Innenpolitisch schlittert Frankreich nun schon seit Jahren vom Regen in die Traufe, muss mit Massenstreiks und Protesten der Bevölkerung, unbeliebten Präsidenten, Rekordarbeitslosigkeit, gescheiterter Integrationspolitik und noch vielem mehr vorlieb nehmen. Und auch außenpolitisch ist das Engagement der ehemaligen Kolonialmacht in vielen Bereich von wenig Erfolg gekrönt, besonders was Nord- und Westafrika betrifft. Längst haben China, Indien und die USA die Franzosen an Einfluss, Investitionen und strategischer Präsenz auf dem Kontinent, besonders in den frankophonen Staaten, in den Schatten gestellt. Die Militärengagements Frankreichs in Mali, dem Niger sowie Burkina Faso zum (offiziellen) Zwecke der Eindämmung von Al-Kaida-Aktivitäten im Sahara-Raum verlaufen mehr als schleppend und können höchstens fragile, von französischer Seite gestützte Regierungen das ein oder andere Jahr länger an der Macht halten. Viel eher dient die Militärpräsenz jedoch dem Eigennutz, nämlich der strategischen Sicherung von Rohstoffquellen in diesen Gebieten, die Frankreich exploitert (vornehmlich Uran, aber auch Diamanten und Gas).

Im Zuge politischer Analysen dieser Vorgänge wird oftmals ein wichtiger Faktor in der französischen Afrikapolitik allzu gerne übersehen. Nämlicher jener der Übersee-Dependance im Kanal von Mosambik, namlich Mayotte, sowie der immer noch enorme Einfluss Frankreichs auf die in diesem Gebiet mittlerweile unabhängig gewordenen Staaten Madagaskar und die Komoren. Denn mit der Kontrolle über diesen wichtigen Seeweg im indischen Ozean und viele kleine, eigentlich unbedeutende und unbewohnte Inseln in ihm, verfügt Frankreich über nicht unerheblichen Zugriff auf Rohstoffe und Schifffahrtswege. Parallelen zur angespannten geopolitischen Lage im südchinesischen Meer werden dem einen oder anderen Beobachter hier ins Auge stechen, gleichwohl sich die Situation hier (noch) nicht so zugespitzt hat. Dem omnipräsenten Konfliktpotential in anderen See-Nadelöhren dieser Welt, wie eben dem südchinesischen Meer, dem Suez-Kanal, dem persischen Golf oder der Straße von Gibraltar, ist es auch geschuldet, dass dieser wichtigen Route im indischen Ozean bisher vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zukam, obwohl die maritime Sicherheit auch hier weit entfernt von Stabilität liegt. Angesichts jüngster Ereignisse und der politisch instabilen Lage auf den Komoren sowie in Madagaskar, drängt sich eine Lageeinschätzung daher geradezu auf.

