Die Unfreiheit der Moderne geistig überwinden
»Haben oder Sein«, Gesellschaftskritisches Werk von Erich Fromm (1976)

Wie kann man die Lebensweise der Moderne überwinden, die den Menschen durch scheinbaren Fortschritt in immer größere Abhängigkeiten und Unglücke stürzt? Diese Frage stellte sich der Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Erich Fromm Zeit seines Lebens. Und auch wir haben uns diese Frage mit Sicherheit schon an einem bestimmten Punkt in unserem Dasein gestellt. Uns nach dem Bewusstwerden der immanenten persönlichen Unfreiheit und der Existenz in einem diesen Zustand verursachenden und aufrechterhaltenden Systems den Kopf nach Auswegen und Alternativen zerbrochen. Fromm wagte kurz vor seinem Tod ebenfalls den Versuch, kurz und doch schlüssig pointiert Fehlentwicklungen, dahinterstehende Strukturen und mögliche Lösungen für Individuum und Gesellschaft aufzuzeigen. Wie auch immer man zu den Ansichten der Frankfurter Schule stehen mag, deren Anhänger und Mitbegründer der Autor war, in “Haben oder Sein” wird weitgehend auf Rhetorik und Forderungen des von ihr begründeten “Kulturmarxismus” verzichtet. Fromm distanziert sich sowohl von Marxismus und Sozialismus als auch von Globalisierung und Liberalismus. Er selbst vertritt, und das spricht er auch immer wieder an, die Ansichten eines “Radikalhumanisten”. Freilich bleiben einige seiner Hoffnungen und Forderungen im Nachhinein betrachtet durchaus frag- und kritikwürdig. Die Geschichte hat eben gezeigt, dass viele idealistische Ideen der “68er” Generation Grundlage neuer Dystopien wurden.

Die Irreführungen der Moderne

Was ich in “Haben oder Sein” unter dem abstrahierten Begriff der “Moderne” verstehe, sprach Fromm in seinem Werk primär unter den Namen Kapitalismus, Globalisierung und Konsumismus an. Merkmale eines Lebens das auf das Haben zentriert und ausgerichtet ist. Was genau unter Haben und Sein verstanden wird, erläutere ich später genauer. Der Zustand des Seins weist in jedem Falle erstaunliche Parallelen zur indigenen Entwicklungsphilosophie des buen vivir auf, hier nachzulesen. Zunächst erscheint es wichtig, die vom Autor treffend aufgezeigten Trugschlüsse der fortschritts- und wachstumsgebtriebenen Gesellschaften darzulegen.

  • Glück und Vergnügen entspringen nicht aus einer uneingeschränkten Befriedigung aller Wünsche und scheinbarer Bedürfnisse
  • Ein unabhängiges und freies Leben wird maßgeblich durch bürokratische Strukturen behindert (ich verstehe darunter in erster Linie den Staat als Sinnbild und Keim dieser Strukturen)
  • Gefühle, Gedanken und Ansichten werden maßgeblich vom Staatsapparat gelenkt. Entweder bewusst über Regierungen, Politik und Wirtschaft/Industrie oder unbewusster über Medien und Propaganda
  • Der wachsende wirtschaftliche Fortschritt führt zu einem wachsenden Ungleichgewicht zwischen dem globalen Norden und Süden (Industrienationen und Entwicklungsregionen). (Dem Veröffentlichungsdatum des Werkes geschuldet, legte Fromm noch nicht das Augenmerk auf die ebenfalls eingesetzten sozialen Disparitäten in den Industrienationen selbst, die erst mit Beginn der 1980er Jahre spürbar einsetzten)
  • Technischer Fortschritt führt zu immer größer werdenden Risiken für die Umwelt und den Menschen. Ökologische Gefahren nehmen zu (ebenso führt der technologische Fortschritt mit dem Beginn des Computerzeitalters und der Verschmelzung von Mensch und Maschine in völlig neue Dimensionen der individuellen wie kollektiven Vulnerabilität, Abhängigkeit, Einengung und Überwachung)

