Regionale Integration in Afrika:
Eine Analyse aktueller Integrationsdynamiken innerhalb der Afrikanischen Union und regionaler Wirtschaftsgemeinschaften im Sub-Sahara Raum

Die Weltpolitik ist zunehmend von einer aufstrebenden regionalen Architektur geprägt. In einer globalisierten Welt gewinnt die Re-Regionalisierung interdependenter Beziehungen zwischen Staaten an Bedeutung. Dadurch treten neben Staaten und der Zivilgesellschaft auch regionale Integrationsgemeinschaften als neue, mächtige Akteure im Weltgeschehen auf. Dies verdeutlicht sich beispielsweise anhand der in den letzten Jahrzehnten zahlreich gegründeten regionalen Integrationsprojekte auf nahezu allen Kontinenten dieses Planeten und deren Einfluss auf die Weltpolitik. Dabei handelt es sich aber durchaus um neue Formen des Regionalismus, bei welchem verschiedenste Akteure eingebunden und unterschiedlichste Strategien angewandt werden. Regionen streben die Abkehr von einer einseitigen Hegemonie an und versuchen mächtige Akteure zu „sozialisieren“.[1] Darüber hinaus nehmen politische und wirtschaftliche Beziehungen einen horizontalen statt vertikalen Charakter an, verlaufen also vermehrt interregional statt nur global-regional. Dadurch entstehen im Kontext einer zunehmend multipolar gestalteten Weltordnung, völlig neue Formen der Institutionalisierung und Forcierung von regionalen Integrationsdynamiken.

„No single part of Africa can be safe, or free to develop fully and independently, while any part remains un-liberated, or while Africa´s vast economic resource continue to be exploited by imperialist and neo-colonialist interests. Unless Africa is politically united under an All-Africa Union Government, there can be no solution to our political and economic problems.”[2]

Bereits im Jahre 1963, als viele Staaten Afrikas noch für ihre Unabhängigkeit von den europäischen Kolonialmächten kämpften, erkannte einer der bedeutendsten Vordenker des Panafrikanismus, Kwame Nkrumah, in seinem Buch „Africa Must Unite“ die Notwendigkeit eines gesamtafrikanischen Einigungsprozesses. Nkrumah wusste das die unabhängig gewordenen und werdenden Staaten Afrikas nur dann eine Chance auf eine wirtschaftliche und soziale Prosperität haben, wenn sie ein gemeinsames politisches Bündnis anstreben würden. Regionale Integration und Kooperation galt bereits damals als wesentlicher Baustein zur Überwindung der kolonialbedingten wirtschaftlichen, politischen und sozialen Strukturschwächen Afrikas. Rund 50 Jahre nach der Publikation seiner visionären Vorhaben, ist der Kontinent jedoch politisch und wirtschaftlich fragmentierter als je zuvor, auch in Hinblick auf gesamtkontinentale Integrationsbemühungen.

Im Rahmen dieser Masterarbeit soll daher ein Überblick über alle aktuell relevanten Integrationszusammenschlüsse Afrikas, primär des Sub-Sahara Raums, verschafft werden. Gleichzeitig wird versucht diesen komplexen und vielschichtigen Prozessen eine afrozentrisch-theoretische Grundlage zu verleihen, indem ein spezifischer „afrikanischer Regionalismus“ beschrieben wird. Der afrikanische Kontinent ist für neue Formen des Regionalismus und der regionalen Integration von besonderer Bedeutung. Neben Lateinamerika bestehen hier die mintunter meisten und ambitioniertesten regionalen Integrationsarrangements, welche von zahlreichen regionalen Wirtschaftsgemeinschaften, über Freihandelszonen bis hin zu einer gesamtkontinentalen Union in Form der Afrikanischen Union reichen. Schon früh erkannten politische Vertreter des Kontinents, dass der Weg einer sozialen, nachhaltigen und dauerhaften Entwicklung in einer politisch und wirtschaftlich zunehmend globalisierten Welt, über regionale Partnerschaften und Kooperationen erfolgen muss. Die Realität dieser Kooperationen und Partnerschaften geht aber oftmals deutlich an den selbstgesteckten, hehren Zielen der Staaten vorbei. Autoren wie Jan Cernicky sprechen in diesem Zusammenhang von einem wenig durchdachten und oft nur auf dem Papier existenten Prozess der Integration.[3] Die politische Lage nach der Entkolonisation des Kontinents Mitte des 20. Jahrhunderts war ausschlaggebend für diese Entwicklungen. Willkürlich gezogene Grenzverläufe durch die europäischen Kolonialmächte, hinterließen kleine Binnenstaaten und schwache Ökonomien auf der einen Seite und enorm ressourcenreiche, nahezu unregierbare Großstaaten auf der anderen Seite.[4] Darüber hinaus wurden historisch erwachsene ethnische, religiöse und sprachliche Gebiete voneinander getrennt, was schließlich zu einer enormen Fragmentierung des Kontinentes auf allen Ebenen führte und Integrationsprozesse in Afrika bis heute massiv behindert.[5]

Aus diesen historischen Altlasten entwickelte sich schließlich die philosophische und politische Strömung des Panafrikanismus, welche zur treibenden Kraft einer afrikanischen Vereinigung wurde und in jüngerer Zeit eine regelrechte Renaissance erlebt, mehr dazu aber in Kapitel 4.

