“Wenn ich mich frage, was ich denn eigentlich und wirklich haben möchte und mir wünschte: so wäre es — viel Geld, um in einer Folge schwerster sexueller Excesse, sinnloser Saufereien und dementsprechender Gewalthändel endgültig unterzugehen. Statt dessen hab’ ich das weitaus gewagtere Abenteuer der Tugend gewählt.” So notierte es der Wiener Schriftsteller Heimito von Doderer im Jahre 1951 in sein Tagebuch. Das Leben des Tugendhaften versuchte Doderer Zeit seines Lebens so gut wie nur möglich zu verinnerlichen und nach Außen zu tragen. Er war einer der letzten großen österreichischen Schriftsteller, der im Schatten aber auch in der Tradition von literarischen Größen wie Robert Musil, Arthur Schnitzler, Stefan Zweig und Joseph Roth zu spätem, jedoch schnell wieder vergessenem Ruhm mit seinen “Wiener Romanen” gelang. Seine Werke waren noch geprägt von dem Hauch des alten k.u.k-Flairs, den gesellschaftlichen Umbrüchen in der Zwischen- und Nachkriegszeit, den irdischen Verfehlungen der Herrscher und Machthaber sowie dem verträumten Sinnieren eines Wiener Schriftstellers im Angesicht des Unheils. Wie viele Werke der bedeutendsten Nachkriegsautoren, waren auch jene Doderers untrennbar mit dem habsburgischen Mythos der Donaumonarchie verknüpft. Dieses Portrait soll einen fast Vergessenen der österreichischen Literatur würdigen, dessen Todestag sich am 23. Dezember zum einundfünfzigsten Male jährt.

Die jungen Jahre Doderers

Von Doderer wurde 1896 als jüngster von sechs Kindern in eine wohlhabende Familie in Weidlingau bei Wien geboren. Der Vater war angesehener Architekt – er wirkte an zahlreichen Großprojekten seiner Zeit mit, wie der Wienflussregulierung, der Wiener Stadtbahn (heutige U6), der Karawankenbahn oder dem Nord-Ostsee-Kanal. Vom Großvater Carl Wilhelm Christian Ritter von Doderer erbte man den Adelstitel, den Heimito von Doderer in Österreich auch nach 1919 als Künstlernamen behalten durfte. Nach einem begonnen Jus-Studium, rückte Doderer in die k.u.k.-Armee ein, wo er als Infanterist im ersten Weltkrieg unter anderem in Galizien und in der Bukowina für seine Heimat kämpfte. 1916 geriet der junge Student in russische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Verlegung in ein Straflager nach Sibirien, beschloss Doderer Schriftsteller zu werden. In der Gefangenschaft entstanden erste Texte des angehenden Schriftstellers. Beispielsweise der posthum veröffentlichte Text Die sibirische Klarheit.

1918 sollte Doderer mit anderen Kriegsgefangenen im Zuge von Friedensverträgen eigentlich die Heimreise nach Österreich antreten, doch in den Wirren der marxistischen Revolution in Russland, wurden diese Pläne durchkreuzt. Nach einer langen Flucht und Zwischenstationen in vielen Gefangenenlagern, gelang es dem Schriftsteller schließlich 1920 wieder nach Wien zu kommen. Doch die Stadt, das ganze Land war ein anderes, als er es noch bei seinem Weg in den Krieg verlassen hatte. Den Kaiser gab es nicht mehr, ebenso wenig das Lebensgefühl des habsburgischen Vielvölkerstaates. Heimito von Doderer kehrte in eine innerlich zerrissene Republik zurück, die weder lebensfähig noch lebenswillig war und jederzeit vor einem Bürgerkrieg stand. Apologeten und Ideologien ersetzten den Glauben an das Heil des Vielvölkerstaates. Schließlich wechselte Doderer in dieser Zeit zum Studium der Geschichte und der Psychologie. 