Der Übermensch, den man (anders etwa als bei Nietzsche) mit der Abkehr von Natur, Spiritualität und Religion und einer Hinwendung zu Aufklärung, Rationalismus, Hedonmismus und ökonomischen Reduktionismus erschaffen wollte, wurde zum “Unmenschen” (S. 15). Denn der Großteil der Individuen in modernen Gesellschaften ist in seinen Denk- und Handlungsmustern von Egoismus, Selbstsucht und Habgier getrieben. Eigenschaften, die vom sozialisierenden System bewusst gefördert werden, um es aufrecht zu erhalten und den Menschen in diesem unsichtbaren Gefängnis keine greifbare Alternative erkennen zu lassen. Doch die Befriedigung des Menschen ist nur scheinbar, kurz und oberflächlich, nicht jedoch tiefenwirksam und dauerhaft. Denn die kapitalistische Logik unbegrenzten Wachstums samt eines radikalen Hedonismus widerspricht der menschlichen Natur in all ihren Facetten. Es geht nicht mehr darum was gut für den Menschen, sondern was das beste für das Wachstum des Systems ist (S. 20). Eines immer abstrakt bleibenden und im verborgenen agierenden Systems.

Neben dem Kapitalismus widerspricht ebenso der Kommunismus, mit seiner systemimmanenten “Logik” der Klassenkämpfe und seiner geradezu fanatischen Fokussierung auf den Faktor Arbeit, der menschlichen Natur. Denn auch diese Ideologie reduziert den Menschen auf seine Arbeit und folglich seinen “Konsumismus als Lebensziel”. Das Credo “jeder ist gleich und alle haben alles” verdeckt lediglich den Neid den jemand empfindet, wenn ihn Ungleichheit persönlich berührt.

Haben und Sein

Merkmale des Systems und der in ihm unterworfenen Individuen sind Handlungsohnmacht und Blindheit. Ich gehe auf dieses Phänomen und seine Bedeutung fundiert in meinen Beiträgen “Den Staat überwinden: Zwischen Libertarismus und Anarchismus” und “Die Ära des neuen Totalitarismus” ein. Fromm beschreibt es folgend und argumentiert, berufsbedingt und auch richtig, auf der psychologischen Ebene des Menschen:

“Während im Privatleben nur ein Wahnsinniger bei der Bedrohung seiner ganzen Existenz untätig bleiben würde, unternehmen die für das öffentliche Wohl Verantwortlichen praktisch nichts, und diejenigen, die sich ihnen anvertraut haben, lassen sie gewähren”. (S. 24)

Es kling hier eine ur-libertär-anarchistische Kritik an. Nämlich jene der Untätigkeit in Kollektiven und einer damit scheinbar einhergehenden (Eigen-)Verantwortungslosigkeit. Denn dieses Beispiel lässt sich auf alle willkürlichen Vorschriften und Freiheitsberaubungen anwenden (Steuern, Kriegsdienst, Überwachung zwecks “Sicherheit”, Gesetze etc.), die der Mensch scheinbar widerstandslos, oftmals auch goutierend hinnimmt oder freiwillig wählt. Unter “Sein” versteht Fromm, angelehnt an einer naturalistischen Philosophie, die Existenzweise in der man nichts hat und nichts zu haben begehrt, sondern voller Freude ist, seine Fähigkeiten produktiv zu nutzen und eins mit der Welt zu sein. Es ist ein Zustand der reaktiven Produktivität ohne selbstzerstörerisches Streben. Der Zustand des Habens ist wiederum eine Existenzweise in der man stetig getrieben ist und sich mit dem was man hat und konsumiert oder haben möchte identifiziert.

Durch den Modernismus samt seinem immanenten Wachstums,- Profit,- und Besitzstreben verkennt der Mensch beide Existenzweisen und hält die widernatürliche des Habens für naturgegeben, während jener des Seins das Primat der Primitivität umgehängt wird. Der “Habenmensch” verlässt sich daher auf das was er hat, der “Seinsmensch” auf seine geistige Existenz und auf die Entstehung von Neuem, dem er mutvoll begegnet. Haben erschafft für Fromm eine irrationale Autorität (welche meiner Meinung nach wiederum nur in Form des Staates benannt werden kann), die sich auf Macht stützt und zur Ausbeutung der Unterworfenen dient. Diese irrationale Autorität entzieht sich, so würde ich sagen, im Laufe der Zeit auch immer weiter einer nachvollziehbaren Legitimation, die zu Beginn durchaus noch in kleinen Formen vorhanden sein kann (fließender Übergang von Demokratie zu Plutokratie, Oligarchie, Parteiendiktatur, Konzern/Finanzmarktdiktatur etc.). Die rationale Autorität fördert im Gegensatz dazu das menschliche (geistige) Wachstum und beruht auf Kompetenz, Erfahrung und Nachhaltigkeit. Kompetenz wird in der Moderne durch sozialen Status abgelöst, der sich wiederum aus materiellem Denken ableitet.

