Diese Konterrevolution-Reihe, unter der Rubrik “Historisches”, markiert den Beginn verschiedenster Portraits reaktionärer, konservativer und libertärer (Vor-)Denker. Dem Leser sollen zentrale Positionen, Lebensentwürfe und Einflüsse, ebenso wie Historie und heutige Bedeutung herausragender Persönlichkeiten dieser Geisteshaltungen näher gebracht werden.

Der spanische Adelige Juan Francisco María de la Salud Donoso Cortés reiht sich in die Rubrik der reaktionären Vordenker und Intellektuellen der Gegenaufklärung. Der streng gläubige Katholik war Zeit seines Lebens nicht nur Diplomat und Politiker sondern auch ernstzunehmender Staatsphilosoph. Mit dem Siegeszug des Liberalismus und der Aufklärung, gerieten Lebenswerk und Andenken jedoch in Vergessenheit. Wir schaffen Abhilfe und ehren das Andenken eines großen Denkers.

Leben und Werdegang des Cortés

Carl Schmitt rühmte an Cortés einmal dessen Feindschaft gegen den Liberalismus, der jeder Festlegung ausweiche, der es vorziehe, Jesus Christus, den Sohn Gottes und Erlöser der Menschheit, zu einem Sozialreformer zu degradieren, statt die begrenzte menschliche Einsicht der höheren Wahrheit der Inkarnation zu unterwerfen. Und genau diese Ablehnung des sozialreformistischen Modernismus, prägte das Leben des Cortés von Beginn an. Seine Werke sollten für Europa, insbesondere im heutigen Lichte der gesellschaftlichen Dekadenz betrachtet, gar von prophetischem Wert sein.

Juan Francisco wurde nicht nur als Sohn eines Rechtsanwaltes und Großgrundbesitzers, sondern auch als Nachfahre des berühmten spanischen Eroberers Hernando Cortés 1809 in der Kleinstadt Don Benito geboren. Später nahm er Studien des Rechts, der Geschichte, der Philosophie und der Literatur auf und erhielt durch seinen ausgeprägten Intellekt bereits mit 19 Jahren einen Lehrstuhl an der Universität von Cáceres. 1820 zog es den jungen Mann in die Politik, im Pariser Exil mit der spanischen Königin-Mutter Christina, wandte er sich vom Liberalismus ab und dem Katholizismus zu.

JuanDonosoCortes.jpgSpanien, das Bollwerk gegen Revolutionen

Seine ehemaligen liberalen Parteifreunde nannte Cortés „doctores de una sciencia impotente“ – Lehrer einer ohnmächtigen Wissenschaft. Und er behielt damit nicht nur für Spanien recht. Die blutigen Revolutionen und Umwälzungen liberaler und sozialistischer Kräfte, wie aufklärerischer Gesellschaftsumformungen konnten in Spanien nie so Recht keimen. Die gefestigte Katholizität der Bevölkerung verhinderte dies. An Spanien sind alle Revolutionen, die Europa erschütterten, nahezu spurlos vorübergegangen. Beginnend bei der muslimischen Fremdherrschaft und deren Vertreibung, etablierte sich ein Geist, ein Mythos der Gegenaufklärung, den es zu verteidigen galt. Natürlich wurden das Land, wie seine Bürger, aufgrund dieser gegenrevolutionären Traditionen und des „mittelalterlichen Katholizismus“ geschmäht und verleumdet.

Cortés stellte sich dem entschieden entgegen, sowohl geistig als auch physisch. Wie kein anderer, brandmarkte der spanische Adelige unnachgiebig die Feinde des katholischen Spanien, die Kräfte des „Fortschritts“.  Die Illusionen und aggressiven Konsequenzen der politischen Irrlehren der Moderne, spüren wir gerade in der heutigen Zeit einschneidender denn je. Cortés wusste über diese Konsequenzen bereits im frühen 19. Jahrhundert Bescheid.

Politische Theologie und Gottesverständnis

Cortés begriff den Glauben als Grundlage der Politik und lehnte daher liberale Konzepte, wie Säkularismus und Gewaltentrennung, ab. Dabei entsprang diese Einsicht ursprünglich aus der Anarchie, die in Politik immer Theologie begründet sah. In seinem epochalen Essay über den Katholizismus, den Liberalismus und den Sozialismus brachte der Spanier die Quintessenz des politisch-theologischen Denkens auf den Punkt, als er deklarierte: „Jede große politische Frage schließt stets auch eine große theologische Frage in sich.“

In Folge der Aufklärung, trat für Cortés, und das bewies die Französische Revolution eindrucksreich, an die Stelle Gottes das Volk. Das Volk wiederum, sieht in dem „modernen“ Gottesbegriff einen abstrakten und indolenten Herrscher manifestiert, dem es Verehrung aber keinen Gehorsam mehr entgegenbringen muss. Jedoch ist die weiterführende, liberale Idee des daraus resultierenden, vollkommenen und freien Menschen ein Trugschluss, da die Wahrheitsfrage aus Denken und Handeln verdrängt und ausgeschlossen wird. Wahrheit kam für Cortés nur aus der Offenbarung, aus dem Göttlichen.

