Viel wird dieser Tage (wieder) über das indigene und zurückgezogen lebende Volk der Sentinelesen geschrieben und berichtet, nachdem es zuletzt in den Fokus der Weltöffentlichkeit nach der Tsunami-Katastrophe von 2004 geriet. Damals schien nämlich niemand des isolierten, indigenen Stammes von der Naturkatastrophe Schaden genommen zu haben, wahrscheinlich ahnten die Sentinelesen das Unglück schon im Vorhinein und brachten sich rechtzeitig in Sicherheit. Der neuerliche Grund für das Interesse ist der Tod eines US-amerikanischen, christlichen Missionars, der sich trotz aller Warnungen und wider besseren Wissens auf die Inseln bringen ließ und dort von den Einheimischen nach deren eigener Rechts- und Moralvorstellung dafür umgebracht wurde. Was in der westlichen Welt nun archaisch und schwer nachvollziehbar wirkt, ist in der Welt indigener Völker, die wie kaum andere das Recht auf Selbsteigentum und Eigenverantwortung leben, nichts kontroverses. Doch genau um diesen vermeidbaren Tod entbrennt nun eine weltweit geführte Debatte. War es rechtmäßig, dass die Eingeborenen diesen Mann umbrachten? Sollten sie dafür geahndet werden und wenn ja, mit welchen Rechtsmitteln und vor welcher Instanz? Denn North Sentinel Island, die Insel von der Größe Manhattans, auf der maximal noch 200 dieser Menschen leben, gehört zu den von Indien verwalteten Andamanen. Die indische Regierung gewährt den Sentinelesen jedoch ein umfassendes Recht auf Autonomie, hat daher die Insel und das umliegende Gewässer im Radius von drei Seemeilen zur verbotenen Zone erklärt und Kontaktaufnahmen zu dem Volk strengstens verboten. Jeder Versuch, sich darüber hinwegzusetzen, zieht unweigerlich Konsequenzen mit sich, die einzig und alleine im Rechtsbereich der Inselbewohner und dessen Handhabung liegen. Lediglich im Abstand von drei Jahren nähern sich Beamte der Insel, um von der Ferne auszumachen, wie es dem Stamm geht und ob Interesse an einer Öffnung zur Außenwelt bestünde.

Die Sentinelesen: Selbstverwaltung als Überlebensstrategie

Zur Vorgeschichte: Der 27-jährige Missionar John Allen Chau nahm sich vor, das indigene und isoliert lebende Volk zum Christentum zu bekehren. Im vollen Bewusstsein der Gefahr und der Wünsche der Sentinelesen, nicht von der Außenwelt kontaktiert zu werden, nahm er die Reise dennoch auf sich. Die Warnungen lokaler Fischer, die ihn in die Nähe der Insel brachten, ignorierte der Amerikaner ebenso wie die zunächst als Warnung und Abschreckung geltenden Gesten des Inselvolkes (Aufstellen in Formation eines Walls am Strand), dass durch seine enge Vertrautheit mit der Natur schon sehr früh Nachricht von ungebetenen Gästen bekommen dürfte. Die Drohgebärden am Strand ignorierte der Missionar ebenso wie abgegebene Warnschüsse mit Pfeilen. Und die Ursache dürfte auch klar sein: Chau nahm seinen erwarteten Tod bewusst in Kauf, wollte also scheinbar den “Märtyrer-Tod” sterben. Soweit so gut. Um die Vorgehensweise der Sentinelesen aber vollends verstehen zu können, muss auch ihre Geschichte in Hinblick auf Kontaktaufnahmen kurz beleuchtet werden.

