Eine immer wieder auftretende Frage in Diskursen zwischen Liberalen, Libertären und Anarchisten ist jene nach der Notwendigkeit politischer Autorität, meist in Form eines Staatskonstruktes samt Regierung. Während sich der Liberalismus weitgehend mit der zwangsweisen Herrschaft des Staates und seiner Institutionen arrangiert hat und dadurch partiell einen Siegeszug in kapitalistischen wie sozialistisch/staatskommunistischen Politsystemen antrat, sehen Libertäre und Anarchisten nur in einer möglichst tiefgreifenden Überwindung dieser Strukturen die Möglichkeit individuelle Freiheit und Entfaltung zu erlangen. Doch über die Art und Weise der Überwindung und das Endergebnis lässt sich auch zwischen Libertären und Anarchisten streiten. Ein Versuch, Begriffe zu klären und neuzudefinieren, Unterschiede zu markieren, Gemeinsamkeiten zu finden und Lösungen abseits des Staates anzubieten.

Anarchokapitalismus

Zunächst soll auf zwei- aus meiner Sicht irreführende – Strömungsbezeichnungen näher eingegangen werden um das Verständnis der wahren Intentionen hinter Libertarismus und Anarchismus zu beleuchten. Der Anarchokapitalismus ist momentan der wohl prominenteste Vertreter und Repräsentant libertärer Geisteshaltungen. Er stellt vor allem in den USA eine oberflächliche Symbiose zwischen konservativen und libertären Ideen dar. Dabei ist der Begriff eines anarchistischen Kapitalismus irreführend. Zwar geht die momentan vorherrschende kapitalistische Strömung des Neoliberalismus in der Theorie von einem weitgehend anarchischen Marktzustand aus (nach Hayek), dennoch sind Theorie und Praxis zwei verschiedene Paar Schuhe. Denn der Kapitalismus ist auf Dauer nur in einem Staatsgebilde überlebensfähig. Der Staat und dessen Regierung müssen Institutionen und Regelwerke, soziale Normen und Vorgaben errichten, damit die kapitalistische Logik greifen und sich voll entfalten kann. Andernfalls, und das erkannten bereits die aus der kommunistischen Lehre hervorgegangenen Weltsystemtheoretiker wie Immanuel Wallerstein, würde der Kapitalismus an seiner zyklischen Krisenhaftigkeit letztlich zugrunde gehen. Dies tut er aber nicht, da ihm der Staat als rettender Anker immer zur Seite steht.

Zuguterletzt verlangt gerade der Kapitalismus deutscher Ausprägung, der Ordoliberalismus der Freiburger Schule, nach einem starken Staat der eine funktionsfähige, d.h. wettbewerbsintensive, Marktwirtschaft garantiert kann. Die Wirtschaftspolitik dominiert dementsprechend und setzt Rahmenbedingungen, der Staat steht über Wirtschaft und Interessen. Ordliberalismus geht also von dem Konzept des Wettbewerbs als perfekt organisierte staatliche Veranstaltung aus. Der Staat ist im Kapitalismus essenziell um für Aufrechterhaltung, Funktionieren und Stabilisieren der Marktmechanismen einzutreten.

Es kann auch von der Hypothese ausgegangen werden, dass sich der (National-)Staat in seiner heutigen Form erst durch das Aufkommen des Kapitalismus entwickeln konnte. Durch die Abkehr von Merkantilismus, Ständen und regional differenzierten Macht- und Herrschaftsstrukturen. In manchen kommunistischen Theorien ist von einem Staatskapitalismus die Rede, einem „Verschmelzungsprozess“ zwischen Staat und Kapital. Das wird heute mehr denn je deutlich. Jeder Staat handelt in seinen Grundzügen nur nach dem Willen des Kapitals, nach der Logik des Marktes, die uns in Form des vorherrschenden Geldsystems begegnet.

