Er war eine Reizfigur in der australischen Innenpolitik sowie auf dem internationalen Parkett der Diplomatie: Die Rede ist vom ehemaligen Premierminister Australiens Gough Whitlam, der das Land in den 1960er und 70er Jahren wie kaum ein anderer prägte und als visionärer Reformer galt. Für die einen ein Sozialist der Arbeiterpartei, der das Land gefährdete, für die anderen einer der wenigen westlichen Staatsmänner, der versuchte Freiheit und Unabhängikeit von der Achse UK-USA zu erlangen. Und bei näherer Betrachtung wird klar, dass in Whitlam viel mehr konservativer Friedensstifter steckte, als man zunächst annehmen möchte. Wir werfen einen Blick auf das Portrait eines vielschichtigen Politikers, dem gerade in Europa kaum Beachtung geschenkt wurde.

Whitlam: Ein wortgewandter und unbequemer Zeitgenosse

Seine Karriere bei der Australien Labour Party und seinen Erfolg in der Innenpolitik hatte Whitlam – ein gelernter Jursit und ehemaliger Soldat – vor allem seiner Redegewandtheit, seinem Talent für Debattenführung und seinem Riecher für die aufkommenden Massenmedien zu verdanken. Dabei galt der Außnahmepolitiker in Down Under gerade in seiner eigenen Partei als Reizfigur, da er zentrale Grundsätze und Forderungen der sozialistisch angehauchten Arbeiterpartei ablehnte und zudem den Anspruch besaß, diese grundlegend zu reformieren. So sprach sich der spätere Premier gegen Verstaatlichungen, ebenso wie die Abschaffung von staatlichen Geldern an kirchliche Schulen oder die rassistische “White Australia” Politik aus. Auf der anderen Seite galt er als besonders Friedensaffin und verlangte in seiner Rolle als Oppositionspolitiker das Ende des australischen Engagements im Vietnamkrieg sowie ein Ende der Wehrpflicht. Das führte auch dazu, dass Whitlam längere Zeit eine Chance verwehrt blieb, die Parteispitze zu übernehmen. Als ihm dies aber 1967 gelang, gab es für den Aufstieg der Reizfigur keinen Halt mehr. Doch auch dieser Aufstieg sollte ein jähes Ende nehmen – und es sollten die “üblichen Verdächtigen” der internationalen Politik daran beteiligt sein.

Zunächst aber zum Aufstieg: Gough Whitlam gelang es als einer der ersten westlichen Politker überhaupt, die Macht der Massenmedien im politischen Diskurs zu erkennen und für sich auszunutzen. Besonders die Wahlkämpfe im noch neuen Medium Fernsehen beherrschte er wie kein anderer. 1972 gelang ihm und der Labour Party schließlich der Sieg bei den Wahlen zum Premierminister, der erste Labour-Sieg seit 1946 in Australien. Die Regierungszeit sollte zwar nur eine kurze, dafür aber eine umso wichtigere für Australien werden. Der Sieg Whitlams konnte aber auch als Phyrrhussieg bezeichnet werden. Denn die politische Verwaltung, Bürokratie und auch der Senat blockierten Whitlam künftig wo es nur ging. Und auch ausländische Mächte waren nicht angetan von den Reformprogrammen des neuen australischen Premiers – besser gesagt von seinen Ambitionen, das Land unabhängig von Großbritannien aber auch den USA zu machen. An genau diesen Ambitionen scheiterte später auch die politische Karriere Whitlams.