Für die Sentinelesen gilt ihre Insel als Heiligtum, ein von der Gemeinschaft verwaltetes Privateigentum, dass den Bewohnern als Lebensgrundlage dient. Die Aufrechterhaltung eines ökologischen Gleichgewichts ist daher die Überlebensgrundlage dieses Volkes, das auf die Ressourcen des Meeres und des auf der Insel wachsenden Waldes angewiesen ist. Man kann davon ausgehen, dass eine gewisse Spiritualität und Verbundenheit mit der Natur auch das soziale Gefüge dieser Gemeinschaft, wie bei nahezu allen anderen indigenen Völkern dieses Planeten, bestimmt. Und auch eine gewisse Historizität wird das Denken und Handeln der Sentinelesen prägen, vor allem in Hinblick auf die überlieferten Erfahrungen benachbarter indigener Stämme der Andamanen, die nach Kontakten mit der Außenwelt durch Gewalt und Krankheiten nahezu vollständig ausgelöscht wurden. Noch vor der britischen Kolonisation der Gegend lebten circa 8.000 Menschen auf der Inselgruppe. Durch ihre extreme Isolation wurden sie jedoch anfällig für Krankheitserreger von außerhalb. Aber auch der massive Raubbau an den Ressourcen des Ozeans setzt den Bewohner zu, erwähnt sei hier beispielsweise die exzessive Fischerei. Letztlich dürften auch die bisherigen Kontaktaufnahmen maßgeblich dazu beigetragen haben, dass die Indigenen eher den Rückzug in eine konsequente Form der Selbstverwaltung und Autonomie suchen. Denn bis zum Verhängen der Sperrzone rund um die Insel durch die indische Regierung im Jahr 1996, wurden zahlreiche Einheimische gewaltsam verschleppt und teilweise (unwissentlich) mit Krankheitserregern von Außerhalb wieder zu den Inseln zurückgebracht, mit fatalen Folgen für die gesamte Gemeinschaft.

Survival International, eine Bewegung für die Rechte indigener Völker weltweit, beschreibt die Sentinelesen, basierend auf Filmaufnahmen von der Ferne und einigen wenigen Berichten von geglückten Kontaktaufnahmen, als stolzes und gesundes Volk. Häufig wurden Kinder und schwangere Frauen gesichtet. Die Bewohner leben in selbstgebauten Hütten und betreiben Subsistenzwirtschaft. Sie sind fast nackt, die Frauen tragen Schnüre um den Hals und Stirnbänder. Einige männliche Vertreter (eventuell Krieger?) haben ihre Gesichter bemalt. Seltene Fotos zeigen diese Bewohner auch mit Speeren, Bögen und Pfeilen. Frühe Berichte zeugen bereits von der Kampfbereitschaft der Sentinelesen, denen scheinbar seit jeher viel an der Wahrung ihrer Autonomie liegt. Schätzungen zufolge, dürften schon seit 60.000 Jahren Menschen auf der Insel leben.

Erfolgreiche und konfliktfreie Kontaktaufnahmen gab es bisher nur wenige. Anthropologen wurden trotz der Mitnahme von Geschenken und Indigener benachbarter Inseln, die als Übersetzer galten und bereits Kontakt mit der Außenwelt hatten, meist mit Waffen und grimmigen Blicken empfangen, oftmals scheiterte der Kontakt schon im Vorhinein (die Sprache ist bis heute unverständlich) oder die Inselbewohner zogen sich vorab in das Inselinnere zurück. Erstmals wurden Forscher 1991 freundlich empfangen, dies war scheinbar eine bewusste Entscheidung der Sentinelesen. Dennoch wurde ihnen ein Betreten der Insel verwehrt, der Kontakt beschränkte sich auf den Ozean. Eines ist seither klar: Die Sentinelesen sind nicht per se feindselig, lehnen jedoch ein Eindringen von Menschen außerhalb ihres Volkes in ihr Territorium ab, eine zutiefst menschliche und natürliche Eigenschaft, die einzig dem Überleben dient. Anzumerken ist auch, dass die Sentinelesen nicht pro aktiv Gewalt anwenden, zum Beispiel andere Inseln in ihrer Umgebung ansteuern und dort lebende Eingeborene attackieren oder dergleichen. Wenngleich sie laut einigen Berichten bei Kontaktaufnahmen durchaus gereizt auf Indigene benachbarter Inseln reagierten. Womöglich machte man in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen. 

