Die Synthese eines Jahrhunderts in den philosophischen Wirrungen eines Mannes
Der Mann ohne Eigenschaften, Roman von Robert Musil (1930)

Der Mann ohne Eigenschaften ist ein Monumentalwerk österreichischer Literatur und eine Ode an die deutsche Sprachgewandtheit. Kaum ein anderes Werk der Jahrhundertwende und den Jahrzehnten danach verstand es besser, eine derartige Dichte an philosophischen Betrachtungen und psychologischen Diagrammen der damaligen Geisteswelt darzulegen. Das Werk ließt sich über strecken wie eine wissenschaftliche Gesellschaftsanalyse, die in einen romanhaften Essay gegossen wurde. Gespickt zudem mit einem umfassenden Allgemeinwissen und einer fantasieanregenden Detailverliebtheit, die Robert Musil bis heute zu Recht einen Platz unter den ganz großen Literaten dieser Welt gewährt. Und dennoch ist “Der Mann ohne Eigenschaften” kein Buch für alle Tage, keine Lektüre des Formates “Schonkost”, das quasi nebenbei gelesen werden kann. Zumindest würde eine vernachlässigte Aufmerksamkeit nie der Fülle an Bildern und Metaphern, welche in jeder Zeile zu finden sind, gerecht werden. Es ist die unglaubliche Dichte in Musils Stil sowie die radikale Abkehr einer strukturierten Erzählform, die gleichermaßen fesselt und manchmal auch verzweifeln lässt.

Ein Mann mit vielen Eigenschaften, in einer Gesellschaft mit sehr wenigen

Wie kaum ein anderer, vielleicht mit Ausnahme Joseph Roths, lässt Musil seinen Hauptprotagonisten Ulrich in die Seele der aufkommenden Moderne am Ende der österreichisch-ungarischen Habsburgmonarchie blicken. In Menschen, die keinen Halt und dennoch alle Möglichkeiten zu haben scheinen, keine Idee einer Moral mehr besitzen und dennoch in der Vorstellung eines humanistischen Fortschritts leben, der nach seiner Abkehr von Glauben und Gott nur mehr das Relative und Destruktive kennt. Auch deshalb will Ulrich von seinen vielen Eigenschaften, die ihm durch die Gesellschaft zugesprochen werden, keine annehmen und für die seinen ausgeben. Charakter, Beruf oder eine feste Wesensart, all das würde den Mann ohne Eigenschaften lediglich in widernatürliche Normen zwängen.

“Ulrich fühlte, daß ein Mann, der etwas mit ganzer Seele tun möchte, auf diese Weise weder weiß, ob er es tun, noch ob er es unterlassen soll. “

Eigentlich Mathematiker von Beruf, vertreibt sich der Lebemann Ulrich daher ein Jahr Auszeit mit an der Logik ausgerichteten philosophischen Grundsatzfragen und nebenbei auch mit der gehobenen Wiener Gesellschaft, die zu Ehren des Thronjubiläums seiner Majestät Kaiser Franz Joseph ein Jubiläumsjahr mit einem ganz besonderen Motto ausrichten möchte.

Alleine die Darstellung des Wollen aber nicht Könnens dieses Unterfangens ist jede Zeile des Buches wert. Mit einem subtilen Hang zur Ironie beschreibt Musil die fast schon grotesk wirkende geistige Schwärmerei seiner Zeit, die viel zum Ziel hat, jedoch nie in die Tat übergeht. Es sind hochintelligente, schillernde Persönlichkeiten, mit noch schillernderen Titeln und bedeutsamen Positionen – vom Großindustriellen bis zur hohen Diplomatie – und dennoch wenigen bis gar keinen greifbaren Eigenschaften. Daher verspürt auch jeder Protagonist den unbändigen Drang, etwas Großes zu vollbringen, alleine der Mut, es umzusetzen, scheitert an den Befindlichkeiten und Ängsten einer modernen und saturiert-dekadenten Zeit. Letztlich bleibt es immer nur bei den Bekundungen “es müsse etwas Geschehen”, wobei Musil immer wieder am Rande seine Voraussicht des drohenden Unheils (den 1. Weltkrieg) anklingen lässt, welcher wiederum ein Kind dieser Orientierungslosigkeit ist, die viele Menschen zu Opfern der Radikalität werden ließ.