All das verdeutlicht jedoch, dass es einen Anarcho-Kapitalismus als solchen nicht wirklich geben kann, da der Staat immer eine Rolle spielen wird und sei es nur um markterhaltende Maßnahmen zu ergreifen und ein Umfeld zu schaffen, in dem ein Markt nach kapitalistischer Logik überhaupt erst agieren kann. Der klassische Anarchist braucht jedoch das Konzept eines Staates, also einer der Freiwilligkeit des Menschen übergeordneten Kontrollinstanz, nicht. Es geht ihm um uneingeschränkte Selbstbestimmung und Herrschaftsfreiheit. Herrschaftsfreiheit im Sinne der Ablehnung von Herrschaft Mensch über Mensch. 

Die Ablehnung des Gewaltmonopols des Staates und der Regierung und stattdessen auf eine Ordnung zu setzen, die auf freiwilliger Interaktion freier Individuen nach dem Tauschparadigma des Markts fußt, welches wiederum von den Institutionen des Privateigentums geschützt wird, ist eine diskussionswürdige Ansicht der sogenannten „Anarcho-Kapitalisten“. Denn jedes Individuum hat eine andere Vorstellung von Markt und Privateigentum. Ist Markt etwas das naturrechtlich verstanden werden kann, im Sinne von Werden und Vergehen, natürlichem Angebot und natürlicher Nachfrage? Oder ist der Markt ein rein menschliches Produkt der Interaktion, nach Hayek gar ein über der menschlichen Logik stehendes Produkt evolutionsbedingter Prozesse? Braucht es Institutionen um Privateigentum zu (das kann auch immaterielles wie zum Beispiel geistiges Eigentum sein) organisieren und zu schützen? 

Wenn private Rechtsordnungen, die in jeweiliger (positiver, also nicht kompetitiver) Konkurrenz zueinander stehen und ein im Sinne der individuellen Freiheit gestaltetes Privateigentum zur Geltung kommen, dann kann man diese Ideen durchaus aus libertärer wie anarchistischer Sicht begrüßen. Diverse alternative Währungs- und Bildungssysteme, persönliche Eigenverantwortung in Form von Wehrhaftigkeit aber auch die freiwillig-kollektive, arbeitsteilige Verwaltung von Sicherheit und Nahrung ohne monopolistischen Anspruch könnten als Beispiele dienen. Kommt es jedoch in auf Freiwilligkeit gestalteten Gesellschaften zur Freiheitsunterdrückung durch Umverteilung, manifestiert sich dadurch meist die erste Keimzelle eines Gesellschaftsvertrages, der auf die Gründung staatsähnlicher Strukturen hinweist. Um mit Hayek abzuschließen, gilt sicherlich die spontane Ordnung als Merkmal komplexer Gesellschaften, nicht die gelenkte Ordnung.

Libertärer Sozialismus

Der libertäre Sozialismus, auch antiautoritärer Sozialismus genannt, ist in seiner Entstehungsgeschichte stark in Kommunismus und Anarchismus verwurzelt. Genauer gesagt beschreitet er einen Zwischenweg. Denn seine Merkmale umfassen: Die Ablehnung von autoritären, hierarchischen und militärischen Machtsystemen, ebenso wie die Ablehnung der Herrschaft von Menschen über Menschen und ein ausgeprägtes Freiheitsdenken. Die besondere Abgrenzung zum Kommunismus ergibt sich aus der Ablehnung von Enteignung, Zentralisierung und der Abhängigkeit vom Kollektiv. Das Attribut beziehungsweise Adjektiv Sozialismus, je nachdem wie man den Begriff wertet, ist jedoch ebenso wie beim kapitalistischen Anarchismus eine Irreführung. Denn in seinem Kern strebt der Sozialismus die Kollektivierung sämtlichen Besitzes, Umverteilung und die Gleichheit aller Menschen an, wenn es sein muss auch durch Zwangsmaßnahmen, derer Durchsetzung man sich gerne der Staatsgewalt bedient. Das Ziel der Gleichheit, die Schaffung einer egalitären Gesellschaft, muss zwangsläufig an einer ideologischen Idee Orientierung finden (Staatssozialismus, Nationalsozialismus, radikale Linke etc). Als Durchsetzung dieser Gleichheit fungiert die Solidarität, welche als menschliches Äquivalent zur natürlichen Kooperation gilt und diese im Sozialismus ersetzt. Ohne die zwangsweise Herausbildung politischer Administration sind diese Ziele letztlich nicht realisierbar. So werden Institutionen gegründet um den Menschen scheinbar ihre Lebensrealitäten zu erleichtern beziehungsweise einen Mehrwert für die Gesellschaft darzustellen.

