Aus der Stille entspringt das Leben, in die Stille geht es wieder hin

Urvölker („Indianer“) dienen so manch kritischen, in einer postmodernen Zeit sozialisierten Geistern seit jeher als Ankerpunkt einer möglichen, idealisierten Alternative ihrer gegenwärtigen Lebenswelt. Zu Recht. Ihre aus einer tiefen Verbundenheit mit der Natur entsprungenen Weisheiten wie Geisteshaltungen und die daraus resultierenden Traditionen und Lebens- und Sozialmodelle kennen die Abgründe, vor denen unsere Zivilisationen immer wieder zu stehen scheinen, nicht. Soziale Ächtung, Verbrechen, Gefängnisse und Gier kennt man ebenso wenig wie Verschmutzung, Armut oder Krieg. Dennoch haftet der Indigenität das Primat der Primitivität an.

Ein Buch mit ausgewählten philosophischen, indianischen Texten schafft hier Abhilfe und versucht Einblick in Gedankengänge, Beobachtungen, Analysen und Erklärungen der Ureinwohner auf der ganzen Welt zu bieten. Gerade im Zeitalter der multiplen Krise, des gefühlten und erlebten Niedergangs westlicher Kulturalität, können diese Texte und dahinterstehende Ideen Orientierung geben. Denn „der Indianer“ war in seinem Denken und Handeln stets wehrhaft, gemeinschaftsorientiert, selbstlos, ausgeglichen, zielstrebig und naturverbunden. Attribute, derer sich der Mensch des „Westens“ wieder bemächtigen sollte.

Die seelisch-geistige Reinigung

Ein Weg zur Bemächtigung eben erwähnter Eigenschaften ist eine Reinigung von den Lasten des kulturzersetzenden Alltags. Eine Befreiung der Seele und des Geistes. Diese kann durch viele Methoden erreicht werden, allen gemein ist jedoch die Stille und die Interaktion mit den Elementen:

„Die Cheyenne halten es so, daß du fastest und dich an Leib, Seele und Gefühlen reinigst. Dann begibst du dich für vier Tage und Nächte nur mit einem Lendenschurz bekleidet und einer Büffeldecke auf die Spitze eines Berges, und dort bleibst du, ohne Essen oder Wasser, und betest um ein Gesicht.“ – Cheyenne

Das „Gesicht“ verdeutlicht eine Art Erkenntnis. Den Abfall von aktivem Machen und Haben und die Hinwendung an reaktives Sein und Empfangen. Ein Loslassen von Konzepten und Mustern der Einengung. Erst dann kann der Mensch erkennen und folglich handeln. Die Natur ist dafür der geeignete Raum, der Antwort gibt. In ihr kann die Verbindung mit allen Lebewesen eingegangen werden, Unbewusstes zu Bewussten wachsen und Leben Leben sein. Begegnet dem Menschen der „Geist“, so kann er das „große Geheimnis“ erfahren und von ihm lernen. Diesem begegnet man jedoch nur in der Stille und Einsamkeit:

„Wahre Weisheit wird nur fern der Menschen gefunden, draußen in der großen Einsamkeit, und man findet sie nicht im Spiel, sondern nur durch Leiden.“ – Iglulik Eskimo

Leiden kann neben dem körperlichen des Fastens auch geistiges Leiden bedeuten. Doch nach diesem Prozess muss der „heilige Mann“ (Sioux) auch den Tod nicht fürchten, eine zentrale Aussage nahezu aller großen Denker und Völker der Menschheitsgeschichte. Denn die Seele ist es, die den Tod obsolet macht uns wieder zu Bewußtsein erwachen lässt. „Daher kommt es, daß wir die Seele als das Größte und Unverständlichste von allem ansehen.“ – Iglulik Eskimo

Ein weiterer Schritt der Reinigung ist der immerwährende Dialog mit der Natur und ihren Lebewesen. Dieser Dialog kann viele Formen annehmen und zahlreiche Möglichkeiten beinhalten. Das Beobachten, das Meditieren, den Konsum psychoaktiver Pflanzen (Peyote, Ayahuasca, Psilocybinhaltige Pilze etc.), das Fasten, die Opfergabe oder aber auch die Arbeit im Freien. Denn der „Große Geist“ wohnt in Allen, jedem Tier, jeder Pflanze, jedem Felsen, und ist bereit seine Weisheit und Hilfe mit den Menschen zu teilen. Es bedarf dafür nur Zeit und Geduld, den Weg in die Wildnis und die Einsamkeit, Dinge die in der modernen Welt keinen Platz mehr haben. „Ihr habt so wenig Zeit, um in euch zu gehen – ihr seid immer in Hetze, Hetze, Hetze. Dieses Hetzen und Hinterherlaufen verkürzt das Leben.“ – Sioux