Der nichtgreifbare Geist

Inmitten dieses Strudels begegnet Ulrich einem Panoptikum aus unterschiedlichsten Charakteren, sinniert aber dennoch die meiste Zeit über grundlegende philosophische Paradigma, Fragestellungen und Probleme. Stellenweise ließt sich das Buch daher auch wie ein Werk Nietzsches, von dem sich Musil offenkundig in seinem Denken sehr stark inspirieren ließ. Zentral sind für den Hauptprotagonisten einerseits der Geist und andererseits die Moral. In der Verlorenheit, der Unbeständigkeit seiner Zeit erkennt er richtig, dass “es einem zu allem was es gibt hinzieht, etwas Stärkeres einen aber nicht hinkommen lässt” (S. 148). Dies sei eben der Geist, welcher einen in eine “abgeschiedene und unbenannte Daseinsform banne”. Der Mensch kennt in Folge dieses inneren Zwiespaltes keine Ordnung mehr, kein Ich, weil sich seine Kenntnisse im Strudel der raschen Zeit jeden Tag ändern könnten und so die Grundfeste des Selbstverständnisses stetig in sich zusammenbrechen würden. Daraus resultiert unweigerlich, dass nichts mehr einen tieferen Wert oder Sinn haben kann. Für Musil sind es die Entwicklungen der Moderne, die Wissenschaft und der Fortschritt, die dieses Unheil (unbewusst) heraufbeschwört haben. Treffend folgende Metapher:

“[…] Denn der Spiegel, ursprünglich zur Freude geschaffen, so führte er aus, sei zu einem Instrument der Angst geworden, wie die Uhr, die ein Ersatz dafür ist, daß unsere Tätigkeiten sich nicht mehr natürlich  Ablösen. […]”

Der um sich greifende Nihilismus verdeutlicht die “tiefe Nichtigkeit des seelischen Lebens, seine Gestaltlosigkeit, die ewig die Gestalten wechselt, die langsame, aber ruhelose Umwälzung, die immer alles mit sich dreht (S. 200)”. Es bleibt eine künstlich verkomplizierte Welt, welche die Einfachheit der Wahrheit und der menschlichen Würde negiert und stattdessen den Menschen vollständig biologisch wie psychologisch begreifen und kartographieren möchte. Unweigerlich dadurch auch der Abfall des damaligen Bürgertums vom Glauben. Mit der Begleiterscheinung, dass eben jenes Bürgertum, also der “moderne Mensch” seine Seele endgültig verlieren wird. Auch deshalb verwehrt sich Ulrich, welche auch immer gearteten Eigenschaften für sich selbst anzunehmen.

Ein Wille wider die Natur?

Neben der Moral beschäftigt sich Musil in Person seines Alter-Egos Ulrich auch mit dem Willen. Einem Willen, der sich, entgegen seiner Natur, nicht entwickeln sollte, um weiterhin an das Vollendete glauben zu können. Denn ein weiterer Fatalismus der Zeit ist es, dass der Mensch durch seinen unbändigen Willen auf Dauer alles widerruft, was er geschaffen hat, nur um es durch andere Dinge zu ersetzen. So “verwandeln sich im Laufe der Zeit Verbrechen in Tugenden und umgekehrt” (S. 242). Der Philosoph spielt dabei die Rolle des Unterwerfers ohne Armee, weil er die Welt in sein System sperrt und sie nach diesem beschreibt. So kommt es, dass zwar die Tyrannis große philosophische Betrachtungen hervorbrachte, weil sie einen Nährboden dafür bot, die “fortgeschrittene Zivilisation” in der Demokratie jedoch keine einzige überzeugende Philosophie für ihre Zeit parat hält. Das “Organische” trifft letztlich an die Grenzen seines Wachstums. Treffend beschreibt Musil hier Zustände, wie wir sie auch heute kennen, wo die Philosophie zum alltäglichen und verkürzten Anhängsel einer selbstgerechten Weltanschauung verkommen ist.

“[…] Denn dieser berühmte Schriftsteller war klug genug, um die fragwürdige Lage zu begreifen, in die sich der Mensch gebracht hat, seit er sein Bild nicht mehr im Spiegel der Bäche sucht, sondern in den scharfen Bruchflächen seiner Intelligenz. […]” 

Ulrich behält sich daher auch vor, der Freiheit des Inneren willen, nur wenige äußere Gesetze zu beachten, was wiederum die anarchistische Natur einer Haltung ohne Eigenschaften verdeutlicht. Der Staat und seine Gesetze sind für ihn ohnehin das Unpersönlichste, da das “Ich mit jedem Akt seine Bedeutung verliere” (S. 452). Der Staat rechtfertige seine Morde, Diebstähle und Betrügereien immer unter den Vorwand der erhabenen Macht und der “Zivilisation”.