All das widerspricht jedoch den Grundzügen libertären und anarchistischen Denkens. Libertarismus und Anarchismus lehnen politische Institutionalisierung ebenso wie die ideologische Orientierung ab, diese sind aber zwangsläufiges Folgeprodukt politischer Administration. Denn die Institutionalisierung ist in ihrem Kern nur dem Selbstzweck einer nach Macht strebenden oder bereits mit Macht ausgestatteten Gruppe dienlich. Sie wird zum Instrument der Interessensdurchsetzung und erlangt einen Status der quasi Unantastbarkeit (z.B. Behörden, Finanzinstitute etc.). Der scheinbare Widerstand in Form von Parteien, zivilgesellschaftlichen Verbänden oder einfachen politischen Forderungen ist nichts weiter als eine Legitimation des unterdrückenden Systems. Ergo wird aus dem fingierten Mehrwert für die Gesellschaft ein Minderwert, da über Bürokratie, Gesetze, Normen und Werte Rechte beschnitten werden. Individualismus und das Erkennen seiner individuellen Fähigkeiten ist wiederum eine Grundbedingung menschlichen Zusammenlebens. Der Drang Gleichheit zu schaffen läuft dem konträr. Aus der Unterschiedlichkeit bezieht ein frei gestaltetes Leben, „die Freiheit“, ihre Kraft. Denn nicht Einfalt sondern Vielfalt führt zu Entwicklungsprozessen aller Art. Vor allem geistige Gleichheit ist der Nährboden der Unfreiheit. Die Kollektivierung ist ebenfalls ein Konzept, dass es so in libertär-anarchistischen Ideen nicht gibt. Denn durch eine zwangsweise Aufhebung allen persönlichen Eigentums beziehungsweise im weitesten Sinne natürlich gegebener Rechte wird man willkürlich in die Abhängigkeit des „Anderen“ gedrängt. Im Falle des Sozialismus nämlich in die der Allgemeinheit oder Gesamtheit. Die Eigenverantwortung schwindet und geht in jener des Kollektivs auf. Durch Umverteilung wird freiwillige Kooperation zerstört und die persönliche Freiheit des Einzelnen angegriffen. 

Den Staat überwinden

Wie der Ökonom David Friedman einmal sagte: „Es reicht nicht, den Staat durch Verfassungsvorschriften zu beschränken. Denn seine unausweichliche Machtausdehnung in alle Lebensbereiche wird paradoxerweise von den Interessen der Menschen, die innerhalb des Apparats ihren Platz finden, angetrieben.“ Kein Staat lässt sich daher von Verfassungen oder anderen Rechtssystemen in seinem Wirken einschränken. Der Grund ist die Struktur und Funktionsweise des Staates an sich. Das freie Individuum biss in den Köder staatlicher Gesamtverwaltung, der ihm in Form der Sicherheit begegnete, und konnte seither nicht mehr aus dieser Falle entkommen. Gerade weil der Staat dem gefangenen Individuum als alternativlose und gleichzeitig realere Übermacht neben der Natur erscheint, als quasi Elternersatz – der auf einer psychologisch-emotionalen Ebene des Individuums ansetzt. Denn der Staat bildet sich aus „seinesgleichen“ und schließt das Wesensfremde zwangsläufig aus, wie eine Familie.1 Mit der Entfremdung von der Natur kommt die Hinwendung zum Staat. Der Mensch sucht letztlich nach Geborgenheit, auch wenn sie nur fingiert ist. Es kommt nicht von ungefähr, dass das Aufkommen von Aufklärung, Kapitalismus und Nationalstaat in einen aus der Menschheitsgeschichte betrachtet sehr eng beisammenliegenden Zeitraum fiel. Um diesen scheinbar alternativlosen Zustand aufrecht zu erhalten, gibt der Bürger schrittweise seine Rechte ab und bürdet sich gleichzeitig immer mehr Pflichten auf. Der Staat kann es sich angesichts der von ihm postulierten Alternativlosigkeit erlauben und greift gerne auf die Bereitwilligkeit seiner um Sicherheit bedachten Untertanen zurück. Das Spiel funktioniert gerade heute so perfekt, weil der Mensch (durch Sozialisation und Indoktrination) immer weiter von seiner ursprünglich vorhandenen, angeborenen Freiheit entfernt wird und folglich nicht mehr realisieren kann, was Sicherheit für den Einzelnen eigentlich im Konkreten bedeutet, wie leicht sie auch ohne Staat zu garantieren wäre und wie Selbstorganisation ohne übergeordnete Autorität überhaupt funktionieren könnte. 

