Die liberale Intoleranz des postmodernen Zeitalters, gepaart mit dem primär von linker politischen Seite kommenden Drang nach Zensur und Meinungsdiktatur, nimmt wie zu erwarten war kein Ende, weshalb auch unsere Serie ihren vierten Teil erfährt. Während wir in den Teilen I, II und III bereits über Phänomene wie Kultursensibilität, Diversität, die Korrumpierung und Ideologisierung der Wissenschaft oder den Kult der Viktimisierung geschrieben haben, widmen wir uns in Teil IV sozialen Konstrukten, etwa der “kulturellen Aneignung”, und ganz realen Bedrohungsszenarien, wie den Wünschen nach Enteignung und Verboten.

Was alle Teile in ihrer Kritik an den Auswüchsen dieser neo-jakobinischen Gesellschaftsumformungen wohl am prägnantesten eint, ist die Hypokrisie der neuen Linken. Es ist der viel zitierte Spruch “Wasser predigen und Wein trinken”, der wohl am besten linke Theorie und Praxis beschreibt. Jüngstes Beispiel etwa die sozialistische Polit-Nachwuchshoffnung in den USA, Alexandria Orcasio-Cortez, der hier bereits ein eingehendes Portrait gewidmet wurde. Es sind nämlich paradoxerweise meist jene Politiker oder öffentlichen Meinungsmacher (dazu zählen auch Konzerne, NGOs und dergleichen), die für eine Welt ohne Grenzen einstehen, Vielfalt propagieren, ein Ende des Klimawandels durch Zwangsmaßnahmen einläuten wollen oder uns andere Diktate als Freiheit verkaufen, die ersten, welche wiederum Grenzen in Meinungsfreiheit und Sprache einziehen wollen, Zensur und Verbote durchsetzen sowie Vielfalt durch Konformität zerstören. 

Kulturelle Aneignung als subtile Freiheitsberaubung

Das Phänomen der sogenannten Cultural Appropriation ist ein vergleichsweise junges in der Sphäre linker Identitätspolitik. Aufgekommen ist es, wie könnte es anders sein, auf den Universitätscampussen der USA, wo ein optimaler Nährboden für Intoleranzen jeglicher Art vorherrscht. Was vor einigen Jahren mit der Kritik an kultur- und ethnienbezogenen Kostümen für Fasching oder Halloween begann (Indianer, Eskimo etc.) , artete schon bald in eine umfassende und von Scheinmoral getriebene Verbotskultur aus, die es jedem Individuum seither untersagt (oder zumindest versucht zu untersagen), kulturelle Gepflogenheiten außerhalb des eigenen Kulturraumes anzunehmen beziehungsweise anzueignen. Das betrifft beispielsweise das sprechen von Sprachen, das kochen von Essen oder spezielle Frisuren und Kleidungsstile. Nicht verwunderlich ist dabei, dass auch die UNO auf den Zug dieser perfiden Identitätspolitik aufsprang und ernsthaft ein Verbot kultureller Aneignung empfohlen hat, indem “die Vorschriften über geistiges Eigentum” ausgedehnt werden sollen, um zum Beispiel indigene Erfindungen, Tänze, Worte oder traditionelle Medikamente zu schützen. Wie ein Verbot kulturelle Errungenschaften erhalten soll, deren intrinsischer Sinn es ja ist, die Lebensgrundlage des Menschen unabhängig seiner sozial-kulturellen Herkunft zu verbessern, bleibt ungeklärt.

Bei genauerer Betrachtung ist das linke Konzept der kulturellen Aneignung nicht mehr als eine weitere ideologische Einbahn im verworrenen und in die Unfreiheit führenden Straßennetz der Identitätspolitik. Denn kulturelle Aneignung gilt als Verbot nur für bestimmte Bevölkerungsgruppen und nimmt in der Regel Minderheiten davon aus. Denn würde man das Konzept auf alle Menschen nach dem Gleichheitsprinzip anwenden, dürften beispielsweise Indigene keine Technologien des Westens benutzen, ohne sich der Cultural Appropriation schuldig zu machen. Mit anderen Worten müssten Mathematik, Schrift und jegliche Form von Währungen, Sprachen oder moderner Mobilität, die nicht ursprünglich aus der Prä-Columbus-Ära stammen, aufgeben werden. Zwangsläufig würde das zu einer Endlosspirale an Verboten und Einschränkungen führen, die das Leben als solches massiv behindern.