Selbsteigentum, ein verpöntes Konzept im Westen

Dennoch sind Konzepte wie das hier ansatzweise porträtierte Selbsteigentum sowie Privateigentum und Eigenverantwortung gerade in westlichen Gesellschaften mittlerweile verpönt. Der Mensch soll hier am Besten von übergeordneten Instanzen, wie Regierungen und Staaten, regiert und gelenkt werden, zu seinem eigenen “Wohl” natürlich. Ein weitgehend entmündigtes und abhängiges Individuum ist das Ziel. Anders ist dies bei indigenen Völkern und ihren Vorstellungen sozialer Organisation. Teilweise bin Ich auf dieses Thema schon im wissenschaftlichen Artikel “Alternative Entwicklung am Beispiel Buen Vivir” eingegangen. Aus libertärer Perspektive ist Selbsteigentum die Vorstellung,  dass das Individuum ausschließlicher und rechtmäßiger Besitzer seines eigenen Körpers und Geistes ist. Privateigentum geht wiederum auf das Prinzip der Erstinbesitznahme zurück. Derjenige, der ein Gut als erster aus dem Naturzustand in Gebrauch nimmt, wird rechtmäßiger Eigentümer dieses Gutes. Die Eigenverantwortung besagt letztlich, dass die Verwaltung von und der Umgang mit Selbsteigentum und Privateigentum einzig und alleine und in letzter Konsequenz nur am Individuum selbst festgemacht werden kann. Kein Kollektiv und keine übergeordnete Instanz hat das Recht, darüber zu richten, außer es ist der explizite Wunsch des Individuums. Dies lässt sich gut am Beispiel der Sentinelesen festmachen. Ihr Selbsteigentum lässt sich am Besten als eines auf der kollektiven Ebene funktionierenden verstehen, wo die Unantastbarkeit des Einzelnen auf den Stamm und seine Lebensgrundlage (die Insel) ausgeweitet wird. Sie waren die Ersten, die die Insel aus dem Naturzustand und erfreulicherweise im Einklang mit der Natur vergesellschaftet und “urbar” gemacht haben. Das unantastbare Recht auf Schutz ihres Privateigentums – als Grundlage ihres Überlebens – leitet sich davon logischerweise ab. Die Mittel zur Verteidigung dieser Naturrechte obliegen einzig und alleine den auf der Insel lebenden Individuen und sonst niemandem. 

Dass westliche Gesellschaften mittlerweile allen Ideen und Konzepten, die den Anspruch erheben, unfalsifizierbare, universelle Wahrheiten (meist abgeleitet aus dem Naturrecht) zu sein, ablehnen und in einen destruktiven Relativismus abgleiten, tut der Anwendung dieser Konzepte durch Indigene keinen Abbruch. Wie Karl-Friedrich Israel in seinem Essay WARUM SELBSTEIGENTUM UND DAS PRINZIP DER ERSTINBESITZNAHME KEINE WILLKÜRLICHEN PRINZIPIEN SIND” richtig dazu anmerkt:

[…] Denn wenn das Recht der Erstinbesitznahme nicht gültig wäre, könnte ein Mensch als eigenständig handelndes, physisches Individuum nicht überleben. Keiner unserer Vorfahren, wir selbst oder unserer Nachfahren, hätten als solche existieren können, wenn sich das Eigentumsrecht auf knappe Ressourcen nicht aus der Erstinbesitznahme, beziehungsweise der Erstverwendung eben dieser knappen Ressourcen ergäbe. Wäre es anders, müsste man die Zustimmung aller „Zuspätkommer“ einholen, um knappe Ressourcen dem gewünschten Zweck zuführen zu können – eine Unmöglichkeit! Eigentumsrechte können keine zeitlosen und unspezifischen Konstrukte sein. Sie müssen vielmehr konkreten individuellen Handlungen zu bestimmten Zeitpunkten entspringen. Diese konkrete individuelle Handlung kann nur die Erstverwendung sein. Jeder, der argumentiert, dass dies nicht so sei, verfängt sich in einem performativen Widerspruch, allein dadurch, dass er lebt und argumentiert. […] 

In der Regel respektiert aber jeder Mensch jeder Kultur und Gesellschaft das Privateigentum eines anderen Menschen, sowohl an seinem Körper, als auch an anderen Dingen, und hütet sich davor es zu beschädigen, zu zerstören oder zu entwenden. Diese libertäre Vorstellung eines Quasi-Gesellschaftsmodells entspricht auch dem Verständnis der Sentinelesen und ihrer Handhabung des Kontaktes mit der Außenwelt. Jedem Menschen wird die freie Wahl überlassen, mit seinen Mitmenschen eine Gesellschaft in ihrem Sinne entstehen zu lassen. Und auch kollektivistische Strukturen sind innerhalb dieses libertären Denkens möglich wenn sie auf freiwilligen, privaten und vertraglich (oder auf Tradition und Überlieferung) geregelten Übereinkommen basieren.