Der Traum von der australischen Unabhängigkeit

In die nur dreijährige Regierungszeit Gough Whitlams, die von 1972 bis 1975 reichte, fiel die Unabhängigkeitswerdung Australiens vom britischen Commonwealth. Ein politischer Kommentator meinte einmal zu den Regierungsjahren Whitlams, dass “kein Staat seine Haltung in internationalen Angelegenheiten so völlig umkehrte, ohne eine innere Revolution durchlaufen zu haben”. Reform-Premier Whitlam beendete nicht nur die koloniale Unterwürfigkeit seiner Nation. Er hob auch die königliche Schirmherrschaft Großbritanniens auf, bewegte Australien in Richtung der Blockfreien Bewegung, unterstützte „Friedenszonen“, lehnte Atomwaffentests ab und gewährte den unterdrückten Aborigines eerste Rechte. Zudem war er ein entschiedener Gegner von Interventionismus und hegemonialen geostrategischen Bestrebungen der sogenannten “Großmächte”. Kein anderes Land dürfe über die Ressourcen Australiens verfügen oder über seine Innen- und Außenpolitik bestimmen. Diese politische Haltung bildete ein gefährliches Novum für einen westlichen Staat zur damaligen Zeit.

Naturgemäß rief dies die subersiven Kräfte der internationalen Politik auf den Spielplan, vorrangig die Geheimdienste Großbritanniens und der USA. Lateinamerikanische und afrikanische Staaten der noch jungen post-kolonial-Ära konnten bereits ein trauriges Lied davon singen, wie es war, wenn dem Westen nicht genehme Regierungen blutig gestürtzt und stattdessen Terrorregime und Marionetten-Regierungen installiert wurden (Iran 1953, Guatemala 1954, Irak 1963, Zaire/Kongo 1960, Brasilien 1962-64, Bolivien 1964, Indonesien 1965, Ghana 1966, Chile 1964-73 usw.; hier eine unvollständige Liste). In Australien musste man allerdings ein wenig subtiler vorgehen, immerhin hatte man es mit einem “demokratischen westlichen Nationalstaat” und nicht einer “Bananenrepublik” im globalen Süden, fernab der ohnehin gleichgültigen Weltöffentlichkeit, zu tun. Schon vor Whitlams Amtsantritt war die CIA stark in inneraustralischen Angelegenheiten involviert. Das verstärkte sich besonders in den Jahren des Vietnamkrieges.

Die CIA und ihre Machtspiele

Whitlam kannte das Risiko, das er einging. Am Tag nach seiner Wahl befahl er, dass seine Mitarbeiter nicht von der australischen Sicherheitsorganisation Asio „überprüft oder belästigt“ werden sollten – damals wie heute an den angloamerikanischen Geheimdienst quasi weisungsgebunden. Als seine Minister die US-Bombardierung Vietnams öffentlich als “korrupt und barbarisch” verurteilten, sagte ein CIA-Stationsbeamter in Saigon: “Uns wurde gesagt, die Australier könnten genauso gut als nordvietnamesische Kollaborateure angesehen werden.” Und er ging noch weiter. Die US-Spionagebasis in Pine Gap, eine bis heute existierende Einrichtung, die halb Südost-Asien ausspioniert, wie Edward Snowden kürzlich enthüllte, war Whitlam ebenfalls ein Dorn im Auge. Das brachte in den USA wiederum das Faß zum überlaufen und man plante kurzerhand einen Coup d’État nach dem Vorbild Chiles, da das Weiße Haus und die CIA ihre Vormachtstellung in Südost-Asien in Gefahr sahen. 

E1276-8 PM Australia Whitlam tone.jpgWhitlam bei US-Präsident Nixon 1973 (Von Oliver Atkins, White House photographer in the course of his duties as a Federal Employee – Richard Nixon Presidential Library and Archives, Gemeinfrei, Link)

Zur gleichen Zeit war in Australien ein gewisser Sir John Kerr als General-Gouverneur tätig und besetzte damit einen der mächtigsten politischen Posten im Land. Kerr war ein Mann der brtiischen Krone, mit besten Verbindungen zu den Geheimdiensten MI6 und CIA. Wie sich später herausstellte, bauten eben jene Geheimdienste Kerr als politische Figur maßgeblich auf und finazierten ihn auch. Durch sein Zutun konnten CIA-Leute die Innenpolitik Australiens wiederum weitgehend infiltrieren und lenken. Als Premier Whitlam 1974 wiedergewählt wurde, entsandten die USA ihren “Putsch-Ideologen” Marshall Green als Botschafter nach Canberra. Green war ein Vertreter des klassischen “deep state” und in den 1960er Jahren für die USA maßgeblich an dem blutigen Umsturz gegen Prsäident  Sukarno in Indonesien beteiligt, der letztlich über eine Million Menschen das Leben kostete. Und Green ließ in Australien seine Ambitionen gleich offen kundtun. Bei einer Versammlung honoriger Persönlichkeiten sprach der Botschafter von einer “notwendigen Revolte” gegen die australische Regierung.

