Die Folter des menschlichen Miteinanders
»Geschlossene Gesellschaft«, Stück in einem Akt von Jean-Paul Sartre (1944)

Die Hölle ist nichts Abstraktes und auch nichts Furchteinflößendes. Sie ist für Sartre ein Raum in dem drei sich fremde, verstorbene Menschen den Rest ihrer Tage miteinander fristen müssen. Es gibt keinerlei Ablenkung, außer das Gegenüber. Das bald unerträglich werdende Gegenüber. Kein Schlaf, ja nicht einmal der Bruchteil eines Augenblinzelns, wird den Protagonisten (einem Mann und zwei Frauen) vergönnt. Die totale Dekonstruktion des Privaten. Zunächst noch in gesellschaftliche Normen gezwungen und ihrem Schicksal verhaftet, verfallen die Akteure zusehends in subjektive Schuld und die eigenen Unzulänglichkeiten.

Niemand kann sich in dem Raum mehr den Spiegel der Normen schützend vor sich halten. Im wahrsten Sinne des Wortes bleibt der Mensch nackt und all seine Sünden liegen offen wie ein Buch vor ihm, einsehbar und dem Urteil des jeweils anderen ausgesetzt. Dieser jeweils andere im Raum, wird daher zur Verkörperung des eigenen Selbsthasses. Auch Intrigen, Gewalt und scheinbare Hingebung helfen den in der Hölle Verdammten nicht. Jeder wird unweigerlich zum Folterknecht des Anderen. Trotzdem funktioniert der Raum und die Konstellation der Personen auch wie eine Therapie, bei der die Protagonisten sich selbst und ihr Denken und Handeln zum ersten Mal begreifen und nachvollziehen können.

Satre spricht in seinem Theaterstück aber auch eine andere, für mich wesentlich philosophischere Frage an. Nämlich jene nach der Stille. Der Mensch ist auch im Tod nicht Fähig in der Stille sein Dasein zu fristen. Zu sehr hängt das eigene Selbst von den Reflektionen des Gegenüber ab. Zu sehr ist man es gewohnt, Ablenkungen um sich zu haben. Die Auseinandersetzung mit der Stille, also mit dem was man selbst ist, treibt den in den heutigen Gesellschaften sozialisierten Menschen lediglich in den Wahnsinn.

„Lieber hundert Stiche, lieber Peitsche, Vitriol als dieses abstrakte Leiden, dieses Schattenleiden, das einen streift, das einen streichelt und das niemals richtig weh tut.“ (S. 54-55)

Beitragsbild: lisa-skorpion/flickr (CC BY-ND 2.0)


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