Die Wertlosigkeit des Menschen in den Augen des allmächtigen Staates
»Das Totenschiff«, Roman von B. Traven (1926)

Der Roman des bis heute nicht eindeutig identifizierten Verfassers B. Traven gilt in vielen Kreisen als Klassiker der anarchistischen Literatur. Schonungslos und dennoch scheinbar lapidar erzählt das Totenschiff von den Leiden und der Rechtlosigkeit des „einfachen, mittellosen Mannes“, der in den Augen von Staaten und Unternehmen faktisch keinerlei Wert besitzt und daher auch nicht mit moralischem oder gar empathischen, zwischenmenschlichen Umgang rechnen darf. Übergeordnetes Motiv ist der Hang zur Despotie und Sklaverei, der allen Staatsgebilden innewohnt, unabhängig davon welche Regierungsform sie innerhalb ihrer (willkürlichen) Grenzen ausüben.

Als Schauplatz dieser Metapher über entmenschlichte Verwaltungsapparate im post-industriellen Zeitalter dient ein kaum mehr seetaugliches Schiff auf dem entrechtete Seemänner Sklavenarbeiten verrichten müssen. Doch alleine die Odysse des Hauptprotagonisten, um auf dieses Schiff zu gelangen, gibt tiefen Einblick in die Wertlosigkeit eines Menschen, der für seine und auch andere Regierungen ohne jegliche Dokumente oder Identitätsnachweise einfach nicht exisitiert und somit auch sein Recht auf Existenz verwirkt hat. Schließlich endet die Reise des Seemanns in einer Katastrophe. Alles was bleibt, ist die Einsicht der Ohnmacht gegenüber der willkürlichen Herrschaft des Geldes, des Profits und letztlich des Staates.

Eine fundamentale Staatskritik

Im Laufe des Romans klingen immer wieder, wenn auch meist nebenbei – dennoch bewusst platziert- , fundamentale Elemente der Staatskritik, ebenso wie zentrale anarchistische Ideen an. Der Staat verkörpert für Traven ein „Biest“ (S. 24). Ein „Biest“, dass Müttern ihre Söhne raubt und sie eigennützig den „Götzen“ opfert (Krieg, Ideologien etc.). Alles wofür er eintritt und verantwortlich ist, steht im krassen Gegensatz zu natürlichen menschlichen Bedürfnissen und geistigen Entwicklungen. Daher wird der Mensch in einem Staatsgebilde unweigerlich entmenschlicht und umgeformt. Oder ist es etwa menschlich Papiere, Ausweise und Dokumete zu besitzen? Nein. Der Staat hat kein Bedürfnis an Menschen, sondern nur an „Figuren aus Papiermaché“, die formbar und leicht zu indoktrinieren sind. Er degradiert sie zu verwertbaren Nummern. Nur sie können den Dienern, den Systemerhaltern ein bequemes Leben garantieren. Er selbst steht hingegen über seinen selbst gesetzten Normen, Regeln und Gesetzen. Kein Staat bedarf der Moral, er mordet und stiehlt wann er es für gut und richtig hält. Kein Staat muss sich einer göttlichen Ordnung oder Strafe fügen. Er ist die Allmacht…

Paradoxien 

Als ultima ratio einer gesellschaftlichen Gesamtorganisation in Form von Staaten sieht der Autor vor allem den Krieg. Kriege die paradoxerweise ausschließlich für Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung geführt werden. Sie ebnen aber keinesfalls den Weg in die Freiheit, viel eher opfern sie die Freiheit dem Kriege, der sie sich bereitwillig aneignet. Tyrannen und Despoten mögen besiegt worden sein, doch die Sieger begründeten auschließlich Zeitalter noch größerer Tyranneien. Auch die als „heilig“ geltende Demokratie ist durch und durch fehleranfällig und korrumpiert. Auch sie brandmarkt die scheinbaren Ketzer der Neuzeit. Jene die – wie der Hauptprotagonist auf dem Totenschiff – staaten- und passlos durch die Welt irren und sich aus der Herrschaft der Bürokratie (der modernen Inquisition, S. 39) nicht viel machen. Einer Bürokratie die in früheren Zeiten auch von hehren Staatsmännern stets verachtet wurde. 