Wo bleiben also die Wege, den Staat zu überwinden? Nun zunächst sollte das Stadium dieser Erkenntnis erreicht und folglich diese auch verinnerlicht werden. Es hat wenig Sinn den Staat vielleicht als etwas unangenehmes im Hintergrund wahrzunehmen, weil gerade eben wieder Steuern erhöht wurden, ohne seine freiheitsberaubende und totalitäre Wesenstruktur zu erkennen und zu verstehen. Danach darf man sich durchaus die Frage nach der „persönlichen Utopie“ stellen. Unter „persönlicher Utopie“ verstehe ich den in allen Menschen befindlichen aber meist verdrängten Drang, Freiheit zu leben und auch zu erleben, in welcher Form auch immer. Es widerspricht der Natur des Menschen und der Natur ans sich, Freiheit nur unter einer sanktionierenden und überwachenden Autorität zu erfahren. Die Natur ist ihre eigene Autorität, ergo ist man selbst auch seine eigene Autorität. Ein zwangsläufiges Nebenprodukt natürlicher Autorität ist Kultur. Aus diesem Verständnis kann Eigenverantwortung, Selbstverwaltung, Voluntarismus und Autarkie entspringen. 

Dass gewaltsame Umwälzungen, etwa in der Gestalt von Revolutionen, nicht dem libertären und anarchistischen Geist entsprechen versteht sich eigentlich von selbst. Warum die Revolution kein adäquates Mittel ist erkläre ich hier, warum Gewalt nicht dem Verständnis von persönlicher Freiheit entspricht hier. Ein Weg der bleibt wäre der zivile Ungehorsam. Doch auch dieser Schritt ist nicht ganz unproblematisch, bekämpft er ja ein allmächtiges und willkürlich agierendes System wie den Staat offensichtlich und offensiv. Die gewaltfreie Kooperationsverweigerung mit dem Staat und seinen Institutionen, in welcher Art und Weise auch immer, das gezielte „brechen von Regeln“ oder die zielgerichtete Kritik und „Gegenbewegung“ funktioniert meist im kleinen Rahmen. Erreicht die Gruppe des zivilen Ungehorsams eine in den Augen des Staates kritische Masse, geht dieser in der Regel offensiv gegen die Gruppierung vor. Mit Gesetzen, Verboten und in letzter Konsequenz mit Gewalt. Was den Gruppen oder dem Individuum des zivilen Ungehorsams bleibt, ist entweder soziale Ausgrenzung (Untergrund etc), Unterordnung und Sanktionierung oder Gewaltanwendung, die in der Gruppe wiederum zur Revolution führt. Nur in seltenen Fällen lässt sich der zivile Ungehorsam auf eine gesamtgesellschaftliche Ebene heben, ohne Gewalt anzuwenden. Im Falle einer friedlichen Überwindung des Staates gelang das überdies noch nie in der jüngeren Historie. Ebenso firmiert ziviler Ungehorsam oft unter dem Credo „Recht brechen, um Recht zu schützen“. Doch welches Recht soll hier geschützt werden? In den meisten Fällen handelt es sich um den Schutz fundamentaler Rechte, wie Natur- und Menschenrechte, sondern das Willkür-Recht des Staates. Denn ein Kerngedanke des zivilen Ungehorsam ist es oftmals auch, die für seinen Ungehorsam verhängte Sanktion klaglos hinzunehmen. Das politische Engagement ist aus ähnlichen Gründen zu vernachlässigen, da es meist nur innerhalb der Staatsstrukturen existieren und fruchten kann und letztlich immer das Gewaltmonopol des Staates zu einem gewissen Grad akzeptieren muss und auch benötigt, um begrenzte Veränderungen herbeizuführen. 

