Der vergangene G20-Gipfel im japanischen Osaka hat es einmal mehr eindrücklich verdeutlicht: Die unipolare Weltordnung der Post-Kalte-Krieg-Ära, mit den USA an der militärischen und ökonomischen Spitze der Weltgemeinschaft, hat ausgedient und ebenso wie die nach dem zweiten Weltkrieg vorherrschende bipolare Weltordnung ihren Zenit überschritten. Die mächtigsten Staats- und Regierungschefs dieser Welt sind eher darauf bedacht, ihre Macht durch nationale Entwicklungsstrategien, internationale ökonomische Allianzen und wirtschaftliche Dependenzen langfristig zu erhalten, als diese mit der Waffe zu behaupten. Zumindest auf den ersten Blick, denn Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Dennoch haben sich neue Allianzen abseits der globalen Dollarhegemonie in den vergangenen Jahren behaupten können, auch wenn dies die USA immer wieder mit militärischen und wirtschaftlichen Sabotageakten versucht haben zu verhindern. Nicht nur die Mitglieder der losen Staatengemeinschaft BRICS (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) oder MINT (Mexiko, Indonesien, Nigeria, Türkei) sind zu einem direkten Konkurrenten der US-Hegemonie avanciert, auch Europa löst sich zusehends aus den Fängen der US-Diktion, wenn auch in deutlich langsameren und vorsichtigeren Schritten als dies die sogenannte “dritte Welt” tut. Ob es die Rückkehr von Zentralbanken rund um die Welt zu goldgedeckten Währungen ist, der zunehmende Handel von Rohstoffen (vor allem Öl) in anderen Währungen als dem US-Dollar, oder die aufgezeigten Schranken des US-militärischen Interventionismus im Nahen Osten und anderen Teilen der Welt: Der Multilateralismus dürfte sich in der internationalen Politik durchsetzen. Das mag auch an der im Vergleich zu seinen Amtsvorgängern noch harmlos anmutenden Außenpolitikstrategie des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump liegen, der eher auf Dialog und wenn nötig Drohungen statt Taten setzt. Noch zumindest, wie ein Blick auf den Iran verdeutlicht.

Denn all diese Entwicklungen ändern freilich nichts an der immer noch vorherrschenden und von Gewalt durchsetzten Realität der internationalen Beziehungen, die wiederum weiterhin maßgeblich von den USA gesteuert werden. Und die Konfliktherde nehmen bei weitem nicht ab. Seien es aktuell der Iran, Jemen und Venezuela, das Pulverfass Israel und Syrien, die Völkerwanderung in Mittelamerika, das südchinesische Meer, Libyen, Afghanistan oder der Kaschmir-Konflikt in Vorderasien. Zu erwähnen wären überdies ökonomische Konflikte, die in derzeitigen Handels- und Zollkriegen sowie anderen protektionistischen Maßnahmen gipfeln und die Idee des Freihandels massiv konterkarieren. Was dabei auffällt: Immer häufiger intervenieren auch andere (Groß-)Mächte abseits der USA in regionale oder lokale Konflikte – Ausnahme bleibt hier China mit seiner “Strategie der Nichtintervention”.

G20 als Trilaterale Bühne der “RIC”

Im Zuge des G20-Gipfels stach nicht nur Donald Trump mit seiner Korea- und Chinapolitik hervor. Auch die Annäherungen zwischen Russland, Indien und China (“RIC”) standen im Fokus des an internationaler Politik interessierten Beobachters und verdeutlichten den Anbruch einer “Ära des Multilateralismus”. So vollzog sich ein quasi eigener, trilateraler Gipfel zwischen den drei BRICS-Staaten. Die Führer Putin, Modi und Xi zogen sich mit großen Beraterstäben zu eigenen Gesprächen von der Öffentlichkeit zurück. Experten werten darin den Versuch, die ohnehin guten Beziehungen zwischen China und Russland im Sinne einer vertieften eurasischen Integration auch auf Indien auszuweiten, das aufgrund von Grenzstreitigkeiten und regionalen Machtansprüchen eigentlich ein “natürlicher Feind” Chinas ist. Die Gespräche dürften dort angeknüpft haben, wo sie vor kurzem beim Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) endeten. Gemeinsames Ziel ist zunächst die Etablierung einer standhaften Sicherheitsstruktur für den eurasischen Raum, primär in Hinblick auf mögliche US-Interventionen. Des weiteren wurde auch die Forderung nach einer Reform der Welthandelsorganisation (WTO) erneuert, die neben anderen US-dominierten internationalen Organisationen künftig mehr Augenmerk auf die Bedürfnisse von Entwicklungsregionen legen und Partnern auf Augenhöhe begegnen soll. Ein erster Schritt in diese Richtung dürfte die Ernennung des Chinesen Qu Dongyut zum Leiter der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) sein. 

