Die Ehrlichkeit einer reinen Seele, gefangen im Durcheinander des Lebens
»Die Legende vom heiligen Trinker«, Novelle von Joseph Roth (1939)

Die posthum nach Joseph Roths Tod erschienene Novelle, ist wohl eine der ehrlichsten literarischen Selbstbetrachtungen über Sucht, Ehre und Erlösung, die ein Autor jemals schrieb. 

Den Hauptprotagonisten Andreas verschlägt es in den 1930er Jahren des 20. Jahrhunderts der Arbeit wegen von Schlesien nach Frankreich. Dort fristet er jedoch das Leben eines Landstreichers, der nach einem Aufenthalt im Gefängnis und dem Verlust seines Arbeitsplatzes mittellos umherzieht und unter Brücken nächtigen muss. Ohne gültige Aufenthaltspapiere, scheint die Situation ausweglos. Doch dem passionierten Trinker geschehen im Laufe der Geschichte zahlreiche Wunder, die sein tristes Dasein letztlich erträglich machen. 

Es ist der reinen Seele des Trinkers zu verdanken, dass diese Wunder über ihn ergehen. So erhält Andreas eines Tages von einem fremden Herren 200 Francs, um diese bei der Statue der heiligen Therese von Lisieux in der Kapelle Ste-Marie des Batignolles zu hinterlegen. Andreas zweckentfremdet das Geld jedoch für ein Trinkgelage, beschließt es aber dennoch zurück zu bezahlen. Durch ehrliche Arbeit erwirbt er das verlorene Geld, kann es durch seine Trinksucht aber nicht lange bei sich behalten. So bewegt sich der Protagonist immer zwischen Wundern die ihm widerfahren und dem darauffolgenden Absturz durch seine Suchtkrankheit. Auch die regelmäßig auftauchenden Frauenbekanntschaften, unter anderem seine Ex-Frau, können ihn nicht von seinem Schicksal abbringen.

Noch bevor Andreas das Geld seiner ursprünglichen Verwendung zuführen kann, endet seine Glückssträhne und er geht an seiner Trinkerei zu Grunde. Mit einem lächeln auf dem Gesicht und den abschließenden Worten des Erzählers: „Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!“

Soziale Realitäten, gepaart mit autobiografischen Elementen

Die Ehrlichkeit seiner Absichten und der Wunsch, alles von dem Geld zurückzugeben, sobald er es sich leisten kann, werden vom unbarmherzigen Strom des Lebens ebenso wie seiner Sucht mitgerissen. In den Motiven dieser Kurzgeschichte verdichten sich, neben den autobiografischen Elementen Roths, soziale Realitäten, das damalige Zeitgeschehen und das persönliches Schicksal des Protagonisten. Letztlich geht die Rechnung, wie bei so vielen Dingen im Leben, nicht restlos auf. Der Trinker wird zum unorthodoxen Heiligen, einer melancholischen und versöhnlichen Legende. 

Joseph Roth war selbst ein starker Trinker und schrieb die Novelle auch als (kritische) Selbstbetrachtung seiner eignen Sucht, an der er letztlich zu Grunde ging. Er selbst bezeichnete den Text als sein Testament. Der schöne und leichte Tod des Trinkers in seinem Werk, blieb ihm selbst verwehrt. Vor allem seine Arbeit im Pariser Exil, zur Zeit der Nationalsozialisten, war von seiner zunehmenden Alkoholsucht überschattet. Private Probleme und der Kummer über die politische Entwicklung galten als Grund dafür.

Zeit seines Lebens war Roth ein glühender Verfechter der Habsburger-Monarchie und konnte es, wie viele andere Bürger des Vielvölkerstaates, nicht verarbeiten, als 1918 der Krieg verloren und die Republik Deutsch-Österreich von sozialistischen Putschisten widerrechtlich ausgerufen wurde. Sein schriftstellerisches Werk beschäftigt sich größtenteils mit dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie und den Einzelschicksalen der damit einhergehenden Auswirkungen [Hotel Savoy (1924), Radetzkymarsch (1932), Die Kapuzinergruft (1938)]. Am 27. Mai 1939 starb Joseph Roth in einem Pariser Armenhospital an den folgen einer Lungenentzündung, gepaart mit abruptem Alkoholentzug.

Beitragsbild: Rudolf Alfred Höger, Beim Heurigen in Grinzing (um die Jahrtausendwende, ~ 1902), gemeinfrei


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