Die geopolitische Lage im Nahen und Mittleren Osten sowie mittlerweile auch im Kaukasus könnte verworrener, komplexer und unübersichtlicher kaum sein. Es mutet wie ein Spiel jeder gegen jeden an, Regional,- Hegemonial,- und Globalmächte rittern um Einfluss und in den vergangenen Jahren entstandene Machtvakua. Inmitten dieser diplomatischen und militärischen Dispute befinden sich Russland und die Türkei. Auf den ersten Blick Konkurrenten, auf den zweiten Blick Verbündete und auf den dritten Blick Schicksalsgenossen, die sowohl das eine, als auch das andere füreinander sind. Konterrevolution.at wollte wissen, wie beide Staaten aktuell politisch zueinander stehen und wie sich aktuelle Dynamiken aus politikwissenschaftlicher Sicht einordnen lassen. Daraus entstand ein reger Gedankenaustausch in der Sektion “geopolitics” auf der Forenplattform Reddit.

Die Türkei: Taktgeber oder Spielball?

Vorausgegangen ist dem Gedankenaustausch die sich aufdrängende Frage, warum Russland scheinbar die jahrelangen diplomatischen und auch militärischen Provokationen der Türkei gegenüber den eigenen geopolitischen Ambitionen duldet oder einfach ohne (offensichtliche) nennenswerte Gegenakzente hinnimmt. Zu erwähnen wären hier vor allem Vorfälle seit der Regentschaft Recep Tayyip Erdogans, wie (auszugsweise):

  • Die türkische Invasion in Nordsyrien und die militärische Provokation Russlands durch die Unterstützung von islamistischen Gruppierungen im Kampf gegen Syriens Regierung
  • Der Abschuss eines russischen Kampfjets durch das türkische Militär auf eigenem Staatsgebiet
  • Die militärische Unterstützung der Türkei für Libyens Übergangsregierung im Kampf gegen den von Russland unterstützen General Haftar
  • Die diplomatische Unterstützung der Ukraine im Disput um die Halbinsel Krim
  • Die militärische Unterstützung Aserbaidschans im Berg-Karabach-Konflikt mit Armenien

Abgesehen davon, verbindet beide Staaten nicht nur der Anspruch auf Vorherrschaft in West-Asien, sondern auch eine historisch bedingte und kulturell-religiös geprägte Feindschaft, die in den seit dem 17. Jahrhundert immer wieder auftretenden Russisch-Türkischen Kriegen wurzelt. Beide Großmächte sehen sich seither als Konkurrenten im Wettstreit um Macht und Einfluss auf dem Balkan, in Osteuropa, in Vorderasien und auch im Kaukasus.

Doch warum die Passivität Russlands in jüngerer Zeit? Hat man sich mit Erdogans Türkei verkalkuliert, oder ist alles nur Teil eines größeren Plans, der um mehrere Ecken gedacht wird?

Wie von uns vermutet, dürfte die “nachsichtige Linie” Russlands gegenüber der Türkei vor allem in der NATO-Mitgliedschaft letzterer begründet sein. Russland kann der Türkei einerseits nicht zu offensiv (militärisch) begegnen, da im Ernstfall ein Bündnisfall ausgerufen werden könnte. Auf der anderen Seite hat Russland ernsthaftes Interesse, die ohnehin im Westen in Ungnade gefallene Türkei stärker aus dem ohnehin fragilen westlichen Militärbündnis herauszulösen und dadurch deren Band in der NATO zu schwächen bzw. irgendwann ganz zu kappen. Doch die Meinungen gehen auch hier auseinander. Wir geben einen Überblick:

Russlands fehlende Kapazitäten? Oder doch “Krieg als Geschäft”?

