Die geopolitischen Analysen vieler Politikwssenschafter befassen sich derzeit hauptsächlich mit den Brennpunkten und “Hot-Spots” internationaler Entwicklung. Dazu zählen vor allem der Nahe Osten (mit dem Iran, Jemen und Syrien), das südchinesische Meer und die Kaschmir-Region. Zu allen drei Bereichen haben wir hier bereits ausführliche Analysen dargelegt. Aber auch weniger bekannte und der Weltöffentlichkeit oftmals verborgene Regionen, Entwicklungen und Strategien bedürfen einer näheren Betrachtung. Während wir uns im November vergangenen Jahres mit dem Kanal von Mosambik bereits einem “Randthema” der internationalen Beziehungen widmeten, nähern wir uns nun der Arktis an, einer Region, die in den kommenden Jahrzehnten eine zentrale Rolle im Wettlauf um Rohstoffe, Einflusssphären und diplomatische sowie militärische Vormachtstellungen spielen wird bzw. bereits spielt. Den Beginn macht dabei der Anrainerstaat Kanada und dessen Artiks-Strategie. Künftig folgen Russland, die USA, Norwegen, Dänemark (Grönland) sowie die EU.

Die Arktis: Ein neuer “Goldrausch”?

In den letzten Jahren ist das Interesse der globalen Staatengemeinschaft an der Arktis, primär unter den Anrainerstaaten (und einigen, die keine sind, wie China), exponentiell gestiegen, so dass das geopolitische Klima der Region mittlerweile der Bedeutung ihres ökologischen Klimas ebenbürtig ist. Denn auf dem Spiel stehen nicht nur die Kontrolle über große, bisher unerschlossene Gebiete der Welt, sondern auch der Zugang zu neuen Handelsrouten und einer Fülle von noch ungenutzten Ressourcen, einschließlich Öl, Erdgas und Gold. Dies wird, so Studien diverser Umweltwissenshaftler, vor allem durch das Schmelzen der Eisschicht der Arktis begünstigt. (Fakt am Rande: Die Eisschicht der Antarktis wächst hingegen seit Jahren massiv an). 

Verdeutlicht wird die politische Brisanz dieser Region beispielsweise in den Kommentaren des US-Außenministers Mike Pompeo auf der Tagung des Arktischen Rates in Rovaniemi, Finnland, am 6. Mai 2019, wo viele dieser Punkte sowie die strategischen Interessen der Vereinigten Staaten in der Arktis hervorgehoben wurden. Diese Äußerungen gipfelten in dem abgebrochenen Besuch von US-Präsident Donald Trump in Dänemark, wegen des abgewiesenen Vorschlags, dass die Vereinigten Staaten das autonome Gebiet Grönlands unter Verwaltung Dänemarks kaufen würden. Obwohl dies in der internationalen Presse weitgehend lächerlich gemacht wurde, zielte der Schritt darauf ab, erhebliche chinesische Investitionen in der Arktis zurückzudrängen. Denn China hat in Grönland bereits massiv Fuß gefasst und versucht so im Rennen um die Arktis seine eigene Strategie auszuspielen. Die China Communications Construction Company (CCCC) bewirbt sich um den Bau der neuen grönländischen Flughäfen, während der Produktionsriese Shenghe Resources für Bergbau- und Seltenerdelemente (REE) fast 13 Prozent des REE-Bergbauprojekts Kuannersuit/Kvangefjeld kontrolliert. Alleine diese Projekte verbessern Chinas Position in der Arktis erheblich. Bis 2020 könnten schätzungsweise 5 bis 15 Prozent des chinesischen Handelswerts die Arktis passieren. Möglich wird dies vor allem durch die enge strategische Partnerschaft Chinas mit Russland beim Bau einer „Polarseidenstraße“, die die russische Nordseeroute mit der neuen Seidenstraßeninitiative (One Belt/One Road Initiative) verbindet. 

Nordpolarmeer Sektorenaufteilung.svgVon rdbImage:IBCAO_betamap.jpg, CC BY-SA 3.0, Link

Russland hat seinerseits ebenfalls sein Engagement für den Ausbau seiner Position in der Arktis bekräftigt. Anfang 2019 kündigte Wladimir Putin eine Zunahme des russischen Frachtschifffahrtsverkehrs auf den nördlichen Schifffahrtsrouten an, indem er zur Investitionen in die Schifffahrtsroute Murmansk-Kamtschatka aufrief. Zudem bekräftigte Putin laufende Projekte zur Modernisierung der militärischen Fähigkeiten Russlands in der Region. Viele strategisch wichtige Militärhäfen liegen an den Nordküsten Russlands, der Passage zur Arktis. 

