Ohne dass es uns bewusst war hat sich unser Leben innerhalb weniger Tage vollständig verändert. Die Frage nach dem “Was passiert hier gerade?” ist in alle Winkel der Welt vorgedrungen. Eine Art kollektiver Psychose, eine Mischung aus Panik und Verwirrung über etwas, dass wir noch nicht verstehen, nicht einmal benennen können.

Aber über eins sind wir uns sicher: Etwas hat sich verändert und es hat sich für immer verändert.

Diese Pandemie treibt einen Prozess voran, beschleunigt die Zeit auf etwas anderes zu, mit der Angst als Dreh- und Angelpunkt.

Als die Weltgesundheitsorganisation das Coronavirus (Covid-19) zur Pandemie erklärte, wurde auf internationaler Ebene ein Alarm ausgelöst. Die Regierungen aller Länder mussten die Verantwortung übernehmen, ihre Bürger vor der Ansteckung mit einer Grippe zu schützen, die aufgrund ihrer Ausbreitungsgeschwindigkeit zu Maßnahmen der “sozialen Distanzierung” zwingt , um die Infektion ganzer Bevölkerungen zu verhindern.

Und es scheint wie in einem Film, denn die gesellschaftliche Panik und die “Verantwortung”, die Quarantäne zu respektieren, haben sich in eine Insigne des fortwährenden Kampfes, der Kontrolle und Disziplinierung verwandelt; und das nicht nur seitens der staatlichen Behörden, sondern auch der Gesellschaft, getragen von Nachbarn, Familien, Freunden, etc. Doch wen betrifft das Coronavirus?

Weltweit hat es zum gegenwärtigen Zeitpunkt [Anm. d. Red.: Der Beitrag ist vom 26. März] 13.570 Personen das Leben gekostet. In China starben 3.267, in Europa 7.879 Menschen (4.825 Tote in Italien und 1.753 in Spanien). Dabei fällt Folgendes auf: Im Verlauf der Tage zeigen die Todesraten auf der ganzen Welt, dass vor allem ältere Personen ab 70 Jahren zu den Todesopfern gehören. Besonders in Italien zeigen die Fälle außerdem, dass zu 60 Prozent Männer und zu 40 Prozent Frauen betroffen sind.

Nun, der Hunger, die Kriege, die Klimakrise oder das Patriarchat, um nur einige Beispiele zu nennen, töten auf der ganzen Welt bedeutend mehr Menschen als das Coronavirus und dennoch gibt es deswegen keine allgemeine Panik.

Die Systemkrise verdecken

Als Reaktion auf die Lage wurde in den meisten Ländern der Welt Quarantäne verhängt. Das bedeutet: Soziale Isolation und Grenzschließungen. Es wurde ein Zustand geschaffen, bei dem gesunde Menschen in ihren Häusern eingesperrt werden. Das Gefühl hat sich breit gemacht, einen Horrorfilm mit der Zukunftsvision des Weltuntergangs zu durchleben.

Über die vielfältigen Ursachen hinaus, die auf die Pandemie zurückzuführen sind, steht fest, dass sie in einem geopolitischen Moment der strukturellen Änderung des uns bislang bekannten Wirtschaftsmodells auftritt.

Wir erleben einen Moment der Systemkrise, in der es Akteure gibt, die all ihre Karten gespielt haben ‒ hauptsächlich die Zocker des Finanzsystems, die aufgrund der Überproduktion fiktiven Geldes mit einem Desaster konfrontiert sind, das schlimmer werden dürfte als die Krise von 2008.

Die Investitionen dieser Akteure in die Virtualisierung der Wirtschaft hat die Struktur des kapitalistischen Systems verändert. Dieser Prozess wirft Fragen bezüglich eines Wandels auf, der nicht nur die objektiven Bedingungen betrifft (Veränderungen im Produktionssystem durch die Digitalisierung der Ökonomie und die Robotisierung der Produktion), sondern auch – und insbesondere mit dieser Pandemie – die subjektiven Bedingungen: Die Schaffung der Virtualität als Vermittlung sozialer Beziehungen unter einem Modell der sozialen Kontrolle.

Mittels der Massenkommunikationsmedien und sozialen Netzwerke (als “nützliche” Partner in der Situation) kann man verlassene Städte, leere Schulen und Autobahnen und die wenigen Menschen beobachten, die noch auf den Straßen zu sehen sind (Fachkräfte aus dem Gesundheits- und Sicherheitswesen), mit Mundschutz und unter extremen Vorsichtsmaßnahmen.

Über das Ausnahmeereignis dieser Pandemie hinaus beschäftigt uns nun die Frage nach der Neuartigkeit dieser Situation der weltweiten Isolation ‒ etwas, das sich nie zuvor in der Geschichte ereignet hat. Die Coronoavirus-Pandemie hat bewirkt, dass wir uns in eine globale Quarantäne in den eigenen vier Wände verbannen. Niemand war darauf vorbereitet, doch es ist passiert und die Welt hat sich weitergedreht.

Was ist mit den Institutionen passiert? Wie ist es möglich, dass alles weiterhin funktioniert, obwohl wir nicht an unseren Arbeitsplätzen sind? Kann es sein, dass wir nicht mehr gebraucht werden? Kann es sein, dass sich etwas verändert hat – und wir haben es nicht bemerkt?

Das zwingt uns zu der Frage, ob wir der Entstehung eines neuen, postkapitalistischen Systems beiwohnen, oder ob sich eine neue Phase innerhalb desselben Kapitalismus entwickelt: Vom Agrarkapitalismus hin zum Industrie-, zum Finanz- und nun zum digitalen Kapitalismus. (Beide Hypothesen werden zunächst nicht weiter ausgeführt, sie sind in künftigen Studien zu erörtern.)

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Zu den Autorinnen: Paula Gimenez und Emilia Trabucco aus Argentinien sind Forscherinnen und Redakteurinnen des Lateinamerikanischen Zentrums für Strategische Analyse (Centro Latinoamericano de Análisis Estratégico, CLAE www.estrategia.la)

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