Eine gängige Meinung unter internationalen Beobachtern und geopolitischen Experten ist, dass Russland “nicht alle Kriege/Konflikte führen kann, die es auch gerne führen würde”. Das liege zum einen an den mangelnden finanziellen Ressourcen und der teils noch nicht vollständig modernisierten Armee, zum anderen an den geographischen Möglichkeiten, oder besser gesagt Unmöglichkeiten Russlands. Die Wirtschaft Russlands strauchle ob der verfallenden Rohstoffpreise, so eine nicht unumstrittene Meinung. Daher habe der russische Bär kaum “Bisskraft”. Alleine das militärische Engagement in Syrien sowie die massiven staatlichen Ausgaben im Rüstungssektor würden den Haushalt derart belasten, dass weitere militärische Operationen nicht finanzierbar erscheinen. Zudem bleibt den Russen der Fünf-Tage-Krieg gegen Georgien im Jahr 2008 schmerzlich im Hinterkopf, der viel Geld und Ressourcen verschwendet hat. Russland musss daher immer genau kalkulieren und abwägen, wo und wie es militärische “Akzente” setzt. Diese können dann jedoch durchaus effektiv und verheerend sein. Das weiß auch die Türkei, weshalb sie sich in ihren regionalen Vorherrschaftsambitionen weiter aus dem Fenster lehnen kann als bisher.

Doch es gibt auch Kommentatoren die meinen, dass Russlands Militär-Engagements weltweit profitabel sind und Gewinne für Moskau abwerfen. Es wird also von einem Geschäftsmodell ausgegangen, wie es die USA ähnlich seit Jahrzehnten betreiben. Argumentiert wird, dass vor allem die militärischen Luftunterstützungen Geld bringen, da Staaten wie Syrien oder der Iran, aber auch Haftar in Libyen massiv Geld dafür aufwenden. Ebenso möchte der Kreml seine S-400 (Raktenabwehrsystem) und Akkuyu NPP (Rosatom, Kernkraftwerkprojekt) Exporte in die Türkei nicht gefährden. Stehen also wirtschaftliche Interessen hinter der Passivität?

In Armenien bzw. Berg-Karabach machte Russland die “rote Linie” klar: Es dürfe keinen Angriff auf armenisches Territorium geben, denn sonst würde man militärisch eingreifen. Die Passivität in Berg-Karabach hat aber auch einen anderen Grund: Russland möchte Armenien “eine Lektion” erteilen, denn dort amtiert derzeit eine pro-westliche und eher anti-russische Regierung. Amtsinhaber Pashinyan ist aber auch der Türkei ein Dorn im Auge. Mit einem verlorenen Kampf um Berg-Karabach, wäre auch seine Amtszeit vorzeitig beendet und der Weg für eine pro-russische Regierung frei. Mit der offiziellen Bitte der armenischen Regierung an Russland, in den Konflikt zu intervenieren und zu helfen, dürften sich die Karten nun erneut mischen. 

Unterschätzt man die Türkei?

Ein weiteres gängiges Argument ist, dass sich Russland mit der Türkei “verkalkuliert” hat, man das Land also seit Jahren unterschätzte. Das erscheint angesichts der exzellenten politischen Think-Tanks in Russland – vor allem im außenpolitischen und geostrategischen Feld – eher als unwahrscheinlich. Doch hier die gängige Meinung dazu:

Die Türkei rüstet massiv militärisch auf, wendet aber bisher immer noch nur rund 3 Prozent des BIP für Militärausgaben auf. Ebenso ist die geografische Lage ein weiterer großer Asset der Türken. Sie kontrollieren den Zugang zum Schwarzen Meer, wo die wichtigsten russischen Häfen und der Zugang Russlands zum Mittelmeer liegen. Ebenso spielen Rohstoffrouten eine wichtige Rolle. Die in den USA unbeliebte Nord Stream 2 Gaspipeline für russisches Gas gen Europa wird durch die Süd-Gas-Route über die Türkei konterkariert. 

Russland, so eine Meinung, kann also nicht viel tun. Erdogan braucht Putin nicht für seine geopolitischen Ambitionen. Das türkische Militär ist überall in der Region, während Russland lediglich Militärbasen besitzt. 

