Wenn es um Nigeria geht, berichten Medien weltweit mittlerweile nur mehr von den Boko Haram Islamisten im Norden des Landes. Dabei gerät ein anderer brisanter Konflikt im Süden nahezu in Vergessenheit. Nämlich jener im erdölreichen Niger-Delta zwischen der Regierung und den Erdölgesellschaften auf der einen Seite und Umweltaktivisten, sowie lokalen bewaffneten Gruppierungen auf der anderen. In letzter Zeit häufen sich wieder die Attacken auf Ölpipelines und staatliche Einrichtungen in dem von Dschungel dichtbewachsenem Gebiet, nicht zuletzt durch das Aufkommen einer neuen Gruppierung namens „Niger Delta Avengers“.

Doch worum geht es in diesem Konflikt wirklich und welche Rolle spielen dabei multinationale Ölkonzerne?

Ein Land in der Hand von Öl-Konzernen

Der Konflikt in der Region des Niger-Deltas schwellt bereits seit Jahrzehnten. Nigeria ist der größte Erdölexporteur Afrikas, dennoch leben über 70 Prozent der Bevölkerung in Armut. Wie in vielen Staaten Afrikas, fließen auch in Nigeria die Milliardeneinnahmen aus den Exportgeschäften nicht zurück in die Gesellschaft, sondern auf die Konten von ausländischen Firmen, Regierungsmitgliedern und Systemgünstlingen. Im Laufe der Jahre hat sich deshalb gerade im wichtigsten Wirtschaftszweig des Landes, der Ölindustrie, ein enges Netzwerk aus Korruption und Vetternwirtschaft herausgebildet, gegen welches mittlerweile weder die heimische Opposition noch Umwelt- und Menschenrechtsgruppierungen ankommen. Es stecken zu viele einflussreiche Politiker und exterritoriale Interessen hinter diesem Syndikat.

Ein Wegbereiter dieser Politiken waren seit jeher die internationalen Ölgesellschaften. Insbesondere der holländische Öl-Multi Shell, sowie das italienische Unternehmen Eni, sind tief in Regierungsgeschäfte und die Ausbeutung der gesamten Region, samt Umweltskandalen und Morden an Aktivisten, verwickelt. Shell gehört dabei ein Großteil der Konzessionen zur Erdöl- und Erdgasförderung in Nigeria. Von Wikileaks bereits 2010 veröffentlichte Dokumente belegen die enge Verflechtung des Konzerns mit der nigerianischen Politik. Nigerias Regierung bemüht sich seit geraumer Zeit um die Vergabe der Konzessionen an andere Unternehmen aus China und Russland. Firmen aus diesen Ländern sind bekannt dafür, zumindest einen Teil ihrer Gewinne wieder in der Region zu investieren, um etwa Infrastruktur auszubauen oder Arbeitsplätze zu schaffen. Doch Shell kam der nigerianischen Regierung zuvor. Wie aus den Dokumenten hervorgeht, hat Shell in allen wichtigen Ministerien eigene Leute (Informanten) sitzen. Diese liefern seit Jahren alle Informationen, nicht nur aus dem Ölsektor, an den Konzern ab. Die eigentlich geheimen Informationen dürften so wertvoll gewesen sein, dass der Konzern damit sogar einen Tauschhandel mit Vertretern der US-Regierung einging.

Auch die „Nigerian National Petroleum Corporation (NNPC)“ ist in der  Hand der Ölkonzerne. Die NNPC ist ein staatseigenes Mineralölunternehmen der nigerianischen Regierung. Durch dieses kontrolliert der Staat die Mineralölwirtschaft im Land. Auch bei der Besetzung der Chefposten hat Shell ein gewichtiges Mitspracherecht, um die eigenen Interessen in dem afrikanischen Land zu wahren.