Die Bürokratie ist neben dem sozialen Status der zweite Pfeiler, der dem Menschen das Denken abnimmt und dieses durch Oberflächlichkeit ersetzt. Bürokratie nimmt einem schwere Entscheidungen ab, grenzt Freiheiten ein und ersetzt letztlich die Eigenverantwortung. Bürokratie ist (vereinfacht gesprochen) Entmündigung.

Im Sein verfolgt man aber nicht “nichts”, sondern geht dem “produktiven Tätigsein” nach (S. 113). Einer Aktivität bei der man sich als Subjekt des Tätigsein erkennt und nicht einer entfremdeten, wesensfremden Tätigkeit nachgehen muss. Es ist im idealsten Falle, oftmals war es das im Fall der Philosophen und Gelehrten, die Suche nach der “Wahrheit” im Leben. Aktivität und “Geschäftigkeit” kann nämlich, anders als in unseren Zeiten, nie getrennt von geistig-seelischer Arbeit getrennt betrachtet und angewandt werden. Voraussetzung für ein produktives Tätigsein ist jedoch ein Einklang mit der menschlichen Natur. Und wie viele Tätigkeiten der “Moderne” stehen denn noch im Einklang mit dieser? Verschwindend geringe. Geht man jedoch diesen Tätigkeiten nach, gerät man leicht in den Verdacht “neurotisch” oder einfach “unangepasst” zu sein. So kommt es auch nicht von ungefähr, dass “Krieg und Leiden eher imstande sind die menschliche Opferbereitschaft zu mobilisieren, als ein friedliches Leben” (S. 127).

Religion

Dabei lehrten alle großen Religionen und Philosophien, egal ob der westlichen oder östlichen Hemisphäre entsprungen, die Abkehr von einer Orientierung am “Haben” und eine Hinwendung zum “Sein” im Sinne der geistigen und körperlichen Einheit mit seiner Umwelt. Aber auch das vollends Aufgehen im Sein kann nicht für jeden erfüllend sein. Wichtig ist ein Mittelweg. Fromm bezeichnet dies als “Theorie des Wohlseins” (S. 16). Geschehen konnte die Abkehr von diesen Lehren wie so oft nur durch Begriffsumdeutungen und ideologische Einflussnahmen (frappante Parallelen zu unserer heutigen Lebenssituation). Aus dem einst positiven Wort “Profit” – bedeutend Gewinn für die Seele in der Bibel und bei Spinoza – wurde beispielsweise die (meist negativ behaftete) Aneignung materieller, vergänglicher Güter.

Der eben beschriebene Mittelweg wird gerade in den Lehren von Jesus Christus deutlich, auf die Fromm immer wieder positiv-exemplarisch eingeht. Den Jesus predigte Selbstlosigkeit als Weg zur inneren Zufriedenheit: “Denn was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, sich selbst aber verliert und Schaden erleidet?” (S. 29). Auch im alten Testament steht schon geschrieben: “Verlasse, was du hast, befreie dich von allen Fesseln, sei!”. Gott warnt immer wieder vor Besitzstreben, Habgier und materieller Einschränkung. Jedem stehe beispielsweise das natürliche Recht auf Nahrung und Freiheit zu. Daher waren viele Frühchristen, also jene Christen die die Lehren von Jesus am unverfälschtesten lebten, sozial Geächtete und Ausgestoßene, die unter dem Leid und Übel des Reichtums und seiner unterdrückenden Macht litten. Frühchristen waren vom Geist der Solidarität erfüllt, urteilten nicht über ihre Mitmenschen und lebten das Prinzip der gemeinschaftlichen Hilfe. “Satan” verkörpert im Gegensatz zu Jesus das Prinzip des Habens. Er ist die Entität die Macht über die menschliche Natur ausüben will.