Kanada und die Arktis: Nur die Zuschauerrolle 

Auf diesem hart umkämpften internationalen Terrain hat sich Kanada, als einer der größten Anrainerstaaten, in den vergangenen Jahren bestenfalls zu einem entfernten und marginalen Player entwickelt. Obwohl es dem geneigten Beobachter so erscheinen mag, als ob Kanada in der Lage wäre, seine geostrategischen Interessen im “eigenen Hinterhof” aufrechtzuerhalten, muss das Land in Wahrheit noch seine Ausgangsposition zur Arktis-Frage finden. Ungeachtet der Tatsache, dass die kanadische Arktis 40 Prozent des kanadischen Territoriums abdeckt, hat ein Ausschuss des kanadischen Unterhauses kürzlich Zweifel an der Fähigkeit des Landes geäußert, seine arktische Souveränität zu schützen und als Gründe ein Infrastrukturdefizit sowie eine unzureichende Außen- und Verteidigungspolitik angeführt. Das Versäumnis Kanadas, bei diesem wichtigen Vorhaben vergleichsweise bedeutende Fortschritte zu erzielen, liegt in seiner geopolitischen Position begründet, die das Land zwischen Isolation und regionaler wie internationaler Abhängigkeit schwanken lässt.

Ein Grund dafür liegt in der links-progressiven Außen- wie Innenpolitik Kanadas in den vergangenen Jahren. Diese hat zur Folge, dass man schlichtweg den Anschluss im Wettrennen um die Arktis verloren hat. Als der liberale Premierminister Justin Trudeau im Dezember 2016 den neuen Arktis-Plan der Regierung, den Arctic Policy Framework (APF), bekannt gab, der die “Nordstrategie “der früheren konservativen Regierung ablösen sollte, wurden Kanadas Arktisambitionen auf einen neuen Kurs gesetzt. Der Rahmen des Plans gilt für ein großes Gebiet im Norden Kanadas, darunter der Yukon, die Nordwest-Territorien, Nunavut, Inuit Nunangat, die Nunatsiavut-Region von Labrador, das Gebiet von Nunavik in Quebec und Nord-Manitoba, insbesondere die Stadt Churchill. Das Ziel kann allgemein als ein Versuch der regionalen Dezentralisierung beschrieben werden, welche der indigenen arktischen Gemeinschaften einen größeren Beitrag zur Schaffung diversifizierter Volkswirtschaften, zum Schutz der Umwelt und zum Aufbau neuer Infrastrukturen ermöglicht und gleichzeitig Fragen der Verteidigung, der Außenpolitik und des nationalen Interesses in den Zuständigkeitsbereich der zentralen Bundesregierung stellt

Wenn der politische Wille und die Kapazitäten fehlen

Seit seiner Ankündigung ist das Projekt eher eine lose Ideensammlung, ein zahnloser Papiervorschlag, als ein bewusst umgesetztes Programm. Eine Tatsache, die sich kanadischen Kommentatoren und Kritikern des Plans nicht entzogen hat. Diese Politik der Passivität und Untätigkeit hat sich bis weit in das Jahr 2019 hinein fortgesetzt. Am 19. März stellte die Regierung ein neues Bundeshaushaltsprogramm vor, das mehrere arktisspezifische Investitionszusagen in Höhe von insgesamt 700 Mio. USD enthielt, die hauptsächlich auf die Entwicklung und Unterstützung lokaler Gemeinschaften abzielten. Bei der kanadischen Bundestagswahl in etwas mehr als einem Monat ist es jedoch unwahrscheinlich, dass die skizzierten Investitionsziele mehr als ein Versuch waren, die Beziehungen zwischen der amtierenden liberalen Regierung und den indigenen Gemeinschaften, die sich seit dem SNC-Lavalin-Skandal rund um eine willkürliche Einflussnahme Trudeaus verschlechtert haben, wiederherzustellen. 

In jüngerer Zeit, am 10. September 2019, einen Tag vor dem offiziellen Beginn des Bundestagswahlkampfs, bekräftigte die liberale Regierung ihr Engagement für ihren APF-Plan, mit all seinen Versprechen in Bezug auf Gesundheit, Wirtschaft und Infrastrukturentwicklung. Skeptiker zweifeln jedoch an der Wirksamkeit und auch am ernstgemeinten Willen der links-liberalen Regierung, sich den Herausforderungen der kanadischen Arktis bewusst zu stellen, abseits lediglich auf dem Papier befindlichen, politischen Ziele, ohne den Anspruch, diese auch zu verwirklichen. Selbst wenn die kanadische Regierung die von der APF festgelegten Ziele verwirklichen könnte, ist es unwahrscheinlich, dass dies die Position Kanadas in der Region in irgendeiner Weise verbessern würde, denn die Überbetonung der Regierung für die lokale Entwicklung in der Arktis hat die Erwägungen des breiteren nationalen Interesses in dem Gebiet weitgehend in den Hintergrund gerückt. Entscheidend für die Entwicklung einer ernsthaften Arktispolitik sind Investitionen in die zivile und militärische Infrastruktur – zwei Bereiche, die ernsthaft fehlen. Derzeit gibt es in Kanada nur eine Straße, die das Land mit dem Arktischen Ozean verbindet: den unbefestigten Dempster Highway. 

