Wer sich in Österreich ernsthaft mit der Zwischenkriegszeit auseinandersetzt, betritt ein ideologisches Mienenfeld und verliert rasch den Überblick über historische Tatsachen, Hintergründe und Zudichtungen. Primär der Linkslastigkeit heimischer Politik geschuldet, wird ein “Austrofaschismus” herbeigedichtet, ebenso wie die kommunistisch-sozialistische Bedrohung der damaligen fragilen Staatlichkeit und das Kokettieren von Sozialisten mit Nationalsozialisten vertuscht. Brilliante Einblicke und Beiträge über die Ära nach aber auch vor den 1930er jahren finden sich in der Flugschrift “Die weiße Rose“. Aber auch – man höre und Staune – in der Tageszeitung Die Presse erschien kürzlich ein lesenswerter Beitrag von Gudula Walterskirchen über “Mythen, Fakten und blinde Flecken” der österreichischen Zwischenkriegszeit.

Der vereitelte Putsch

Anders als in der geläufigen Meinung, waren es nämlich Sozialisten, die in Österreich bereits vor 1934 fleißig an einem Umsturz bastelten. Der paramilitärische Arm der Partei in Gestalt des republikanischen Schutzbundes, war im ganzen Land vernetzt und bewaffnet. Die Hintermänner agierten nach marxistischen Paradigmen des Klassenkampfes: Arbeiter contra Bürger. Arbeiterrevolution contra monarchistische/konservative Konterrevolution. Insgeheim bastelte man an einer sozialistischen Revolution nach dem Vorbild Lenins in Russland und der Räterepublik in Bayern. Das Linzer Programm von 1926 gilt als Pamphlet dafür. Dennoch werden diese Fakten heutzutage aus dem historischen Diskurs weitgehend ausgeklammert. 

Im Februar 1934, der Regierung Dollfuss waren die Umtreibe des Schutzbundes längst bekannt und daher wurde dieser auch offiziell verboten worden, versammelte sich die Führungsriege der sozialistischen Paramilitärs in Linz auf Einladung deren Führers Richard Bernaschek. Man schmiedete Pläne um den Waffenkontrollen der Regierung zu entgehen und gleichzeitig einen guerillaartigen Straßenkampf gegen das Bundesheer anzuzetteln, die Regierung festzusetzen, die Spitzen der Exekutive hinzurichten und selbst die Macht im Staat zu übernehmen. Anzumerken ist, dass sie sozialistische Parteiführung den Genossen die widerstandslose Übergabe aller Waffen an die Heimwehr – dem konservativen Pendandt des Schutzbundes – und die Polizei anordnete. Doch die Sozialrevolutionären hatten eigene Pläne. Vor allem Franz Sichlrader, der Bürgermeister von Steyr, sowie der dortige Schutzbundführer Franz Schrangl, drängten auf eine bewaffnete Konfrontation. Nicht von ungefähr kollaborierten beide Sozialisten bereits damals mit den Nationalsozialisten, dazu später mehr.

Nationalsozialisten als Strippenzieher

Im Hintergrund planten bereits die Nationalsozialisten aus Deutschland eine erste Destabilisierung in Österreich. Der republikanische Schutzbund und die sympathisierenden Sozialisten waren willfährige Helfer, um eventuell ein “Eingreifen” Deutschlands zu legitimieren. Walterskirchen dazu:

“In der Nacht vor dem 12. Februar überfielen Mitglieder der nationalsozialistischen Österreichischen Legion einen Grenzposten und bereiteten sich auf einen Einmarsch vor. In den Akten des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes fand sich der bisher unbeachtet gebliebene Bericht eines Wiener Jusstudenten und sozialdemokratischen Parteifunktionärs, Karl Mark, der zu Beginn des Jahres 1934 kurzfristig inhaftiert war und am 10. Februar von einem, wie er sich ausdrückt, „Nazi-Kommissar“ mit für die sozialdemokratische Parteileitung bestimmten Informationen entlassen wurde.”

Nach den gescheiterten, landesweiten Kämpfen zwischen Schutzbund und Heimwehr, der Inhafiterung des Schutzbundführers Bernaschek und Stichwörtern wie Justizpalastbrand, Schattendorf, Ständestaat und “Austrofaschismus” wurde dieses Kapitel österreichsicher Geschichte vor allem eines. Wenig neutral betrachtet.

Denn dass Bernaschek später von den Nationalsozialisten aus seiner Haft befreit wurde und mit seinen Befreiern kollaborierte, neben vielen anderen Sozialisten wie Otto Bauer oder Karl Renner, die sich für eine Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich aussprachen, wird nur zu gerne vergessen. Der Mythos, die Arbeiter hätten sich 1934 gegen eine “faschistische Diktatur” erhoben, bleibt ein Mythos. Viel eher verhinderte Bundeskanzler Engelbert Dollfuss mit der Ausschaltung des Parlaments und dem Vorgehen gegen den Schutzbund ein frühzeitiges Übergreifen der Nationalsozialisten auf Österreich. Der Ständestaat kann also durchaus als verzweifelte Möglichkeit gesehen werden, die Angleiderung doch noch zu verhindern. Ganz entgegen den Fantasien vieler Sozialisten zu dieser Zeit…

Der gesamte Beitrag ist hier nachzulesen: Mythen, Fakten und blinde Flecken in der Geschichte Österreichs

Artikelbild: Joyborg/Wikimedia (CC BY-SA 3.0 DE)

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