Auch beim frühmittelalterlichen Philosophen und Gelehrten Meister Eckhart sieht Fromm diese Denkart verwurzelt. Auch er lehrte die Idee des nichts wollen, nichts haben und nichts wissen als Weg zu Zufriedenheit. Daher solle man Gott auch nicht lieben – da dies immer Verlangen und Besitzdenken miteinschließt – sondern viel eher erkennen. Schließlich erreicht man die höchste Tugend durch den Zustand des inneren Tätigseins und einer damit einhergehenden Überwindung von Ichbindung und Gier. Ein Grundsatz den auch viele anderen großen Denker vertraten.

Praktische Umsetzung und Beispiele

  • Autorität: rationale Autorität kann in Anlehnung an Naturvölker auch gelebt werden. Derjenige übt Autorität aus, der allgemein anerkannte Kompetenzen für bestimmte Aufgaben vorweisen kann. Die Qualität der Kompetenz hängt von Faktoren wie Erfahrung, Weisheit, Großzügigkeit, Geschicklichkeit, Persönlichkeit und/oder Mut ab. Ferner ist Autorität meist zeitlich begrenzt, Bedarfsorientiert, Anlassbezogen und einer kollektiven Kontrolle unterstellt. Verschwinden die autoritätsberechtigenden Eigenschaften, endet auch die Autorität. Letztlich muss der Mensch mit Autorität oft ein hohes Maß an Selbstverwirklichung, Ausgeglichenheit und Integration erreicht haben. In kleinen Gemeinschaften ist Verhalten einer Autoritätsperson noch leicht zu beurteilen, in großen Kollektiven schwindet Urteilskraft und weicht der Manipulation.
  • Wissen: Die Zerstörung der Täuschung, die “Ent-Täuschung” ist der erste Schritt in Richtung Erkenntnis und zum Vordringen der Ursachen von Unfreiheit und Unterdrückung. Wissen ist die “Realität in ihrer Nacktheit” zu sehen (S. 57). Der Erkenntnisprozess beinhaltet sowohl Wissen als auch Nichtwissen. Beides ist für den “Wissenden” von gleicher Bedeutung. Im Sein will man tieferes Wissen, im Haben lediglich mehr. Wissen ist jedoch scharf von “Zielen” und “Streben” abzugrenzen, da diese einengen und behindern. Ein “Weltbild” versucht lediglich dem in alle Richtungen denkenden und expandieren Geist eine Richtung, einen Halt zu geben. Es ist der vielgesagte “Sinn im Leben”, der im Naturverständnis obsolet ist. Jeder hat ein “Ich”, keiner jedoch ein “Selbst”. Dieses gilt es zu finden.
  • Privateigentum und Individualismus: Privateigentum als einst positiv besetzter Begriff, durchaus dem Naturdenken entsprungen, muss losgelöst von Profitstreben und Macht werden. Privateigentum ist eine subjektive Sache, ein individuelles Recht, das im besten Falle dem Gemeinwohl dienlich ist, nicht jedoch versucht diesem zu schaden. Es kann sich beispielsweise um funktionalen und persönlichen Gebrauch von Besitz handeln. Der Vermögende ist hingegen nur scheinbar “reich”. Denn er steht und fällt mit der Willkür seines außerhalb des Geistes stehenden Besitzes, seines Reichtums, seines Prestige oder seinem Ego. Das Streben nach Gewinn und Besitz schließt friedliche Koexistenz aus. Individualismus ist wiederum die Befreiung von gesellschaftlichen Fesseln und Normen, gedacht als Mehrwert für sich und andere, keinesfalls aber im Sinne des narzisstischen Selbst-Besitzes. Individualismus darf nicht in Selbstsucht abdriften, ebenso wenig wie die Vernunft zu manipulativer Intelligenz.
  • Wille: Die meisten Menschen sind in unseren Gesellschaftssystemen gezwungen ihre autonomen, echten Wünsche und Träume, ihre wahren Bedürfnisse und Tätigkeiten zugunsten der Interessen anderer zu opfern. Noch dazu selten jenen die einem nahe stehen oder zu denen man eine emotionale Bindung hat. Der eigene Wille wird letztlich aufgegeben und es werden fremde Denk- und Gefühlsmuster aufgezwungen. Aus dieser meist unbewussten, verschleierten Unterdrückung muss man sich bewusst lösen. In einem ersten Schritt durch Erkenntnis und in einem zweiten durch Wandel der Lebensrealität. Dass dies nicht immer einfach fällt ist klar. Dennoch darf die Angst niemals die Freiheit übertrumpfen. Fromm bezeichnend dazu:

