Über Verheißungen und düstere Realitäten der “neuen Welt”
Flucht in die Unsterblichkeit, Kurzgeschichte in “Sternstunden der Menschheit” von Stefan Zweig (1927)

In der insgesamt 14 Kurzgeschichten umfassenden Sammlung “Sternstunden der Menschheit”, beleuchtete Stefan Zweig unter anderem wortgewaltig und eindrucksvoll einen Ausschnitt der Eroberung der “neuen Welt” im 16. Jahrhundert nach Christus. Die “Flucht in die Unsterblichkeit” erzählt den wahnwitzigen Abenteuerdrang, aber auch die Leidensgeschichte des spanischen Entdeckers und “Konquistadors” Vasco Nuñez de Balboa, der Zeit seines Lebens und auch danach immer im Schatten anderer großer Zeitgenossen stand und dessen Geschichte ohne die Hommage Zweigs an ihn womöglich schon eine vergessene wäre. Dabei gäbe die Historie Nuñez de Balboas Eindrucksvolles her: Er war vermutlich der erste Europäer, der den Pazifik erblickte, der die Südsee bereiste und für die spanische Krone in Besitz nahm und unter dessen Kommando und Einfluss auch ein gewisser Francisco Pizzaro stand, der im weiteren Verlauf der Geschichte eine fragwürdige Berühmtheit durch die Entdeckung und Eroberung des südamerikanischen Inka-Reiches erlangte.

Die Geschichte von Vasco Nuñez de Balboa beginnt in Spanien, wo er in einer verarmte Adelsfamilie geboren wird. Wie viele seiner Zeitgenossen, suchte er nach den verheißungsvollen Erzählungen des Christoph Kolumbus Glück und Ruhm in der eben erst entdeckten “neuen Welt” jenseits des Atlantiks. Besessen von Reichtum und Ehre, scheiterte der einfache Soldat jedoch sowohl als Schatzsucher in Kolumbien, als auch als Farmer auf der Insel Hispaniola. Notorische Geldsorgen, ausstehende Kredite und intrigante Gläubiger, veranlassten Nuñez de Balboa letztlich zu einer (vorübergehenden) Flucht in den “Untergrund”. Als erfolgloser Glücksritter, schmuggelte er sich auf ein Schiff, welches die karibische Küste Panamas ansteuerte und dort der zugrunde gehenden Kolonie rettend zur Hilfe kommen sollte. Durch eine Reihe von (un)glücklichen Zufällen, gewinnt der charismatische Nuñez de Balboa allerdings rasch die Gunst der Seefahrer und aufgelesener Kolonialisten und übernimmt letztlich eine neu gegründete Kolonie, die er durch einen Putsch selbst zu regieren pflegt, gegen alle Widerstände der spanischen Krone: “Nun ist Nuñez de Balboa, der Mann aus der Kiste, Herr der Kolonie.” 

Um den Verrat gegen die Krone wettzumachen und seine Herrschaft zu festigen, hatte Nuñez de Balboa künftig nur mehr ein Ziel: Das Auffinden und die Anhäufung von Gold, das damals jedes Verbrechen nichtig machte. Es bleibt dem verwegenen Desperado nur die “Flucht in die Unsterblichkeit”. Wiederum durch geschickte wie rücksichtslose Verhandlungstaktik, konnte der Abenteurer als einer der ersten Konquistadors überhaupt, eine Kooperation mit den Indios eingehen und dadurch auf deren Gutwillen, Hilfe und Erfahrung vertrauen. Und hier nahm auch das Verhängnis der Geschichte seinen Lauf, denn von eben diesen Indios sollten Nuñez de Balboa und die restlichen Spanier (u.a. eben Pizzaro) die Legende des unendlichen Goldreichtums in den Reichen jenseits der Berge, am Ufer des “großen Sees”, erfahren. Der Abenteurer Balboa sah die Chance seines Lebens gekommen. Zum einen lag das sagenhafte “El Dorado” scheinbar nur ein paar Tagesreisen von seiner Kolonie entfernt, zum anderen könnte er der Entdecker jenes Ozeans werden, den Kolumbus und andere Seefahrer vor ihm vergeblich suchten. Die letzten großen Geheimnisse der Menschheit warteten nur auf ihre Entdeckung und er selbst konnte sich dadurch vor dem sicheren Tod retten.

