Die jakobinisch anmutenden, totalitären Phantasien und Praktiken linker, progressiver und oftmals auch liberaler Geisteshaltungen übertreffen sich im Zeitalter der scheinbaren „Postmoderne“, vor allem was ihre  Absurdität betrifft, mittlerweile täglich. Es ist die viel beschworene Dekadenz, der geistig und moralische Verfall, der Institutionen, Kollektive und dahinterstehende Individuen antreibt, immer weiter natürliche Freiheiten und unendliche Kreativität zu beschneiden und ideologischen Dystopien zu opfern.

In zweiten Teil der Konterrevolution-Reihe „Liberale Intoleranz und linke Zensur“, widmen wir uns daher erneut eingehend Auswüchsen dieser Entwicklungen. Der erste Teil der Reihe ist hier nachzulesen.

Die Abstraktion der Kreativität

Beginnen wir bei der US-amerikanischen Autorin, und bekennenden Demokratin,

Shriver sieht in Fiktion, welcher Art auch immer, im besten Falle aber entideologisiert, jedoch ein wichtiges Vehikel für Empathie. Empathie die einer linken Vorstellung von Identitätspolitik gänzlich fehlt. Denn das Recht über Minderheiten und Identitäten zu philosophieren oder gar zu schreiben, räumen sich nur selbst Betroffene ein, die sich wiederum selbst zu Betroffenen stilisieren. So kommt es, dass die Welt und das Selbst durch das Prisma (scheinbar) begünstigter und benachteiligter Gruppen betrachtet wird. Die in der linken Szene stark vertretene Identitäts- und Minderheitenbewegung, gekennzeichnet primär durch ein Verhalten öffentlicher Ideologiedurchsetzungen und Meinungszensur, ist dabei ein Generationenphänomen, zumindest für die Autorin. Die ursprüngliche 68’er Generation wurde durch eine Generation ersetzt, die krampfhaft, ja durchaus hysterisch, versucht noch gerechter, noch verärgerter, noch linker zu sein…Auf der Strecke bleibt dabei vor allem die

Von Sprechverboten und Kultursensibilität

Der Unterdrücker erscheint offensichtlich, dennoch wird ihm im gesellschaftlichen wie politischen Diskurs freie Hand gelassen, insbesondere von konservativer Seite. Die Liste linkskonformer Verhaltensregeln wird mangels Grenzziehung somit immer länger. Auf der individuelle Ebene kommen Selbstzensur und „Kultursensibilität“ hinzu. Auf der anderen Seite werden wirkmächtige Schutzmechanismen implementiert: Mikro-Aggressionen, „Auslöserwarnungen“, „safe spaces“ aber auch brutale und rücksichtslose Unempfindlichkeit gegenüber jedem wahrgenommenen Feind.

Ironischerweise gehen diese Menschen von der unverrückbaren Prämisse aus, dass in ihrer entworfenen Weltordnung nur die potentiellen Widersacher den Mund zu halten haben. Stimmen aber gleichzeitig Lobgesänge auf bedeutungsleere Phrasen wie „freie Meinung,  Demokratie und Partizipation“ an. Eben jene erwähnte Partizipation steigt zwar signifikant an, wird aber gleichzeitig immer schwerer tatsächlich und aus eigener Überzeugung heraus wahrzunehmen. Denn bei jedem Diskurs besteht mittlerweile die berechtigte Gefahr, für die Verwendung eines falschen Wortes oder der Aufrechterhaltung einer „reaktionären Weltanschauung“, in Bezug auf sexuelle Orientierung, Lebensschutz, wirtschaftliche Klasse, Rasse oder ethnische Zugehörigkeit, einer öffentlichen Hexenjagd ausgesetzt zu werden.

Der „Weiße“ und die Minderheit

Ein ebenfalls omnipräsentes Reizthema ist der „Weiße“, genauer gesagt der „weiße Mann“. In jüngerer Zeit begegnet dem aufmerksamen Beobachter jedoch wiederholt die Thematisierung dieser, durch den linken Diskurs geläufigen, diskriminierenden Stigmatisierung. Das Problem der Liberalen ist nämlich, dass sie alle Vorteile aber keine der Nachteile einer rassen- und ethnienbezogenen Politik haben wollen. Sie haben durch Worte und Politiken maßgeblich zur Radikalisierung und „geistigen Bewaffnung“ ganzer „Rassengruppen“ beigetragen, regen sich aber gleichzeitig auf, wenn politische Gegner zu den selben Waffen greifen. Denn wenn Liberale auf gruppen- und ethnienbezogener Politik beharren (bewusst oder unbewusst), werden sie eben diese im politischen Alltag zurückbekommen. Denn Faktum ist, dass der „Weiße“ schon längst eine Minderheit im globalen wie nationalen Kontext darstellt. In den USA stellte die weiße Bevölkerung bei den jüngsten Wahlen beispielsweise nur 40 Prozent des Elektorates.

