Dass es ein abstraktes Konstrukt wie die “internationale Wirtschaft” oder den “internationalen Handel” eigentlich nicht geben kann und dahinter Menschen und Interessensgruppierungen, die Verträge aushandeln, stecken, haben wir an dieser Stelle in einem älteren Beitrag bereits aufgezeigt: Es gibt keine “internationale Wirtschaft”. Nicht weniger essenziell für das moderne ökonomische Verständnis ist es aber auch zu wissen, wo die genauen Unterschiede zwischen den viel zitierten Begriffen der Makroökonomie und der Mikroökonomie liegen. Denn die neo-keynesianisch und staatsinterventionistisch geprägte Wirtschaftswissenschaft an den westlichen Universitäten propagiert auch hier Simplifizierungen, Verallgemeinerungen und Abstraktionen individueller Präferenzen und Entscheidungen, die nichts anderes als Machtstrukturen, Herrschaftsverhältnisse und letztlich Unterdrückungsmechanismen verschleiern und ebenso mögliche Alternativen und Exitstrategien bewusst ausblenden.

So viel sei jedenfalls schon verraten. Der Unterschied zwischen ökonomischen Vorgängen auf der Makro-und der Mikroebene liegt weniger in den spezifischen Themen und Feldern, die sie abdecken, als viel eher in den Methoden, die angewandt werden.

Der Makro-Mikro-Gap

Die meisten Laien und auch angehenden Wirtschaftswissenschaftler verstehen unter der Makroökonomie etwas die “großen Dinge” der Wirtschaft betreffend (Inflation, Arbeitslosigkeit, BIP, etc.), während die Mikroökonomie unter den “kleinen” volkswirtschaftlichen Vorgängen subsumiert wird (individuelles Kaufverhalten, Haushalte, etc.). Vertieft man das allgemeine Verständnis, so befasst sich die Makroökonomie mit konzeptionellen Aggregaten und statistischen Durchschnitten auf der Ebene des Nationalstaates und wie diese Aggregate und Durchschnitte interagieren. Beispielsweise weist die traditionelle keynesianische Makroökonomie dem Verhältnis zwischen nationalem Einkommen und nationalem Verbrauch, also dem Konsum, zentrale Bedeutung zu. Insbesondere wird untersucht, wie viel Prozent des gesamten Volkseinkommens des Durchschnittsverbrauchers insgesamt für Konsumgüter ausgegeben werden (z. B. 90%). In der traditionellen Makroökonomie hängt der Konsum der Verbraucher nicht von der Wahl unter Waren mit unterschiedlichen Preisen ab, sondern von der (psychologischen) Neigung, einen stabilen Prozentsatz des Einkommens für den Konsum auszugeben. Kurz gesagt, der Verbrauch insgesamt hängt hauptsächlich vom laufenden Einkommen ab.

Mikroökonomie, auf der anderen Seite, versucht wiederum den Konsum anhand des individuellen Verhaltens betreffend einer Preisänderung zu untersuchen. Sinkt beispielsweise der relative Preis für Äpfel , werden andere Dinge, die diesem gleichkommen, häufiger gekauft, z.B. Orangen. Die Entscheidung eines Verbrauchers zu Sparen, wird in der Mikroökonomie in ähnlicher Weise untersucht. Hier fragt man, ob der Gewinn einer Person aus dem Sparen (z. B. der Zinssatz) größer ist als ihre Präferenz, jetzt etwas zu besitzen als später (d.h. Zeitpräferenz). 

Im Allgemeinen erklärt nun also die traditionelle Makroökonomie wirtschaftliche Phänomene wie den Konsum in Form von Aggregaten und Durchschnittswerten auf nationaler Ebene, während die Mikroökonomie dieselben Phänomene – und zwar nicht nur den Konsum, sondern auch die Investitionen, die Inflation und die Arbeitslosigkeit – in Form von Anreizen und Entscheidungen, die eine Person beeinflussen, erklärt. Während die Themen also gleiche sein mögen, nähern sich Makroökonomie und Mikroökonomie völlig unterschiedlich an diese an. In Wahrheit beziehen sich „Makro“ und „Mikro“ also auf die Grundelemente, die eine zufriedenstellende Erklärung darstellen würden: Aggregate und Mittelwerte in Makro oder die Entscheidungen von Individuen in Mikro. Mit anderen Worten, der grundlegende Unterschied zwischen Mikroökonomie und Makroökonomie ist methodologisch: Was ist also der richtige Ansatz zur Untersuchung wirtschaftlicher Phänomene und was liefert eine zufriedenstellende Erklärung?

 

Im Alltag und beim Studium so manchen Wirtschaftsmagazins kann man daher leicht den Eindruck gewinnen, dass Mikroökonomie und Makroökonomie zwei völlig unterschiedliche, fast widersprüchliche Disziplinen mit jeweils eigenen Themen und Analysemethoden sind. Auf der Ebene der Hochschueist es jedoch seit langem so, dass die mikroökonomische Methode das makroökonomische Thema übernommen hat. Das liegt hauptsächlich an Ökonomen, die versuchen, traditionelle keynesianische Konzepte wie “unfreiwillige Arbeitslosigkeit”, “Festpreise” oder “Geldillusion” rigoros und entscheidungsbasiert zu untermauern. Obwohl bereits ab den 1970er Jahren Wirtschaftstheoretiker die “keynesianische Ökonomie” aufzugeben begannen, hält sich in den meisten Lehrbüchern dieser traditionelle Unterschied, auch weil mit dem Aufkommen des Neo-Kynesianismus eine weitere unreflektierte Ökonomietheorie ihren Siegeszug antrat.