Es war schließlich im Jahre 1923, als Doderer sein erstes Werk veröffentlichte, den Gedichtband Gassen und Landschaft. 1924 folgte der Roman Die Bresche. In seiner 1925 abgelegten Promotion zeichnete sich die bürgerlich-konservative Einstellung des Schriftstellers erstmals klar ab. Die Dissertation trug den Titel Zur bürgerlichen Geschichtsschreibung in Wien während des 15. Jahrhunderts.

Ausbleibende Anerkennung in der Zwischenkriegszeit

In der Zwischenkriegszeit gelang es dem von Literaturkritikern oftmals “Großstadtromacier” genannten Wiener Schriftsteller kaum Bekanntheit mit seinen Werken zu erlangen. Verknüpft mit dem fehlenden Ruhm und der ausbleibenden Anerkennung, war auch ein bescheidenes Bestreiten seiner Existenz . Auch der 1930 erschienen Roman Das Geheimnis des Reichs änderte daran nicht viel. Sein Privatleben dürfte zu dieser Zeit umso turbulenter verlaufen sein, wie Historiker immer wieder anmerken. Doderer soll zunehmend von “rassistischen und antisemitischen” Charakterzügen geprägt gewesen sein, weshalb auch seine erste Ehe zu dieser Zeit scheiterte. 1933, im Jahr sozialistischer Revolutionsbestrebungen in Österreich, schloss sich Heimito von Doderer der NSDAP an. Dieser Schritt dürfte vor allem dem Druck seiner Schriftstellerkollegen und seiner Schwester geschuldet gewesen sein. Denn mit seiner Hinwendung zum Katholizismus, entfernte sich Doderer immer weiter von der nationalsozialistischen Ideologie. Nach dem Krieg erklärte er seine Mitgliedschaft bei der NSDAP als “barbarischen Irrtum”. In seinen späteren Werken sollte Doderer immer wieder die Versuche von totalitären Ideologien anprangern, den unvollkommenen Menschen in einer unvollkommenen Welt durch Verblendung scheinbar vollkommen zu machen. 

Doderer nahm ab 1939 Katechetenunterricht beim Jesuitenpater Ludger Born, dem späteren Leiter der “Erzbischöflichen Hilfsstelle für nichtarische Katholiken”. Sein 1940 erfolgter Übertritt zum Katholizismus brachte dem Schriftsteller insbesondere Thomas von Aquin und dessen Ideen näher, die in der Folge in Doderers Werk einen deutlichen Niederschlag fanden. Andere wichtige geistige Einflüsse waren Leben und Werk des Franz von Assisi oder Der Untergang des Abendlandes von Oswald Spengler. Der “Kulturprotestant” fand so zum katholischen Realismus. 

Noch im Jahr 1938 erschien Doderers erster breitenwirksamer Roman Ein Mord, den jeder begeht. 1940 wurde der Schriftsteller in die Wehrmacht eingezogen, 1945 gelangte er in  Norwegen in die Kriegsgefangenschaft, 1946 wurde er nach Wien entlassen.

Später Ruhm für einen konservativen Gentleman

Es war vor allem die nationalsozialistische Vergangenheit, aber auch seine katholisch-konservative Wertvorstellung, die Heimito von Doderer in der heimischen Literatur- und Schriftstellerszene zu einem roten Tuch avancieren ließ. Die Rezeptionsgeschichte dieses großen Literaten, ist dem progressiven 68’er Zeitgeist zum Opfer gefallen. Kaum jemandem außerhalb des Literaturbetriebes – möglicherweise noch dem ein oder anderen Literaturliebhaber – ist der Name Heimito von Doderer heute noch ein geläufiger Begriff. An Schulen wie Universitäten wird über den einstmals angesehenen Großstadtromancier, dem eine Zeit lang auch der Literaturnobelpreis nachgesagt wurde, ohnehin nicht gelehrt. Seine am Reißbrett geplanten und stets ins Epische driftenden Geschichten gerieten in Vergessenheit. Möglicherweise auch weil sie in einer gottlosen Zeit, die Vollendung in Gott propagierten. Dabei befindet sich Doderers vergessenes Andenken durchaus in bester Gesellschaft. Man denke nur an Ernst Jünger, Ernst Nolte oder Nicolás Gómez Dávila.