Der einzige Tiefwasserhafen des Landes in der Arktis in Churchill, Manitoba, ist ebenfalls von fraglicher Tragfähigkeit. Im Mai 2017 machte eine Überschwemmung die lebenswichtigen Eisenbahndienste des Hafens funktionsunfähig. Zwischen 1997 und 2018 war die in den USA ansässige Transportinfrastruktur-Holding OmniTRAX Eigentümer sowohl der Hudson Bay Railway als auch des Hafens von Churchill. In Anbetracht der wirtschaftlichen Unmöglichkeit von Reparaturen, wurden der Hafen und seine Bahnanlagen im August 2018 von OmniTRAX an die Arctic Gateway Group, ein öffentlich-privates Konsortium aus AGT Food and Ingredients, Fairfax Financial Holdings und Mississippi Rail Limited Partnership, verkauft. Es ist kein Wunder, dass Kanadas Fußabdruck in der Arktis – im Vergleich etwa zu den USA oder Russland – so gut wie nicht existent ist. Und auch beim Erwerb von den immer wichtiger werdenden Eisbrechern ist Kanada drastisch zurückgefallen. Im Mai 2019 gab die kanadische Küstenwache den CCGS-Kapitän Molly Kool in Auftrag, einen mittelgroßen Eisbrecher mit Dieselantrieb. Es war das erste Schiff dieser Art, das seit 25 Jahren gekauft wurde, im Vergleich zu anderen Eisbrechern jedoch ein völlig unscheinbares Schiff. Denn die Landschaft wird zunehmend von großen Eisbrechern mit Atomantrieb dominiert, insbesondere von solchen, die in Russland eingesetzt werden. Hinzu kommt, dass Kanada keinerlei aktive militärische Präsenz in der Arktis besitzt.

Ein Staat isoliert sich diplomatisch 

Das Versäumnis der kanadischen Regierung, sich in der Arktis materiell und folglich strategisch zu profilieren, wurde durch die sich verschlechternde internationale Position des Landes noch weiter verstärkt. Die ideologischen Unterschiede zwischen dem Premierminister und bekennenden Weltbürger Justin Trudeau und dem „America First“ -US-Präsidenten Donald Trump werfen zweifellos einen persönlichen Schatten auf die Beziehungen zwischen Kanada und die USA, aber die Beziehungen haben auch in realer Hinsicht gelitten. Das Kanada-USA-Mexiko-Abkommen (CUSMA), das neue trilaterale Handelsabkommen, dass das nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) ersetzen soll, hat dafür gesorgt, dass der wirtschaftliche Wohlstand Kanadas langfristig auf Kosten eines Nettonutzens für die USA leiden wird. Die nationale Landwirtschaft und die Milchindustrie werden voraussichtlich die Hauptlast dieses Rückgangs tragen. Insbesondere in Bezug auf die Arktis hat Kanadas „ältester Partner“ die Gebietsansprüche Kanadas offen missachtet. Die außenpolitische Schwäche fordert gerade hier ihren Tribut. 

US-Außenminister Mike Pompeo hat die kanadischen Ansprüche an die Nordwestpassage auf einer Tagung des Arktischen Rates im Frühjahr dieses Jahres sogar als “unzulässig” bezeichnet, entgegen einem jahrzehntelangen Abkommen, das Kanada berechtigt, diese Passage und sein Meer als Teil seines Hoheitsgebiets auszuweisen. Die Vereinigten Staaten bestreiten auch eine andere Offshore-Abgrenzung in der Beaufortsee, entlang des 141. Meridians zwischen Yukon und Alaska, einem Gebiet, das für seine reichen Erdöl und Erdgasvorkommen begehrt  und daher von Bedeutung ist. Diese Grenzstreitigkeit (ausschließlich zu Wasser) zwischen den beiden nordamerikanischen Staaten schwillt bereits seit Jahren. Angesichts der oben genannten Mängel in seiner arktischen Infrastruktur, ist es unwahrscheinlich, dass Kanada irgendetwas unternehmen kann, um die USA daran zu hindern, seine Souveränitätsansprüche in der Region einzudämmen, jetzt und auch künftig.