Der britische MI6 arbeitete in Australien der CIA maßgeblich zu, um Whitlam später “zu stürzen”, vor allem durch Spionagetätigkeiten. In den 1980er Jahren enthüllten hochrangige CIA-Beamte, dass das “Whitlam-Problem” vom CIA-Direktor William Colby und dem Leiter des MI6, Sir Maurice Oldfield, “mit Dringlichkeit” erörtert worden war. Ein stellvertretender Direktor der CIA sagte: “Kerr hat getan, was ihm gesagt wurde.”

Und so kam es wie es kommen musste. Kerr wurde vom CIA instruiert, einen innenpolitischen Coup gegen den Premier zu vollziehen. Der australische Premierminister sei ein “Sicherheitsrisiko in seinem eigenen Land”. Am Tag zuvor hatte Kerr das Hauptquartier der Direktion für Verteidigungssignale der australischen NSA besucht, wo er über die “Sicherheitskrise” informiert wurde.

Am 11. November – dem Tag, an dem Whitlam das Parlament über die geheime Präsenz der CIA in Australien informieren sollte – wurde er von Kerr vorgeladen. Kerr berief sich auf archaische vizekönigliche „Reservekräfte“ und entließ den demokratisch gewählten Premierminister. Das „Whitlam-Problem“ wurde gelöst, doch die australische Politik erholte sich nie und die Nation wurde nicht wirklich unabhängig, vor allem nicht von den USA. Bis heute wird die Absetzung Whitlams is heute von vielen als verfassungsrechtlich höchst fragwürdig eingestuft. Ein derartiges Vorgehen hatte es auf Bundesebene vorher und hat es seitdem nicht mehr gegeben.

China und Osttimor als Kontroversen

Kontrovers wird bis heute von Gegnern aber auch Anhängern Whitlams Engagement für das kommunistische China gesehen. Schon in seiner Zeit als Oppositionsführer besuchte der die diktatorische Volksrepublik und versicherte den dortigen Machtkadern, dass Australien China schnellstmöglich anerkennen werde, sollte er in Regierungsverantwortung kommen. Während seiner Regierungszeit wurden dann auch diplomatische Beziehungen aufgenommen. Doch Whitlam versuchte sich auch als entschiedener Anti-Kommunist. Im Falle Osttimors. Die ehemalige portugiesische Kolonie sollte Unabhängig werden, jedoch befürchtete Whitlam eine kommunistische Regierung “vor der Haustüre”. So tat er sich mit dem indonesischen Regime zusammen, welches seinerseits wiederum eine Annexion Osttimors vorbereitete. Whitlam verkündete schließlich, dass Osttimor “kein überlebensunfähiger Staat und eine potentielle Bedrohung für die Stabilität in der Region” sei. Obwohl er den Wunsch nach Selbstbestimmung anerkannte, hielt er im Interesse Osttimors einen Anschluss an Indonesien für das Beste. Im Zuge der Annexion durch Indonesien sollten bis zur Unabhängigkeit des Staates über 180.000 Menschen sterben. Als eine seiner letzten großen (außen-)politischen Akzente entließ Whitlam übrigens das Treuhandgebiet Papua-Neuguinea in die Unabhängigkeit. Politisch konnte Gough Whitlam nach dem Putsch allerdings nie wieder Fuß in Australien fassen. Dennoch kam Whitlam vergleichsweise glimpflich davon, denkt man nur an einen wenige Jahre zuvor ermordeten Amtskollegen in den USA, der die Macht der Geheimdienste in seinem Land brechen wollte…sein Name war John F. Kennedy.

Ideen für vorliegenden Artikel u.a von The Guardian

Beitragsbild: Australian Information Service/National Library of Australia: nla.pic-an24355082

 

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