Die Flucht in die Untersterblichkeit gestaltete sich für Nuñez de Balboa als tödliche Herkulesaufgabe. Von knapp 200 Mann, die sich ihm anschlossen, den Pazifik und unermessliches Gold zu suchen, kamen wenige lebend an ihr Ziel. Der Dschungel und seine Unbarmherzigkeit forderte ebenso seine Opfer, wie die Gier und ihre blinde Einfalt. Noch Jahrhunderte Später sollten viele Menschen an der gleichen Stelle beim Bau des Panama-Kanals ähnlich dafür leiden. Als schließlich der Berg erreicht war, von dem aus der Pazifik zu erblicken ist, ließ es sich der Konquistador nicht nehmen, alleine und nur für sich diesen ersten Blick auf den “großen See” zu wagen. Niemand sollte ihm folgen.

Nach der Besitznahme des “Mar del Sur” ging es für die verbliebenen Spanier an das Gold und andere Schätze. Doch es sollte anders kommen: Die Kunde Balboas vom “goldenen Reich” lockte halb Spanien in die neue Welt und auch die Krone behauptete nun ihre Führung über das neue Land. Nuñez de Balboa war von diesem Augenblick an wertlos für Spanien und seine Konquistadors. Seine größte Tat war gleichzeitig sein Untergang. Und: “Selten gewähren die Götter dem Sterblichen mehr als eine einzige unsterbliche Tat.” Ein neuerlicher Versuch, das sagenhafte Goldreich (Peru) zu entdecken, scheitert an der Intrige seines Weggefährten Pizzaro, der selbst “unsterblich” werden will und dem es auch gelingen soll. Nuñez de Balboa wird der Rebellion angeklagt und noch vor Ort in der neuen Welt gehenkt. 

Zweig beschrieb letztlich den Wahnsinn und das geistige Elend der damaligen Entdecker trefflich:

Es ist das ewige Staunen aller Naturkinder an allen Enden der Erde über die Kulturmenschen, denen eine Handvoll gelbes Metall kostbarer erscheint als alle geistigen und technischen Errungenschaften ihrer Kultur.

Bei seiner Expedition in die Untiefen des Urwaldes, immer dem sagenhaften Ruhm entgegen, beschrieb Zweig Nuñez de Balboa als “Held und Bandit, Abenteurer und Rebell, der “seinen Marsch in die Unsterblichkeit” antrat, wohlwissend, dass es nur selten im Leben die Gelegenheit gibt, Geschichte wie diese zu schreiben. Und nicht mehr war er. Ein Held und gleichzeitig ein rücksichtsloser Bandit. Ein Sinnbild für viele Menschen unserer Zeit, die Geschichte schrieben. 

Natürlich gibt es auch Stimmen, die im Kolonialismus Lateinamerikas (der als Motiv dieser Geschichte zugrundliegt) nicht per se etwas schlechtes sahen, sondern die zivilisatorische und entwicklungstheoretische Komponente der damaligen Vorhaben hervorstreichen. Wenn man etwa bedenkt, dass indigene Völker und Hochkulturen wie die Inka oder Maya Menschenopfer darbrachten, Kinder zu hunderten willkürlich töteten und auch mit ihren angrenzenden Nachbarn und Feinden brutal und rücksichtslos umgingen, zudem auch die Natur in vielen Gebieten bis zum Kollaps plünderten, drängt sich freilich die Frage auf, ob Nuñez de Balboa und Co. nicht doch einen “Dienst an der Menschheit” getan haben. Sie haben es allerdings nicht. Denn zum einen ersetzten sie ein System der Gewalt durch ein anderes System der Gewalt und zum anderen steht es keiner Zivilisation dieser Welt zu, Andere und ihre Lebensweisen zu verurteilen, gering zu schätzen oder willkürlich und durch Zwang abzuändern. So barbarisch die Bräuche der Indigenen angemutet haben mögen, sie waren Bräuche, die einer Form der sozialen Organisation und zu einem gewissen Grad auch einer Übereinstimmung und Akzeptanz der Mehrheit geschuldet gewesen sein müssen. Eine Überwindung dieser hätte nur von ihnen selbst oder der ihr umgebenden Natur kommen können. Nicht aber von Außerhalb. Denn ebenso wenig wird der Europäer darüber entzückt sein, wenn andere fremde Völker in seine Lebensgebiete einfallen und meinen, ihm die “Zivilisation” per Gewalt bringen zu müssen. Zweig hat dies in seiner Kurzgeschichte letztlich eindrucksvoll verdeutlicht. 

Beitragsbild: akg-images

 

Kommentieren Sie den Artikel