Die Freiheit des Inneren führt allerdings unweigerlich zur moralischen Ambivalenz, also der Fähigkeit (oder dem Laster), an allen Sachen zwei Seiten zu entdecken und somit nie mit dem Offensichtlichen Frieden zu finden. Es führt zu einem Verlangen, in der “Wirklichkeit nach dem Unwirklichen zu streben” (S. 277). Begonnen hat das für Musil im 16. Jahrhundert, als sich der Mensch nach einem religiös-philosophisch forcierten, zweitausendjährigen Eindringen in die Geheimnisse der Natur plötzlich nur mehr mit einer oberflächlichen Erforschung dieser begnügte. Er nennt es auch ein “Erwachen aus der Metaphysik”, welches zu einem regelrechten “Rausch der Nüchternheit in der Betrachtung aller Dinge” führte (S. 290). Kulminiert ist das einerseits in der Wissenschaft, die das Religiöse abgelöst hat und ausschließlich mechanische, statische und materielle Erklärungen für alles parat hält. So wird die Güte zu einem Egoismus degradiert, der sich, wie viele andere metaphysische Dinge, schlicht in den innersten Windungen des Körpers nachvollziehen lässt. Andererseits erwuchs daraus auch die götzenhafte Anbetung des Geldes, welches die neue Ordnung des Geistes wurde und trotz seiner Anbetung ebenso verteufelt wird. Es besitzt weder Güte, Würde noch eine tiefere Natur, mache letztlich nur alles zum Begriff und zum Irrationalen. Die Parallelen zum heute vorherrschenden Fiat-Geldsystem sind frappant.

Der Mensch versucht sich aus der misslichen Lage, in der er sich selbst manövriert hat, dadurch zu retten, dass er die “Indirektheit” als gutes Gewissen ausgibt und mit “alten Hausmitteln der religiösen und philosophischen Überlieferung” die zerstörte Moral und Seele zu flicken sucht (S. 608). All das lässt aber den Geist immer nur im Kreise gehen und nie zu seiner Erlösung gelangen. So wird aus jedem Zustand eine Forderung, der Gnade eine Norm und dem Sein ein Ziel. 

Aktiver Passivismus?

In dieser Ausweglosigkeit bedient sich Ulrich einem interessanten Konzept, von dem hier auf konterrevolution.at das einer oder andere Mal bereits unter dem “reaktiven Lebensstil” geschrieben wurde: Der “aktiven Passivität”. Es beschreibt das Warten des Eigenschaftslosen auf ein Ereignis, welches ihm das Ende seiner Eigenschaftslosigkeit verdeutlichen wird. Sei es nun der Zusammenbruch der Zivilisation oder einfach nur die Ablöse der “Moderne” durch eine “Post-Moderne”. Doch diese Art des Passivismus will gelernt und verinnerlicht werden, denn durch die (staatliche) Erziehung wird diese aktive Passivität einem jeden erst einmal aberzogen, da der Mensch an das Gegenwärtige und die Herrschaft gefesselt wird und seit Jahrhunderten zu sehr auf seinen Verstand und die Vernunft reduziert wurde. Erst wenn man sich bewusst wird, keinen Geist zu haben, besteht die Möglichkeit, Geist zu gewinnen (S. 349). Was folgen sollte, ist eine Rückkehr zur Einfachheit, in das Reich der Seele, zur Liebe und zur damit einhergehenden, inneren Heiligkeit. Ob Ulrich das im Roman von Musil tatsächlich gelingt, bleibt letzten Endes unbeantwortet. In den geistigen Strudeln und den sozialen Verwirrungen des Hauptprotagonisten endet der Text abrupt und ebenso unbefriedigend, wie er schon begonnen hat. 

“[…] man kommt zuweilen auf den Gedanken, daß alles, was wir erleben, losgerissene und zerstörte Teile eines alten Ganzen sind, die man einmal falsch ergänzt hat […]”

Was bleibt nun aber ein Mann ohne Eigenschaften, oder besser gesagt, was einer mit Eigenschaften? Ist es – wie Musil womöglich selbstkritisch, ob seiner oftmaligen Unverständlichkeit, anmerkt – ein Mann der Bedeutung erlangt, weil er sich seinen Zeitgenossen verständlich machen kann (S. 313)? Benötigt man als Mann überhaupt Eigenschaften einer Zeit, die sich selbst überholt hat und gen Ende steuert, heute wie 1913? Möglicherweise hat Musil bewusst “Kakanien” als Schauplatz ausgewählt, weil man in der Hochblüte der Donaumonarchie vielleicht nur dort ein so sehr von seinen Eigenschaften losgelöstes Leben und Denken betreiben konnte, bevor alles Leben und Denken in das Grauen der Weltkriege mündete.

Beitragsbild: (C) Wortwuchs

Kommentieren Sie den Artikel