Dem Zugrunde liegt ein falsches Verständnis von Eigentum, nämlich geistiges Eigentum. Geistiges Eigentum, auf das sich Verfechter des Verbots kultureller Aneignung berufen, ist ein vom Staat und seinen Regierungen gewährtes Monopol, welches Menschen daran hindert, an Ideen aller Art zu partizipieren. Wohin das führt sieht man mittlerweile an Entwicklungen wie dem Patentieren von Gen-Sequenzen und anderen Absurditäten, die die Natur zu einem verwertbaren Gebrauchsgut und den Menschen zum Versuchslabor degradieren. Dabei muss beachtet werden, dass Kultur selbst eine Idee ist, die Gewohnheiten, Überzeugungen und Traditionen eines bestimmten Volkes, Ortes oder einer bestimmten Zeit umfasst. Kein Kulturkreis ist wirklich homogen, denn Anpassungen oder Veränderungen können immer erfolgen, optimalerweise natürlich freiwillig und ohne Zwang. Eine gegebene Kultur wird angenommen, weil sie dem Eigeninteresse des Einzelnen in irgendeiner Weise dienlich erscheint, sei es jetzt oder für das Leben nach dem Tod. Selbst wenn man den Gruppenzwang in Betracht zieht, ist die Übernahme einer kulturellen Gepflogenheit immer noch freiwillig. Somit kann auch schwerlich nachgewiesen werden, wer eine kulturelle Gepflogenheit erfunden hat und selbst wenn, bleibt es eine Idee, die entwickelt wurde um das Leben der Menschen zu verbessern. Durch kulturellen Kontakt und Austausch (nicht Assimilation!) werden diese Traditionen in der Regel verbessert und weiterentwickelt, im “schlechtesten Fall” zumindest erhalten und vor dem Aussterben bewahrt. Durch die Übernahme oder Zelebrierung einer kulturellen Tradition wird dieser daher viel eher Respekt entgegengebracht, als sie zu entwerten. Wenn nun „Nicht-Eingeborene“ davon abgehalten werden, Traditionen zu verwenden, die normalerweise nicht ihre eigenen sind, bedeutet dies, dass letztlich Produkte und Ideen bestimmter Kulturen weniger bekannt und daher eher zu einem soziologischen oder archäologischen Artefakt als zu einer lebendigen Idee werden.

Interessanterweise sind es aber wieder jene “toleranten” Linken, die eine Segregation entlang ethnisch-kultureller Linien ziehen und so ein fast schon rassisch motiviertes Gesellschaftssystem zu etablieren versuchen, sich also genau jener Vorgehensweise verschreiben, die sie zumindest nach Außen hin eigentlich vehement bekämpfen. Kulturelle Vielfalt darf nur innerhalb der eigenen Kultur gelebt werden, alles andere ist tabu. 

Enteignung und Verbot: Kulturmarxismus und kommunistische Gesellschaftspolitik

Eine weiterer Auswuchs linker Zensur und liberaler Intoleranz ist eine besondere Form kommunistischer Gesellschaftspolitik, die dank des Siegeszugs des Kulturmarxismus immer bedrohlicher wird. Sie begegnet uns in den Bestrebungen linker Bewegungen und Politiker, Entrechtungen und Angriffe auf das Individuum und seine Freiräume im Namen der “Gerechtigkeit” und des “Gemeinwohls” wieder salonfähig zu machen. Zu erwähnen wären hier vor allem die umgreifende Verbotskultur und plumpe Enteignungen. Paradebeispiel dafür sind primär Vertreter sozialistischer und grün-kommunistischer Parteien. In Deutschland etwa fordern sogenannte Grüne mittlerweile offen, Wohnräume zu Enteignen um die – wohlgemerkt durch staatliche Politik und Subventionierung verursachte – Probleme der grassierenden Wohnungsnot und hoher Mieten zu bekämpfen. Man kennt diese Polemik unter dem etwas harmloser klingenden Titel des “leistbaren Wohnens”. Dabei ist die Sache eigentlich simpel, wie Andreas Tögel dazu ausführt: “Ist ein stark nachgefragtes Gut knapp, ist sein Preis hoch. Ist das Angebot dagegen groß und die Nachfrage gering, ist sein Preis niedrig. Der Markt als gefühllose, dafür aber absolut unbestechliche Institution, sorgt dafür, dass es zu einem Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage kommt. Unter sonst gleichen Bedingungen wird ein erhöhtes Angebot für fallende Preise sorgen.” Es ist daher in erster Linie die Verfehlung der Politik, die sich selbsternannt um Wohnraum kümmert, wenn dieser nicht leistbar und knapp ist, etwa durch Restriktionen, Subventionierungen und Marktverzerrungen oder falsche Städteplanung usw. Ein größeres Angebot an Wohnraum kann nicht durch Enteignungen, willkürliche Gesetze und weitere Einschränkungen des Vertragsrechts erreicht werden, viel eher riskiert man das Gegenteil. Dem Wohnbau wird von privater Seite der Rücken gekehrt, was wiederum mehr staatliche Einflussnahme auf diesen zur Folge hat. Im Prinzip hat man irgendwann kommunistische Zustände, da der Staat von der Wohnung bis hin zu unserem Essen auf dem Teller und seiner Verfügbarkeit alles reguliert und kontrolliert. 

