der heutigen Zeit stammen. Ebenso wie der Tod des Petronius, der einer politischen Intrige im Kreise Neros zum Opfer gefallen worden sein dürfte. 

Beitragsbild: Roberto Bompiani, Ein römisches Fest (Ende 19. Jhdt.)/Wikimedia, gemeinfrei

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