Eine Reinigung unserer (digitalen) Pforten der Wahrnehmung

Die TV-Serie “Mr. Robot” ist wahrlich nichts für schwache Gemüter und einfach gestrickte Geister. Sie verkörpert wie kaum eine andere Serie in der jüngeren Geschichte die Seele des sozial geächteten Modernismus,- und Herrschaftskritikers, des “Verschwörungstheoretikers” und ebenso jene der Nonkonformisten. Sie schreit geradezu “ANARCHISMUS ohne Wenn und Aber” in das Gesicht eines jeden Zusehers. Und das überrascht doch, in einer von Elitenagenden durchsetzten Massenmedienlandschaft und all ihrer subtilen wie plumpen Manipulationen. Doch was macht die Geschichte über ein soziophobisches Hacker-Genie und seinen Kampf für eine gerechtere Welt so sehenswert? Es sind die schonungslosen Einblicke in unsere moribunden und verrotenden Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen. Es ist aber auch die ehrliche Darstellung des Scheiterns und Leidens im Kampf gegen diese.

Der Hauptprotagonist Eliot ist ein unscheibarer, zurückgezogen lebender junger Mann, der sein Leben zwischen der Arbeit in einer IT-Sicherheitsfirma und seiner Hackertätigkeit zuhause fristet. Er führt regelmäßig ausgedehnte Selbstgespräche, die ihn immer wieder in Paranoia verlieren lassen und ist morphiumabhängig, scheinbar um der Einsamkeit und dem unterdrückenden System das wir Alltag nennen zu entfliehen. Man könnte ihm durchaus eine dissoziative Identitätsstörung attestieren. Sein Leben ändert sich jedoch jäh, als er über eine Verkettung von bewusst platzierten Ereignissen mit der anarchistischen Hackergruppierung “f-society” rund um den leicht psychopathischen und radikal angehauchten Anführer Mr. Robot in Berührung kommt. Diese will die Fähigkeiten Elitos für ihre Ziele nutzen und gleichzeitig das tiefliegende Bedürfnis des Hauptprotagonisten nach Revolution und Gerechtigkeit bedienen. Rund um die folgenden Pläne der Gruppierung dreht sich die Serie. Doch worum geht es den Anarchisten eigentlich und was bekämpfen sie?

Überraschenderweise sind es keine vor Moral, Kitsch und Selbstgefälligkeit triefenden Ziele, keine oberflächlichen Verblendungen, wie sie in vielen anderen Serien und Filmen immer wieder anklingen, wenn es heißt “das System” und deren Erhalter zu bekämpfen. Nein. Mr. Robot setzt dort an wo tatsächlich das Grundübel dieser Menschheit begraben liegt: In unserem Geld- und Finanzsystem. Die anarchistische Hackergruppierung will nichts weniger als die globale Schuldknechtschaft beenden, die den Alltag eines jeden Einzelnen bis ins Kleinste hinein bestimmt. Auch wenn es nicht direkt angesprochen wird, so ist es das dahinterliegende Fiat-Geldsystem, mit seinen Banken, die aus dem Nichts via Kreditvergabe wertloses Zahlengeld in Computern erschaffen, seinen Zins und Zinseszinsen und privat kontrollierten Zentralbanken, welches diese globale Schuldknechtschaft erschaffen hat und jeder Krise trotzend aufrechterhält. Es ist dieses Finanzsystem, welches das mächtigste Instrument der herrschenden Elite ist und dieser erlaubt, alles (un-)mögliche auf diesem Planeten zu veranstalten, mit fatalen Auswirkungen auf Lebensrealität und Psyche jedes einzelnen Individuums. Ich darf folgenden Artikel auf Konterrevolution zu dieser Thematik empfehlen: 45 Jahre in der Geiselhaft von “Fiat-Money”