In einem lesenswerten Beitrag auf der Seite Foundation for Economic Foundation, widmet Martin Cothran seine Gedanken dieser, von Links-liberalen immer wieder angegriffenen, „weißen Minderheit“. Unter normalen Umständen denkt „der Weiße“ einfach nicht häufig über Rasse, insbesondere seine eigene, nach, so Cothran. Das mag damit zu tun haben, dass diese ethnische Gruppe historisch bedingt immer eine prä-dominante Position inne hatte. Jetzt befinden sich westliche Gesellschaften aber in einem kulturellem Zustand, der regelrecht von den Begriffen „Rasse und Geschlecht“ besessen ist. Und die liberalen Eliten unterrichten diesen „Weißen“ nun im Dauerfeuer, über jene Konzepte „kritisch“ nachzudenken.

So kommt es auch nicht von ungefähr, dass „Black Lives Matter“, die Leben aller anderen aber politisch bedeutungslos bleiben. Fundamentale Bausteine und Rückhalte konservativen Tugendbewusstseins werden dekonstruiert, wie Familie, Arbeit, Identität und Repräsentanz. Hört man schließlich im medialen Einheitsbrei ständig von (scheinbaren) Minderheiten, Randgruppen und politischen Extrempositionen, die mehr Aufmerksamkeit und Hilfe verdienen als reale Existenzbedrohungen, wird eine solche Realität nur schwer zu ertragen. Dieses selbstgerechte kulturelle Establishment errichtet somit Normen emotionaler und geistiger Schuldgefühle und Erpressbarkeiten, die rasch in Radikalität umschlagen können. Liberale ernten letztlich was sie säen. Eine Art der Kultur, die nach Rasse und Geschlecht teilt.

Der Identitäts-Liberalismus

Hier reihen sich die seit über einer Generation zelebrierten Konzepte von „Vielfalt“ und „Diversität“ ein. In einem teilweise (selbst-)kritischen Beitrag in der New York Times, geht Mark Lilla auf die Auswirkungen des dieser Konzepte übergeordneten „Identitäts-Liberalismus“ ein. Denn Diversität sei zwar ein probates Mittel der Moralpädagogik, jedoch keinesfalls eine zureichende Grundlage für demokratische Politiken im Zeitalter der Ideologien. Historisch betrachtet, ließ sich der Liberalismus mehr und mehr in linke Geiselhaft nehmen und schlittert seit den 68’ern in eine Art moralischen Panikzustand , der durch Rasse, Geschlecht und sexuelle Identität stetig befeuert und aufrechterhalten wird. Liberale Theorien verkehrten sich in das Gegenteil ihrer eigentlich einenden Funktion.

Durch die Institutionalisierung von Randpositionen, etwa die Fixierung auf Vielfalt und Minderheiten in Schulen und in der Presse, wurde eine Generation von Liberalen und Progressisten hervorgebracht, die stark narzisstische und egomanische Wesenszüge in sich trägt, sich gleichzeitig aber den Bedingungen außerhalb ihrer selbst definierten Gruppe keineswegs bewusst ist. In einigen Fällen Empathie mit den vermeintlich „Anderen“ gar bewusst abgelehnt.  

Kleinstkinder werden bereits dazu ermutigt über ihre individuelle Identität zu reflektieren, noch bevor sie diese überhaupt erst besitzen. Das Aufkommen von minderjährigen „Transsexuellen“ gilt als Beispielhaft für diese Entwicklungen. So kommt es unweigerlich, dass diese Jugendlichen im jungen Erwachsenenalter den Diversitäts-Diskurs als zentralen politischen Diskurs wahrnehmen, ohne eine annehmbare Ahnung von Geschichte, Wirtschaft oder dem allgemeinen Gemeinwohl/der Gesellschaft zu haben. Paradoxerweise sind es scheinbar überwundene Identitätspolitiken, die sich dadurch stetig reproduzieren. Die Konsequenz zieht sich folglich auch in die öffentliche Meinung. Deren Aufgabe ist es mittlerweile nicht zu informieren sondern zu moralisieren. Die Arbeit scheint getan, wenn Journalisten, Redakteure, Politiker und andere gesellschaftliche Sprachrohre ihren Fokus (möglichst wertend) auf Identität und Moral legen. 

