Was versteht der libertäre Denker unter der Konterrevolution?

Zweierlei: Sie kann die Wiederherstellung der alten Ordnung bezeichnen oder die Errichtung einer neuen Ordnung. Das Gemeinsame ist jedoch der Bezug auf Freiheit, Tradition, Gemeinschaft und Selbstbestimmung.

Im Zuge der Ausführungen ist es daher essenziell, auf ein Zitat des konservativen deutschen Publizisten und Philosophen Johannes Gross näher eizugehen:

„Konterrevolution – ein Falschmünzerwort. Die Revolution hat immer das gleiche Contra: die Macht, die sich als Legalität ausgibt.“

Gross suggeriert hier also, das eine Konterrevolution im Sinne der Bedeutung des Wortes nicht existieren kann, sich der Begriff also ad absurdum führt. Die Revolution gegen die Revolution kann es, um der Macht willen, folglich nicht geben.

Dieser Annahme muss jedoch meinem Verständnis nach widersprochen werden. 

Die Konterrevolution verkörpert keineswegs die Macht (in welcher Form auch immer), welche von der Revolution (scheinbar) bekämpft wird. Zwar gibt es historische Beispiele, wo Konterrevolutionen (zu Recht) von der Staatsmacht ausgingen und initiiert wurden (1789, 1848), jedoch waren diese in ihrer Ausführung und Zielsetzung letztlich immer Selbstläufer, ausgeübt von idealistischen Vorkämpfern. Es können daher ebenso gut Gegenbeispiele angeführt werden.

Die Französische Revolution, die marxistische Kulturrevolution, oder die links-progressive „Revolution“ der Gesellschaftstransformation in den westlichen Industrienationen, unter dem Titel des Kulturrelativismus waltend, wären drei von vielen möglichen Beispielen. Jene Revolutionen hatten und haben das Brechen etablierter Macht- und Denkstrukturen zum Ziel. Die von Gross zitierte Legalität, wird unter großer revolutionärer Anstrengung umgedeutet. Letztlich ist die Revolution aber immer ein unvollendetes Produkt, weil sie sich mit der von ihr bekämpften Macht arrangiert, ja diese gar anstrebt. Nicht in Form von einzelnen Personen oder Regierungen, aber in Form von Strukturen und Staatlichkeit. Die Wurzeln des scheinbar überkommenen Systems werden nicht abgetrennt, dessen Werkzeuge der Herrschaft nicht unschädlich gemacht. Sie werden übernommen, neudefiniert, re-ideologisiert und in einem neuen „Gewand“ präsentiert. Die meisten Revolutionen scheuen daher das Absolute. Das Aufbrechen der vorhandenen Strukturen, die Etablierung einer neuen Ordnung oder aber auch einer Ordnung, die längst vergangen ist und, aus welchen Gründen auch immer, keine Legitimität mehr besitzen darf.

Nach der französischen Revolution wurde ein Terrorregime installiert. Die marxistische Kulturrevolution entpuppte sich als Totalitarismus, der Kulturrelativismus als Wegbereiter eines destruktiven Neoliberalismus. Diese Revolutionen bedeuteten für den Menschen, entgegen ihrer offiziellen Bestrebung, Unterdrückung, Leid und Ausbeutung. Am Beispiel des Kulturrelativismus wird zudem deutlich, dass die Definitionen der Revolution in sich unschlüssig sind. Denn die scheinbar allgemein gültige Norm, ist selbst nur innerhalb eines bestimmten Kulturkreises anerkannt, und hier ebenfalls nur innerhalb bestimmter Strömungen. Der Universalismus, der nahezu allen linken Revolutionen anhaftet, müsste daher, der eigenen Logik folgend, abgelehnt werden.

Die Geschichte der Revolutionen bleibt letztlich eine Geschichte des Scheiterns. Insbesondere weil die (linke) Revolution das Futur antizipiert, etwa im Marxismus, und nicht aus der Vergangenheit, also dem Quell der eigenen Kraft, schöpft.

Angesichts dieser Tatsache, muss die Konterrevolution das Ende der Revolution zur Aufgabe haben. Eher noch: Sie ist die eigentliche Revolution. Die Gegenrevolution erkennt nämlich das Doppelspiel der gewöhnlichen Revolution, Macht nicht zu brechen und neu zu definieren, sondern diese lediglich anzueignen und oftmals totalitärer auszuüben. In diesem Sinne führt die Revolution in die Irre, da sie sich als Legalität gegen das zu bekämpfende System ausgibt. Aus Mobilisierungsgründen, aber auch um sich die Deutungshoheit im revolutionären Kampf zu sichern. Wir erkennen diese Muster heute anhand eines lediglich an linksliberalen Dogmen orientierten Gesellschafts- und Politdiskurses.

Die Konterrevolution muss lediglich neu definiert werden. Sie auf die Aufgabe der „Restaurierung der Staatsmacht oder der herrschenden Ordnung“ zu reduzieren, ist eine undifferenzierte Stigmatisierung, die der eigentlichen Begriffsbedeutung nicht gerecht wird. Die klassische Konterrevolution hat nie den Status Quo existenter und revolutionär angegriffener Macht und Struktur wiederhergestellt. Denn die Wiederherstellung etablierter Ordnung ging durch die Konterrevolution durchaus mit Veränderungen einher. Jedoch mit Veränderungen, die von der klassischen Revolution, aufgrund ihres ideologischen Korsetts, nicht als solche definiert und anerkannt wurden. Was die Revolution als Festigung der Macht definiert, ist für die Konterrevolution der Schutz vor einer destruktiven, feindlichen Machtübernahme. Sei sie nun physisch oder auch „nur“ kulturell. Ein Beispiel wäre etwa die Gegenaufklärung.

Eine moderne Konterrevolution kann sich hingegen sowohl gegen kulturelle Hegemonie, die Staatsmacht, oder auch gegen dessen Opposition (der keimenden Revolution?) richten, gerade aus libertärer Sicht. Alle fügen sich in einer gewissen Art und Weise der systemischen Macht beziehungsweise wollen diese erhalten oder erlangen. Die Revolution wird sozialisiert, nicht jedoch von der offensichtlichen Macht, sondern von den eigenen Machtbestrebungen.

Repräsentiert die links-progressive Revolution seit 68‘ die Modernisierungsrevolution, so kann die Konterrevolution aus libertärer Sicht entlang des Kampfes um Freiheit, Individualrechte und Selbstbestimmung gemessen werden. Aber auch aus konservativer Sicht. Die Restaurierung traditioneller Werte und Denkweisen, oder auch vergangener Regierungs- und Staatssysteme, kann einer Konterrevolution wider der „modernen“ Revolution gleichkommen. Zuletzt trägt auch jeder Zweifler an der Revolution, jeder „Revolutionsverlierer“ die Konterrevolution bereits in sich.

Um ein bekanntes Zitat George Orwells den Ausführungen anzupassen:

„In Zeiten der Universellen Täuschung wird das Aussprechen der Wahrheit zur (konter-)revolutionären Tat.“

Beitragsbild: Ölgemälde von Henri Felix Emmanuel Philippoteaux (1849), Der Lyriker Alphonse de Lamartine (Bildmitte, mit erhobenem Arm) verwehrt am 25. Februar 1848 Sozialrevolutionären mit der roten Fahne ein Eindringen in das Hôtel de Ville in Paris.

War dieser Artikel informativ? Dann unterstützen sie uns bitte auf Patreon!

Kommentieren Sie den Artikel