Und auch mit einem weiteren Arktis-Konkurrenten steht sich Kanada momentan diplomatisch nicht sehr gut. Die Rede ist von China. Der Zusammenbruch der Beziehungen zwischen Kanada und China, insbesondere im Zusammenhang mit den anhaltenden geopolitischen Auseinandersetzungen zwischen den Vereinigten Staaten und China, ist ein weiteres alarmierendes Zeichen in Hinblick auf die zunehmenden Ansprüche des Reiches der Mitte auf die Arktis. Anfang Dezember 2018 kam es zum ersten Mal zu Spannungen zwischen der kanadischen Regierung und der Volksrepublik China, als Kanada Meng Wanzhou, den Finanzvorstand von Huawei, festnahm. Seitdem hat sich die Situation erheblich verschärft, da China wiederum eine kleine Anzahl kanadischer Staatsbürger auf seinem Territorium festgenommen hat, was die kanadische Regierung als Vergeltungsmaßnahme interpretiert hat. Trotz der Ernennung von Dominic Barton, einem ehemaligen globalen Geschäftsführer von McKinsey & Company, zum neuen kanadischen Botschafter in China am 5. September 2019, ist es unwahrscheinlich, dass sich die Beziehungen zwischen Kanada und China in naher Zukunft verbessern werden.

Ebenso sind die Beziehungen Kanadas zu Russland zum Erliegen gekommen. Das Verhältnis zwischen den beiden Ländern hat sich seit der Ukraine-Krise 2014 stetig verschlechtert, als die ehemalige konservative Regierung unter dem damaligen Premierminister Stephen Harper Sanktionen gegen Russland verhängt und eine Reihe von Gegenmaßnahmen eingeleitet hat, darunter ein Reiseverbot. Das Außenministerium verbietet beispielsweise der derzeitigen kanadischen Staatsministerin Chrystia Freeland die Einreise nach Russland. Ähnlich wie in den Beziehungen zu China, ist auch in den Beziehungen Kanadas zu Russland keine Besserung zu erwarten. Angesichts des Wettbewerbs in der Arktis, ist das Fehlen eines Durchbruchs an dieser Front in Hinblick aif das des Potenzial gemeinsamer kanadisch-russischer strategischer Interessen in der Region besonders entmutigend. Alison LeClaire, die leitende Arktisbeamtin bei Global Affairs Canada, hat darauf hingewiesen:

„In Bezug auf die Zusammenarbeit mit Russland muss man sich nur eine Karte des zirkumpolaren Nordens ansehen, um zu verstehen, warum es in unserem Interesse ist, mit ihnen zu arbeiten. Gemeinsam teilen wir 75 Prozent des arktischen Raums […] Russlands militärische Präsenz in der Arktis ist immer noch viel bescheidener als in den 1980er Jahren. Kanada sieht keine unmittelbare militärische Bedrohung in der Arktis, aber wir bleiben wachsam und arbeiten mit unseren Verbündeten und Partnern daran, die Arktis als Zone des Friedens und der Zusammenarbeit zu erhalten, ein Ziel, das wir mit Russland teilen. “

Dieses besonnene Denken hat sich allerdings bisher in keinen aktiven politischen Ansatz verwandelt. Kanadas Zugriff auf sein beträchtliches arktisches Territorium und die darin enthaltenen Ressourcen ist daher nach wie vor gering. Die bevorstehende Wahl hat die Politik der Arktis erneut in den Hintergrund gerückt, und jede Regierung, die nach dem 21. Oktober inauguriert wird, muss sich mit Defiziten in der zivilen und militärischen Infrastruktur der Region von mindestens einigen Jahrzehnten auseinandersetzen. Darüber hinaus muss eine neue Regierung unbedingt die Beziehungen zu regionalen Partnern reparieren, um die wachsenden Turbulenzen in der geopolitischen Lage der Arktis erfolgreich bewältigen zu können. Im Kern liegt das Problem der kanadischen Arktispolitik oder deren Fehlen jedoch in ihrer Bindung und Abhängigkeit an westliche Sicherheits- und Integrationsmodelle und insbesondere an ihren traditionellen Verbündeten, die Vereinigten Staaten. Diese Abhängigkeit hat jegliche einfallsreiche Herangehensweise an die Außenpolitik effektiv gebremst, insbesondere wenn sich die Politik mit den Anliegen der Arktis überschneidet. In der gegenwärtigen Situation besteht für Kanada die Gefahr, dass sein “Hinterhof” an der Spitze einer Konfrontation zwischen diversen Supermächten steht.

Im nächsten Teil dieser Reihe untersuchen wir die Arktis-Strategie Russlands.

Ideen für vorliegenden Beitrag von globalresearch.com 

Beitragsbild: US Embassy Canada/flickr, gemeinfrei

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