Dass politische Herrschaft kommt und geht, während der Mensch seine Zivilisation über die Jahrhunderte dennoch weiter am Leben erhält, trotz grundlegender Probleme, die mit den menschlichen Beziehungen einhergehen, ist ein Faktum. Die Sentinelesen sind ein gutes Beispiel dafür. Gerade in unseren Breitengraden glauben jedoch nach wie vor viele Menschen fanatisch daran, dass es grundsätzlich vernünftiger und moralisch einfacher wäre, sich von einem moribunden und korrumpierten Rechtssystem kontrolliert zu lassen, als sich selbst zu regieren.

Dabei neigt der einzelne Mensch als moralischer Akteur dazu, durch geistige Werte Gerechtigkeit zu suchen, während kollektiv handelnde Personen durch die gezielte Anwendung politischer Ungerechtigkeit bestimmte Klientelen bevorzugen. Der Einzelne zerbricht sich mühsam sein Gewissen und sinniert über Gerechtigkeit und ein gutes Leben, während politische Mehrheiten nur einer Ideologie folgen müssen, um sich selbst und ihr Handeln automatisch als moralisch korrekt zu deklarieren. Dabei hängt der menschliche Fortschritt, und damit kann durchaus auch nur sein Fortbestehen in einer möglichst freien und selbstbestimmten Umgebung gemeint sein, vollständig von der intrinsischen moralischen Beurteilung selbstverwalteter Individuen ab. Eine freie Gesellschaft kann nicht alle Risiken und Unsicherheiten der menschlichen Existenz beseitigen. Sie bietet aber einen Kontext, in dem Individuen handeln können, jedoch nicht den Garant dafür, dass die Bemühungen des Einzelnen Erfolg und Überleben garantieren. Was eine freie Gesellschaft von den Menschen verlangt, ist nicht mehr als Eigenverantwortung als Grundalge des Funktionierens aller anderen Prinzipien. Und gerade das sollte in der Debatte rund um die Sentinelesen und den Tod des christlichen Missionars, der ebenfalls in Eingenverantwortung handelte, beachtet werden und durchaus breitere Anwendung finden.  

Beitragsbild: Christian Caron via Survival International – Creative Commons A-NC-SA

2 Kommentare

  1. Das hier anschaulich beschriebene Beispiel ist ein Normalfall für die Menschheit mit den Besonderheiten eine abgeschottenen Insel. Im Amazonas gibt es auch solche Sippen.

    Staaten und Konzerne fressen sich wie Gangrän durch die Menschheit und ließen uns zu einer Menschenfarm verkommen.

    Es gibt auch für Europa genügend Wege zurück zur Normalität. Libertäre sollten es kennen, auch wenn nicht einmal mehr eine pdf-Datei aufzutreiben ist:
    “Die gefährlichste aller Religionen” von Larken Rose. Übersetzt von Peter Müller. Juwelen Verlag 2016.

    Ein paar allgemeine aktuelle Gedanken:
    https://neu.dzig.de/de/Warten-auf-den-Kaiser-oder-warten-auf-Godot

    https://www.dzig.de/Ausbeutung-oder-Selbstverwaltung
    “Ziel und meine persönliche Vision ist die Selbstverwaltung für die gesamte Menschheit. Für konkrete Zwecke mag es private oder staatliche Organisationen geben, aber keine militärisch gestützten Ausbeutungssysteme mehr. Die sind überflüssig!”

    Die basisdemokratisch organisierten germanischen Sippen wussten ausbeutungsfrei zu leben und zu wirtschaften. Deshalb werden sie seit rund 2000 Jahren bekämpft und deshalb wurde ihre Kultur nahezu vernichtet! Nur noch eine kleine Minderheit an Europäern und Weißen anderorts wäre imstande, zu den Wurzeln zurückzukehren.
    http://www.GeorgKausch.de

  2. Ich denke, dass ein großer Teil ddr Menschen, die nun für deren Selbstbestimmung eintreten, sonst gegen Fremdenfeindlichkeit und “Rassismus” protestieren.

    Finde den Fehler!
    Hahahaha!!!

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