Seine größten Werke schrieb der Schriftsteller nach dem zweiten Weltkrieg nieder, darunter Die Dämonen – als Anspielung auf die Unordnung der Zwischen- und Nachkriegszeit unter der Leitung von “Dämonen” – oder das berühmteste Die Strudlhofstiege, ein gewaltiges Gesellschafts- und Geschichtspanorama der typischen Wiener Lebens- und Eigenart in den Nachkriegsjahren. In Die Menschwerdung des Amtsrates Julius Zihal (1951), reichte der Schriftsteller an literarische Vorbilder aus der glanzvollen k.u.k-Zeit heran, in dem er Einblick in die klassisch österreichische Beamten- und Bürokratieseele gewährte. Doderer gelang es aber auch, Intelligenz und Witz wie kaum ein anderer Schriftsteller seiner Zeit zu vereinen. Herausragendes Beispiel dafür die komödiantische Historien- und Gesellschaftssatire Die Merowinger, in welcher der letzte Merowinger versucht, durch kluge innerfamiliäre Heiratspolitik alle Familienchargen auf sich zu vereinen. Der Text wurde eine subtile Abrechnung mit der wissenschaftsgläubigen Konsumgesellschaft, die zusehends orientierungs- und heimatlos wurde. Seine umfassende Kenntnis der europäischen Historie, bedingt vor allem durch sein Geschichtsstudium, schlug sich so immer wieder in seinen Werken nieder. Heimito von Doderer wurde aufgrund seiner literarischen Leistungen ein würdigender, wenn auch sehr später Ruhm in den 1950er und 60er Jahren zuteil. Wenn auch nur sehr kurz.

Auf die Strudlhoftsiege zu Wien.jpg1958 begann Doderer an dem Roman No. 7 zu schreiben, einem analog zu der von ihm bewunderten 7. Sinfonie Ludwig van Beethovens auf vier Bände angelegten Werk. Es sollte sein Lebenswerk werden. Doch der jahrelange Genuss von Alkohol und Tabak forderte Anfang 1960 erste Tribute von Doderer. Im 1963 erschienenen ersten Teil des Roman No. 7, Die Wasserfälle von Slunj, ließ Doderer noch ein letztes Mal die Fülle von Wiener Geschichten aus der Donaumonarchie aufleben. Er sollte der letzte österreichische Schriftsteller sein, dem dies auch im Stile eines Schnitzlers, Musils oder Hoffmansthals authentisch gelang. Die Wasserfälle von Slunj waren ein leiser Abschied Doderers von dieser Welt, angesichts des sich abzeichnenden Todes. Nicht von ungefähr wählte der Wiener den gerade für Österreich tragischen Umbruch vom 19. zum 20. Jahrhundert als zentrales Motiv. Das Sterben in Schönheit, ein jähes Hinscheiden vor einer grandiosen Naturkulisse im habsburgischen Lande Kroatien. 

Am Vorweihnachtstag im Jahre 1966 starb Heimito von Doderer an zu spät diagnostiziertem Darmkrebs im Rudolfinerhaus in Wien-Döbling. Er ist in Wien am Grinzinger Friedhof auf einem Ehrengrab beigelegt. Im Jahr 1970 wurde in Wien-Floridsdorf die Doderergasse nach ihm benannt. Um sein geistiges Andenken kümmert sich die 1995 gegründete und in Berlin ansässige Heimito von Doderer-Gesellschaft e.V., welche unter anderem Forschung zu Leben und Wirken sowie wissenschaftliche Aufarbeitung der Werke Doderers im Sinne einer (Re-)Popularisierung des Autors betreibt.

Der zweite, unvollendete Teil des Romans No. 7 erschien übrigens posthum 1967 unter dem Titel Roman No. 7/II: Der Grenzwald.

“Mein eigentliches Werk besteht, allen Ernstes,
nicht aus Prosa oder Vers:
sondern in der Erkenntnis Meiner Dummheit.” –
Heimito von Doderer (Meine neunzehn Lebensläufe)

Beitragsbild: Screenshot/Die Welt

Artikelbild: Vindobohann/Wikimedia (CC BY-SA 3.0)

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