Dabei sollte Politik Rahmenbedingungen schaffen, die dem Individuum wie dem Kollektiv zugute kommen, ohne dessen Rechte zugunsten abstrakter Konzepte zu beschneiden. Identitätspolitik mag zwar weitgehend ausdrucksvoll und wirkmächtig erscheinen, ist am Ende aber weder überzeugend noch hilfreich.

Die kulturelle Schlinge der Gruppenidentität

Mit der Aufrechterhaltung der Gruppenidentität und dem narkotischen Verlangen, die marginalisierte Minderheit darzustellen, zwingen Linke wie Liberale dem Rest der Gesellschaft eine enorme Belastung auf. In dieser Situation wird aufgrund von Konstrukten wie Klasse, Rasse, Geschlecht oder politischer Gesinnung die Treue zu einer spezifischen Gruppe gefordert und gleichzeitig die Gedankenfreiheit eingeschränkt. Das Phänomen, sich als benachteiligte Gruppe zu fühlen, der „Kult der Viktimisierung“- der bereits in Teil I. näher beleuchtet wurde – zerstört nun die individuelle Anstrengung, sich selbst aus misslichen Lagen zu befreien. Durch diese Geisteshaltung werden soziale Stagnation und Misserfolg zu einer legitimen Handlungsoption, die Kritik ohne konkreten Lösungsansatz zur Norm. Der sozioökonomische Fortschritt scheinbar marginalisierter Gruppen muss sich daher zwangsläufig selbst behindern. 

Bereits vor 20 Jahren beschrieb der afroamerikanische Ökonom Thomas Sowell die Kosten einer solchen Gruppenidentität. Erstens werde eine gefährliche Hebelwirkung in die Hände extremistischer Elemente jeder Gruppe gelegt und zweitens würde der kulturelle Fortschritt marginalisierter Gruppen untergraben, da man sie von den kulturellen Vorteilen der scheinbar privilegierteren Gruppe abschottet. Im Gruppenkontext und unter dessen Protektionismus verlangen diese „Minderheiten“ oftmals mehr Rechenschaftspflicht von jenen außerhalb ihrer eigenen Gruppe als von jenen innerhalb dieser. Eine notwendige kulturelle Förderung bedarf daher weder einer Moralisierung noch staatlicher Intervention. Viel eher geht es darum, Menschen dabei zu helfen, bestehende Möglichkeiten zu erkennen und sie nicht auf scheinbar fehlerhafte Kapazitäten und selbstzerstörerische Tendenzen zu reduzieren. 

Wo bleibt die linke Selbstkritik?

Trotz dieser Beispiele, fragen sich immer noch sehr wenige linke Intellektuelle, das aber zu Recht, wo eine breite, kritische Auseinandersetzung mit diesen (ideologischen) Problemfeldern in den eigenen Reihen bleibt. Will man tatsächlich ein Klima des intellektuellen Austausches etablieren, in dem jede, möglicherweise kontroverse, Meinung ausgespart wird? Werden Menschen künftig den Kontakt zu scheinbar Marginalisierten meiden, aus Angst, diesen nicht kultursensibel genug zu begegnen? Sollen Sprech- und Denkverbote, die Etablierung neuer Sprache und Geschlechter eine fiktive Utopie erschaffen? Ist das die Art von Fiktion, die Linke und Liberale tatsächlich haben wollen?, fragt etwa die Autorin Shriver sinngemäß. Denn letztlich verkörpert ein Großteil der Linken Paradigmen der Beschränkung, des Verbots, der Zensur und einer Orthodoxie, die tyrannischer nicht sein könnte. Darauf läuft es unweigerlich hinaus.

Welche links-liberale Gruppierung würde sich heute noch dafür einsetzen, dass auch Menschen aus dem politisch konträren Lager ihr Recht auf freie Meinungsäußerung, beispielsweise im öffentlichen Raum, gefahrlos wahrnehmen können? 

Im dritten Teil der Konterrevolution-Reihe „Liberale Intoleranz und linke Zensur“ widmen wir uns dem „Schlachtfeld“ der Universitäten, die als Hort und „Brutstätte“ dieses tyrannischen Liberalismus fungieren. Einblicke in die Methoden der politischen Korrektheit, des Kampfes um die Deutungshoheit in der Wissenschaft, die nach und nach durch Ideologie ersetzt wird und dem schließlich sich selbst sein Grab schaufelnden Relativismus. Bleiben sie also dran…

Beitragsbild: timlewisnm/flickr (CC BY-SA 2.0)

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