Auf Einladung des Friedrich Funder Instituts fand Mitte Februar 2017 eine Podiumsdiskussion anlässlich des Dauerthemas „Migration“ in den historischen Gemäuern der Industriellenvereinigung in Wien unter hochkarätiger Besetzung statt. Unter den Teilnehmern befanden sich Claus Reitan (Journalist), Marina Delcheva-Glantschnigg (Wiener Zeitung) und Andreas Unterberger (Unterberger Blog) sowie Heinz Fassmann (Universität Wien), welche ihre Thesen und Fragen in einer hitzigen Diskussion in Begleitung der Moderatorin Gabriele Neuwirth zum Besten gaben.

Neue „Völkerwanderungen“

Zu Beginn gab es eine Einführung von Claus Reiten. Die neuen „Völkerwanderungen“ bringen eine verzerrte begriffliche Kritik mit sich. Reitan warf ein Zitat von Robert Holzmann über die Migration in den Raum, in welchem es heißt, dass niemals die Armen im Rahmen der Zuwanderung kämen. Primär machen sich jene auf den strapaziösen Weg, welche es sich leisten und die Schlepper bezahlen könnten. Insgesamt gibt es laut Schätzung 21 Millionen Zwangsarbeiter innerhalb der Schattenmigration, so Reitan. Zudem existieren Push und Pull-Faktoren. Einerseits seien Push-Faktoren etwa Bevölkerungswachstum und der Klimawandel. Auf der anderen Seite stellen Sicherheit, soziale Wohlfahrtstaaten und der Trend der Wanderung vom Süden in den Norden, Pull-Faktoren dar. Zur demografischen Entwicklung in Österreich führte Journalist Reitan an, dass es seit Jahren folgende gleichbleibende Tendenz gäbe:  „Bei den Autochthonen kommen pro Jahr auf 70.000 Geburten in etwa genauso viele Sterbefälle.“

Was kann die Politik „tun“?

Frau Delcheva meint, Österreich sei ein reiches Land, daher gehe es vielmehr um die Frage wie man integrieren möchte. Es handelt sich um Einzelschicksale. Wir müssten einstehen für Gleichheit und demokratische Abschiebungen. Es flüchten diejenigen vor den Mördern des IS, die dazu im Stande sind.

Claus Reitan ist der Auffassung, dass „Wir“ es uns nie aussuchen können, wer zu ins Land komme. In der Europäischen Menschenrechts Konvention ist festgehalten, warum jemand schutzbedürftig ist. Schließlich fliehe niemand freiwillig aus seiner Heimat.

Darauf schaltete sich Andreas Unterberger ein und thematisierte die Rettung in den Booten und dass in Wahrheit all jene Personen flüchten, welche entsprechend Geld dafür haben. Die Stimmung laut aktuellen Umfragen sei so, dass es de facto ein Bedürfnis nach einer Null-Migration gäbe. Das ist es, was die Menschen wollen, so Unterberger. Unterberger ist der Meinung, dass es Länger gäbe, die sich aussuchen, wer kommen darf. Dies zeigt etwa das Musterbeispiel Kanada auf. Zudem meinte er, dass das Gerede vom Bevölkerungswachstum eine Farce sei. Er selbst wüsste, dass es durch Zuwanderung seit Jahren einen Trend zu einer höheren Bevölkerungszahl in Österreich käme. Vor rund vier Jahrzehnten waren es noch ungefähr sieben Millionen und nun sind es doch schon knapp neun Millionen Einwohner. „Über kurz oder lang geht es sogar in Richtung der 10 Millionen Einwohner-Marke“, so Unterberger.

Heinz Fassmann hielt fest, dass die Migrationsdistanzen ansteigen. Generell wandern eher junge und dynamische Personen. Das europäische Asylsystem sollte endlich realisiert werden und für eine künftige faire Verteilung der Zugewanderten sorgen, so Fassmann.

Gibt es eine gesellschaftliche Spaltung?

Auf die Frage, wie eine Asylantendebatte beim Heurigen ausgehen würde und ob die Gesellschaft durch diese Diskussion gespalten werde, entgegnete Frau Delcheva, dass sie diese Spaltung wahrnehmen könne. Dies äußert sich ganz deutlich in den sozialen Netzwerken. Die Facebook-Filter, wo die User nur mehr das lesen, was sie erwarten und immun gegen Alternativen werden. Die „Macht der Worte“ ist niemals zu unterschätzen, so Delcheva. Dazu Unterberger: „Eine emotionale Spaltung sehe ich zwischen den Medien und der Gesellschaft.“

Jedoch sieht Fassmann die Spaltung weniger und sprach davon, dass es jetzt viel mehr darum gehe, wie die Verteilung der Flüchtlinge in Europa aussehe. Zudem geht er davon aus, dass es so einen „Ausnahmezustand“ wie im Jahr 2015 nie mehr geben werde.

