Über ein intrigantes System und den wahren Kern von Verschwörungen 

Expressionistische Dramatik gepaart mit Thrillerelementen, Film Noir und einem Flair von Franz Kafkas Leben und Wirken. All das verkörpert Steven Soderberghs “Kafka”, den er als Ort des Geschehens – kaum verwunderlich – in der Prager Altstadt der 1910er Jahre ansiedelt. In dem kaum bekannten Film werden zentrale Elemente von “Verschwörungstheorie”, staatlicher Intrige und behördlicher Willkür angesprochen, zudem ist er ein schonungslose Abrechnung mit bürokratischen Strukturen, die entmenschlicht und geradezu inhuman agieren und walten. Gedreht wurde der Film fast ausschließlich in schwarz-weiß, was ihm eine gewisse Dramatik und Tiefe verleiht, die den Zuseher sehr bald in eine spannungsgeladene Stimmung versetzt. 

Elemente aus Kafkas Romanen vermischen sich im Laufe des Films mit der eigentlichen Handlung. So ist der Hauptprotagonist Kafka (brillant verkörpert durch Jeremy Irons) ebenfalls Schriftsteller, hat ein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater, arbeitet in einer Verwaltungsbehörde, scheint ein tristes und monotones Leben zu führen und erlebt immer wieder bruchstückhafte Szenen aus den Romanen des realen Vorbilds. 

Die Rahmenhandlung des Films dreht sich um die Ermordung eines guten Freundes und Arbeitskollegen Kafkas, wobei zunächst von einem Selbstmord die Rede ist. Sowohl der Arbeitgeber als auch die Polizeibehörden beharren auf der These des Freitodes. Doch Kafka ahnt, dass hinter den offiziellen Erläuterungen noch mehr stecken könnte. Etwas ist an der ganzen Sache unklar und faul und das unangenehme Gefühl einer Verschwörung auf der Spur zu sein, dringt immer tiefer in sein Alltagsleben ein. Es ist eine Verschwörung die sich überall erahnen lässt aber dennoch nie greifbar wird. Kafka gerät schließlich über die Geliebte des Ermordeten auf die Spur einer Art revolutionär-politischen Guerillatruppe, derer der ermordete Freund angehörte. Die Mitgliedschaft in dieser dürfte ihm das Leben gekostet haben. Immer tiefer gerät der Hauptprotagonist folglich in den Sumpf und Morast willkürlicher staatlicher Gewalt und Überwachung, die zunächst nur die Widerstandskämpfer, bald auch aber ihn selbst betrifft. Eng verknüpft ist damit auch immer seine Tätigkeit in der namenlosen (Versicherungs-)Behörde, die im Auftrag des “Schlosses” (einer vermeintlichen Abstraktion des allmächtigen Staates) tätig ist. Kafkas Weltbild gerät allmählich ins Wanken und nichts scheint mehr wie es zuvor war. Die “heile Welt” der Konformität stürzt wie ein Kartenhaus ein und hinterlässt Selbstzweifel, Angst und Abscheu.

Kafka beschließt schließlich, nachdem er sich der Erkenntnis der weitreichenden Verschwörung ergeben hat und an seiner inneren Zerrissenheit ob dieser Wahnsinnig zu werden droht, den Dingen auf eigene Faust auf den Grund zu gehen und die ominöse Quelle des Unheils, das “Schloss”, aufzusuchen. Er will die hässliche Fratze der Intrige demaskieren. Im Schloss angekommen, entdeckt er bald die Ursache aller Geheimnisse und die Pläne des entmenschlichten Staatsapparates: Es ist die Kulmination der Moderne in abstrakter und nicht mehr nachvollziehbarer Strebsamkeit nach kontrollierter und absoluter Macht über das Individuum. Alles läuft auf die “Züchtung” eines effizienteren, vollends kontrollierten Menschen hinaus. Diesem Vorhaben wird sich schließlich auch der Hauptprotagonist nicht entziehen können. Kafka scheitert und mit ihm scheitert auch die Menschheit symbolisch. Trotz der Erkenntnis ob der Verschwörung, des Hintergangenwerdens und der Inhumanität, laufen die Dinge weiterhin wie gehabt in ihren disziplinierenden Bahnen. Der Mensch bleibt Verdammt, ein Dasein als experimentelles Produkt der Unterdrückung zu fristen. 

Kafka (98 Min.) – Regie Steven Soderbergh (1991, Frankreich/USA)

Beitragsbild: Roman Boed/flickr (CC BY 2.0)

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