Die prophetische Vision eines entgrenzten, empathielosen Systems
»In der Strafkolonie«, Erzählung von Franz Kafka (1914)

Kafka lieferte mit der Strafkolonie eine kurze, verstörende, vor Rohheit strotzende Erzählung über die Auswüchse eines Unterdrückungsapparates und den Folgen für das eigene Denken und Handeln. Hintergrund dürfte der Ausbruch des ersten Weltkrieges gewesen sein, denn das Werk entstand im Oktober 1914. Es gilt daher als Art “prophetischer Text”, der den Schrecken der kommenden Kriegsjahre zugespitzt zur Schau stellte.

Die Erzählung fokussiert sich auf einen namenlosen, hochrangigen Forschungsreisenden aus Europa, der eine Strafkolonie auf einer unbekannten Insel zwecks Recherche besucht. Niemand der Protagonisten, die der Reisende später trifft, trägt einen Namen. Alle werden stets über ihre Tätigkeit oder ihren aktuellen sozialen Status definiert und unterschieden. Ein Offizier der Strafkolonie lädt den Reisenden am Beginn der Geschichte ein, der Exekution eines Verurteilten beizuwohnen. Ort des Geschehens ist ein abgelegenes, vermutlich in der Wüste befindliches Tal. Hier setzt bereits das erste Unwohlsein für den Leser der Erzählung an: Der Reisende kommt der Einladung ohne weiters nach, in dem Wissen, den Tod eines Menschen mit anzusehen.

Die Foltermaschinerie

Geradezu gleichmütig beobachtet der Reisende folglich den Offizier, wie dieser seine Folter- und Tötungsmaschine auf deren Tauglichkeit hin überprüft. Kein Protest, keine Intervention. Der Apparat, wie überhaupt die ganze Kolonie, als ein geschlossenes Rechtssystem, ist eine Erfindung des früheren Kommandanten, dessen Lebenswerk der Offizier nach dessen Tod vehement verteidigt und zu retten versucht, denn der neue Kommandant ist wenig angetan von der barbarischen Lynchjustiz. Dem Reisenden wird folglich die Funktion der Foltermaschine ausführlich erklärt. Es gibt ein Bett auf dem der Verurteilte festgemacht wird, einen Zeichner, der nach Vorlagen arbeitet, und eine Egge, die dem zu Tötenden mit spitzen Nadeln die Vorlage in der Körper bohrt.

Angesichts der Umstände beginnt der Reisende gar den Offizier für seine standhafte Überzeugung und sein Auftreten zu bewundern, während er sich um den Verurteilten und einen beteiligten Hilfssoldaten kaum zu kümmern scheint. Das Ziel der Maschinerie ist jedoch klar: Ein möglichst langsamer und schmerzhafter Tod. Erst als dem Reisenden offenbart wird, dass es keinerlei juristischen (Vor-)Prozess gibt, der Offizier also als absolutistischer Richter und Henker agiert, der Verurteilte zudem seine Strafe gar nicht kennt, beginnt ein langsames Umdenken.

Das Selbstopfer des Offiziers

Dennoch interveniert der Reisende nicht. Zwar bleibt im Laufe der Erzählung kein Zweifel daran, dass dieser die Prozedur ablehnt und nicht bereit ist, den Offizier in dessen Strategie für die Erhaltung des Hinrichtungsapparates gegenüber dem neuen Kommandanten zu unterstützen, doch ist von Empörung nicht viel zu merken. Der Reisende wirkt wie ein entgrenzter, in rationalistischer Kälte verharrender Beobachter. Das empathielose Zuschauen bei der folgenden Hinrichtung des Verurteilten, wirkt verstörend und gleichzeitig als Sittenbild einer verrohten und teilnahmslosen Gesellschaft, die nur auf das eigene Wohl bedacht ist, koste es was es wolle. Die Tötungsmaschine ist wiederum eine Metapher für den unmenschlichen Modernismus und dessen Auswüchse:

“Und nun begann die Exekution! Kein Mißton störte die Arbeit der Maschine. Manche sahen nun gar nicht mehr zu, sondern lagen mit geschlossenen Augen im Sand; alle wußten: Jetzt geschieht Gerechtigkeit.”

Angesichts der Einsicht des Offiziers, das Werk der Maschinerie zukünftig wohl nicht mehr ausführen zu dürfen, auch weil der Reisende eine Unterstützung der Praktik vor dem neuen Kommandant verwehrt, opfert sich dieser selbst. Er lässt den Verurteilten frei und programmiert den Zeichner mit dem Gebot “Sei gerecht”. Noch im Tod blicken die Augen des Offiziers ruhig und überzeugt. Letztlich besucht der Reisende mit dem Hilfssoldaten und dem Verurteilten das Grab des alten Kommandanten. Dort wird dessen Rückkehr und Wiedereroberung der Kolonie prophezeit.

Das abrupte Ende

Das Ende lässt den Leser ebenso unwohl zurück, wie der Rest der Erzählung, die das schockierende Moment mit einem absolut selbstverständlichen Tonfall erzählt. Der Reisende geht zum Hafen und chartert ein Boot, das sofort ablegt. Der Soldat und der Verurteilte wollen sich ihm anschließen, aber der Reisende hindert sie daran. Womöglich um den Wahnsinn dieser Kolonie nicht in “seine Welt” zu transportieren, der in Wirklichkeit dort seinen Ursprung nahm. Oder auch um das notwendige Überschreiten der Grenzen der jeweiligen Lebenswelt unmöglich zu machen. Die Erlösung ist nicht woanders, sondern nur in sich selbst zu finden.

Am Ende gibt es keinen Verbündeten und kein Entkommen. Jeder ist sich selbst der Nächste. Die Naivität der Protagonisten erlaubt es kaum, mit einem dieser zu sympathisieren. Es ist auch nicht die Lust am Quälen noch Hass oder Verachtung für den Angeklagten, die den Offizier das tun lässt was er tut. Nicht der Zynismus der Macht spricht aus seinem Lob für die Maschinerie und seinen Erfinder, sondern eine echte Begeisterung, die aus der Überzeugung von dem Sinn der Einrichtung entspringt: Der fanatische Glaube an die “gerechte Sache”. Der Reisende macht sich durch sein teilnahmsloses Beteiligtsein fast noch schuldiger als der Vollstrecker.

Beitragsbild: © Mario Wondrak/derwondrak.at


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