Naturverhältnis

Um im „Zeitalter des Niedergangs“ – so benenne ich die Moderne samt aller Entwicklungen die uns immer tiefer in Unfreiheit und Unglück stürzen – einen Ausweg zu finden, bedarf es eines radikalen Wandels unseres Naturverständnisses. Indianer haben immer wieder auf den Fehler in den (aufklärerischen) westlichen Denksystemen hingewiesen, in dem sie vor unserem entgrenzten Naturverständnis warnten. Für die modernisierte Welt ist die Erde „tot“ und kein lebender Körper. Denn „Natur“ ist kein Bestandteil unserer Realität mehr, sie fristet höchstens ein Dasein in Idealismus und Romantik. Wer sich mit ihr identifiziert gilt als irrational, schwach und unlogisch. Nicht einmal die alles bestimmende Wissenschaft könnte dieses Verständnis wiederherstellen. Im Gegenteil. Wissenschaft entfernte den Menschen immer weiter von der Verbundenheit mit unserer Umwelt. Dabei ist Natur Realität und wir sind Teil eben jener. 

Wer sich auf die Natur einlässt, sie verstehen lernt, ihr Dankt, Liebe entgegenbringt und sie wirken lässt, bekommt das zurück, was ein erfülltes Leben ausmacht. Denn die Welt besteht nicht nur aus unserer Wahrnehmung, sondern auch aus einer geistig-energetischen Sphäre die uns so Nahe ist wie der nächste Gedanke. Diese Sphäre ist das Äquivalent zu unserem Leben, der Ort unserer nächsten Reise nach dieser. 

Zivilisation und Kultur

Ein erfülltes Leben gab es für die Indianer und auch für unsere Gesellschaften vor ihrer scheinbaren „Zivilisierung“. Es ist ein bekanntes Exempel, das auch in libertär-anarchistischen Ideen anklingt: Ohne Gefängnis gibt es keine Verbrecher. Durch den Verzicht auf Schlüssel und Schlösser gibt es keine Diebe. Es gibt keine Armut, weil sich die Gemeinschaft um den Einzelnen kümmert. Persönlicher Besitz existiert, auch das Recht auf Privateigentum, dennoch hat er keinen großen Stellenwert in Denken und Handeln. Besitz ist dazu da, um ihn irgendwann weiterzugeben. Es gibt kein Geld, keinen Reichtum, keine schriftlich niedergelegten Gesetze, keine Polizei oder Anwälte und folglich auch keinen Betrug. All das gibt es nur in der „zivilisierten Welt“, der Welt der Moderne. 

Was für Indianer wichtig erscheint ist das „Land“, das Gebiet ihrer Lebensgrundlage, dass wir gerade in der westlichen Welt leichtfertig und blind opfern. Wir kämpfen nicht mehr dafür, wertschätzen es nicht und verleugnen es.

„Wer unser Land zerstört, der zerstört auch unsere Identität. Ihr glaubt, auch ohne Land leben zu können. Wir können es nicht. Unser Land ist unser leben.“ – Blackfoot

Ebenso sind Kultur und Traditionen lebensnotwendige Elemente einer jeden Gemeinschaft/Gesellschaft. Zwar können indigene Riten und Lebensweisen helfen, dennoch muss jede Kultur, jede Zivilisation seine eigenen Traditionen und Bräuche pflegen und bewahren, darf sie also nicht leichtfertig opfern oder gar verleugnen. Indigenes Denken ist in diesem Sinne als klare Absage an Kulturrelativismus und globalisierungsgetriebenen Liberalismus zu verstehen: „Jedes Volk hat seine eigenen Traditionen und seine eigenen Zeremonien und Rituale […] die meisten Zeremonien aber sind auf der Schöpfungsgeschichte und der Kultur eines Volkes aufgebaut – sie bedürfen des speziellen kulturellen Hintergrundes […] Versucht nicht, uns zu imitieren, sondern sucht nach euren eigenen Wurzeln […] Bekennt euch zu dem, was ihr seid. “ – Muskogee 

Stille

Bereits erwähnte Stille ist im indigenen Denken letztlich der essenzielle Baustein zur Überwindung des Leids. Wer die Stille in sein Leben lässt wird seine Sinne schärfen und die Unendlichkeit der Welt und all ihrer Möglichkeiten erfahren. Stille beschert Kreativität, Schönes und Wahres. Daher lernen Indianer schon im Kindesalter Stille als etwas bereicherndes zu erfahren und zu schätzen. Stille betrifft gerade auch die Sprache und ihre Wörter, welche in unseren Zivilisationen durch einen inflationären Gebrauch jegliche Bedeutung verloren. Weniger ist mehr. Der Fluss der Gedanken kann nur in ihr und durch sie erhalten bleiben. 

„Kein Mensch beginnt zu sein, bevor er nicht seine Vision empfangen hat.“ – Ojibwa

Beitragsbild: Albert Bierstadt – View of Chimney Rock, Ohalilah Sioux Village in the Foreground (1860)/Wikimedia, gemeinfrei

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