So kommt es auch, dass die Staatsgewalt in Form der Exekutive nie für tatsächliche Sicherheit oder die Einhaltung von Recht sorgt. Sie stiftet viel eher Unheil an und führt zu Unbehagen unter den Menschen. Die Exekutive dringt in den persönlichen Freiraum des Individuums ein, ohne das diesem Mittel der Gegenwehr gebilligt werden. Denn das Recht der Selbstverteidigung/Selbstjustiz wird den Menschen im Staate unweigerlich geraubt.

Freiheit, Geist und andere Motive

Dass das Individuum Hort der Freiheit ist, nachzulesen u.a. in diesem Konterrevolution-Beitrag, erkannte auch Traven. Daher habe der Staat auch kein Interesse an individueller Entfaltung, für ihn müsse das Leben im (zwangsweisen) Kollektiv organisiert werden. Ursprüngliche Gesetze der Natur werden aufgegeben, um die innere Macht des „Biests“, des Leviathans zu vergrößern. Zu Lasten des Fundaments des Universums, des Einzelnenen:

Denn das Universum ist aufgebaut aus Individuen, nicht aus Herden. (S. 59)

Damit klingt auch Kritik am kollektivistisch organisierten Kommunismus an. Die Ideologie nach Marx und Engels kann den Menschen/Arbeiter letztlich nicht befreien sondern ihn lediglich in ein anderes Stadium der Versklavung drängen. Einem Stadium in dem alle nur noch Arbeiter des Vater Staates sind und nicht frei entscheiden können, ob wie und wann sie arbeiten. Diesen Wesenszug übernimmt auch der kapitalistische Staat bereitwillig. Ist es nämlich der Wille des Indivduums nicht zu arbeiten, spricht der Staat von „Revolution, Streik und einer Rüttelung an den Fundamenten des Gemeinwohls“. Der Arbeiter wird wiederum solange indoktriniert, bis er nicht mehr in seinen Geldgebern sondern in seinen Mitarbeitern den Feind seines vermeintlichen Wohlstandes erkennt und fein wie kein anderer nach Rangunterschieden wertet („Der Arbeiter ist des Arbeiters größter Teufel“, S. 69).

Warum auch Arbeit und einem fiktiven Konstrukt Namens Geld ein Leben lang in Sklaverei nachjagen? Es geht nicht darum zu Haben, sondern darum Wünsche, Träume und Wagnisse zu leben, ja vielleicht auch in der Philosophie sein Glück zu finden. Doch diesen Ansinnen steht eben der Staat im Wege. Ein Staat der im Sinne seiner im Hintergrund agierenden Fädenzieher, Traven spricht von „Milliardären“, Gesetze gegen sein Volk erlässt und diese in Worten niederschreiben lässt, da Worte eben formbar sind und nicht der Ehre der Natur entsprechen.

In diesem System ist der Mensch aber nicht nur seinen Mitmenschen der sprichwörtliche „Wolf“. Gerade Tiere leiden unter seiner zwangsbedingten Fehlerhaftigkeit. B. Traven macht dies am Beispiel des angeblich schmutizgen Schweines fest. Dieses ist an sich eines der reinlichsten Tiere. Sperrt man es jedoch in enge Käfige, überfüttert es und lässt ihm keinen Auslauf, in der Meinung das würde seinem Naturell entsprechen, muss es unweigerlich mit den Konsequenzen dieser Lebensituation zurechtkommen. Wie würde es wohl dem Bauern nach einigen Wochen ergehen, müsste er unter diesen Bedingungen leben? Für den Autor wird es jedoch Gerechtigkeit für Tiere und die Natur im Allgemeinen geben. Der Mensch wird für seine Taten bezahlen müssen, mehr noch als für die Missetaten die er seinen Mitmenschen antat.

