Lange Zeit war es ein offenes Geheimnis: Israel ist eine Atommacht, besonders in militärischer Hinsicht. Ein nun von der Gruppe DCLeaks enthüllter und veröffentlichter Email-Verkehr des ehemaligen US-Verteidigungsministers Colin Powell, gibt einen kleinen Einblick in die wahre Macht des Nah-Ost-Staates. Über rund 200 Atomsprengköpfe soll das Land verfügen, zumindest nach Informationen von Powell. Man kann aber davon ausgehen, dass selbst der ehemalige US-Verteidigungsminister nicht über die gesamte Kapazität der israelischen Armee und deren Waffensysteme im Bilde war.

Eine geleugnete Tatsache

Die Tatsache, dass Israel über Atomwaffen verfügt ist seit Dekaden ein offenes Geheimnis. Dennoch bemühen sich amerikanische wie israelische Offizielle und Politiker immer wieder das Gegenteil zu behaupten beziehungsweise den Unwissenden zu spielen. Offiziell gilt Israel nicht als Atommacht, ist also auch nicht Vertragspartner des Atomwaffensperrvertrages, welcher die Abrüstung von Kernwaffen sowie das Recht auf die „friedliche Nutzung“ der Kernenergie beinhaltet.

Bereits seit 1948, also den Gründungsjahren des Staates Israel, wird über den israelischen Besitz von Atombomben spekuliert. Damals wurden die Anschuldigungen von dem palästinensisch-amerikanischen Politikwissenschaftler Ibrahim Abu-Lughod erhoben. 1952 empfahl der Vorsitzende der Israelischen Atomenergie-Kommission, Ernst David Bergmann, öffentlich den Bau von Atombomben. Seither unterstützen primär die USA und Frankreich den Ausbau der Atomwissenschaft in Israel, sowohl finanziell als auch logistisch. Offiziell handelte es sich um „Forschungsreaktoren“ zum Zwecke der Erforschung und Energienutzung, doch ein eigens eingerichteter Geheimdienst zur Überwachung der Aktivitäten und die strenge Geheimhaltung nährten die Spekulationen über den Bau von Atomsprengköpfen. Dies belegen auch Lieferungen von Uran über Zwischenhändler nach Israel.

1967 bereits die erste „Bombe“, 1973 fast deren Einsatz?

Nachforschungen des Spiegel zufolge, soll Israel erstmals 1967 im Besitz einer Atombombe gewesen sein. Kenntnis darüber hatten nahezu alle westlichen Staaten. Deutschland dürfte den Bau sogar über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (damals für den Bau einer atomar betriebenen Meerwasser-Entsalzungsanlage gedacht) mit einem Millionenkredit mitfinanziert haben, denn die erwähnte Anlage wurde nie gebaut, das (nicht zweckgewidmete) Geld jedoch verschwand.

Wie leichtfertig Israel mit seiner atomaren Macht umspringt, wurde 1973 im Zuge des Jom-Kippur-Krieges deutlich. Als eine militärische Niederlage gegen die arabische Allianz drohte, ordnete der damalige Ministerpräsidentin Golda Meir die Gefechtsbereitschaft der Sprengköpfe an. Nur durch eine massive US-amerikanische Militärhilfe für das israelische Militär konnte ein Atomkrieg im Nahen Osten verhindert werden.

Negev nuclear research center derivate.pngIsraelische Atomanalge: Negev Nuclear Research Center, Dimona, Oktober 2010

Im Laufe der Jahre gab es immer wieder Indizien für die Existenz israelischer Atomwaffen, etwa als 1985 der israelische Nukleartechniker Mordechai Vanunu diese, neben der Existenz von Wasserstoffbomben und Neutronenbomben, öffentlich bestätigte. Dafür kam der Israeli für 18 Jahre ins Gefängnis.

Das Atomprogramm und der Clinch mit dem Iran

Heute dürfte die Entwicklung der Atomwaffen in Israel weit fortgeschritten sein. Die Anzahl wird mit 200 bis 400 Sprengköpfen beziffert. Diese sollen allesamt auf „den Iran gerichtet“ sein. Vor allem zahlreiche U-Boote sind mittlerweile mit nuklear bestückbaren Marschflugkörpern ausgestattet. Eine Kontrolle der Atomanalagen durch internationale Inspekteure wird ebenso strikt abgelehnt wie die Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrages. Aber auch die Biowaffenkonvention haben die Israelis nicht unterzeichnet, die unterzeichnete Chemiewaffenkonvention hingegen nie ratifiziert.

Geradezu heuchlerisch mutet daher die harte Linie im „Atomstreit“ mit dem Iran an. Seit Jahren spricht sich Israel vehement gegen die Nutzung der Atomenergie in dem islamischen Staat aus. Auch mit Präventivschlägen wurde bereits gedroht, die Sabotage zahlreicher Industrieanlagen für den Atomsektor im Iran dürfte ebenso auf das Konto des Mossad gehen, wie die Tötung einiger hochrangiger iranischer Wissenschaftler. Hintergrund ist die israelische Befürchtung vor einem atomar bewaffneten Erzfeind, welcher der Iran erklärtermaßen ist. Unklar ist natürlich ob der Iran sein Atomprogramm friedlich oder für die Produktion für Waffen benutzen wird. Die USA, als engster Verbündeter und Financier der Israelis, stieß das Land jedenfalls vor den Kopf, als mit dem Iran 2015 ein Deal zur Nutzung der Atomenergie, unter Aufsicht des Auslandes, ausgehandelt wurde.

Israel kritisiert, woran es sich selbst nicht hält

Dabei kritisiert Israel Dinge, an die es sich selbst nicht hält. Bis heute bestätigte man die Existenz israelischer Atomwaffen nämlich nicht, auch internationalen Beobachtern verwehrt man den Zutritt zu den Anlagen. Der Vorwurf, der Iran bastle an der Atombombe, wurde sogar von US-Geheimdiensten ausgeräumt. Diese sehen keine stichhaltigen Beweise dafür, dass der Iran Atomwaffen baue oder bauen wolle. Dennoch üben israelische Streitkräfte regelmäßig die Sabotage iranischer Atomanalagen, notfalls auch mittels Kernwaffen.

Avraham Burg, früherer Parlamentspräsident und ehemaliges Mitglied des Außen- und verteidigungspolitischen Ausschusses der Knesset, bestätigte 2013, dass Israel Atom- und Chemiewaffen besitze. Die Politik, welche den offensichtlichen Sachverhalt nicht eingesteht, sei „überholt und kindisch“. Nur ein „regionaler Dialog auch mit dem Iran“ helfe, das Ziel eines atomwaffenfreien Nahmittelostens zu erreichen, so Burg.

Die Militarisierung Israels wird ungeachtet dessen weitergehen. Erst kürzlich verabschiedete die US-Regierung unter Barack Obama noch schnell vor dessen Abtritt ein 38 Milliarden US-Dollar schweres Militärhilfspaket für Israel. Für den Zeitraum von einem Jahrzehnt fließt Militärhilfe zum Zwecke der „Sicherung des qualitativen Vorsprungs seiner Armee gegenüber den potentiellen Feinden in der Region“. Vieles von dem Geld wird sicherlich auch in den Ausbau des Nuklearwaffenarsenals fließen. Man darf gespannt sein wie dieses, im wahrsten Sinne des Wortes, explosive Experiment weitergehen wird…

Artikelbild: Eynbein/Wikimedia, Gemeinfrei

Beitragsbild: Daniel Borman/flickr (CC BY 2.0)

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