Weiters eint die “RIC” die Forderung nach bilateralen und multilateralen Kooperationen unter Wahrung der nationalen Souveränität sowie ein Nichtinterventionismus betreffend innere Angelegenheiten der jeweilig anderen Staaten. Ebenso werden Sanktionen als disziplinierende Maßnahmen in den zwischenstaatlichen Beziehungen abgelehnt und der Handel in nationalen Währungen dem Dollar vorgezogen. China und Russland sind auf diesem Feld bereits Pioniere und handeln mittlerweile in den Energie- und Agrarsektoren größtenteils in den jeweiligen Landeswährungen Yuan und Rubel. Zudem ist das Ziel beider Großmächte, währungsübergreifende Abrechnungen in den kommenden Jahren um 50 Prozent weiter zu erhöhen. Geschehen soll dies unter anderem durch eine Umgehung des internationalen Zahlungsabwicklungssystem SWIFT durch die Verwendung des russischen Systems für die Übermittlung von Finanznachrichten (SPFS) und des chinesischen grenzüberschreitenden Bankenzahlungssystems (CIPS).

Auch auf der außenpolitische Bühne einen alle drei Staaten ähnliche Ziele und Probleme. In Hinblick auf den Iran ist Russland ein wichtiger Unterstützer der Mullah-Regierung, da man Stabilität und eine Zurückdrängung des US-Einflusses in Zentralasien wünscht. Indien ist ebenso wie China wiederum auf das Öl des Irans angewiesen, Indien überdies auf den strategisch wichtigen Hafen Chabahar, der dem Land Zugang zur “Mini-Seidenstraße” nach Afghanistan und Zentralasien gewährt, da der Handelsweg via Land über den Erzfeind Pakistan unmöglich ist. Und auch China braucht einen stabilen und wohlgesonnenen Iran, will man das Mammutprojekt der “neuen Seidenstraße” zeitnah und erfolgreich realisieren. Zu guter Letzt sind alle drei Staaten mit der volatilen und destruktiven Handelspolitik der USA konfrontiert, die Strafzölle und Protektionismus als neues Mittel der Interessendurchsetzung entdeckt hat. Daher eint sie der gemeinsame “Abwehrkampf”. 

Von allen aufstrebenden Entwicklungsnationen, sticht jedoch Indien bei weitem hervor, was die Chancen einer erfolgreichen ökonomischen Expansion internationaler Investoren in den nationalen Markt sowie generelle rechtsstaatliche Stabilität betrifft. Eine Analyse von Trade Financial Global untersuchte dabei regulatorische Qualitäten, die Rechtsstaatlichkeit, politische Stabilität und Korruption innerhalb der jeweiligen “emerging markets”. Was auffällt: Sowohl die MINT-Staaten als auch die BRICS (mit Ausnahme Indien) schnitten hier durchwegs in den unterschiedlichsten Kategorien schlecht ab (Beispielsweise China schlecht bei Rechtsstaatlichkeit, Südafrika bei Korruption, Mexiko bei politischer Stabilität usw.). Hier gibt es also noch einigen Aufholbedarf, will man langfristig an der globalen ökonomischen Spitze verweilen und gleichzeitig die USA verdrängen. Die vollständige Analyse finden Sie hier. Die Wirtschaft des Subkontinents soll in den kommenden fünf Jahren jedenfalls auf fünf Billionen Dollar anwachsen, schon heuer erreicht man die 3-Billionen-Marke. Und in einer Welle der globalen Rezension, wo das Wachstum auf 2,6 Prozent abflacht, sticht Indien mit Wachstumsraten von bis zu 8 Prozent und der drittstärksten Kaufkraft weltweit immer noch international hervor.