Mithilfe Eliots und einer chinesischen Söldner-Hackergruppe namens “Dark Army” will nun also die “f-society”, unter der Ägide von Mr. Robot (herausragend Christian Slater), das globale Bankensystem in die Knie zwingen. Wären alle Schuldentitel via eines koordinierten Hackerangriffs aus der virtuellen Welt gelöscht, wäre es auch in der realen unmöglich diese wiederherzustellen und folglich auch einzutreiben – so der Plan. Bis dieses Ziel jedoch erreicht ist, blickt die Serie tief in die Psyche beider scheinbar feindlich gegenüberstehender Seiten. Da wäre zum einen die depressive und von Selbstzweifel und Paranoia zerfressene des Systemkritikers, der einmal in den Hasenbau eingedrungen, nie wieder zurück in die “heile Welt” kann. Ähnlich wie bei der Filmreihe Matrix, gibt es nach dem Einblick in die Unterdrückungs- und Handlungsmechanismen der herrschenden Elite kein Zurück mehr in ein Leben, dass durch oberflächliche Ablenkungen weitgehend sorgenfrei gelebt werden kann. Nur eine Richtung bleibt dem “Erwachten”: Das tiefere Eindringen in den Hasenbau, der tatsächlich einem Labyrinth gleicht, aus dem es schier kein Entkommen gibt. Zum anderen deutet die Serie die tiefen Abgründe moralischer Vorstellungen der Eliten an. Je höher die Hierarchie, je dünner die Luft nach oben in den Managerebenen der Großkonzerne oder der Politik wird, desto entmenschlichter und skrupelloser werden Praktiken und Geisteshaltungen. Das Wahre und Schöne, das Göttliche, die Natur werden durch Abartigkeit, Verstörendes, ja Satanisches ersetzt. Nicht umsonst lautet ein beiläufiger Monolog des Hauptprotagonisten beim Anblick der Zahlenkombination 66, dass noch eine sechs fehlen würde, um die Intentionen hinter all dem erklären zu können. 

Was dem Zuseher abseits eines fesselnden und aufgeregten Gefühls beim Zusehen bleibt, ist ein schaler Beigeschmack und eine gewisse innere Leere. Was, wenn man die schmerzhafte Realität abseits medialer, bildungstechnischer und politischer Sedierung doch ergründen möchte? Oder aus dieser Ergründung längst nicht mehr zurückkehren kann? Was, wenn man sich angesichts all der Bedrohungen, wie eben der Schuldsklaverei, in sich selbst zurückzieht und auch dort unangenehme Dinge findet, oder zu viel, oder vielleicht nichts? Wie mit der Erkenntnis umgehen, dass man vielleicht an keinem Punkt in seinem Leben bisher eine eigene Wahl, einen freien Willen hatte? Dass alles was uns vorgesetzt wird, was uns und um uns passiert der Plan einer Entität, einer unsichtbaren Hand ist, deren Beweggründe wir nicht begreifen können? Oder aber deren Beweggründe wir erahnen und uns diese Erkenntnis angesichts mangelnder Möglichkeiten des Widerstandes lähmt? Was, wenn wir die Lösung kennen, wir aber an ihrer Umsetzung gehindert werden?

Es ist ein Phänomen unserer Zeit, das auch diese durchaus brillante Serie an Ironie und Doppelmoral zerbricht. Denn hinter der Produktion stehen millionenschwere Medienkonglomerate, in Form von Universal Cable Productions und deren Mutterfirma NBC, und geldgierige Marketingmaschinerien, letztlich Hollywood selbst. Beispielhaft dafür ist die Ausstrahlung der Serie durch Amazon, dessen Besitzer der reichste Mensch der Welt ist und seine Arbeiter ausbeutet, oder ein Medientermin der Hauptdarsteller und des Regisseurs Sam Esmail, wie wir im Bild unterhalb sehen. Hinter der Idee des Kampfes gegen alles “Böse” auf dieser Welt prangern Sponsoren wie McDonalds, Budweiser, Samsung oder der Finanzdienstleister Capital One. 

SXSW 2016 - Mr. Robot panel (25647949582).jpgLetztlich ruft die Serie den Seher auch nicht direkt zum Widerstand auf, auch wenn sie ihn durchaus dazu motiviert. Viel eher wird dieser selbst aus der realen Welt in die digitale des Fernsehers gezogen. Man hat schließlich weniger das Bedürfnis selbst gegen das System aktiv zu werden, wenn man dem Hacker in der fiktiven Welt bei seiner Tätigkeit zusieht. Es bleibt das Prinzip aller Medien: Gib dem Affen Zucker und er wird ruhig gestellt.

Und dennoch. Mr. Robot bleibt ein transparenter Einblick in die Handlungslogiken “unserer” Herrscher, zeigt Möglichkeiten des Widerstandes auf und gibt Einblick in die Probleme und Verzweiflungen von Systemkritikern. Dem Zuseher wird vermittelt: Sie her, so kontrollieren und behandeln wir euch!

Mr. Robot (Serie in 3 Staffeln) – Regie Sam Esmail (2015, USA)

Artikelbild: Wikimedia/Daniel Benavides from Austin, TX – IMG_5819, CC BY 2.0, Link

Beitragsbild: hdwallpapers.com

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