Makroökonomie vor Keynes: Makroökonomie und Geldtheorie

Bevor John Maynard Keynes 1936 die “Allgemeine Theorie von Beschäftigung, Zinsen und Geld” veröffentlichte, gab es weder theoretisch noch pädagogisch einen Unterschied zwischen Makroökonomie und Mikroökonomie. Im englischsprachigen Raum leiten sich die wichtigsten theoretischen Grundlagen aus Alfred Marshalls “Principles of Economics” (deren Darstellung bis heute mikroökonomische Lehrbücher beeinflusst) und auf dem europäischen Kontinent aus der Österreichischen Schule der Nationalökonomie (z. B. Carl Menger, Eugen von Böhm-Bawerk) und den “schwedischen” (z.B. Knut Wicksell) Denkschulen ab. Insbesondere in Europa wurde die „makroökonomische“ Dimension der Wirtschaft weitgehend von dem Wirtschaftszweig abgedeckt, der sich mit Geld befasste, da anders als in anderen Märkten die Entscheidungen von Geldproduzenten und -nachfragern einen direkten Einfluss auf die gesamte Wirtschaft haben. Mit anderen Worten, jede Volkswirtschaft war das, was wir heute als Mikroökonomie bezeichnen würden.

Aber Keynes ‘Allgemeine Theorie’ hat das radikal verändert. Im Gegensatz zur orthodoxen Wirtschaftstheorie wurde der Nationalstaat, nicht das Individuum, zur Grundeinheit der Analyse, und wie wir gesehen haben, rücken individuelle Anreize und Entscheidungen in den Hintergrund der durchschnittlichen Neigung und des Zusammenspiels aggregierter Mengen. In der keynesianischen Ökonomie wurde der Schwerpunkt auf die Gesamtbeschäftigung und die Schaffung von Arbeitsplätzen gelegt, bis zu dem Punkt, an dem es nicht wirklich darauf ankam, wofür diese Arbeitsplätze bestimmt waren. Die meisten Ökonomen verloren das Interesse am Verständnis der Komplexität der Kapitalstruktur einer Volkswirtschaft und konzentrierten sich stattdessen auf Jobs, Jobs, Jobs.

Wie bereits erwähnt, ist die Mikroökonomie in den letzten 50 Jahren aufgrund ihrer logischen Konsequenz und intellektuellen Kohärenz zum vorherrschenden Ansatz in der Makroökonomie geworden. Was die Frage aufwirft: Wenn in der modernen Wirtschaftstheorie mikroökonomische Grundlagen die makroökonomischen Methoden abgelöst haben, warum bleibt die traditionelle Trennung zwischen Makroökonomie und Mikroökonomie auf der Ebene der Studien bestehen? Warum ist nicht alles wieder nur “Wirtschaft”?

Die Persistenz der Makroökonomie

Ein Grund könnte einfach sein, dass dies seit über einem halben Jahrhundert so gelehrt wird und es für die Universitätsfakultäten und die Schulbuchbranche schwierig ist, sich zu ändern bzw. grundlegende Denkfehler einzugestehen. Zudem ist die keynesianische Makroökonomie naturgemäß leichter zu verstehen und daher leichter zu lehren. Ein Phänomen, dass uns bei vielen staatsgläubigen Modellen begegnet. Simplifizierungen und Umverteilung sind einfacher zu handhabende Konzepte als Eigenverantwortung und Fleiß.

Denn die zentralen Elemente des keynesianischen Ansatzes bestehen konstruktionsbedingt aus relativ einfachen Beziehungen (z. B. Gesamtverbrauch als Funktion des Gesamteinkommens), die relativ einfach zu messen sind. Im Gegensatz zu den österreichischen Konzepten der „Kapitalstruktur der Produktion“ oder des „natürlichen Zinssatzes“ leitete die keynesianische Revolution eine beispiellose Ära der Messung von Aggregaten und Durchschnittswerten ein, die die zeitgenössischen politischen Entscheidungsträger bereitwillig akzeptierten Da die keynesianische Makroökonomie schnell zur Grundlage der interventionistischen Fiskal- und Geldpolitik der Notenbanken wurde, war sie zunächst keynesianisch und später monetaristisch. Diese Maßnahmen sind bis heute im wirtschaftlichen Denken verankert.

Politiker, Entscheidungsträger und die Mainstream-Medien sprechen mit Leichtigkeit über “Konsumausgaben und Sparen”, “Gesamtangebot und -nachfrage” und “Inflation und Arbeitslosigkeit”, die alle für die traditionelle Makroökonomie von zentraler Bedeutung sind. Mittlerweile widmen sich ganze Armeen von Büros und akademischen Abteilungen der Generierung von Zahlen, nur um diese Konzepte zu untermauern. Das Erlernen der traditionellen Makroökonomie ist zwar intellektuell verdächtig, kann aber auch heute noch von Nutzen sein, auch wenn es uns kein gutes Verständnis dafür gibt, wie die Wirtschaftswelt tatsächlich funktioniert. Ironischerweise könnte sein Hauptzweck darin bestehen, uns ein gutes Verständnis dafür zu vermitteln, wie wirtschaftspolitische Eliten und Entscheidungsträger die Funktionsweise der Wirtschaftswelt sehen und steuern. Darauf aufbauend und mit diesem ökonomischen Wissen ausgestattet, kann eine Gegenbewegung entstehen, die weg vom Interventionismus und hin zu den Freiheiten des Marktes führt.

Ideen für vorliegenden Beitrag u.a. von libertarianism.org

Beitragsbild: Thomas J. O’Halloran/Wikimedia, gemeinfrei

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