In einem früheren Beitrag widmete sich Konterrevolution dem Abstieg der einst populären und einflussreichen Linken in Lateinamerika. Die katastrophalen innenpolitischen und ökonomischen Zustände in Venezuela, aber auch in Brasilien, sollten eigentlich eine Warnung an südamerikanische Staaten sein, die sich auf sozialistische Experimente einlassen. Doch nicht so im eigentlich prosperierenden Chile, dass als “Musterland der Liberalisierung” gilt. Dort wird der Sozialismus wieder en vogue. Die Linke erlebt eine kleine Renaissance. Warum, das beleuchten wir in folgendem Beitrag.

Ökonomische Entwicklung Chiles 

Chile war einst einer der ärmsten lateinamerikanischen Staaten. Noch in den 1950er Jahren betrug das jährliche Pro-Kopf-Einkommen lediglich 38 Prozent von jenem Venezuelas, dem damals reichsten lateinamerikanischen Staat. Das Bruttoinlandsprodukt betrug knapp 3.800$ pro Kopf (Venezuela 7.400$/Kopf). So sah die ökonomische Lage bis zur Machtergreifung des sozialistischen, in der Tradition Castros stehenden, Salvador Allende aus, der 1970 zum 30. Präsidenten der Nation gewählt wurde. Seine Pläne für die Wirtschaft sahen weitreichende Re-Nationalisierungen der Industrien, ebenso wie Kollektivierungen der Landwirtschaft vor. Natürlich mündeten diese Vorhaben in der Umsetzung in Güterknappheiten und Massenprotesten. Die Inflation während der Amtszeit Allendes stieg auf 600 Prozent an, die Armut auf 50 Prozent. 

Die offensichtlichen Fehlentwicklungen ignorierte Allende bis zuletzt. Schließlich bat das Parlament 1973 das Militär darum, die Verfassungsmäßigkeit in Chile wiederherzustellen. Der blutige Umsturz mündete in der Bombardierung des Palacio de La Moneda und dem Selbstmord des Präsidenten. Mit Unterstützung der USA, übernahm General Augusto Pinochet das Ruder in Chile und installierte eine Militärjunta, die in den Folgejahren schwere Menschenrechtsverletzungen beging. Zwischen 1.200 und 3.200 Regierungsgegner sollen dem Regime zum Opfer gefallen sein. 

Um zu verstehen, warum Chile nun jedoch wieder mit dem (lateinamerikanischen) Sozialismus kokettiert, muss man die wirtschaftlichen Reformen der Ära Pinochet getrennt von der politischen Agitation betrachten. 

kissinger w pinochet from the movie "Condor"Reformismus brachte Wohlstand 

Die Wirtschaftsreformen der Militärjunta ebneten den Weg Chiles zu Demokratie und Wohlstand, auch wenn es für den ein oder anderen Leser skurril anmuten mag. Denn, Diktaturen die ihre Wirtschaft liberalisieren und frei entfalten lassen, üben immer noch weniger Kontrolle über den Einzelnen aus, als Diktaturen die auch das Wirtschaftsleben reglementieren und steuern (Beispiel Kuba und Venezuela). Je mehr der Wohlstand der Bürger folglich anwächst, desto eher verschieben sich nämlich die Zentren von Macht und Autorität. Weg vom Staat und hin zu Alternativen. 

So kommt es nicht von ungefähr, dass “marktfreundliche” Diktaturen wie Chile, Indonesien, Mexiko, Südkorea und Taiwan einen Wandel zu (relativem) Wohlstand und Demokratie vollzogen. Sozialistisch geprägte Diktaturen, wie Kuba und Venezuela, behalten wiederum die Kontrolle über ihre Ökonomien, hemmen damit aber auch Entwicklung und individuelle Entfaltung. Einfach gesagt, wenn die Regierung den einzigen Arbeitgeber bildet, ist es fast unmöglich, Kritik zu üben und Forderungen politischer Rechte zu adressieren.

Das “chilenische Modell” wird mit der Faschismus-Keule abgewürgt

In den 1980er Jahren prosperierte Chile, während sich die Pinochet-Opposition zunehmend versteifte. Der General verlor ein Referendum von 1988, das seine Amtszeit verlängert hätte, und schließlich gab er die Macht im Staate 1990 ab. Die nachfolgenden Regierungen führten zum größten Teil die Reform des freien Marktes unter Pinochet weiter und das Land gedieh. Und die Zahlen können sich sehen lassen: Zwischen 1974 und 2016 wuchs das BIP/Kopf um 230 Prozent. In Venezuela hingegen, sank es jährlich um 20 Prozent. 

