Die Wege des Herren in einer “gottlosen Gesellschaft”
Jugend ohne Gott, Roman von Ödön von Horváth (1937)

Den meisten Menschen ist “Er” womöglich in manchen Situationen ihres Lebens in der ein oder anderen Form erschienen, nahe gewesen oder auch entglitten. Er kann Anker- oder auch Streitpunkt sein, Ausrede oder Ideal der Ignoranz. Die Rede ist von Gott, um dessen scheinbar unergründliche Wege es sich in Ödon von Horváths wohl berühmtesten Stück “Jugend ohne Gott” dreht. Ein verschachteltest Schauspiel, dass den Finger in viele Wunden legt, gesellschaftliche Risse verdeutlicht und hinter die Fassade einer Zeit blickt, der die Verrohung als höchstes Gut gilt.

Im Zentrum des Handelns steht ein gewöhnlicher Lehrer, gefangen im Strudel einer Zeit, die sich vom Krieg erholt, nur um sich wieder für einen neuen zu rüsten. Jener Lehrer ist in einer selbstverursachten Desillusion ob seines Berufes gefangen, die sich vor allem aus der geistigen und moralischen Verrohung seiner Schüler speist, die wiederum nur als Werkzeug und Schablone einer kriegslüsternen, gewalttätigen und teilnahmslosen Gesellschaft fungieren. Der Lehrer beschließt, ob seiner Frustration und nach einer anregenden Diskussion mit einem Pfarrer, Gott (an den er eigentlich nicht wirklich glauben möchte) und seinen Plänen einen “Strich durch die Rechnung” zu machen. Doch die Rechnung hat er eben ohne Gott gemacht, der die Schüler seiner Klasse kurzerhand zum Instrument der Selbstheilung des Lehrers werden lässt. Zumindest einige der Schüler und ihre Tugenden, moralischen Defizite, Gewaltphantasien und Träume. Es sind junge Erwachsene, verloren in der Suche nach Liebe, Zuneigung, Verständnis, Perspektiven und Führung. Motive, die heute ebenso wie in der Zwischenkriegszeit keine Aktualität eingebüßt haben.

Letztlich siegt in dem Roman die Wahrheit, das gute Gewissen, die “göttliche Einsicht”. Sie erlöst nicht nur den Lehrer von seinen Leiden, sondern auch die Schüler und so manch andere verlorene Seele. Am Ende zeigt sich aber auch das Drama in voller Blüte: Eine Gesellschaft, die in ihrer Sensationslust den Verfall zelebriert. Gestern wie heute.

Beitragsbild: YgGzA3zf2rznUQ at Google Cultural Institute/Wikimedia, gemeinfrei

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