Die geläufige Meinung der globalisierungsgetriebenen Ökonomie suggeriert uns ein quasi alternativloses, scheinbar den Naturgesetzen entsprungenes Verständnis von Wirtschaft, samt all ihrer Variablen und Facetten. Doch hinter Handel und Wirtschaft stecken keine abstrakten Entitäten wie Staaten, internationale Organisationen oder Großkonzerne. Verträge werden nicht von automatisierten Computerprogrammen ausgehandelt, ebenso wenig können auf diesem Wege Rohstoffe abgebaut und spezifisch verarbeitet werden. Es sind immer einzelne Individuen (oder in Interessensgruppierungen/Eliten zusammengefasste Individuen) die dahinterstehen und dafür verantwortlich sind.

Daher wäre der wissenschaftliche, aber auch populäre Diskurs, besser beraten, wenn es die Subdisziplin der internationalen Ökonomie (alternativ „internationaler Handel“ oder „internationale Wirtschaft“) niemals gegeben hätte. Selbiges gilt insbesondere für die Profession der Wirtschaftswissenschaften. Denn eine Verallgemeinerung und Abstraktion individueller Präferenzen und Entscheidungen, gerade in der alles dominierenden Wirtschaft, verschleiert Machtstrukturen, Herrschaftsverhältnisse und letztlich Unterdrückungsmechanismen, verkompliziert aber ebenso mögliche Alternativen und Exitstrategien.

Staaten können keinen Handel treiben

Nur Individuen, entweder getrennt oder in freiwillig gebildeten Gruppen, können Handel betreiben. Nur sie besitzen miteinander vergleichbare und subjektiv bewertbare Vor- und Nachteile. Staaten besitzen sowohl die Fähigkeit des Handels, wie auch die Eigenschaft der Wertung nicht. So sind es auch nur Individuen, die sich auf bestimmte Bereiche der Produktion spezialisieren können und folglich investieren, sparen oder ausgeben. Nur Individuen generieren Einkommen, Vermögen, Wohlfahrt, Gewinne und Verluste. Staaten als solche teilen diese Erfahrungen nicht.

Natürlich kann man sagen „Österreich handelt dieses oder jenes mit China“, „Deutschland hat einen komparativen Vorteil im Sektor xy“, „Indiens nationales Einkommen ist gestiegen“, oder „Angolas Handelsdefizit ist am sinken“. Aber all diese Phrasen beschreiben nur die weitgehend unbeabsichtigten, aggregierten Ergebnisse unzähliger Entscheidungen und Handlungen, die jeweils von einer bestimmten, realen Person gemacht wurden.

Zwar sind auch Regierungen in der Lage diese Aktivitäten zu vollführen, gerade in punkto der Mitteleintreibung, Umverteilung und Ausgabe, jedoch sind Regierungen keine Staaten. Sie sind von Individuen gesteuerte Organisationen, die nach einem bestimmten Set von formalen und informellen Regeln handeln, zumindest in der Theorie. Die Praxis wird gerade aus libertärer Sicht kritischer betrachtet.

Da nun jedoch die Sub-Disziplin der internationalen Ökonomie besteht, erweckt die Auseinandersetzung mit „internationalem Handel“ und dem sagenumwobenen „(Finanz-)Markt“ den Eindruck, dass es etwas so einzigartiges in internationalen Transaktionen von Gütern, Dienstleistungen und Finanzprodukten gibt, das sie von den „nicht-internationalen Transaktionen“ separiert betrachtet werden müssen. Aber es gibt nichts „Einzigartiges“ oder Mysteriöses im internationalen Handel. Überhaupt nichts.

Die Misskonzeptionen von Wirtschaft und Handel

Es gibt natürlich unwesentliche Unterschiede, die nationalen von (scheinbar) internationalen Handel trennen. Beispiele dieser inessenziellen Unterschiede inkludieren die Notwendigkeit der Währungskonversion. Ebenso jene der verschiedenen Rechtsordnungen in Bezug auf Währungspolitiken. Wobei im Hintergrund seit geraumer Zeit ohnehin eifrigst an einem internationalen und zentralen Währungssystem gearbeitet wird. Die Technologisierung des Zahlungsverkehrs trägt ihr Übriges dazu bei.