Das Problem ebenso wie die Lösung bleiben in der Denkweise des Bürgers verwurzelt. In der Überwindung weiter oben erwähnter Sozialisation und Indoktrination. Denn noch bevor der Widerstand des Staates gegen seine Auflösung erwacht, ist der (Mit-)Bürger zur Stelle um sein Gefängnis mit emotionalem Widerstand zu verteidigen. Die „Agenten des Staates“ beanspruchen unbedingte Autorität. Der Bürger kann keine rationale Sichtweise mehr einnehmen sondern versucht die „Beziehung“ um jeden Preis aufrechtzuerhalten. Erst wenn der Einzelne seine Bedürfnisse wie seine Individualität ohne Angst vor Konsequenzen erkennt, kann er einen objektiven Standpunkt einnehmen. Im Naturzustand haben die Menschen wie im Staat Rechte und Pflichten. Der Unterschied ist, dass sie einander auch ohne übergeordneter, willkürlicher Autorität respektieren und Leben, Gesundheit und Eigentum ihrer Mitmenschen achten. Als Kind war dieser Zustand den meisten nicht fremd. Die Anleitung ist somit in jedem bereits verankert und auch erprobt worden.

Die staatenlose Gesellschaft

Ein weiterer Lösungsansatz ist die Besinnung auf die eigene Kultur und ihre Wesenseigenschaften. Kultur muss in diesem Sinne losgelöst von Staat und institutionalisiert-autoritären Strukturen gedacht werden. Denn jeder Kulturraum, jede durch ihn konstituierte Gesellschaftsform entsprang einst vorstaatlichen Zuständen der gemeinschaftlichen Verwaltung, den sogenannten segmentären Gesellschaften. Sei es in Stämmen, „Dörfern“, im Nomadentum, losen Gemeinschaften, Clans und ähnlichem. Alle anzutreffende Existenzformen verband und verbindet noch heute vereinzelt die Unkenntnis oder bewusste Ablehnung jeglicher Form politischer Zentralisierung und Herrschaft. Keine Ämter, keine Institutionen, keine Wahl oder dynastische Erbfolge, keine Oligarchien, keine Plutokratien. Jeglicher Ansatz von Autorität in diesen Gesellschaftsformen war stets relativ, repräsentativ, erfahrungs- und/oder fähigkeitsbedingt, situations- und zeitbezogen und einer gemeinschaftlichen Kontrolle unterstellt (Beispiele wären etwa Häuptlinge, Medizinmänner, Schamanen in Indianerstämmen oder Ältestenräte, Seher, Heiler, „Priester“ in europäischen Frühkulturen). Die Organisationsprinzipien konnten auf Abstammung und Verwandschaft, auf geographischen Gegebenheiten, territorialer Basis und der Natur und/oder der Kultur (die Ethnologie spricht von religiös-kultischer Basis) gründen. Im Beitrag „Alternative Entwicklung am Beispiel Buen Vivir“ gehe ich auf zentrale Merkmale staatenlos-organisierter, indigener Völker in Südamerika ein, beispielsweise auf Repräsentation und Bestimmung ebenso wie auf das Prinzip der Gemeinschaft. Ein weiterer Einblick ist in der Bibel zu finden, bei den zwölf Stämmen in der Offenbarung des Johannes.2 

