Die Afrikanische Union (AU) umfasst derzeit 54 Staaten des afrikanischen Kontinents. Seit 1984 ist Marokko das einzige Land Afrikas, welches nicht Mitglied des überregionalen Bündnisses ist. Der nordafrikanische Staat trat aus der Vorgängerorganisation, der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU), aus, da es zu einem Zerwürfnis rund um das besetzte Gebiet der West-Sahara kam. Nun möchte Marokko wieder Mitglied des panafrikanischen Einigungsprojektes werden. Ein entsprechender Antrag wurde am 27. Gipfeltreffen der AU in Kigali, Ruanda, Mitte Juli eingebracht.

Der West-Sahara Konflikt

Zur Vorgeschichte: Das Gebiet der West-Sahara zwischen Marokko, Mauretanien und Algerien, stand ab dem Ende des 19. Jahrhunderts unter spanischer Kolonialherrschaft. Durch die Unabhängigkeitsbestrebungen Marokkos von Frankreich, gründete sich 1973 auch in der West-Sahara eine Befreiungsbewegung, die Frente Polisario. Seither kämpft diese Bewegung für eine unabhängige Demokratische Arabische Republik Sahara, welche auch 1976 offiziell ausgerufen wurde. Marokko hingegen sah das Gebiet als erweitertes Staatsterritorium an. Auch weil sich in der West-Sahara reichliche Rohstoffvorkommen, wie etwa Phosphat, und ein großer Seehafen befinden.

So stimmten auch saharauische Stammesfürsten am 26. Februar 1976 der Aufteilung der Westsahara zwischen Marokko und Mauretanien zu. Dies galt für Marokko als Signal, die nördliche Region in das eigene Staatsgebiet einzuverleiben. Die Frente Polisario kämpft seither gegen den marokkanischen, sowie den maurentanischen und für einen eigenen Staat. Mauretanien zog sich jedoch relativ bald aus dem Gebiet zurück und überlies Marokko die Verwaltung. Im Zuge der Kämpfe verleibte sich Marokko schließlich die gesamte West-Sahara ein. Daraufhin flohen hundertausende Saharauis in den verbündeten Nachbarstaat Algerien. Seit jeher waren Algerien die Gebietserweiterungen Marokkos ein Dorn im Auge, auch weil Marokko historisch bedingte Gebietsansprüche in Algerien erhebt.

In einem der größten Flüchtlingslager der Welt, in Tindou, lebt nun der Großteil der saharauischen Bevölkerung Mitten in der Sahara. Versorgt werden die Menschen dort größtenteils von NGO´s und der UNO. Von dort wird auch der lokale saharauische Widerstand organisiert, obwohl seit 1991 ein von der UNO vermitteltes Waffenstillstandsabkommen existiert.Banderas saharauis - Sahrawi flags

Der Bruch mit dem Rest Afrikas

Die Annexion der West-Sahra durch Marokko führte zu schweren politischen Verstimmungen innerhalb der OAU. Nicht nur Algerien protestierte scharf gegen das Vorgehen, auch die OAU erklärte sich nicht bereit, die veränderte Situation bedingungslos zu akzeptieren. So kam es, dass die West-Sahara 1984 offiziell von der OAU als Arabische Saharauische Demokratische Republik anerkannt wurde. Jedoch wird die Republik seither von der Mehrzahl der anderen afrikanischen Mitgliedsstaaten nicht anerkannt – ebenso wenig wie von der Mehrzahl der Mitgliederstaaten der Vereinten Nationen. Als Konsequenz trat Marokko mit den Worten: “While we wait for wiser days, we will bid you farewell” als bisher einziger afrikanischer Staat aus der Organisation für Afrikanische Einheit aus.

Der Konflikt wurde damit freilich nicht beigelegt. Immer noch kontrolliert Marokko 2/3 der West-Sahara, während die Frente Polisario weiterhin einen unabhängigen Staat in der Sahara proklamiert. Auch die Realität der über einhundertausend Flüchtlinge in Algerien bleibt. Umstritten ist auch weiterhin die rechtliche Anerkennung West-Saharas im restlichen Afrika. Western Saharan Embassy

Marokko und die AU – ein Neuanfang?