Die Konfliktherde 2019

Richten wir den Blick nun auf die Konfliktherde des Jahres 2019, so findet man viele “Altbekannte” unter ihnen, aber auch so manch neuen. Klar ist jedenfalls, dass viele auf das Konto einer rücksichtslosen Nullsummen-Politik gehen, betrachtet man etwa das durch ausländische Interventionen verursachte Fiasko in Syrien oder Libyen. Supranationale “Streitschlichter”, wie die UNO und ihr UN-Sicherheitsrat, sind ohnehin paralysierte Statisten in diesem Kräftemessen innerhalb der neuen Weltordnung. Hardliner der US-Hegemonie argumentieren die scheinbare Volatilität oder “Anarchie” der internationalen Beziehungen mit der außenpolitischen Schwäche der USA seit der Amtszeit von Barack Obama. Doch dahinter liegen auch andere Ursachen, wie die erwähnte Abkehr vom ökonomischen Druckmittel Dollar und die Emanzipation anderer (regionaler) Großmächte in Konfliktszenarien (siehe Russlands Engagement in Syrien). Es mag ein Austesten der Grenzen sein oder tatsächlich der Versuch, einen Multilateralismus auf internationaler Ebene durch Provokation und simples Kräftemessen zu etablieren. 

Unter den vielen Konfliktherden dieser Welt, sollen jene exemplarisch hervorgehoben werden, die eine Auflösung der unipolaren Weltordnung verdeutlichen bzw. auf der anderen Seite versuchen, diese zu erhalten. Beide Faktoren bedingen sich quasi, da viele militärische Konflikte eine direkte Folge des US-Imperialismus sind. Auf die Konfliktherde des Jahres 2019 sowie deine Übersicht sämtlicher US-Konflikte der letzten 40 Jahre wird auf dieser Seite Ende des Jahres genauer eingegangen. 

Afghanistan:

Der mittlerweile am längsten andauernde US-Krieg scheint kein Ende zu nehmen. Doch auf den zweiten Blick sind die USA mit ihrem militärischen Fiasko in Afghanistan drauf und dran ihre fragile Präsenz in Zentralasien zu verlieren. Denn sämtliche relevanten Nachbarstaaten (Iran, Pakistan, China, Russland) drängen seit geraumer Zeit auf ein rasches Ende des US-Engagements in Afghanistan, da man selbst das Vakuum in dem Land am Hindukusch füllen möchte. Ob dies auch militärisch oder eher ökonomisch geschehen wird, ist fraglich. Gerade der Iran und Pakistan könnten verschiedene politisch-religiöse oder tribale Strömungen in Afghanistan für ihre eigenen Interessen missbrauchen. Die Ankündigung Donald Trumps, 7.000 US-Soldaten wieder “Heim zu holen”, kann jedenfalls als Signal in Richtung Ende der US-Präsenz gedeutet werden. Die Post-US-Ära Afghanistans wird jedenfalls politisch wie wirtschaftlich maßgeblich von seinen mächtigen Nachbarländern mitbestimmt werden. 

Jemen:

Im Jemen tobt ein klassischer Stellvertreterkrieg, der 2019 in eine der größten humanitären Krisen des Planeten gipfelte. Über 16 Millionen Jemeniten sind aktuell von einer akuten Unterversorgung bedroht. Während die US-gestützte “Saudi-Koalition” auf der einen Seite für eine Machtausweitung und Zurückdrängung des iranischen Einflusses mit rücksichtslosen Maßnahmen kämpft, streben die Seite der Huthi-Rebellen nach der Übernahme der Macht in dem Golfstaat, mithilfe des Irans. Was auffällt: Nach langer Zeit des internationalen Schweigens wurden die USA nun dazu gedrängt, die Unterstützung für die militärische “Golf-Koalition” aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten zurückzufahren. Auch auf innenpolitischen Druck hin. Dennoch verdeutlicht es einmal mehr, dass die Handlungsspielräume der USA im Nahen Osten nach dutzenden Kriegen in den letzten Jahrzehnten kleiner werden.

