In diesem Fund der Woche geht Tom G. Palmer, Mitglied des renommierten Cato Institute, in einem lesenswerten Essay näher auf die Bedeutungen von Freiheit, Recht, Individualität und kulturellen Grenzen ein. Denn das Verständnis dieser Prinzipien ist notwendig um Freiheit auch als ein Geburtsrecht der Menschheit zu verstehen und anzuerkennen.

Von Ideen und Individualismus

Dabei ist zunächst die historische Perspektive ein zentrales Hilfsmittel. Nur die Auseinandersetzung mit Geschichte verhilft uns dazu Gerechtigkeit, soziale- und politische Ordnung und auch die Gesellschaft als Ganzes einordnen zu können. Sie hilft uns wissenschaftliche Theorien, philosophische Konzepte, Rechtsvorschriften und andere menschliche Geisteskonstrukte zu verstehen. Die Idee wird erst durch ihre Historie zu einem begreifbaren Moment. Hinter der Idee und folglich ihren Theorien stehen bekanntlich immer Probleme die es zu lösen gilt. Probleme die erst im historischen Kontext begreifbar werden.

Damit leitet Palmer auch zu seinem Kernkonzept, dem Individualismus, über. Denn die heutzutage nahezu verpönte Anerkennung von Individualität, die Einzigartigkeit von individuellen Eigenschaften, hat in allen Kulturen ihren festen Bestandteil. Entgegen den Meinungen vieler Sozialwissenschaftler in der westlichen Welt. Diese sehen im Konzept des Individualismus ausschließlich ein Instrument des „Westens“, einen „privilegierten Blick“ auf das Leben, dass es von anderen Kulturen entweder gar nicht gibt oder als abzulehnen gilt. Doch es ist seit jeher üblich, dass Menschen, obwohl in Zeit und Raum voneinander getrennt, ähnliche oder identische Werkzeuge, Ideen und Konzepte entwickeln. Deshalb ist es auch üblich, dass sich diese Werkzeuge und Konzepte auf andere Gruppen ausbreiten, etwa durch Emulation, Diffusion oder simple Nachahmung. In den seltensten Fällen hatte der Zwang dauerhaften Erfolg.

Biologischer Determinismus und moralische Akzeptanz

Schon alleine aus biologischer Sicht ist die „Vielfalt der Gleichheit“ einem Determinismus unterworfen. Denn für das menschliche Gehirn ist es funktionell notwendig, Gesichter von Artgenossen zu unterscheiden und zu erkennen. Ohne dieses nachhaltige Muster wäre menschliche Zusammenarbeit unmöglich. Individualismus ist also nicht nur geistig sondern auch körperlich eine Vorbedingung der Existenz, auch wenn Herrschende mit Ideologien weltweit daran arbeiten, uns in austauschbare, form-und farblose Wesen umzuwandeln. Weniger geläufig ist hingegen das universelle, allen geistigen Wesen innewohnende Grundbedürfnis der moralischen Akzeptanz. Nämlich der Anspruch auf eine gerechte gegenseitige Behandlung, also die „Urbedingung“ an das Leben von Geburt an. Die universelle Akzeptanz dieser Idee wurde nicht zuletzt, wenn auch streitbar, in den allgemeinen Menschenrechten zusammengefasst.

Individualismus als theoretisches Konstrukt, ebenso wie als Fundament für rechtliche und politische Ansprüche, unterlief dabei in jeder Epoche der Zeit verschiedensten Auslegungen und Vereinnahmungen. Den Ursprung findet man aber nicht nur im europäischen Liberalismus. Die Kernideen fanden sich bereits in alten chinesischen, indischen und persisch-islamischen Zivilisationen. In Europa begünstigten die Dezentralisierung von Herrschaft, die institutionalisierte Rivalität von Staat und Religion, politische Machtkämpfe, sowie die Renaissance der Antiken Philosophie und ihrer Rechtsauslegung die Manifestation des Individualismus.

Die moderne Auslegung von Individualität

Die historische wie moderne Bewusstheit für individuelle Identität ist zumindest theoretisch stets im Zusammenhang mit der rechtlichen und politischen Ordnung zu betrachten und deren Grad der Achtung individueller Rechte. Dennoch sind Individualität und Individualismus zu unterscheiden. Beide erkennen die Einzigartigkeit des Individuums an, jedoch verbindet nur letzterer diese Anerkennung der Individualität mit der Behauptungen eines gemeinsamen, allen Menschen zugeschriebenen Merkmals, nämlich jenem der Grundrechte (z. B. „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“). Bei Naturvölkern ergibt sich dieser Individualismus oftmals über die Identifizierung mit der Gruppe und der Natur, die beide nicht als separiert sondern wesenseigen gelten. Daraus ergeben sich universelle Rechte.