Liberalismus- und Sozialismuskritik

Die Kritik an der Gottlosigkeit der Politik, kreidet der Adelige insbesondere dem Liberalismus an. Dieser setze auf die reine Vernunft des Menschen, auf Dekonstruktion und Abstraktion. Die Souveränität der menschlichen Vernunft ist jedoch nichts abstraktes, das aus dem Nichts entspringen kann. Es muss eine dahinterliegende, sie konstituierende, göttliche Vernunft geben. Als sich der Mensch noch als Teil der Natur begriff, war diese göttliche Ratio Grundlage aller Denk- und Handlungsprozesse. Konzepte der „Volkssouveränität“, wie sie etwa im Sozialismus gerne propagiert werden, sind für Cortés atheistische Theorien:

„Atheismus und Volkssouveränität sind Konsequenzen des Liberalismus, die zwar an sich in weiter Ferne liegen, aber letzten Endes doch unvermeidlich sind.“

Zudem schwanke der Liberalismus immer in einem Kreislauf aus “Ja” oder “Nein”, wenn es um wichtige Entscheidungen geht, weshalb der Kompromiss zur Ultima Ratio aller Handlungen werde. Die liberale Ideologie der Diskussion übersehe jedoch, dass jedes Gespräch ein Fundament voraussetze, das nicht selbst zur Diskussion stehen dürfe, ansonsten sei ein fruchtloses Geschwätz programmiert. Die Negation der Sünde, könne schließlich nur den Nihilismus zur Folge haben. 

Die Verbrechen der Moderne, und da konnte noch niemand die Gräuel zweier Weltkriege erahnen, haben ihren Ursprung in dieser blinden Vergötterung der menschlichen Vernunft, die in Wahrheit durch die Irrlehren des Liberalismus zu einer Unvernunft wurde und dem unweigerlichen Weg in den Nihilismus.

In Sozialismus und Kommunismus ist es für Cortés ähnlich gelagert. Hier ersetzt eine irdische Erlösungsutopie die reine Vernunft. Liberalismus und Sozialismus unterscheiden sich für ihn nur in der Radikalität ihrer Vernunftgläubigkeit. Die Selbstermächtigung des Menschen über Moral und die Lösung der Bindung an eine höhere geistige Autorität, werde Verbrechen möglich machen, wie sie in der Geschichte der Menschheit bisher nicht vorkamen – prophezeite Cortés. Und er sollte Recht damit behalten.

„Die moderne Tragödie ist nicht die der besiegten, sondern die der triumphierenden Vernunft.“ – Nicolas Gomez Davila

Cortés, seine „zeitgemäßen“ Feinde und die Monarchie

Natürlich machte sich Juan Donoso Cortés mit seiner radikalen Ablehnung der Moderne nicht nur Freunde. Im Gegenteil. Bereits im 19. Jahrhundert war die Politik, insbesondere aber auch die Kirche, von einem liberal angehauchten, selbstzerstörerischen Wandlungsglauben getrieben. So wurde er zur Zielscheibe linker Progressisten, ebenso wie liberaler Kirchenfürsten. Bischof Dupanloup von Orléans, das geistige Haupt des liberalen Katholizismus seiner Zeit, war einer jener Kritiker. Der Vatikan wiederum, sah zu dieser Zeit noch Verbündete in Anti- Progressisten wie Cortés. Vor allem dem grassierenden Pantheismus, also der Vorstellung, wonach alle Religionen gleichwertige Heilswege seien, konnten die reaktionären Werke des Spaniers etwas entgegenstellen.

„Ich verlange jedoch nachdrücklichst die Wiederherstellung alles dessen, was ewig wahr ist“, so Cortés zu den Wünschen, seinen als radikal geltenden Essay umzuschreiben.

Übrigens war der Adelige auch der Meinung, die Monarchie sei die beste aller Regierungsformen, und reihte sich damit in die Philosophien der antiken Vordenker Europas ein. Monarchie, so Cortés richtig, verpflichtet, weil sie nicht nach dem Beifall der Massen schiele. Ob sie jedoch unter den Zeitumständen fähig sein würde, die Revolution abzuwehren, daran beschlichen ihn berechtigte Zweifel, wie später der revolutionärbedingte Niedergang der französischen, habsburgischen und zaristischen Monarchien zeigte. Die Republik war für ihn richtigerweise das, was sie heute in ihrer plutokratischen Regierungsform präsentiert: „Die Aufrichtung einer demagogischen Herrschaft, einer Herrschaft, heidnisch in ihrer Verfassung und satanisch in ihrer Größe“.