In einem langen Brief König Mohammeds VI. von Marokko an den Unions-Gipfel, bekundete dieser nun wieder das Interesse seines Landes an einem Eintritt in die AU. Welche Intentionen stecken nun aber tatsächlich hinter dieser Vorgehensweise und welches Politikum ergibt sich daraus?

In dem Brief wird zunächst die Afrikanische Union aufgefordert, ihre Haltung gegenüber der Demokratisch Arabischen Republik Sahara zu überdenken. Dieser “illegitime Staat” sei schließlich weder Mitglied der UNO noch der Arabischen Liga. Zudem wird die offizielle Anerkennung immerhin von 34 afrikanischen Staaten verweigert (einige Verweigern die Anerkennung jedoch nur, bis der Konflikt friedlich beigelegt wurde). Mohammed VI. spricht in diesem Zusammenhang gar von einem “historischen Fehler” der AU:

“Institutional Africa can no longer bear the burden of the historical error and its cumbersome legacy.”

Jedoch, explizit wird der Ausschluss des Staats aus der AU nicht gefordert, als Bedingung um im Umkehrschluss wieder in diese Einzutreten. Dennoch unterstreicht dies die unnachgiebige Position Marokkos bei seinen Territorialansprüchen in West-Sahara, auch gegenüber dem supranationalen Organ der Afrikanischen Union. Aber auch gegenüber der UNO, die sich vorrangig um den Frieden in dem Gebiet und die Versorgung der Flüchtlinge in Algerien kümmert. Als UN-Generalsekretär Ban-Ki-Moon von einer “Okkupation” der West-Sahara sprach, drohte Marokko gar seine Truppen aus UN-Friedensmissionen abzuziehen.

Die Intentionen Marokkos

Marokko, so geht aus dem Brief weiter hervor, möchte sich nun aktiver in die afrikanische Innenpolitik einbringen. Auch deshalb strebt man eine Wiederaufnahme an. AU-Offizielle sind nun besorgt, Marokko wolle den Konflikt innerhalb der AU erneut auf das Tableau bringen und somit für Unruhe und Spannungen innerhalb der Gemeinschaft sorgen. Eine Allianz aus afrikanischen Staaten, zum Zwecke des Ausschlusses der West-Sahara aus der AU, ist weder im internationalen noch im Unionsrecht verankert. Zudem stehen auch andere, arabisch geprägte, nordafrikanische Staaten einer Suspendierung der West-Sahara kritisch gegenüber, allen voran Algerien. Die AU-Kommissionspräsidentin Nkosazana Dlamini-Zuma bekräftigte zudem ihre Unterstützung für ein unabhängiges West-Sahara. Eine baldige Lösung der Problematik scheint also in weiter Ferne.

Dennoch sei man von Seiten der AU für den Wunsch nach Rückkehr offen. Dies müsse jedoch ohne Vorbedingungen geschehen. Marokko habe schließlich die Wichtigkeit der AU als einflussreiche und diplomatisch notwendige Entität erkannt. Um endgültig wieder in die AU eintreten zu können, wird Marokko, neben einer Mehrheit der Stimmen von den Mitgliedstaaten, die über eine Zulassung abstimmen, auch die Gründungsakte der Union ratifizieren müssen. Damit würde im Endeffekt auch die Legitimität der Entscheidung über West-Sahara als eigener Staat anerkannt.

Der Wiedereintritt Marokkos in die Afrikanische Union dürfte in jedem Fall das Machtgleichgewicht in Westafrika verändern, denn viele muslimische Staaten fühlen sich eng mit dem marokkanischen König verbunden. Mittlerweile haben 28 Staaten Afrikas eine Erklärung an die AU unterzeichnet, West-Sahara aus der Organisation zu suspendieren. Auch das verdeutlicht den Einfluss Marokkos. Der am längsten schwellende Konflikt Afrikas dürfte als künftig um ein Kapitel reicher werden.

Beitragsbild: Embassy of Equatorial Guinea/flickr (CC BY-ND 2.0)

Artikelbilder: Western Sahara/flickr (CC BY-SA 2.0); Rachel Strohm/flickr (CC BY-ND 2.0)

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