Über verlorene Schönheit, hässliche Dekadenz und das Ende der Ideale

La grande bellezza ist ein Film, der wie so viele andere hier vorgestellten, als unangenehmer Spiegel unserer Gesellschaft, aber auch der eigenen Ansprüche an sich selbst fungiert. Mit einer großen Portion Sarkasmus und Zynismus wird von Regisseur Paolo Sorrentino das dekadente und inhaltsleere Leben und Streben der gehobenen Gesellschaft, am Beispiel jener der italienischen in Rom, offengelegt und schonungslos beleuchtet. Dabei treibt sowohl den Hauptprotagonisten Jep Gambardella als auch seine scheinbaren Freunde und Bekannten – in der gehobenen Gesellschaft gibt es keine wahren Freunde, so ein Wink in dem Film – die “Lust am falschen Leben” immer weiter in eine sich selbstzersetzende und von Selbsthass getriebene Scheinwelt, aus der es letztlich kein Entkommen mehr gibt.

Die heren Ideale des einst jungen Wilden Gambardella, als Romanautor den Menschen andere Welten und Sichtweisen näher zu bringen, wurden nach einem zwar erfolgreichen, aber doch lange zurückliegenden Werk ebenso begraben, wie der Wunsch, sich den dekadenten und oberflächlichen Strukturen, in die er durch seine Tätigkeit als Quasi-High-Society-Journalist geraten ist, zu entziehen. In einer komisch-tragischen Retroperspektive seines Lebens anlässlich seines 65. Geburtstages, wird so der verschwundenen Schönheit und Sinnhaftigkeit des Lebens nachgetrauert. Gambardella durchsucht sein Leben um einen rechtfertigenden Moment für sein Dasein zu finden, um einen Hauch des vermeintlich vollkommenen Lebens wieder einfangen zu können, den er womöglich nie besaß. Und so ergeht er sich in einer unterhaltsamen Mischung aus Misanthropie, Kritik und Resignation.

Dabei legt La grande bellezza den Finger auch in eine andere Wunde. Neben dem Scheitern an den eigenen Ansprüchen als Mensch in einer zunehmend unmenschlicher werdenden Welt, wird die gesellschaftliche Berechtigung der sogenannten “Meta-Elite” in Frage gestellt. Jene wohlhabenden und im Rauschzustand zwischen Ruhm und Macht lebenden Meinungsmachern, die durch ihr Tun das konkrete Leben der breiten Masse maßgeblich beeinflussen – weitestgehend ohne Selbstreflexion oder gar der Frage nach der Sinnhaftigkeit und den Auswirkungen ihrer Positionen.

In diversen Monologen wird ein Menschenbild gemalt, dass zwar im Stande ist hochgeistige Gespräche zu führen, zu philosophischen Höchstleistungen im Stande ist und die grundlegenden Spielregeln dieser komplexen Gesellschaftsstrukturen erfasst und versteht – und doch an seiner eigenen Kleinheit, an seinen eigenen jämmerlichen persönlichen Grenzen, an seiner unbändigen Lust etwas darzustellen, scheitert. Um letztendlich im Sinne der diktierten Ideologien und Lebensanschauungen über ihnen stehender Eliten in Machtpositionen, ein Leben führen, das zu weit vom Durchschnitt entfernt ist um sich zu solidarisieren und zu viele Verführungen bietet, um es aufzugeben oder sich gar gegen das Establishment zu stellen. Soll heißen: Die High-Society verliert sich in ihrem eigenen Glanz und verbreitet dabei wissentlich und unwissentlich Meinungen und Lebenseinstellungen, die den meisten anderen Menschen zum Nachteil gereichen. Seien es nun Dinge wie Sexualität und Promiskuität, Kinderlosigkeit, die Gier nach Macht und Geld, das Zelebrieren von Oberflächlichkeit, die Zerstörung des Schönen und Wahren oder einfach das Propagieren von Fragwürdigen politisch-sozialen Ideologien (Gender-Mainstreaming, Kulturmarxismus, etc.) und ähnlichem. Die Liste ließe sich unendlich fortführen. Es ist diese längst zusammengebrochene, weil von der Realität schonungslos überholte Fassade, welche die niedergehende Bourgeoise um jeden Preis aufrechterhalten möchte. Freilich in dem Wissen, dass hinter der Fassade das eigene Ende mit seinen quälenden Fragen unbarmherzig auf einen wartet.

Letztlich zeigt La grande bellezza sehr eindrücklich auf, worauf die Inszenierung unserer modernen Welt und ihrer schnelllebigen, nach kurzem Ruhm strebenden Gesellschaft aufbaut: dem Schein. Letztendlich bleibt alles nur ein Trick, eine Täuschung, um möglichst viele Menschen von ihrer Wahrheit und den wahren Dingen ihres Wesens zu entfremden.

La grande bellezza (141 Min.) – Regie Paolo Sorrentino (2013, Italien)

Beitragsbild: © West End Films

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