“Jeder neue Schritt birgt die Gefahr des Scheiterns, und das ist einer der Gründe, weshalb der Mensch die Freiheit fürchtet”. (S. 134)

  • Gewalt und Revolution: Jegliche revolutionäre Agitation die in Gewalt oder Terror umschlägt ist abzulehnen, da sie Inhumanität und Naturfremde verstärkt. Es ist ein Gleichgewicht zwischen Instinkt und geistigen Fähigkeiten zu finden, abseits von Determinismus und “maximaler Entwicklung” – wie immer diese auch zu definieren sei. Jede Revolution ist im Moment ihres Sieges eine Niederlage, auch das erkannte Fromm bereits. Zur Revolutionskritik verweise ich auch auf den Beitrag “Die Konterrevolution als einzig wahre Revolution”. Als Beispiel des “gewaltlosen Weges” kann Jesus gelten, der ohne Macht, ohne Gewalt, ohne Besitz und Herrschaftsanspruch, dafür aber mit Liebe durch die Welt ging.
  • Liebe: Liebe ist für Fromm letztlich eine der letzten, wenn auch umkämpften, Bastionen des Seins. Denn die Fähigkeit andere zu lieben und zu geben ist noch unverfälscht und natürlich. Das Gegebene ist nie ein Verlust, im Gegenteil, das was man festhält verliert man irgendwann zwangsläufig. “In der Liebe zu einem bestimmten Menschen liebt der wahre Liebende die ganze Welt.” (S. 128)
  • Tod: Simpel wie schon bei Marc Aurel – hier nachzulesen. Der Tod hat uns solange wir Leben nicht zu interessieren, da er noch nicht da ist. Ist er hingegen da, sind wir nicht mehr. Ergo hat es uns in keinem Falle zu bekümmern.

Kritik

Aus meiner Sicht irrte Fromm in einigen Punkten mit seinen Analysen, vorrangig bedingt durch einen historischen Determinismus. So ist es keinesfalls so, wie Fromm annahm, dass eine Minorität einer der Faktoren sein kann, der die Habenorientierung einer Gesellschaft wandelt. Gerade der politische wie gesellschaftliche Freiraum, der im Westen Minoritäten gewährt wird, führt zu negativen Entwicklungen und sozialen Spannungen. Die Utopie einer entfesselten Frauen- und Kinderrechtsbewegung, die “sexuelle Revolution”, führte nicht wie Fromm annahm (S. 97) zu Freiheit und geistiger Entfaltung sondern zur Zerstörung des Wahren und Schönen, dem gesellschaftlichen Kitt der Familien und zu neuen Möglichkeiten der Ausbeutung, Unterdrückung und Indoktrination. Die “alten Ideologien”, wie sie Fromm nannte, wurden einfach durch neue, modernere Ideologien ersetzt. Denn weder die Frauenrechtsbewegung, noch die “68er” im gesamten waren Werkzeuge zur Überwindung des von der Frankfurter Schule gerne kritisierten Kapitalismus. Sie waren eher ein Werkzeug von vielen um dessen Macht zu festigen und auszuweiten und die inhärente Krisenhaftigkeit abzuschwächen. Ein von Fromm angedachter “oberster Kulturrat”, bestehend aus Intellektuellen, wirkt daher befremdlich und erinnert an dystopische Szenarien von “Kulturministerien” und “Zensurbehörden”. Ebenso die Idee einer vom Kulturrat ernannten “Kontrollkommission”, welche Genehmigungen zur praktischen Auswertung wissenschaftlicher Erkenntnisse erteilen soll. Beides wäre nichts weiter als ein Schritt in Richtung staatlicher Bürokratie, Zentralismus und Schließlich Kontrolle.

