Verlorene Seelen in Zeiten der Revolution

Eine erotische Dreiecksbeziehung im revoltierenden Paris des Jahres 1968. Der amerikanische Austauschstudent Matthew lernt in Paris das Geschwisterpaar Isabelle und Théo kennen. Rasch entwickelt sich zwischen den drei Filmfanatikern (den “Träumern”) eine intellektuelle und sinnliche Liaison. Dabei wird die Altbauwohnung der Eltern der Geschwister zum Zentrum einer ganz eigenen, privaten und auch verbotenen Revolution. Die jungen Erwachsenen verlieren sich zwischen dem Austesten sexueller Grenzen, der Ablehnung des geistigen und körperlichen Reifungsprozesses und der philosophischen Sinnsuche. Alle verbindet das bloße kokettieren mit der tatsächlichen Revolution, denn für sie bildet bereits das Filmeschauen einen revolutionärer Akt. So entsteht eine faszinierende Szenerie zwischen den psychischen Vorgänge im Innern der Wohnung und den politischen außen auf der Straße.

Während sich also die Revolution des linken, studentischen Milieus auf den Straßen von Paris 68 ausweitet, ziehen sich die Protagonisten immer weiter zurück. Matthew und Isabelle gehen eine Liebesbeziehung ein, während Théo seinen Geist in marxistischen Utopien versinken lässt. Doch das Einsiedlerleben in der prunkvollen Boheme-Wohnung stößt trotz aller ungezügelten Freiheiten auch an seine Grenzen. Insbesondere als Matthew beginnt die Abnabelung Isabelles von ihrem Zwillingsbruder einzufordern.

Letztlich wird den drei Liebenden durch einen Zufall die Welt außerhalb ihres Horizonts in der Wohnung verdeutlicht. Die Träumer erwachen aus ihrem Traum…Während das Geschwisterpaar die radikale Seite der Revolution auf der Straße sucht und erleben will, entfernt sich der im Stich gelassene Matthew aus der Dreiecksbeziehung, da sich Isabelle gegen ihn und für ihren Bruder entschied.

Gerade das Ende des Films führt vor Augen, wie häufig zunächst gut gemeinte Ideale und Vorstellungen in die Radikalität führen können. Während Théo, gut situiert und in seiner schicken Wohnung sitzend, von der Kulturrevolution Mao Zedongs neben dessen Konterfei in Form einer Lampe schwärmt, führt im Matthew die dunkle Seite dieses Kulturkampfes vor Augen. Denn die kommunistische Übernahme war keineswegs friedlich und auch nicht von Kultur getragen. Die Millionen an Büchern in den Händen der Revolutionäre waren in Wirklichkeit nur eines (die “Mao-Bibel”), in welchem eine totalitäre Ideologie niedergeschrieben wurde, die schließlich zum Tod von Millionen Menschen führte. All das wollte der junge Marxist jedoch nicht hören und wahrhaben. Auch die spätere Gewaltbereitschaft Théos auf der Straße, war mit Matthews Pazifismus nicht vereinbar. Beide brechen miteinander als Matthew die Doppelmoral Théos anprangert: “Du schimpfst diese Polizisten Faschisten, betätigst dich aber selbst faschistischer Methoden!”…

Dies kann auch als Sittenbild der heutigen (radikalen) Linken gesehen werden, die unter dem Deckmantel des Anti-Faschismus einen viel gefährlicheren Faschismus mit Gewalt und Rede- wie Denkverboten durchzusetzen versuchen.

Der Film endet mit Edith Piafs bekanntem Chanson »Non, je ne regrette rien«.

Nach Der letzte Tango in Paris, war dies Bertoluccis zweiter sehr “sexuallastiger” Künstlerfilm. Er wollte vor allem ins Bewusstsein rufen, dass Filmstudenten maßgeblich die Auslöser der Proteste und Revolten in Paris waren. Aber es war auch eine Hommage an das unbeschwerte, melancholische Boheme-Leben in Paris der 1960er Jahre, das durch die Proteste maßgebliche gesellschaftliche Veränderungen herbeiführte: „Ich habe keinen historischen Moment erlebt, der einen solchen Glanz hatte, eine solche Magie, einen solchen Enthusiasmus! […] Die 1960er Jahre waren für mich die beste Zeit meines Lebens.“

Die Träumer (115 Min.) – Regie Bernardo Bertolucci (2003, Frankreich)

Beitragsbild: Bill Strain/flickr (CC BY 2.0)


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