Syrien:

Syrien ist wohl das eindrücklichste Beispiel der niedergehenden US-Hegemonie im internationalen Kontext. Die Destabilisierung des Landes gelang den USA zwar dank massiver Aufrüstung und finanzieller Hilfe für islamistische Gruppierungen, ein Sturz der Regierung Assad blieb der Weltpolizei aber verwehrt. Ganz im Gegenteil: Mit dem militärischen und diplomatischen Engagement Russlands und des Irans in Syrien, mussten die USA zum ersten Mal in einem von ihnen initiierten Konflikt klein beigeben und sich den neuen Kräfteverhältnissen beugen. Über die Türkei wird nun von Seiten der USA versucht, die Region weiter zu destabilisieren und ein neues Gegengewicht zu Russland zu bilden. Wiederum kündigte Präsident Trump an, die wenigen im Land stationierten Truppen aus Syrien abzuziehen. Das Machtvakuum werden andere füllen. 

Ein anarchistisches internationales System und sein Feind

Die neue Multipolarität liegt in einer anarchistischen Ausgestaltung der internationalen Beziehungen begründet. Staaten und staatliche Akteure begegnen sich hier in ihren bi- und multilateralen Beziehungen nicht mehr auf einer streng hierarchischen Ebene und ohne übergeordnete, disziplinierende Instanz, sondern auf Augenhöhe und als nahezu gleichberechtigte Akteure, die unterschiedliche Dependenzen und Volatilitäten aufweisen und um diese auch wissen. Hinzu kommt, dass die Ausgangspositionen ebenso wie die Ergebnisse von Verhandlungen, Vorhaben oder Kooperationen meist offen sind und sich eher an langfristigen Planungen orientieren, anders als in der unipolaren Weltordnung, wo internationale Maßnahmen meist der kurzfristigen strategischen Machtmaximierung geschuldet waren. Internationale Organisationen, die vorrangig von den USA dominiert und finanziert werden, verlieren ebenso an Bedeutung. Nicht nur die UNO, sondern auch Weltbank, IWF und oben erwähnte WTO bekommen Konkurrenz durch Pendants aus den Schwellenländern oder einen koordinierten Reformdruck dieser. “Anti-westliche” Allianzen sind in den wichtigsten internationalen Organisationen schon längst keine Seltenheit mehr und wo es möglich ist, werden hohe Posten und Ämter mit Vertretern aus der “dritten Welt” besetzt. 

Dagegen regt sich natürlich zuvorderst in Washington widerstand. Der mittlerweile öffentlich bekannte Plan zur Neustrukturierung des Nahen und Mittleren Ostens (der u.a. einen US-Krieg mit dem Iran vorsieht) sowie die Ausweitung des US-Einflusses in Südost-Asien scheinen in Gefahr. Aber auch Europa entgleitet den Amerikanern zusehends, ungeachtet der weiterhin befehlsempfängerischen Allianzen mit Großbritannien und Frankreich. Nicht von ungefähr kam daher nun der Plan der Trump-Administration, den “russischen Einfluss” in Europa offensiv zurückdrängen zu wollen. Das soll vor allem durch eine Ausweitung US-Amerikanischer Unternehmen auf europäische Märkte, aber auch durch eine “Stützung der europäischen Demokratien” durch die USA geschehen. Man sieht also, dass der Multilateralismus und die Multipolarität der internationalen Beziehungen schon in ihren ersten Gehversuchen torpediert werden, wo es nur geht. Dennoch werden diese Entwicklungen künftig kaum mehr aufhaltbar sein, auch wenn man von Seiten der USA in Libyen noch eine militärische Wende schaffte und nun durch Protektionismus, Strafzölle, Sanktionen und Kriegsdrohungen wieder seine Vorherrschaft in der Welt zementieren möchte. 

Artikelbild: kremlin.ru, gemeinfrei

Beitragsbild: Lindsay_Jayne/pixabay, gemeinfrei

2 Kommentare

  1. die ablösung vom dollar bringt uns den krieg! deutschland und europa stehen dabei im mittelpunkt! die militärische macht und der wohlstand unseres hegemon-freundes im westen, baut auf den dollar. die rohstoffkosten müssen in dollar bezahlt werden. daraus folgt, dass usa an diesen handel genausoviel verdient, als die rohstoffe kosten! weil sie dafür den dollar umsonst drucken. ein erpressungs-system!

Kommentieren Sie den Artikel