Wie man Anarchie gänzlich missinterpretieren kann

Anfang des Jahres erschien eine zweiteilige Dokumentation des französischen Regisseurs Tancrède Ramonet, die sich laut Titel mit der „Geschichte der Anarchie“ auseinandersetzt. Dabei werden im ersten Teil die historisch wie geistigen Wurzeln des Anarchismus ergründet und im zweiten Teil auf jeweils „erfolgreich“ und „weniger erfolgreich“ begangenen Versuche der praktischen „Umsetzung“ eingegangen. Doch schon alleine diese Herangehensweise ist der erste Widerspruch dieser eigentlich ambitionierten Dokumentation, von vielen die noch folgen. Eine historische Ergründung des Anarchismus ist ebenso widersinnig wie die Wertung von Beispielen dessen Umsetzung. Warum, erkläre ich in folgenden Gedanken:

„Der Anarchismus ist das natürliche Kind der Aufklärung. […] Er ist die Antwort auf die dunklen Seiten des Kapitalismus und wurde im Schatten der großen industriellen und landwirtschaftlichen Ausbeutung geboren“, heißt es in dem Begleittext zu „Kein Gott, kein Herr! Eine Geschichte der Anarchie“. Natürlich ist er das nicht, denn gerade die Aufklärung ebnete den Weg der völligen Entfremdung des Menschen von der Natur und seiner Hinwendung zur institutionalisierten Herrschaft des Menschen über den Menschen, also der Ausbeutung. Erst die Aufklärung vollendete die Herausbildung des selbstidentischen, rationalen Individuums, das auf der Verleugnung seines Naturursprungs beruht und genau aus dieser Verleugnung die Quelle der Gewalt und des Irrationalen bezieht. Die „dunkle Seite des Kapitalismus“ suggeriert in diesem Zusammenhang hingegen eine positive Konnotation der Aufklärung. Eben das war sie aber nicht. Im Gegenteil. Die Kritik der Aufklärung sieht gerade diese der kapitalistischen Form abstrakter Herrschaft zugehörig. Anarchismus kann folglich kein „Kind“ der Aufklärung sein. 

Eine bestimmte Entstehungsgeschichte des Anarchismus ist ebenso wenig auszumachen. Einerseits weil es keine Definition geben kann, was Anarchismus tatsächlich ist, also wie er angewandt wird (individuelle Auslegung steht immer über vorgefertigten Konzepten) und er daher zeitlich nicht verortet werden kann. Andererseits können dieser Logik folgend durchaus auch frühzeitliche Konzepte menschlicher Organisation als „anarchistisch“ in ihrer Struktur angesehen werden. Er bedarf daher nicht erst des Aufkommens ökonomisch geprägter Gesellschaftssysteme wie den Kapitalismus, um eine Entstehung des Anarchismus zu verorten und damit dessen Pluralität zu determinieren.

Ein weiteres Manko der Dokumentation ist die fehlende inhaltliche Abgrenzung des Anarchismus von eigentlich kommunistisch und sozialistisch orientierten Ideen und Umsetzungen. Anarchismus wird zu oft mit politischen Ideologien des linken Spektrums gleichgesetzt. Es mag zwar stimmen, dass gerade im 19. Jahrhundert anarchistische Bewegungen stark mit eben erwähnten Ideologien kokettierten und mit diesen auch verwoben waren, dennoch ist gerade die Abgrenzung zentral für das Verständnis anarchistischen Denkens, samt seiner Freiheits- und Organisationskonzeptionen. Anarchismus strebt weder nach Umverteilung, noch nach Enteignung und Kollektivierung. Denn all das würde dem freien Willen des Menschen widersprechen.

„Frei von Ideologien! Das ist Anarchismus! Es ist die edelste der Philosophien.“ – Leopold Kohr

Ebenso ist es fraglich, inwieweit die Aussage „kein Gott!“ zu anarchistischem Denken passt. Denn „kein Gott“, verstanden als Aufforderung dem Glauben abzuschwören, kommt einer Vorgabe gleich, die individuelles Selbstverständnis und Eigenrecht verletzt. Spätestens seit den anarchistischen Spurensuchen im Leben und Wirken von Jesus (christlicher Anarchismus, Jesus als „Sozialrebell“), Buddha und anderen Propheten, ist klar, dass Anarchismus keineswegs das Konzept eines Gottes ausschließen muss. Denn der Glaube ist ein Produkt der Freiwilligkeit.