In seinem Verständnis der Protestbewegungen gegen die “Entmenschlichung” und die Moderne bezieht Fromm viele divergierende Ideologien und politische Ansichten ein. Im Kern hat er damit recht, da sich sowohl rechte wie linke Ideologen bei ihren Themen, Ansichten und Kritiken nach einer gewissen Ausdehnung gleichend treffen. Fromm analysiert dabei treffend:

Der rechts-konservative Intellektuelle, der “Romantiker auf der rechten Seite”, sieht den Ausweg in einem Ende des ungehemmten Fortschritts, in einer Rückbesinnung auf frühzeitliche, prä-industrielle Lebensformen und gesellschaftliche Ordnungen, wenn auch mit bestimmten Modifikationen. Diese Ideen kommen einem idealistischen Naturverständis sehr nahe. Sie können von religiös organisierten Gemeinschaften bis zur Dekonstruktion des Staates reichen.

Der links-liberale Intellektuelle, der “radikale Humanist”, sieht den Ausweg in eben jenem destruktiven Fortschritt, den es umzuformen und zu lenken gilt. In Richtung einer “neuen Gesellschaft”, in der die Menschen aus der Entfremdung, aus der Sklaverei und der Enthumanisierung befreit werden. Diese Ideen sind weitaus radikaler, da sie lauter nach leitenden Paradigmen und Ideologien schreien und das Risiko eines entfesselten Fortschritts zugunsten einer möglicherweise eintretenden – aber nicht vorhersagbaren – Utopie in Kauf nehmen (beispielsweise die sozialistische Utopie der Gleichheit).

Fromm setzt in seinen finalen Ausführungen letztlich auf den “radikalen Humanismus” als Weg, die Unfreiheit der Moderne zu überwinden. Meiner Meinung nach unverständlich, nachdem er in seinem Text tendenziell näher an den Ideen des “Romantikers der rechten Seite” argumentierte. Die Forderung, die Mitte beider Ansichten zu treffen, ist als Leser und Kritiker des Buches natürlich in einer Nachbetrachtung immer einfacher. Dennoch, Fromm verkennt in radikalem Humanismus und der sexuellen- wie kulturellen Revolution deren totalitäre Ansprüche auf Wirklichkeit und Deutungshoheit im gesellschaftlichen Diskurs. Es ist eben jenes Phänomen des links-liberalen Gesellschaftsmodells, welches die von Fromm beschriebene “Selbstvernichtung der Kultur” (S. 196) maßgeblich forciert und vorantreibt. Es ist jenes Gesellschaftsmodell, welches die “Denkfreiheit außer Gebrauch setzt”. Im Streben nach kultureller Vernichtung und geistiger Enteignung wird der Traum einer aus dem Fortschritt entspringenden, “neuen Gesellschaft” verwirklicht. Bezeichnenderweise widmet Fromm ein Kapitel gegen Ende des Buches dem “neuen Menschen”. Dabei fragt sich, was am Menschen “neu” werden muss, wenn es nicht ohnehin bereits naturgegeben in ihm schlummern würde.

Auch bedarf es keiner “Herrschaft” über Technik, irrationale gesellschaftliche Kräfte und Institutionen, um die Zivilisation zu retten (S. 213). Lediglich die Lebensumstände müssen an der bedingungslosen Freiheit und der Natur orientiert gestaltet werden. Damit erübrigt sich das Konzept von “Herrschaft” und damit einhergehender Autorität, die nicht auf dem individuellen Willen basiert und diesem entspringt. Ein Stichwort dazu lautet Dezentralisierung: von Politik, Ökonomie und Ideologie. Es ergibt sich die von Fromm durchaus richtig beschriebene Gemeinschaft, in welcher die Belange jener für den einzelnen ebenso wichtig sind wie seine eigenen. Der Staat wird obsolet, wenn sich Menschen in kleinen Einheiten verwalten und basierend auf Erfahrung und Fähigkeit organisieren und dadurch regional nach Lösungen suchen.

Abschließend bleibt es angesichts einer Überwindung der Moderne mit Fromm zu sagen: Abseits der politischen Lager gibt es nur Tätige oder Gleichgültige.

Beitragsbild: Caspar David Friedrich – Flusslandschaft bei Nacht (zwischen 1830 und 1835)/ Wikimedia, gemeinfrei

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