Ein User schrieb dazu:

Since 1991, Russian generals have been trying to replicate the results of Desert Storm – winning a war with air power before. Four times they have tried and four times they have failed, Syria being the final attempt. Russian mercenaries like the Wagner group have made a poor showing of themselves in Libya, but especially in Syria. Their only good showing has been in Ukraine, largely because Russia has been deploying more heavy formations there.

Turkey, meanwhile, has exceeded everyone’s expectations as a military power. In Syria, Turkish units thrashed Assad’s “regulars” paramilitaries in every engagement. In Libya, their once-mocked intervention has routed Haftar’s forces and their drones have made quick work of Russia’s state of the art Pantsir air defense systems. While I would hesitate to say that Turkey, a demographically smaller country than Russia, is an equal power to Russia, they are locally superior because of geographic advantages – Russia is much further away from the fighting than they are. Turkey also has the advantage of being officially a NATO member – though they are not on good terms with France, Germany, and the US, an attack on Turkish soil would result in one of two outcomes. Either the other alliance members acknowledge that Turkey can activate Article V, or, due to contempt or fear of Russia, they claim that Article V only includes Turkey’s European territories. The latter position will turn NATO into an alliance in name only.

If Russia went to war with Turkey over Erdogan’s advances, they would lose. Russia needs to travel through the Dardanelles or a very long supply route via Iran in order to access Syria and Libya. They are locally outnumbered in both theatres. Russia can’t open a third front on the Turkish mainland without causing the diplomatic crisis mentioned above, and, even if they could, victory is not certain. In absolute terms, Russia’s air force is superior to Turkey’s, but how much damage they could actually do is questionable. Turkey would race to buy new aircraft from China and the West (which the latter would be much more eager to provide in light of the war) and endure what limited strategic bombing Russia can pull off from its bases in the Southwest in the mean time.

Russia could open a third front by land if it chose to, but naval landing is not an option. The Turkish combined fleet is stronger than the Russian Black Sea fleet, and, even if it were victorious, the Northern Turkish coast is mountainous and the Turks would be able to push back the landing with greater ease than the Russians could secure the beachhead. Russia would have to go through Georgia. Fortunately for them, they already occupy two client states across the Caucasus mountains, but would still need to contend with the Anti-Atlas mountains to the South. Past these mountains, the terrain is relatively flat around Kars, but becomes mountainous again past that basin. If Russia commits to this option, Ukraine will almost certainly launch an offensive against its separatist forces, opening a fourth front in the war.

What would Russia lose on the other fronts? For one, its only aircraft carrier and its best ships, based in Tartous. Russia cannot pull these back into the Black Sea or the Baltic, because they could become trapped there, and needs to have them in Tartous.

Second, Russia doesn’t lose that much when Turkey takes more of Syria or Libya – those countries were never theirs to begin with. The Libyan government is dominated by ex-CIA assets and is also backed by Egypt, France, Saudi Arabia, and the UAE. Russia is arguably the strongest player in this coalition but not strong enough to turn Libya into its client state. In Syria, their influence is weaker as they are totally overshadowed by Iran. Much of the Syrian Arab Army is neither Syrian, nor Arab, nor an army, but rather a collection of paramilitaries led by and supplied by the Iranian Revolutionary Guards, and staffed by foreign jihadis. An even greater portion (together with the first category, a majority) consists of Syrian jihadis under Iranian command.

Contra popular belief, Moscow and Tehran see each other as rivals and allies of inconvenience, not friends. By “allowing” Turkey into an ever increasing part of Syria, Russia is using Turkey to counter Iran.

Finally, Russia actually makes money from its interventions in the Middle East. The Kremlin is ever in financial trouble, even before coronavirus, due to its corruption, patronage system, the decline in oil prices, and its great military and infrastructural expenses. There is a lot of evidence that Iran paid for the Russian Air Force’s intervention in Syria (to provide air cover for the “SAA” “and” IRGC-led paramilitaries, but I repeat myself) – this also helps to explain why Russia withdrew its ground presence but maintains its air cover. Meanwhile, it’s almost certain that the UAE and possibly Saudi Arabia are paying for Russian air cover and private armies in Libya. This “rent an air force” scheme will only get more lucrative if either conflict escalates.