Hier liegt auch die Hoffnung des Kontinents auf eine bessere Zukunft. Schafft es Afrika seine zahlreichen regionalen Integrationsprojekte und Gemeinschaften effektiv umzusetzen und unter einen für den kontinentspezifischen Kontext brauchbaren Integrationsprozess zu vereinigen, steht einer funktionierenden wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung, mit der Herausbildung einer eigenen panafrikanischen Identität und mehr Einfluss und Anerkennung im internationalen politischen Geschehen, nichts im Wege. Daher soll in der vorliegender Arbeit vor allem die afrozentrische Ausprägung regionaler Integrationsprozesse ausgearbeitet werden, um den oftmals eurozentristischen Erklärungsansätzen zu entgehen. Verabsäumen es die Eliten und „policy-maker“ des Kontinents jedoch die Notwendigkeit einer politischen Integration abseits westlich und ökonomisch diktierter Strukturen zu erkennen und bleiben Integrationsbemühungen weiterhin so fragmentiert wie bisher, wird die gesamte Region weiterhin unter sozialer Unterentwicklung, Ausbeutung, imperialistischen und neokolonialen Politiken und innerer Zerrissenheit leiden. Wiederum verdeutlichte Nkrumah diese Notwendigkeit als er von der „new strategy to combat imperialist aggression not on the individual level of the different African countries but on a continental scale”, sprach.[6] Afrika mag zwar auf den ersten Blick kulturell, religiös und ethnisch fragmentiert erscheinen, jedoch erwächst genau aus dieser Vielfalt die Kraft für einen geeinten und aufstrebenden Kontinent im internationalen politischen Geschehen. Europa kann hier teilweise als Vorbild gelten, wo nach Jahren des Krieges und der kontinentalen Fragmentierung ein einheitlicher Integrationsprozess mit dauerhaftem Frieden, zwischenstaatlicher Aussöhnung und wirtschaftlichem Aufschwung erreicht wurde.[7]

Die gesamte Masterarbeit kann hier eingesehen und erworben werden: Akademiker Verlag

Inhaltsverzeichnis:

Abstract:

Der Pluralismus regionaler Integrationsvorhaben auf dem afrikanischen Kontinent fristet in der Regionalismusforschung bisher ein Schattendasein. Das Interesse der Forschung galt in den vergangenen Jahren hauptsächlich der Europäischen Union, Lateinamerika und Asien, was zu enormen Defiziten in der wissenschaftlichen Betrachtung des afrikanischen Raumes führte. Dabei umfasst der Kontinent heute nicht weniger als acht offiziell anerkannte regionale Wirtschaftsgemeinschaften, sowie eine übergeordnete supranationale Autorität in Form der Afrikanischen Union. Aber auch in den Theoriedebatten wurde es bisher weitgehend verabsäumt, brauchbare Erklärungsansätze für den Regionalismus in Afrika zu liefern. Vorliegende Arbeit hat es sich daher zum Ziel gesetzt, diesen beiden Defiziten in der Forschung Abhilfe zu schaffen. Durch eine Analyse der acht regionalen Wirtschaftsgemeinschaften Afrikas, sowie der Afrikanischen Union wird der zentralen Frage nachgegangen, ob in Afrika von einem spezifischen „afrikanischen Regionalismus“ gesprochen werden kann und wenn ja, wie dieser letztlich zu definieren ist und ob ein solcher Regionalismus ein reines Elitenprojekt darstellt. Dabei stellt sich auch die Frage wie es um die aktuellen Integrationsvorhaben bestellt ist, wo ihre Stärken und Schwächen liegen und wohin der zukünftige Weg einer antizipierten afrikanischen Einigung führt. Hierfür wird auf postneoliberale Theorieansätze der Regionalismusforschung zurückgegriffen. Ferner wird vorliegende Arbeit durch eine aktualisierte Integrationskritik nach Wolfgang Dietrich abgerundet, bei welcher analysiert wird ob regionale Zusammenschlüsse in Afrika zwangsläufig eine friedliche Entwicklung forcieren. Schließlich zeichnet der Autor das Bild eines afrikanischen Regionalismus der sich immer noch im Spannungsverhältnis zwischen „nation-building“, externen Machteinflüssen und panafrikanischer Identität befindet. 


[1] Acharya, Amitav (2007): The emerging regional architecture of world politics, S. 629

[2] Kah, Herny Kam (2012): „Africa Must Unite“: Vindicating Kwame Nkrumah and Uniting Africa against Global Destruction, S. 29, vgl. Nkrumah (1963): Africa Must Unite

[3] Cernicky, Jan (2008): Regionale Integration in Westafrika – Eine Analyse der Funktionsweise von ECOWAS und UEMOA, S. 9, vgl. Mair (2001), v.d. Boom (2005)

[4] 12 Staaten des Sub-Sahara Raumes haben weniger als 2 Millionen Einwohner, 19 Staaten haben ein Bruttoinlandsprodukt von weniger als 5 Milliarden Dollar und 15 Staaten haben keinen Zugang zum Meer, unter: Hartzenberg, Trudi (2011): Regional Integration in Africa 

[5] Bei einer nahezu gleichgroßen Landmasse, aber um die Hälfte weniger Einwohner, umfasst Lateinamerika 21 Staaten, während der Kontinent Afrika aktuell 54 Staaten umfasst.

[6] Kah, Herny Kam (2012): „Africa Must Unite“: Vinicating Kwame Nkrumah and Uniting Africa against Global Destruction, S. 30

[7] Wie Cernicky erwähnt, können Integrationsprozesse in Afrika kaum oder nur teilweise mit dem europäischen Integrationsprozess verglichen werden, auch wenn ihre institutionellen Ausformungen oftmals die Europäische Union als Vorbild haben, vgl. Cernicky (2008): S.10

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