Das mediale Versagen des Mainstreams

Blogger Unterberger, konstatiert einen großen Vertrauensverlust, welcher von den Medien selbst ausgelöst wurde. Die etablierten Print-Medien stehen vor dem existenziellen Abgrund und hätten deshalb versucht, die Menschen umzuerziehen, in dem sie Details bei der Berichterstattung bewusst weggelassen haben. Dies zeige das Beispiel bei Straftaten durch Flüchtlinge, wo die Herkunft nur in Ausnahmefällen angeführt wurde. Die Presseförderung, welche erst kürzlich erhöht wurde sichert derzeit das Überleben der Mainstream-Medien und bewahrt diese vor dem dahinsiechen. Das Vertrauen der Bevölkerung sei dahin, so Unterberger.

Delcheva stimmte dem Journalisten Unterberger zu und geht auch von einer Selbst-Schuld der Medien aus. Ein guter Journalismus sei heute wahnsinnig schwer zu garantieren und diesen auch zu verkaufen sei noch schwieriger. Dazu käme: „Erfundene  Fake-Geschichten stellen mittlerweile ein grobes Problem dar.“

Die neue Polizeistrategie, welche es seit dem Kölner-Silvester-Drama gäbe, forciere eine breitere und offenere Kommunikation der  Sprecher. Der Print-Journalismus stehe vor der Herausforderung, einer massiven Schnelllebigkeit und den neuen Konkurrenz-Medien im Online-Segment. Auch thematisierte Delcheva die bereits vorhandene hysterische und aufgeheizte Stimmung in der Gesellschaft, so Delcheva.

Professor Fassmann vermittelte die Emotion, die die Medien mit den Bildern herstellen könnten. Mit diesen habe man mediale Verantwortung und könne so gut wie alles aussagen. Er plädierte dafür, dass sich Journalisten so wie auch Wissenschaftler stets nachfragen müssten, ob ihre Thesen korrekt sind. Unausweichlich sei die gewissenhafte Überprüfung der Fakten. 

Vertrauensverlust in der Bevölkerung

Im Laufe der späteren Diskussion wurden berechtigte Sorgen der Besucher angesprochen.

„Es ist wichtig, dass die freie Meinungsäußerung bestehen bleibt und wir sollten einander mehr zuhören mit gesitteten Argumenten“, so Delcheva.

Claus Reitan ist sicher, dass ein guter Journalismus immer nachfragen müsse. Auch gäbe es eine Lösung für das nicht vorhandene Migrationsregime in Europa, eine Art „Marshall Plan“ für Afrika. Jedoch wenn nichts passiert, dann werden die Menschen weiterhin zu uns wandern, weil Wohlstand, gute Arbeitsplätze und eine bessere Zukunft finden sie in ihrer Heimat derzeit kaum.

Dem entgegnete Uni-Professor Fassmann: „Wir haben doch bereits ein „Einwanderungsregime“.

Der Staat müsse von der Gesellschaft getrennt betrachtet werden und wir bräuchten künftig einen kultur-freien Raum, in welchem jedwede Religion keinen Platz haben dürfe, so Fassmann.

Artikelbild: Ggia/Wikimedia (CC BY-SA 4.0)


Gastbeitrag, T. Eisenhut ist politischer Autor und Blogger

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1 Kommentar

  1. Es hängt wohl immer von der Perspektive ab, aus der informiert wird. Ein Gegenstand kann einen runden, einen quadratischen und einen dreieckigen Schatten werfen. Es hängt von der Richtung ab, aus der er angestrahlt wird.

    Der Eine wird Fotos mit Familien zeigen, der Andere wehrfähige Männer in Designerklamotten mit smartphones. Auch die Auswahl der Begriffe zählt. Es gibt unterschiedliches Vokabular. Einige Worte wecken Mitgefühl, andere erregen, manche sind sogar strafbar, wenn es eine Gesinnungsjustiz gibt. Doch gibt es die überhaupt? Natürlich nicht!

    Die Wirkung von Gedanken
    http://www.dzig.de/Filme-Die-Wirkung-von-Gedanken

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