Die Erkenntnisse von Cicero oder Seneca führten dazu, dass individuelles Denken unabhängiger von Forderungen der Konvention oder den Diktaten der Autorität wurden. Es kam zu einer theologischen Verschiebung von der „Rettung der Menschheit“ zur „individuellen Erlösung“, welche heute wieder vermehrt durch eine Rhetorik der „universellen Heilsbringung“ ersetzt wird (Globalisierung). Auch im christlichen Glauben wurde versucht Individualismus mit universellen Rechten zu verbinden. Das Matthäus-Evangelium ähnelt in diesen Punkten sehr den Scholien des Aristoteles. Die Idee der individuellen und folglich deren abstrahierten, universellen Rechte, konnten laut Palmer somit nur durch eine theologische Grundlage fruchten. Er identifiziert den heiligen Paulus, einen weiteren Apostel des Jesus, als Wegbereiter des liberalen Individualismus:

„Das Verständnis der Bedeutung von Jesu Tod und seiner Auferstehung führte der Welt ein neues Bild der Wirklichkeit vor. Es stellte eine ontologische Grundlage für „das Individuum“ dar, durch das Versprechen, dass Menschen auch als Individuen Zugang zu einer tieferen, spirituellen Realität erfahren können und nicht nur als Mitglieder einer Gruppe.“

Folglich drehte sich im Laufe der Zeit die Frage größtenteils darum, ob die Individualität und Universalität konstituierende Vernunft als egalitär oder hierarchisch zu verstehen wäre. Insbesondere in der Textinterpretation entfachten diese Fragen der Vernunft und ihrer Auslegung rege Debatten. 

Conclusio

Im folgenden Verlauf des Textes von Palmer, widmet sich dieser den Ansätzen diverser Historiker über den tatsächlichen Ursprung des individuellen Liberalismus und schließlich auch des Libertarismus, sowohl aus theologischer als auch aus soziologischer und ontologischer Perspektive. Wo wurden die kulturellen Grenzen gezogen? Welche Religionen und Kulturen hatten maßgeblich am Konzept des Individualismus anteil? Für Palmer ist Freiheit ein Vollbringung, nicht eine unvermeidliche Bedingung oder die logisch notwendige Implikation einer großen Idee. Nur aus dieser allgemeinen Freiheit können sich individuelle Selbsterkenntnis und basierend darauf gemeinschaftliche Gebilde und universelle Rechte ergeben. Nur durch diese Freiheit war der Mensch auch dazu fähig diese zu theoretisieren. 

Der entscheidende Punkt, sowohl für Kommunen als auch für andere Gemeinschaften, war seit jeher, dass hier Individualismus und Vereinigung Hand in Hand gingen. Man erreichte Freiheit durch die Zugehörigkeit zu einer Art von Gruppe. Bürger, Kaufleute, Handwerker, Jäger, Philosophen verfolgten immer ihre eigenen individuellen Ziele, indem sie sich unter einen Schwur zusammenbanden und folglich die Gemeinschaft konstituierten. 

Im modernistischen Verständnis sollte sich daher wieder einiges an diesen Konzeptionen ändern. Die Gemeinschaft muss verstehen, dass sie sich nicht über und durch eine übergeordnete, einzelne Entität wie den Staat, die Regierung oder eine Ideologie konstituiert und identifiziert. Hinter jedem abstrakten, allmächtig erscheinenden Gebilde stehen Individuen, deren Interessen und komplexe, multidimensionale Beziehungen. Die heute weit verbreiteten Ideen kollektiver Verantwortung, aber auch individueller Absonderung laufen dem entgegen. Dem Individuum kann die Verantwortung seines eigenen Denken und Handelns nicht abgenommen werden, gleichzeitig ist es nicht den Handlungen und Denkweisen seines Gegenübers verantwortlich. Denn:

Die Gemeinschaft kann erst dann im Sinne des Individuums funktionieren und für es hilfreich sein, wenn sich das Individuum als solches erkennt, seine Eigenverantwortung wahrnimmt und versteht, wie es selbst Einfluss auf seine Umwelt ausübt. Erst dann ist es fähig auf einer universellen Ebene zu agieren. Nur der Einzelne kann Realität erschaffen, gestalten kann es dieser insofern jedoch mit anderen Individuen. 

Den gesamten Artikel unter Libertarianism.org 

Beitragsbild: Ryan McFarland/flickr (CC BY 2.0)

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