Chilenen verfügen im Schnitt um 50 Prozent mehr Einkommen als Venezolaner, die Arbeitslosigkeit liegt bei 6 Prozent, was einen Spitzenwert für Lateinamerika darstellt, die Inflation liegt bei 3 Prozent (in Venezuela, zum Vergleich, bei 487 Prozent). Die Wirtschaft wuchs im Jahr 2016 bisher durchschnittlich um 2,7 Prozent, die Schuldenquote liegt bei 17 Prozent des BIPs. Aber bei der Lebenserwartungen tauschten Chile und Venezuela im Laufe der Jahrzehnte die Plätze. Heute lebt ein Chilene im Schnitt 82 Jahre, während ein Venezolaner auf 74 Jahre kommt. 

Dennoch werden diese und viele andere Erfolge, wie etwa eines der besten Demokratie-Rankings, von den Linken im Lande nicht gerne mit den Reformen der Pinochet-Ära in Verbindung gebracht. Im Gegenteil: Ein Lob des Marktreformismus gilt einem Lob der “faschistischen” Militärjunta gleich. Das “chilenische Modell” wurde also nie akzeptiert, da es unter Pinochet implementiert wurde.

Aufstieg des Sozialismus

Aus einer Vielzahl an Gründen, ist nun der Sozialismus in Chile wieder auf dem Vormarsch. Die extreme Linke in Chile gilt, nach Kuba, als die zweitradikalste in ganz Lateinamerika. Sie ist zwar nicht sehr populär in der Bevölkerung, lediglich 5 Prozent an Stimmen erhielten die Kommunisten bei den letzten Wahlen, dennoch kann sie ihre Anhänger gut mobilisieren. Zudem sind Kommunisten ein Teil der Regierungskoalition und können so Einfluss auf die Politik der Linkspräsidentin und Progressistin Michelle Bachelet nehmen. Das “chilenische Modell” wird, wie bereits erwähnt, als illegitim betrachtet und abgelehnt, auch wenn es funktioniert. Ähnliches gilt für die Verfassung, die, ganz in linker Mentalität, aktuell versucht wird umzuschreiben. 

Wie auch in westlichen Industrienation, so sind auch die Medien in Chile sehr linkslastig orientiert. Sie zeichnen das Bild einer frustrierten und unzufriedenen Bevölkerung, dies es so eigentlich gar nicht gibt. Zudem haben junge Menschen, die in einer freien Gesellschaft aufgewachsen sind, meist wenig Ahnung von den ökonomischen Misserfolgen der linken Allende-Ära.

Die Forderungen der Regierung, Bildung kostenlos zu gestalten, scheint in einem Schwellenland wie Chile geradezu utopisch. Mit 7 Prozent der Bevölkerung, die in Armut lebt, muss sich das Land auf nachhaltiges Wachstum, nicht Umverteilung konzentrieren, und hohe Steuern, Abgaben und Ausgaben auf lange Sicht reduzieren. 

Lahmende Rechte und Pinochet-Apologen

Natürlich sind auch die kleinen Regierungs-und Staatsbefürworter nicht schuldlos. Sie nahmen an, dass der “Kampf der Ideen” vorbei war und dachten, dass die positiven Ergebnisse des chilenischen Modells für sich sprechen würden. Keiner dachte aber daran, diese Ideen auch vor progressiven Kräften zu verteidigen. Mitte-Rechts Parteien wurden entweder mundtot gemacht oder sozialisiert. Wer immer sich nun für das “chilenische Modell” ausspricht, gilt als Pinochet-Apologe.

Trotz aller Pinochet-Verbrechen, funktioniert und gedeiht Chile. Dasselbe kann nicht von Venezuela gesagt werden, geschweige denn von Kuba. Es wäre schade, wenn Chile nun wieder den Canossagang des Sozialismus beschreiten würde, nur um sich krampfhaft von einem Regime abzugrenzen, welches das Land auf einen Weg zu Freiheit und Wohlstand brachte.

Ideen für vorliegenden Artikel von: Foundation for Economic Education

Beitragsbild: Cissa Ferreira/flickr (CC BY-ND 2.0)

Artikelbild: naturalflow/flickr (CC BY-SA 2.0)

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