Wie Kunst und Leidenschaft die Tristesse überwinden

Das Bild muss in die Mitte. Die Möbel sind unwichtig… so sagte sie – irgendwann…

Eine junge Frau mit grobknochigem Gesicht wird im Wilden Westen an den Händen zusammengebunden hinter einem Reiter nachgeschleift, – aber keine Sorge dies ist nur Teil ihres Trainings auf einer Ranch als Tierzüchterin. …

Sie jedoch will Tänzerin werden … Sie versucht also neue Sachen auf kleinen Bühnen im Amerika des beginnenden 20 Jhs..

Man kann noch nicht ahnen, dass hier etwas Besonderes werden soll: Sie träumt sogar von einem Auftrittt in der Pariser Oper, – es wirkt sehr traumverloren. …

Und dann passiert es, Schritt für Schritt wirklich. Sie leiht, ja stiehlt mehr oder weniger, das Geld für die Schiffspassage nach Europa, und sie landet tatsächlich nach einigen Stationen – u.a. über die Folies Bergère – in der Pariser Oper und – sogar mit einer Solonummer ihres Tanzes.

Dann – auch der Filmzuseher staunt, denn der Regisseur hat dies gut aufgespart, die Überraschung des großen Auftrittes. Und was für ein Auftritt, nicht lange dauert er, aber er ist umwerfend großartig – eigentlich buchstäblich: Die Protagonistin tanzt wie man noch nie zuvor und danach ein Tänzerin je gesehen hat. Sie hüllt sich in einen riesigen weißen Seidenschal, und verlängert ihre Arme – gut um einen Meter – mit Bambusstäben. Die Beleuchtung sorgt für ein Farbenspiel, das die Seide schillern lässt in allen Farbtönen; ein Schmetterling im Flügelschlag, im Flügeltanz – in der Mitte der Bühne. Natürlich ist der Flügelschlag überlebensgroß, ein Riesenschmetterling. Und in der Bewegung mit der Energie eines Boxers im Kampf um sein Leben… Und tatsächlich am Ende eines Auftritts ist sie am Zusammenbruch.

Nie hat sie sich geschont, die Schultern und der Rücken zahlen bald Tribut, die Schmerzen werden zum immerwährenden Begleiter … Aber diese Energie steckt an, sie elektrisiert, mehr noch – sie versetzt in Trance, nicht nur die Tänzerin – auch ihr Publikum; man fliegt, schlägt die Flügel und stirbt vor Erschöpfung jedes Mal mit der Künstlerin mit. …

All dies hebt aus dem Alltag heraus: Ja, die Kunst ist das Salz des Lebens, alles andere rundum ist eben das Reich der Notwendigkeit, die Kunst das Reich des Luxus … Und wahrlich man kommt ihm näher. – Eine unfassbare aber wahre Geschichte, grandios verfilmt.

Die Tänzerin (111 Min.) – Regie Stéphanie Di Giusto (2016, Frankreich/Belgien)

Beitragsbild: Claude Lorrain, Tänzerin mit Tamburin und Dudelsackspieler (1648)/Wikimedia, gemeinfrei


Prof. Herbert Rauch ist Jurist und hat 1972 das Institut für Sozialanalyse gegründet. Er war in verschiedenen Projekten tätig (unter anderem 1992 im Kosovo), seit 2000 ist er in der NGO „European Sustainable Development (ESD) engagiert und auch Co-Autor des Buches „Die Wende der Titanic“ (Oekom-Verlag/München, 2005)

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