Die Gruppen staatenloser Gesellschaften besitzen zwar unterschiedliche Größenordnungen, sind mehrheitlich jedoch vergleichsweise klein. Die teilweise komplexe Verschachtelung der Organisationsformen gewährleistet eine gewisse Selbstregulierung von Kooperations- und Konfliktbeziehungen ohne die Notwendigkeit zur Ausbildung einer dauerhaften zentralen politischen Autorität. Bis in die frühe Neuzeit herrschten auch noch in vielen entlegenen und nicht-industrialisierten Regionen Europas diese autarken und quasi-autonomen Formen der Selbstverwaltung. Diese Formen staatenloser Gesellschaftsgestaltung, ohne dem Vorhandensein eines Herrschaftsapparates, als „primitiv“, „rückständig“ oder „archaisch“ zu charakterisieren, verdeutlicht lediglich den fehlenden Weitblick der Analyse dieser. Wo kein Vergleich gezogen werden kann, keine Einordnung in tradierte Muster möglich ist, keimt Un- wie Missverständnis. Den Staat als Produkt kultureller Evolution zu verstehen, zeugt von einem ideologisch geprägten Sozialdeterminismus. Die staatenlose Gesellschaft verharrt keinesfalls in einem Zustand destruktiven Stillstands. Viel eher ermöglicht der herrschaftsfreie Zustand ein freies Leben zu führen. Jene Gesellschaften erscheinen als von Solidarität, von Gerechtigkeit und sozialer Gleichheit geprägt. Ob sie ihre Legitimität nun naturrechtlich, vertragsrechtlich oder konsequentialistisch ableiten, ist innerhalb des libertär-anarchistischen Denkens strittig. An dieser Stelle wird auf einen eigenen, künftigen Beitrag zu diesem Thema verwiesen. 

Dennoch: Die staatenlose Gesellschaft und das in ihm lebende Individuum muss neben seiner wiedergewonnenen Naturorientierung ebenso Fähig sein Eigenverantwortung zu übernehmen. Erst dann ist man in der Lage sich selbst weitgehend unabhängig und dennoch wechselseitig und gemeinschaftlich partizipierend und fördernd zu verwalten. Ebenso ist es wichtig wehrhaft zu sein. Dies führt mich zwangsläufig und abschließend zu dem Konzept des passiven, reaktiven zivilen Ungehorsams. Dieser umfasst vereinfacht gesagt den schrittweisen, friedlichen Rückzug aus systemischen Abhängigkeiten und die gleichzeitige Errichtung wehrhafter, autarker und herrschaftsloser Strukturen. Beispiele gibt es dafür im Kleinen genügend (Kooperativen, Kommunen, Tauschkreise, aber auch Milizbewegungen, sowie regionale/alternative Währungsgemeinschaften, alternative Modelle der Energiegewinnung, Selbstversorgung im Nahrungsmittelbereich, etc.)

Wie sich freie Menschen der „modernen Zivilisation“ tatsächlich abseits staatlicher Autorität organisieren werden bleibt unklar und im Sinne libertären und anarchistischen Denkens ein Produkt freier, experimenteller Gestaltung. In jedem Falle kann Eines festgehalten werden: Institutionalisierte und zentralisierte Formen politischer wie sozialer Macht, Herrschaft, Gewalt und Autorität haben den Menschen (insbesondere im Zeitalter des „Modernismus“) mehr Leid und Unterdrückung beschert als jegliche andere „Zivilisationsmodelle“ zuvor.

Beitragsbild: Thomas Cole, The Course of Empire: The Arcadian or Pastoral State (1834), Wikimedia


1. Kramer, Fritz; Sigrist, Christian (Hgg.), Gesellschaften ohne Staat, 2 Bände, Frankfurt 1983.

2. Jochum-Bortfeld, Carsten (2000): Die zwölf Stämme in der Offenbarung des Johannes: zum Verhältnis von Ekklesiologie und Ethik. In: Herbert Utz Verlag

Andere Quellen:

  • Rutz, Charlie (2008): Bakunin-Anarchismus vs. Marx-Kommunismus, unter: https://freidenker.cc/bakunin-anarchismus_vs_marx-kommunismus/12
  • Marx, Christopher (2008): Barbarei und Zivilisation Europa und die staatenlosen Gesellschaften. In: Themenportal Europäische Geschichte
  • Staat, Migration, Globalisierung in der Kultur- und Sozialanthropologie: Segmentäre Gesellschaften, unter: http://www.univie.ac.at/sowi-online/esowi/cp/debattenksa/debattenksa-48.html