Die Freiheit der Meinung oder eine Meinung über Freiheit?

Die Fähigkeit zu rationalem aber auch irrationalem Denken, der Gebrauch des eigenen Verstands, die Auseinandersetzung mit unserem Geiste, all das führt unweigerlich dazu, dass der Mensch einen geradezu naturgegebenen Drang besitzt, seine subjektive und von ihm konstruierte Sicht auf die Welt und ihre Zusammenhänge kundzutun. In Gedanken für sich, aber auch öffentlich, für seine Umwelt wahrnehmbar. In der Moderne wurde dieser Drang mit der Meinung gleichgesetzt. Die Möglichkeit, sie immer und überall frei zu artikulieren mit der Meinungsfreiheit. Und genau dieser Meinungsfreiheit, diesem Phänomen der Philosophie, widmet sich der Dokumentarfilm “Free Speech – Fear Free” des Filmemachers und Regisseurs Tarquin Ramsay.

Bereits in jungen Jahren, mit gerade einmal 15 Jahren, begann der Filmemacher per Videoformat, der Frage nachzugehen, ob eine Gesellschaft (wie auch immer diese zu definieren und einzugrenzen sei) ohne Meinungsfreiheit existieren könne oder nicht. Die Brisanz des Themas war schon zu Beginn seiner fünf Jahre andauernden Dreharbeiten, im Jahr 2011, deutlicher denn je. Beginnende Massenzensur im Internet, ökonomische und politische Zwangsmaßnahmen, Niederschlagung oder Diskreditierung friedlicher Proteste in westlichen Industriestaaten, Meinungsdiktate und soziale Repressionen bei unzeitgemäßen Ansichten, Massenüberwachung ohne Konsequenz, Krieg, Terror usw. Die Liste würde sich endlos fortsetzen lassen.

Die vorweggenommene Conclusio kann man erahnen, ohne die Dokumentation sehen zu müssen, blickt man nämlich in Staaten, in denen Meinungsfreiheit und individuelle Rechte nicht nur subtil und im geheimen, sondern offensiv unterdrückt werden (in China, in den USA, in Mexiko, Vietnam, Ruanda, Saudi-Arabien, der Türkei usw.). Eine Gesellschaft verkümmert und verroht, wird Meinungsfreiheit und das Recht auf Eigenverantwortung und Eigentum an sich selbst eingeschränkt oder verboten. Im Gegenzug wachsen und gedeihen Autoritarismus, Totalitarismus, schlichtweg die Machtsphären des Staates und seiner auf “Machterhalt um jeden Preis” getrimmten Institutionen und Handlanger.

Ansichten und Einblicke in den schier aussichtslosen Kampf für Meinungsfreiheit und gegen Zensur geben in dieser Dokumentation daher unter anderem Hacker, Netzaktivisten, Datenschutzvertreter, Journalisten und Philosophen. Auch der seit Jahren in der ecuadorianischen Botschaft in London festsitzende WikiLeaks-Gründer Julian Assange kommt zu Wort.

Raum für Kritik eröffnet “Free Speech – Fear Free” vor allem beim inflationären Gebrauch der Schlagwörter “Demokratie” bzw. “demokratisch”. Denn die Dokumentation vermeidet es grundsätzlich, sich einer kritischen Reflexion des Begriffes und seines dahinterliegenden Konzeptes anzunehmen. Wie wird dieser Begriff heutzutage gedeutet? Wie wird Demokratie  – die “Beste aller schlechten Regierungsformen” – benutzt, um Menschen zu unterdrücken und Eliten zu dienen? Ist Demokratie nicht viel eher die Schablone einer mächtigen Elite, die damit ihre Plutokratie am Leben erhält und durch dieses Herrschaftssystem, also dem Diktat einer leicht kontrollierbar und manipulierbaren Mehrheit (siehe beispielsweise “Masse und Macht” von Elias Canetti), sogar noch besser als in anderen Regierungsformen individuelle Rechte und Freiheiten einschränken, Menschen entmündigen und Gewalt institutionalisieren und so legitimieren kann? Zwangsläufig ergibt sich aus dieser Tatsache eine kaum vorhandene und wenig direkte Kritik am Staat. Viel eher sind es Regierungen, die als Übeltäter schleichender Entrechtung benannt werden. Dabei wird jedoch vergessen, dass diese die Gewalt lediglich aus- und fortführen, nicht jedoch zwangsläufig Ursache gesellschaftlicher Probleme sind. Eine Regierung ist immer nur Handlanger des Staates, seiner Strukturen und der dahinterliegenden Maschinerie, die alles am Leben erhält. 

Ein weiteres Manko ist die relative Kritiklosigkeit am Konzept des Internets an sich und der Allmacht der Überwachung, die dadurch ermöglicht wurde. Zu Lasten der hochgelobten Meinungsfreiheit. Es fehlte der Konnex zum militär-industriellen Komplex, der immerhin als Erfinder moderner Massenkommunikation gilt, und sich daraus ergebenden Problematiken aber auch Intentionen. Man hätte durchaus die Frage stellen können, ob das Internet und andere Massenkommunikationsmittel nicht bewusst unter die breite Masse der Menschen gebracht wurden, um letztlich vollständige Profile von Handlungs- wie Denkmustern jedes Einzelnen erstellen und nachzuvollziehen zu können. Nämlich nicht weniger als den Zugriff auf Informationen, die man von den Bürgern vor dem Internetzeitalter schwer bis gar nicht erlangt hätte. Oder die Idee, dass das Internet wesentlich dazu beiträgt, die Organisationsfähigkeit von Individuen in einen nicht-physischen, surrealen Raum zu verlagern, um so Protest und Widerstand kontrollierbar und steuerbar zu machen. Letztlich aber auch die Frage nach Produktivität und Freizeit. Denn die immer zeitaufwendigere technische Wartung dieser “technologischen Errungenschaften”, kombiniert mit gezielter Ablenkung von Probleme in der physischen Welt, ebnen der totalen Überwachung und Kontrolle so ihren Weg.

Inwiefern auch die Meinung von interviewten Hollywood-Schauspielern wie Jude Law – und allem wofür diese im Massenunterhaltungs-Komplex stehen – einen wertvollen Beitrag zur Meinungsfreiheit bilden, sei dahingestellt. 

Positiv bleibt freilich, dass ein Jugendlicher den Mut gefasst hat, dieses brisante und wichtige Thema aufzugreifen und daraus eine Dokumentation zu machen. Der Filmemacher nimmt sich kein Blatt vor den Mund nimmt, holt viele wichtige Meinungen von unterschiedlichsten Menschen und Persönlichkeiten dazu ein und sensibilisiert letztlich für eine zentrale anarchistisch-libertäre Forderung: Die Freiheit der Meinung und Gedanken. Ein anderes zentrales Motive das anklingt, ist aber auch das Recht auf Eigentum an sich selbst, also die Verurteilung von Verfolgung, Unterdrückung, physischer wie psychischer Gewalt und Repression. 

In Zeiten von “hate speech”, “Fake News” und restriktiven Meinungsdiktaten ist es wichtig, seine Stimme für Meinungspluralität und Schutz individueller Persönlichkeitsrechte zu erheben. Die Dokumentation verzichtet dankenswerterweise auch weitgehend auf das politische “links-rechts-Schema”, welches im Endeffekt weder der persönlichen Freiheit udn der Meinungsfreiheit dienlich ist. 

Free Speech – Fear Free (79 Min.) – Regie Tarquin Ramsay (2016, Großbritannien)

Beitragsbild: Cory Doctorow/flickr (CC BY-SA 2.0)

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