Gerade das Frühchristentum lehnte den Staat mit all seinen Institutionen und Repräsentanten ab, betrachtete menschliche Herrschaftsstrukturen als illegitim. Nicht von ungefähr kam es daher, dass Jesus Predigten den Vertretern des römischen Reiches als gefährlich galten. Ebenso wurden ausbeuterische Wirtschaftssysteme und das Konzept von Geld als Schuld abgelehnt. Wiederum war es Jesus, der in der „Tempelreinigung“ Händler und Geldwechsler aus dem Jerusalemer Tempel vertrieb und ihnen Vorwarf, einen Ort der geistigen Freiheit in einen Ort des Profitstrebens, also der Destruktivität verwandelt zu haben. Letztlich wurde und wird im christlichen Denken eine egalitäre, dezentrale und gewaltfreie Gesellschaftsordnung, frei von Unterdrückung und Ausbeutung angestrebt. 

Als eines der Beispiele für die gelungene Umsetzung „anarchistischer Ideen“ und Gesellschaftsmodelle wird in der Dokumentation eingehender auf die Zeit des spanischen Bürgerkrieges verwiesen. Das ist durchaus legitim. Denn für eine kurze Zeit gelang es vielen Regionen ohne Staat, Geld und Grenzen auf Grundlage von Freiheit, Vernunft, und Gleichheit zu existieren. Jedoch werden der Weg dahin und auch die Mittel dieser Umsetzung in der Dokumentation sehr idealisiert und unreflektiert dargestellt. Ebenso wird nur am Rande erwähnt, dass es eigentlich weniger anarchistische Neuordnungen der Gesellschaft waren, als viel eher kommunistisch und sozialistisch angehauchte Sozialexperimente, beispielsweise anhand der weitverbreiteten (Zwangs-)Kollektivierung. 

Es scheiden sich hier natürlich auch die Geister anarchistischer Auslegung. Soll der Anarchismus radikal sein und revolutionäre Züge aufweisen, also in letzter Konsequenz auch vor Gewalt nicht zurückschrecken? Oder widerspricht das Konzept von Gewalt nicht eher dem Grundverständnis von Freiheit? Zu Wort kommt ein spanischer Historiker, der einen Kommentar zu den Morden an Geistlichen in den spanischen Gebieten unter „anarchistischer“ Kontrolle abgibt. Dabei bestätigt er, dass unschuldige Menschen aus dem Klerus, aber auch aus anderen „Ständen“ ermordet und hingerichtet wurden. Aber was seien schon „hundert Ermordete, im Vergleich zu den Opfern des Faschismus“. Diese haarsträubende Relativierung entzieht jeglicher politisch-gesellschaftlicher Neuordnung ihre Legitimität, egal welche Unterdrückung auch bekämpft wird. Denn es kann keine größere Freiheitsberaubung als den Tod durch die Hand seines Mitmenschen geben. Mord widerspricht dem anarchistischen Grundgedanken, egal unter welchen Vorwänden er versucht wird zu rechtfertigen. 

Die Stärken von „Kein Gott, kein Herr! Eine Geschichte der Anarchie“ liegen ganz klar in der Einführung in die Denkweisen anarchistischer Wegbereiter wie Proudhon und Bakunin, ebenso wie in dem Abriss anarchistischer Bewegungen auf der ganzen Welt. Die anarchistische Zeit- und Weltreise tröstet zumindest ein wenig über die inhaltlichen und begrifflichen Schwächen der Dokumentation hinweg. 

Kein Gott, kein Herr! Eine Geschichte der Anarchie (142 Min.) – Regie Tancrède Ramonet (2017, Frankreich)

Beitragsbild: Unknown/Wikimedia, gemeinfrei

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