Die Tatsache, dass Menschen in einer politischen Jurisdiktion unter anderen und verschiedenen Gesetzen und Legislativen – einschließlich der Steuerpolitik – tätig sind, als Menschen in anderen politischen Rechtsräumen, markiert ebenfalls einen dieser Unterschiede. Ebenso Einkommens- und Wohlstandsunterschiede. Letztlich ist es auch Fakt, dass internationale Transaktionen im Allgemeinen (wenn auch nicht immer) über geografische Distanzen stattfinden, die oftmals größer sind als die Entfernungen, die von inländischen Transaktionen abgedeckt werden.

Die Vorstellung von „internationalem Handel“ veranlasst uns also dazu, die fundamentale Realität des Handels an sich zu missinterpretieren. Denn es sind eben Menschen die in Verhandlung und Austausch miteinander treten und dahinterstehende Macht-, Herrschafts- und Abhängigkeitsstrukturen, die diese Interaktionen wiederum in spezifische Formen und Interessensbahnen lenken. Das „Label“ des Handels zwischen Staaten ist eben das Ergebnis einer Misskonzeption. Diese länderspezifische Perspektive zwingt folglich allgemeinen Handel danach zu werten, wie stark der Netto-Wohlstand von Bürgern eines Staates steigt oder sinkt. Eine ähnliche Misskonzeption liegt beim Credo des „Wachstums“ vor, der als alleiniger Indikator von Prosperität und erstrebenswerter Entwicklung gilt.

Der Weltverkehr und seine Mittel, mit einer Übersicht über Welthandel und Weltwirtschaft; (1913) (14738035946).jpgDer Handel in der Nachbarschaft

Handel existiert nicht nur (scheinbar) auf abstrakter Ebene via Staaten und als Subdisziplin der Wirtschaftswissenschaften. Er kann auch auf lokaler und regionaler Ebene, autark zwischen gleichberechtigten Individuen und Gemeinschaften auf einer Ebene existieren, die niemanden der „Handelnden“ Nachteile beschert. Würde dieses Phänomen wiederum als wissenschaftliche Subdisziplin erforscht, würden gleichzeitig alle Arten von ruchlosen empirischen Studien und theoretischen Wohlfahrtsanalysen durchgeführt werden – Studien und Analysen, die unvermeidlich zur Regierungsmanipulation dieses Handels führen würden.

Wiederum ist es das Politische, welches negativ interveniert. Denn nach Meinung des alles regulierenden Staates, darf das Individuum nicht ohne Regulierung und Kontrolle Handel betreiben. Die folglichen Manipulationen würden von politisch einflussreichen Individuen unterstützt werden, die wiederum von dem „Schutz“ profitieren, den sie in Form von Regierungsbeschränkungen für den Handel erhalten.

Wirtschaft, Handel, Ökonomie…egal welche politischen Grenzen gezogen werden, welche Interessensgruppierungen und Eliten sie zu steuern versuchen, welche Mechanismen der Kontrolle (Giralgeld, etc.) implementiert werden. Der Fokus darf nicht mehr auf internationalem Handel, einem entgrenzten, abstrakten „Finanzmarkt“ liegen, sondern muss hin zu Subsidiarität führen. Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und die Entfaltung der Fähigkeiten des Individuums, ob nun Familie, Kirchengemeinde, Nachbarschaft oder Dorfgemeinschaft. Nur so können Alternativen in der Wirtschaft und folglich auch im Geldsystem fruchten und sich entfalten.

Ideen für vorliegenden Artikel u.a. von Foundation for Economic Education

Artikelbild: Curt Merckel/Wikimedia, gemeinfrei

Beitragsbild: Thomas J. O’Halloran/Wikimedia, gemeinfrei

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