Die undurchsichtige Lage im Kanal von Mosambik

Der Kanal von Mosambik (auch Straße von Mosambik genannt) umfasst einen 1.500 Kilometer langen und 420 Kilometer breiten Meereskanal zwischen besagtem Mosambik und dem Inselstaat Madagaskar. In diesem Kanal liegen die strategisch äußerst wichtigen Inselgruppen der Komoren, das französische Departement Mayotte sowie kleinere, unbewohnte Inseln, die Îles Éparses, welche unter der Kontrolle von Frankreich stehen. Die Schifffahrt und der maritime Handel vom südlichen Afrika in Richtung Horn von Afrika, den Suez-Kanal, Indien sowie den Golf von Persien sind ein essenzieller Bestandteil dieser strategischen Wichtigkeit, da es sich hier um eine Jahrhunderte alte Handelsroute (ehemals auch für den Sklavenhandel genutzt) handelt, mit Hilfe derer der weite Seeweg rund um Madagaskar – immerhin die viertgrößte Insel der Welt – umgangen wird. Die andere strategische Wichtigkeit ergibt sich aus den Rohstoffvorkommen in diesem Gebiet. Doch beginnen wir mit den Komoren. Diese südwestlich von den Seychellen gelegene Inselgruppe erlangte im Jahr 1974 ihre Unabhängigkeit von Frankreich. Andere Inseln dieser Inselgruppe stimmten ebenfalls über eine Loslösung von Frankreich ab, doch mit vehementen Nachdruck der französischen Regierung hielt Mayotte als einzige Inselgruppe des Archipels in der Abstimmung von 1974 die Verbindungen zu Frankreich aufrecht und verzichtete so auf seine Unabhängigkeit. Die Komoren wiederum, zu denen Mayotte geografisch eigentlich zählt, beanspruchen seither, basierend auf einer UN-Resolution aus dem Jahr 1979, die Insel als eigenes Staatsterritorium. Frankreich erkennt diese aber nicht an und okkupiert seither Mayotte de facto. In einer Volksbefragung im Jahr 2009 befürworteten die Einwohner Mayottes mehrheitlich, dass das Gebiet die Kompetenzen der Übersee-Départements und Übersee-Regionen gemäß Artikel 73 der Verfassung Frankreichs erhalten soll. In der Folge wurde Mayotte 2011 das 101. Département Frankreichs und 2014 auch integriert in die Europäische Union. Diese Volksbefragung dient Frankreich seither als letzt gültiges Fundament seiner Gebietsansprüche in dieser Region.

Mit Europa, Bassas da İndia, Juan de Nova, (Tromelin*) und den Glorioso-Inseln (Îles Éparses) verfügt Frankreich zudem über dutzende Inseln inmitten der Straße von Mosambik, die nur von Militärs bewohnt und genutzt werden. Die französische Küstenwache patrouilliert regelmäßig im Seegebiet rund um die Eilande. Der wahre strategische Nutzen Frankreichs, insbesondere was die unbewohnten Inseln betrifft, ergibt sich jedoch aus der Internationalen Montego Bay Konvention (dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen), welches besagt, dass in seinen jeweiligen Hoheitsgewässern jeder Staat mit einer Ausdehnung von 200 Seemeilen (370,4 km) ausschließlich über die natürlichen Ressourcen, also Meeresbewohner und Bodenschätze, verfügen und daraus wirtschaftliche Nutzungen ziehen darf. Diese Zone wird Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) genannt. Da der exekutive wie legislative Einfluss eines Staates auf diese Zone schwammig bis unklar ist, entfachen sich an der seerechtlichen Wirtschaftszone seit jeher die meisten Streitigkeiten zu Wasser. Fakt ist jedoch, dass Frankreich dadurch über nahezu 70 Prozent, oder 425.000 Quadratkilometer, des Kanals von Mosambik herrscht. Und über alles, was sich darin befindet verfügt. Besonders prekär wird die Anwendung dieser Seerechtskonvention in der Region, wenn man von Inseln wie Juan de Nova ausgeht, die lediglich 150 Kilometer vor Madagaskar liegt. Frankreich hätte so de facto Anspruch auf Ressourcen der Kontinentalmasse Madagaskars, zumindest überschneiden sich beide Wirtschaftszonen. 2008 verhaftete die französische Küstenwache bereits Fischer aus Madagaskar, die in die französische Wirtschaftszone “eindrangen. Madagaskar beansprucht wiederum die nördlich gelegenen, tropischen Glorioso-Inseln, die im Verwaltungsgebiet Frankreichs liegen. (*Erwähnt sei auch die Insel Tromelin, nordwestlich von Réunion gelegen, die von Mauritius beansprucht wird). Nicht weniger unerheblich sind große Funde von Gas- und Erdölreserven in weiten Teilen des Kanals. Für Konfliktpotential ist also allemal gesorgt. 