Es ist deshalb auch vermessen den menschlichen Geist, samt seinem lächerlichen Konstrukt der Moral, über jenem des Tieres zu heben. Denn der „Herr der Schöpfung“ liebt das Leben des Sklaven, des Soldaten, des Zerstörers. Er liebt es gepeinigt, ausgebeutet und erniedrigt zu werden, bewuss oder unbewusst. Warum? Weil der Mensch im Gegensatz zum Tier dem Konzept der Hoffnung anheimfiel. Er hofft es könnte besser werden, lebt überall – in der Zukunft und der Vergangenheit – nur nicht in der Gegenwart. Die Hoffnung bleibt aber das was sie ihrem Wesen nach ist: Ein Fluch und kein Segen. Warum also Mitleid mit dem Sklaven? Mit dem Soldaten? Dem Arbeiter? Hass gegen den Tyrannen? Hoffnung bleibt die Macht der Unterdrücker…Oder ist es verwunderlich, dass den Menschen Moral und Werte eingetrichtert werden, nicht aber Tugenden und Intuition den höchsten Wert geistiger Strebsamkeit besitzen?

Zuerst sind die Sklaven da, dann erscheint der Diktator auf der Bildfläche. (S. 122)

Stagnierende menschliche Entwicklung und Vaterland

Auch der Nachahmungstrieb ist ein heimtükischer Begleiter der menschlichen Entwicklung und mitverantwortlich für sein frewilliges Sklavendasein. Er liefert ihm das zweite zentrale Konzept der Einengung, neben der Hoffung: das Versprechen der Sicherheit. Es ist der Trieb es seinem Nächsten, meist dem Herrschenden, gleichzutun. Dieser Trieb hindert den Menschen auch an einer tatsächlichen Weiterentwicklung, insbesondere einer gesitigen. Immer noch verharren wir in einer Barbarei, die wir glauben tausende Jahre vor unserer Zeit bereits abgelegt zu haben. Doch die Barbarei hat lediglich ihrer Gewänder gewechselt.

Bleiben wir im Zuge der Staatskritik, des entgrenzten Individuums und des Abfalls von der Natur bei einem weiteren interesannten Aspekt von Travens Ausführungen: Dem Verlust des Vaterlandes. Denn gerade das natürliche Leben kennt das Prinzip des Vaterlandes, der Heimat, des Lebensraumes, der einem Leben schenkt und auch wieder nimmt. Einem Raum, in dem man anonym sein kann, seinem freien Willen nachgeht und ohne Zwang und Wertung lebt. In der Moderne verschwindet diese Heimat jedoch. Sie weicht abstrakten Götzen in Form von Staatsbemten, Aktenbergen und Gesetzen. Dingen die jegliches Heimatgefühl mit Sicherheit austreiben (S. 170).

Letztlich gibt B. Travens Roman kein Heilsversprechen. Der Antiheld kann nicht auf das Glück des Tüchtigen bauen, oder auf die Nächstenliebe seiner Mitmenschen hoffen. Er geht unter, anonym, ohne teatralische Anklage. Das System betreibt weiterhin seine Ausbeutungsmaschinerien, die einen Großteil der Menschheit fortwährend ins Unglück stürzen wird. Dem Leser bleibt lediglich die gewonnene Erkenntnis über die Tyrannei des Staates, sei sie nun subtil oder plump. Diese Tyrannei, so hofft der Autor zumindest im ersten Drittel des Buches, kann jedoch nicht ewig währen:

Die Freiheit des Menschen ist zu urwüchsig mit seinem ganzen Dasein und Wollen verknüpft, als daß der Mensch irgendeine Tyrannei lange ertragen könnte, selbst wenn die Tyrannei in dem sammetweichen Lügenmantel des Mitbestimmungsrechts erscheinen sollte. (S. 40)

In einem fernen Tag wird der Mensch den Glauben an Institutionen, Autoritäten und andere irdische Verführungen aufgeben und die Erlösung in sich selbst finden.

Unter anarchichsmus.at sind ebenfall einige subjektiv geschmückte aber lesenswerte Gedanken zu B. Travens Motiven im Totenschiff nachzulesen.

Artikelbild: Yannick Bammert/Wikimedia (CC BY 2.0)

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