Die Rolle der Rebellen

Die „prominenteste“ Gruppierung des Niger-Deltas, wenn es um die Rechte der Bevölkerung in dem Gebiet geht, ist das „Niger Delta Indigenous Movement For Radical Change NDIMRC“. Des öfteren forderte die Bewegung bereits eine Reformierung der NNPC, sowie ein größeres Mitspracherecht beim Erdölmanagement in der Region. Zuletzt wurde die Abberufung des NNPC-Chefs Dr. Ibe Kachikwu durch den nigerianischen Präsidenten Muhammadu Buhari scharf kritisiert. Kachikwu galt als Reformfreudig und Systemkritisch. Nicht zuletzt durch diesen Schritt wachsen Frustration und Gewalt in der Region wieder. Die Menschen der Niger-Delta Region fühlen sich von der Regierung als Menschen zweiter Klasse behandelt, die keinerlei Vorteile aus dem Ölreichtum ziehen dürfen. Im Gegenteil, die Region leidet immer wieder unter Umweltkatastrophen, die Menschen unter systemischer Unterdrückung. Präsident Buhari wirft man vor, sich nur um den Norden Nigerias zu kümmern. Auf den politischen Wandel folgte also nicht der erhoffte wirtschaftliche Wandel für das Niger-Delta, das als eine der ärmsten Regionen Nigerias gilt. Leave the oil in the soil!Eine weitere Gruppe macht sich seit Anfang des Jahres durch zahlreiche Anschläge auf Ölpipelines einen Namen in der Region. Die Bereits erwähnten „Niger Delta Avengers“, hier der offizielle Web-Auftritt der Gruppierung. Zuletzt sprengte die Gruppierung Pipelines von Eni und Aiteo. Ihre Rolle ist innerhalb Nigerias und auch der Region umstritten. Für die einen ist ihr destruktives Agieren ein Akt der Verzweiflung im Angesicht milliardenschwerer Konzerne und schwerbewaffneter Regierungstruppen, für andere richten sie in der Region durch die Sprengung von Ölpipelines mehr wirtschaftlichen und ökologischen Schaden an als die Konzerne. Die Gewalt eskalierte jedoch erst seit die Regierung auf einen Dialog mit den Rebellen der Region verzichtete, so der ehemaliger Journalist und Entwicklungs-Aktivist Emeka Nwankpa. Sogar Vertreter der Ölgesellschaften vor Ort sehen die Schuld bei der Regierung, die ihrer Meinung nach der Situation in dem Gebiet mit mehr Sensibilität und Empathie begegnen hätte sollen.

Nord-Süd Konkurrenz in Nigeria

Der Konflikt, und da sind sich viele Menschen in Nigeria einig, könnte leichter beigelegt werden als etwa jener im Norden des Landes mit Boko Haram, da es sich um keinen ideologisch-religiösen sondern um einen ökonomischen handelt. Das Niger-Delta muss in den Genuss von Strukturentwicklung und staatlicher Entwicklungshilfe kommen. Ebenso muss die Macht der Ölkonzerne in der nigerianischen Regierung und Verwaltung gebrochen werden. Dennoch sehen auch viele Einheimische der Region den Nord-Süd Konflikt des Landes als Hauptursache des Problems. Der Norden hat in Gestalt von Präsident Buhari die Macht im Land übernommen und ist nun noch weniger daran Interessiert die Region des Niger-Deltas zu unterstützen.

„We must all accept that the North desperately wanted political power back. Now it has it. And with political power comes economic advantages.“

…so die geopolitische Einschätzung eines Ältesten aus der Region. Allen voran die Erdölwirtschaft liegt nun in der Hand der vom Norden dominierten Regierung. Doch auch unter der Herrschaft „südlicher Präsidenten“, gab es keine Verbesserung der sozialen, ökonomischen und ökologischen Situation im Niger-Delta. Schließlich meint der nigerianische Journalist Muyiwa Adetiba:

„Those who feel they are being exploited by the system need to be reassured and listened to. […] If Nigeria truly belongs to all of us as the President often says, then he must go beyond words to prove it.“

Beitragsbild: Jurgen/flickr (CC BY 2.0)

Artikelbild: Sosialistisk Ungdom (SU)/flickr (CC BY-ND 2.0)

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