Die massiven Rohstoffvorkommen in der Region werden von Frankreich bisher dementiert. Ein bezeichnender Bericht des französischen Senats aus dem Jahr 2003 negiert jegliche Gas oder Ölvorkommen und rechtfertigt die militärische Präsenz auf den unbewohnten Inseln mit dem Schutz von Flora und Fauna, insbesondere einer rund 15.000 Schildkröten umfassenden Kolonie auf der Insel Juan de Nova. Dabei sind Rohstoffvorkommen vor den Komoren und auch Madagaskar seit Jahren publik und im Interesse chinesischer Extratkrionsbestrebungen. Darüberhinaus wurden in Mosambik die mit Abstand größten Gasreserven der Welt gefunden. Sie umfassen über 100 Milliarden Kubikmeter Gas, welches bereits von Firmen aus den USA, Italien ,Südafrika und China extrahiert wird. Mosambik, als einer der ärmsten Staaten Afrikas, erhielt überdies in den vergangen sechs Jahren mehr als 30 Milliarden Dollar an ausländischen Direktinvestitionen. Das Gas wird hauptsächlich über den Kanal in die Welt verschifft. Wr ihn kontrolliert, kontrolliert somit auch einen wichtigen Versorgungsweg des globalen Gashandels. In und um Madagaskar sind wiederum massive Ölvorkommen in den vergangenen Jahren entdeckt worden, die nur darauf warten an die Oberfläche geholt zu werden. Der offizielle Standpunkt Frankreichs in puncto Ressourcenvorkommen in der Region darf damit zumindest bezweifelt werden. 

Die politische Einzigartigkeit der Inseln

Wohl kaum ein anderer Inselstaat auf diesem Globus verblüfft ob seiner politischen Geschehnisse sowie geostrategischen Positionen so, wie der einzige Staat direkt im Kanal von Mosambik, die Komoren. Diese ehemalige französische Kolonie vor der Küste Ostafrikas, steht heute besonders China und Saudi-Arabien nahe und gilt auch als das südlichste Mitglied der Arabischen Liga. In seiner etwas mehr als 40-jährigen Unabhängigkeit wurden auf dem Archipel nicht weniger als 20 Putschversuche verübt.  Obwohl die Komoren ob ihrer stark islamisch geprägten Gesellschaft in der Vergangenheit als einer der wenigen internationalen Partner des Iran galten, verlagerte sich diese Treue nach Saudi-Arabien. Dies macht Komoren als Schnittstelle im Kanal von Mosambik zwischen von französischen, chinesischen und saudischen Interessen einzigartig.

Innenpolitisch spiegelt sich das in immer wieder auftretenden, veritablen Staatskrisen wieder, die dem Land mittlerweile eine ähnliche Staatsform wie dem Balkanstaat Bosnien einbrachte, mit rotierenden Regionalpräsidenten. Seit einem Verfassungsreferendum im Juli dieses Jahres ist die innenpolitische Lage wieder einmal angespannt, da der derzeitige Präsident versuchte via einer in Afrikas Staaten immer wieder beliebten Verfassungsänderung weitere elf Jahre an der Macht zu bleiben. Durch das umstrittene Referendum wurde so die Rotation des Präsidentenamtes zwischen den drei Hauptinseln des Landes abgeschafft. Das führte naturgemäß zu Aufständen in den Inseln. Erst vor wenigen Tagen hat das Militär laut Regierungsangaben nach einem mehrtägigen gewalttätigen Widerstand von Rebellen die Kontrolle über die Altstadt von Mutsamudu auf der Insel Anjouan, einer der drei Hauptinseln, zurückerlangt. Anjouan war auch eine der drei Insel der Komoren, welche sich in der Vergangenheit Mayotte und somit Frankreich anschließen wollte.

