Ein Mann, der im wahnwitzigen Untergang seine Utopie findet…

…und ein zweieinhalb Stunden Film, der wie ein Fiebertraum, aus dem es scheinbar kein Erwachen gibt, auf den Zuseher einwirkt. Zumindest gibt es kein gutes Erwachen. So könnte man Werner Herzogs im Amazonas gedrehtes Monumentalwerk Fitzcarraldo beschreiben. Ein Film, der alleine schon in seiner Entstehung so viel an Wahnsinn preisgab, dass später eine eigene Dokumentation darüber gedreht wurde. Brillant in der Hauptrolle Fitzcarraldos Klaus Kinski, der den visionären und doch immer wieder gescheiterten Abenteurer, Philanthropen und Träumer Brian Sweeney Fitzgerald mimt. Es ist ein Rolle, die Kinski auf den Leib geschneidert war. Einem Schauspielgenie, das Zeit seines Lebens leider oftmals nur durch seine exzentrische Wesensart und seine bewusst provozierten, cholerischen Anfälle und weniger für seine durchaus interessanten wie diskutablen Philosophien und Ansichten über das Leben Beachtung fand.

Fitzcarraldo lediglich als Abenteuerfilm oder gar “Bootsfilm” zu bezeichnen, ist eine Degradierung, die diesem Epos keineswegs gerecht wird. Denn neben den bildgewaltigen Landschaftsaufnahmen des mystischen Dschungels, der kargen Dialoge und dem Einwirken der Natur und ihrer ursprünglichen Völker, ist es schon alleine der Hauptprotagonist, der dem Film so viel mehr als einen plump exzentrischen Irren im Niemandsland gibt. Fitzcarraldo ist einer der letzten seiner Art. Ein aussterbender Typs von Mann, der Leben, Wirken und Denken noch einzig und alleine seinen Visionen opfert, ohne Wenn und Aber. Der kaum mehr anzutreffende Abenteurer, unbeirrt seinem Schicksal entgegensteuernd, ja fast auf es zurasend. Von den fatalen Konsequenzen eines solchen Lebensweges ebenso fasziniert und angezogen, wie von der vagen Aussicht auf ewigen Ruhm und Ehre. Eben jener Typus Mann, der mit dem Ende des 19. Jahrhunderts und der von wilder Rohheit, Pein und Abenteuerlust geprägten Kolonialära allmählich aus den gesellschaftlichen Leben und ihren sozialen Beziehungen verschwand oder besser noch, als anachronistisches Relikt verdrängt wurde.

Fitzcarraldo wird ob seines oftmaligen Scheiterns von seiner Umwelt verkant und belächelt. Die wohlhabende Elite sieht in ihm einen bemitleidenswerten und doch irgendwie visionären Zeitgenossen, aus dessen sich vorhersehbaren Untergang ein bisschen Geld und dekadente Belustigung schlagen lässt. Schon die Anfangsszene des Films verrät, dass der Hauptprotagonist und Opernliebhaber eine gescheiterte Existenz ist, die jedoch mit ihrer letzten Würde fest an ihrem Traum festhält, die hohe Kunst der Oper in den unbezwingbaren Dschungel zu bringen. Denn die Oper drückt die Gefühle der Menschen aus, so Fitzcarraldo. Im weißen Leinenanzug und ausgestattet mit einem Caruso spielenden Grammophon und einem von den letzten Ersparnissen seiner Freundin erworbenen Kahn, steuert Fitzcarraldo ins “Herz der Finsternis” – der Film hat durchaus einige Elemente des brillanten Romans von Joseph Conrad – um die letzten unberührten Gebiete urbar zu machen und durch den Abbau von Kautschuk seine Vision eines Opernhauses zu verwirklichen. “Ideen können Berge versetzen”, wird der realer als gedacht werdende Leitspruch dieser Expedition. Das Vorhaben wird zu einer Begegnung mit göttlichen Vorhersagungen, den Urgewalten der Natur, tiefer verwurzelten Denkweisen als wir sie je erahnen können und letztlich mit der Frage über die Sinnhaftigkeit des eigenen Strebens. Fitzcarraldo gelingt in seinem Eifer ein Meisterstück, das vor ihm niemanden gelang und doch scheitert er scheinbar am schmalen Grad zwischen Erfolg und Niedergang. Aber nur scheinbar. Denn wo das Denken der Masse ein klägliches Scheitern sieht, bleibt Fitzcarraldo immer noch der Triumph seiner Vision. Er befreit sich endgültig von der Last seiner Träume. Es ist der Sieg im Kleinen, der das Scheitern im Großen überdeckt. Letztlich ist das Bezwingen der Natur immer ein Vorhaben, das fatal Enden muss.

Fitzcarraldo (158 Min.) – Regie Werner Herzog (1982, Deutschland)

Beitragsbild: © Slant Magazine

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