Bedeutung von Cortés für das „sterbende Europa“

Als die revolutionärneuheidnischen Bewegungen schließlich Spanien erreichten, blieb auch im Süden Europas kein Stein auf dem anderen. Die revolutionären Erschütterungen des Juli 1834 waren das Ereignis, das Donoso Cortés zum leidenschaftlichen Anwalt des katholischen Europa werden ließ, konkludiert auch die Sezession in einem brillanten Beitrag zum Leben und Wirken des Reaktionärs. Die damaligen Priesterermordungen und Kirchenschändungen, waren dunkle Vorzeichen der „modernen Ära“ Europas.

Und so gibt es frappante Parallelen zwischen den Geschehnissen in Zeiten eines Cortés und dem heutigen Niedergang des christlich-abendländischen Kulturraums Europa. Schon 1933 schrieb Ludwig Fischer, der Cortés‘ Hauptwerk, den Essay über den Katholizismus, Sozialismus und Liberalismus, neu herausbrachte im Vorwort des Buches: „Gerade in unseren Tagen, in denen so viel geredet wird vom ‚Untergang des Abendlandes‘, vom Zusammenbruch der europäischen Kultur, ist der Name Donoso Cortés, der eine Zeitlang selbst bei Katholiken vergessen schien, wiederum lebendig geworden.“ Fischers weiterer “Werdegang” hatte freilich wenig mit den ursprünglichen Idealen und Intention Cortés gemein, dies ist jedoch eine andere Geschichte, die hier nichts zur Sache tut.

Die unheilige Allianz aus linker Kirchenführung, korrumpierter Politikerkaste, profitgieriger Wirtschaft und entgrenzter, dem Relativierungswahn verfallenen Gesellschaft, kündigt den Niedergang an. Geprägt von einer Kultur der Selbstverleumdung, fehlen dem modernen Menschen Halt und Glaube. Moderne Ideologien fungieren als Ersatzreligionen, ihre Begriffe sind in Wahrheit säkularisierte theologische Begriffe. Der Liberalismus weicht jedoch selbst diese vagen begrifflichen Festlegungen auf. Es ist die Vollendung einer Gesellschaft in der Auflösung. Der Bürger ist verloren und kann scheinbar nur in dieser Verlorenheit ein trügerisches Wohlempfinden erlangen.

So die pessimistische aber zutreffende Conclusio von Cortés. Sind es dieser revolutionäre Hedonismus und Anthropozentrismus, an dem die europäische Kultur letztlich scheitern wird? Ein Blick auf das alte römische Imperium und dessen Niedergang, dürfte diese Annahme bestätigen.

Am 3. Mai 1853 erlag Donoso Cortés einem schweren Herzleiden. Zeit seines Lebens hatte er zahlreiche Bewunderer aus konservativen Kreisen, unter ihnen auch der alternde Fürst Metternich. 

Folgende Zeilen von Donoso Cortés beenden daher nun auch diesen Einblick in Leben und Wirken, sollen gleichzeitig aber als mahnendes Manifest für jeden Leser gelten:  

“Die europäische Gesellschaft stirbt. Ihre Extremitäten sind bereits kalt. Bald wird es auch ihr Herz sein. Und wissen Sie, warum sie stirbt? Sie stirbt, weil sie vergiftet worden ist. Sie stirbt, weil Gott sie geschaffen hat, um mit der katholischen Substanz ernährt zu werden und weil Kurpfuscher ihr die rationalistische Substanz als Nahrung verarbreicht haben […]. Sie stirbt, weil der Irrtum tötet und weil diese Gesellschaft auf Irrtümern aufgebaut ist […]. Daher wird die Katastrophe, die kommen muss, in der Geschichte die Katastrophe schlechthin sein. Die einzelnen Menschen können sich noch retten, weil sie sich immer retten können. Aber die Gesellschaft ist verloren, nicht deshalb, weil ihre Rettung eine radikale Möglichkeit an sich darstellt, sondern weil die Gesellschaft meiner Überzeugung nach ganz offenbar nicht gerettet werden will.  Es gibt keine Rettung für die Gesellschaft, weil wir aus unseren Kindern keine wahren Christen machen wollen und selbst keine wahren Christen sind. Weil der katholische Geist, der einzige, der Leben in sich trägt, nicht alles belebt, weder den Unterricht noch die Regierung noch die Institutionen noch die Gesetze noch die Sitten.  Es wäre ein gigantisches Unterfangen, das sehe ich nur zu klar, wollte man den derzeitigen Lauf dieser Dinge ändern.”

Lesenswerter Beitrag zu Donoso Cortés auf sezession.de

Beitragsbild: Francisco Pradilla Ortiz, Die Kapitulation von Granada (1882)/Wikimedia, gemeinfrei
Artikelbild:  Germán Hernández Amores, Juan Donoso Cortés (1847)/Wikimedia, gemeinfrei


 

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