Das interessiert Sozialisten und ihre ideologischen Konsorten freilich wenig. Wo Freiheiten des Individuums existieren, die gegen das eigene ideologische Weltbild verstoßen, muss die allmächtige Faust des Staates zuschlagen. So sehen Deutschlands Sozialisten in der Enteignung von Wohnraum die Handlungsfähigkeit des Staates gefordert oder tatsächlich ein “Notwehrrecht” des Staates. Notwehr gegen wen fragt sich? Der fiktive Sozialvertrag ist spätestens hier obsolet und sollte dem blindesten Staatsgläubigen vor Augen führen, dass der Staat zuallererst in seinen Bürgern den größten Feind ausmacht. Natürlich sind nicht diese Maßnahmen radikal, sondern der Markt und seine ideologiefreie Gleichheitslogik, wie man uns versichert. Schön umschreibt man die Entrechtung auch mit schwammigen und inhaltslosen Begriffen wie “Sozialisierung”. Gemeint ist damit freilich die Abgabe individueller Freiheit an ein beherrschtes und gesteuertes Kollektiv. 

Und auch die Verbotskultur hat wieder Hochkonjunktur, wie ein neuerlicher, beispielhafter Blick nach Deutschland zeigt. Denn dort soll nicht nur künftig Eigentum enteignet, sondern auch eine umfassende Verbotskultur von politischer Seite umgesetzt werden. Konkret geht es wieder einmal um den Klimawandel und die ideologisierte Hysterie dahinter. Obwohl bis heute von wissenschaftlicher Seite nicht nachgewiesen werden konnte, dass der Mensch direkt und ursächlich für Wetter- und Klimaveränderungen der jüngeren Zeit verantwortlich ist, werden im Namen dieser unbewiesenen Annahme praktischerweise weitere Freiheiten des Bürgers eingeschränkt. Neben haarsträubenden Forderungen, wie den Aufruf, keine Kinder mehr zu bekommen, um das Klima zu “retten”, soll es künftig auch keine Benzin- und Dieselautos auf den Straßen mehr geben. Ersetzt werden sollen Verbrennungsmotoren durch andere Technologien, die nicht weniger umweltschädlich, dafür aber hipper und rentabler für die Klimaindustrie sind (Elektro). Natürlich greift hier auch wieder die linke Hypokrisie. Weder darf man annehmen, dass linke Politiker und Bewegungen auf ihre Privilegien im Bereich des Wohnens noch der Mobilität verzichten werden. Sie werden weiterhin in den besten Wohngegenden wohnen, ohne Angst vor Enteignungen haben zu müssen, und weiterhin um die Welt fliegen, um den menschgemachten Klimawandel zu predigen. 

Beispiele dieser Verbotskultur könnten hier noch zur Genüge angeführt werden, dieser kurze Abriss verdeutlicht aber bereits, wohin die Reise künftig gehen wird und teilweise schon geht. In unserem nächsten Teil der Reihe “liberale Intoleranz und linke Zensur” widmen wir uns daher dem Phänomen der Denunziation. Die öffentliche Anprangerung und mediale Hinrichtung politisch unliebsamer Menschen und Gruppierungen ist eine Spezialität linker Bewegungen, besonders wenn es darum geht, direkte Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Und sie hat in den vergangenen Jahren an Intensität zugenommen. Eine Rolle spielen dabei aber auch konservative und rechte Kräfte, die dieses Spiel nicht nur immer öfter hinnehmen und tolerieren sondern auch aktiv mitspielen. Mit fatalen Folgen…bleiben Sie also dran…

Beitragsbild: Pixabay, gemeinfrei

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