All das spielt vor allem Frankreich in die Hände, da instabile Regierungen in der Region vornehmlich mit innenpolitischem Geplänkel beschäftigt sind, sich somit lähmen, und den französischen Zugriff auf Ressourcen der Region entweder tatenlos hinnehmen müssen oder für ein Schweigen dazu instrumentalisiert und gekauft werden. Nicht zuletzt von der jüngsten Regierungskrise auf den Komoren wurde berichtet, das bewaffnete Rebellen von den französischen Übersee-Departements in Mayotte aus operiert hätten, zumindest also mit logistischer Hilfe Frankreichs. Dazu ist anzumerken, dass Mayotte wiederum ein beliebtes Ziel von illegalen, komorischen Migranten ist, die aufgrund des dort herrschenden Sozial-, Bildungs-, Verwaltungs- und Gesundheitssystem nach europäischem Muster samt Euro als Zahlungsmittel angezogen werden (Ab 2020 erhält jeder Komoraner französische Sozialleistungen, per Geburt auf den Komoren ist man automatisch Franzose). Die französische Fremdenlegion ist sogar eigens auf Mayotte stationiert, um die illegale Migration einzudämmen, denn viele versuchen später von der Insel gen Frankreich zu kommen.

Dabei sielt auch China eine Rolle in Frankreichs Strategie. Denn China steht als direkter Konkurrent in diesem Spiel gegenüber. China investiert auf den Komoren, wie in vielen anderen afrikanischen Ländern auch, besonders in die Infrastruktur des Landes. Dabei sind die Inseln weniger aus ökonomischer Perspektive interessant, als viel mehr von strategischem Interesse für die asiatische Supermacht. China streckt seine Fühler damit direkt in den Kanal von Mosambik und seine reichen Rohstoffvorkommen aus und könnte seine herausragende Position auf den Komoren dazu nutzen, Einfluss auf die benachbarten Inseln zu nehmen und Ressourcenextraktionen sowie eine militärische Kontrolle des Seewegs vorzubereiten, was die bisher vergleichsweise wenigen, aber dennoch lokal wirkungsvollen Investitionen verdeutlichen. Frankreichs Mißwollen einer prochinesischen Regierung auf den Komoren, könnte wiederum Indiz für eine Unterstützung von Rebellen sein. Ein neuerlicher Militärputsch scheint also nicht ausgeschlossen. 

Nicht viel besser sieht es innenpolitisch übrigens in Madagaskar aus. Dort kämpfen derzeit ganze 36 Kandidaten um das Präsidentenamt, von denen nur zwei wirkliche Chancen auf einen Sieg haben dürften, da sie über viel Geld und Einfluss verfügen. Das Land ist innenpolitisch, auch durch Militärputsche und Hungersnöte, seit Jahren gelähmt und quasi nicht in der Lage, Frankreich in der Region Parole zu bieten. Es fehlt sowohl an maritimen Kapazitäten, um Gebietsansprüche durchzusetzen, als auch an Partnern auf diplomatischer Ebene in der Region.  

Man sieht anhand dieser kurzen politischen Analyse bereits die Einzigartigkeit und Komplexität der Machtverhältnisse im Kanal von Mosambik. Einer geostrategisch immer wichtiger werdenen, aber leider viel zu wenig beachteten Weltregion. Man darf nämlich nicht vergessen, dass die Zukunft des Kanals vom Ressourcenbedarf der großen asiatischen Länder beeinflusst wird. Denn die strategische Bedeutung für Gas- und Ölverschiffung sowie deren Extraktion wird massiv zunehmen, ist der Kanal von Mosambik gerade für Indien und China eine wiederentdeckte, willkommene Alternative, den instabilen Nahen Osten und seine Nadelöhre zu umgehen. Die fehlende maritime Sicherheit wird durch eben genannte Staaten ebenfalls ausgefüllt. Die indische Marine unterzeichnete im Jahr 2012 ein Abkommen über die Zusammenarbeit im Bereich der Sicherheit im Seeverkehr mit Mosambik und eröffnete 2007 einen “martitimen Außenposten in Madagaskar.

Außerhalb der frankophonen Welt, wird der Bedeutung der hier schwellenden Interessenskonflikte kaum Beachtung geschenkt, auch weil mit dem Suez-Kanal die derzeit noch prominentere Schifffahrtsroute zwischen Asien und Europa existiert. Dabei ist Europa aber aufgrund der französischen Aktivitäten mitten drinnen, im Machtspiel rund um die Ressourcen in der Straße von Mosambik. 

Beitragsbild: Eric Gaba/Wikimedia (CC BY-SA 3.0)

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