Nicht nur multilateral vertiefen sich die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und China im Rahmen der BRICS zunehmend, sondern auch bilateral. Die auf Konkurrenz und Misstrauen aufgebaute Außenpolitik des Westens, führt zum geostrategischen Schulterschluss zweier globaler Großmächte.

China-Russland: Beziehungen auf Augenhöhe

Dass die Beziehungen Europas und der USA insbesondere gegenüber Russland schon lange nicht mehr auf Augenhöhe geführt werden, ist nicht erst seit der Sanktionspolitik und den katastrophalen polit-ökonomischen Einmischungen in der Ukraine ein Faktum. Auch China gegenüber wird der gemeinsame Umgangston rauer, nicht zuletzt aufgrund der konträren Interessenslagen im südchinesischen Meer. Somit verwundert es nicht, wenn sich beide Großmächte in ihren Interessenslagen annähern. Vor allem die regionalen Wirtschaftsinteressen belebten in den letzten Jahren wieder den Dialog zwischen Russland und China. Während die Chinesen Rohstoffe und Expertise aus Russland beziehen, profitieren die Russen von Wanderarbeitern und Infrastrukturhilfe im Osten des Landes.

Erst kürzlich forderte der Vertreter des chinesischen Außenministeriums, Gui Congyou, ein Ende der „diskriminierenden und abwertenden Politik“ des Westens gegenüber Russland. Immerhin sei das Land eine einflussreiche große Macht, daher liege es auch im Interesse Chinas „Beziehungen auf Augenhöhe“ zu führen. Denn „jede Beziehung, die es an Ebenbürtigkeit fehlen lässt, wird nicht nachhaltig sein“, so Congyou. Damit bringt er auch strategische Überlegungen beider Staaten in Ostasien ins Spiel. Russland gilt als wichtiger Partner Chinas im Streit rund um das südchinesische Meer, China hilft Russland wiederum immer wieder auf internationaler Ebene, etwa im UN-Sicherheitsrat. Auch die russischen Interessen in Richtung Japan und den USA werden durch die engere Partnerschaft in der Region gestärkt.

Blockfreie Politik, abseits global-hegemonialer Bestrebungen

Natürlich verfolgen sowohl Russland als auch China regionale Strategien, um ihre Macht auszuweiten. Dennoch geschieht dies in erster Linie nicht militärisch und auch nicht via Wirtschaftssanktionen, wie dies der Westen in Afrika, Lateinamerika oder dem Nahen Osten seit Jahrzehnten betreibt. Im Sinne der blockfreien Bewegung, setzt sie auf Dialog und Partnerschaft, abseits einer starren Ideologie, welche sich in erster Linie über wirtschaftliche Interessen und Prosperität finden lassen. Man sei bereit „mit allen anderen Ländern zu kooperieren“ und an der „Sicherung der internationalen Stabilität und der Entwicklung der Weltwirtschaft“ zu arbeiten, so der chinesische Außenministeriumssprecher.

Es entstehen somit keine global-hegemonialen Machtansprüche, wie etwa bei den USA, die mit ihrer Dollar-Politik das gesamte Weltwirtschaftssystem kontrollieren und jenes durch Kriege und Interventionen versuchen am Leben zu erhalten. Der Faktor der externen Wirtschaftspolitik, vor allem von China in Afrika und Lateinamerika, bleibt freilich kritisch zu betrachten, insbesondere was Umwelt und Landrechte betrifft.

Dennoch ist es Wert, diese Art der internationalen Beziehungen als Gegenmodell in Betracht zu ziehen.

Die Agrarwirtschaft als Schlüssel

In Ost-Russland profitieren beide Seiten von der vertieften Annäherung. Tausende Wanderarbeiter aus China beleben die unter Abwanderung leidende, entlegene Region Russlands, was dort zu einem wirtschaftlichen Aufschwung führt. Iwan Zuenko, Fernost-Forscher von der Universität Wladiwostok, meint, dass der Zustrom langfristig Arbeitsplätze und Geld, also einen strukturellen Aufschwung, mit sich bringt. Die Finanzierung von Infrastrukturprojekten in der Region übernimmt etwa die chinesische Investitionsbank AIIB. Die auf Austeritätspolitik bedachten Institutionen IWF und Weltbank werden nicht benötigt. China profitiert wiederum von den Einnahmen der Wanderarbeiter, die in das Land zurückfließen, sowie von Agrarexporten Russlands, welche durch die Sanktionspolitik nicht nach Europa gehen. Was Russland wiederum an Importen aus der EU fehlt, wird nun aus China importiert. Russian Customs stop Naushki.

Die Risiken der Partnerschaft

Natürlich dürfen bei solchen geopolitischen Überlegungen auch die Risiken dieser Partnerschaft nicht außer Acht gelassen werden. Eine engere Zusammenarbeit könnte für viele Experten die russische Wirtschaft volatiler und abhängiger von China machen. China steht strategisch und ökonomisch in vielerlei Hinsicht besser da. Auch wird befürchtet, dass eine „schleichende chinesische Übernahme“ im Osten Russlands durch die Agrar-Wanderarbeiter stattfindet. Letztlich gibt es wenige kulturelle Bindungen und keine historisch herleitbaren Zukunftsvisionen für die Integration beider Staaten. Zudem könnte eine engere Kooperation Chinas und Russlands den dritten großen regionalen Player, Indien, wieder in die Arme der USA treiben, wie die jüngsten Entwicklungen bereits andeuten ließen. Auch ein offener Konkurrenzkampf um Einfluss in anderen asiatischen Staaten der Region, ist nichts Unwahrscheinliches.

Schließlich ist eine Umorientierung Russlands in Richtung Asien auch ein Bruch mit der eigenen russischen Kultur, die als Teil des paneuropäischen Kulturkreises gilt (Literatur, Politik, Wissenschaft, etc.). Dennoch muss man anmerken, dass Europa die Hauptschuld am Integrationsverlust Russlands trifft. Die europäische Ukrainepolitik war von Beginn an aus den USA gesteuert, während Russland seinen historisch-kulturellen Einfluss in dem Land verteidigte. So bleiben die Risiken für eine langfristige enge Zusammenarbeit der beiden Länder gewichtig, dennoch dürften die Globalisierung und der Bedeutungsverlust der USA ihr selbiges dazu beitragen, dass die erheblichen Chancen der engeren Zusammenarbeit überwiegen.

Beitragsbild: President of Russia/Press statements following Russian-Chinese talks, gemeinfrei

Artikelbild: Clay Gilliland/flickr (CC BY-SA 2.0)

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