Die vertretene Meinung, dass die Türkei in Syrien militärisch erfolgreich wäre, wurde allerdings von vielen Beobachtern und Kommentatoren negiert. Die militärische Oberhand schrieb man eher Russland und dem Iran zu, wobei wiederum kontroverse Diskussionen über die militärischen Strategien Russlands in Hinblick auf den Iran in Syrien vorherrschen. Die einen meinen, Russland hätte sich in Syrien anleihen bei Desert Storm genommen und versucht, den Krieg rein aus der Luft zu gewinnen, andere meinen wiederum Syrien wurde primär durch iranische Truppen und Gelder zurückerobert, negieren somit die essenzielle Rolle des russischen Militärs. 

Die NATO im Hinterkopf?

Einer der stärksten Aspekte im außenpolitischen Verhältnis der Türkei und Russlands ist die erwähnte NATO-Mitgliedschaft ersterer. Vor allem den USA ist viel daran gelegen, die Türkei als starken regionalen Konkurrenten Russlands, aber auch des Iran, via der NATO aufzubauen. Erdogan weiß ob dieses Asset natürlich bescheid und die gesamte Außenpolitik der Türkei ist stark auf diesen Vorteil ausgerichtet. Sie balanciert seit Jahren zwischen westlicher NATO-Mitgliedschaft und östlichen Herrschaftsansprüchen und anderen strategischen Partnerschaften. Somit kann sich die Türkei oftmals weit aus dem Fenster lehnen und in Konflikten mitmischen, die ihre Kapazitäten und Kompetenzen eigentlich bei weitem übersteigen.  

Im selben Atemzug möchte aber auch Moskau die Position der Türkei in der NATO nutzen, um das westliche Militärbündnis zu schwächen und zu spalten. Eine Türkei, die außerhalb des NATO-Paradigmas agiert (siehe der schwellende Konflikt mit dem mächtigen NATO-Staat Frankreich) ist für Russland äußert wertvoll.

Doch Russland demonstriert auch Stärke und Entschiedenheit gegenüber der Türkei, wenn es notwendig erscheint. So hat man gerade in Syrien türkisch finanzierte Islamisten-Gruppen immer wieder gezielt angegriffen und zurückgedrängt. Russlands lässt keinen Zweifel daran, dass Syrien vollständig unter die Kontrolle der gewählten Regierung Assads kommen wird. Das gilt auch für den türkisch besetzten Norden. Und auch die jüngsten Luftschläge gelten als Warnung an die Türkei, sich im Berg-Karabach-Konflikt in Armenien nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen. 

Abschließend bleibt eine eher nüchterne Betrachtung womöglich die plausibelste: Sowohl die Türkei, als auch Russland benutzen sich gegenseitig, um in der Weltpolitik mehr Macht und Einfluss zu erlangen. Beide agieren dabei in der gleichen “Nachbarschaft”. Die Ziele sind allerdings nicht die Dominanz einer über den anderen, sondern Stabilität. Daher kommen beide Staaten und ihre Vertreter immer wieder zum Verhandlungstisch zurück. Nichtsdestotrotz benutzen beide Staaten wiederum Staaten und Gruppierungen in ihrem Einflussbereich, Konflikte und Machtvakua in ihrer “Umgebung”, um die eigenen Agenden voranzutreiben und sich das eine oder andere mal auszuspielen. Dabei hat bisher Russland immer die besseren Karten gehabt. Denn es ist stets die Türkei, die sich an Russland wendet und auch deren ökonomische Sanktionen und indirekten militärischen Gegenschläge fürchten muss. 

Beitragsbild: Пресс-служба Президента Российской Федерации/Wikimedia (CC BY 4.0)

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