Die Adaptierung des Leviathan-Motives von Thomas Hobbes anhand des Frontispizes von Petrus Valckeniers „Das verwirrte Europa“

Das 1651 erschienene Werk „Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und staatlichen Gemeinwesens“ des britischen Autors Thomas Hobbes bildet wohl eine der wichtigsten staatstheoretischen Abhandlungen der Neuzeit. Basierend auf diesem Werk, das der politischen Philosophie zurechenbar ist, etablierte sich einer der theoretischen Grundpfeiler der Politikwissenschaft.1 Hobbes galt zu dieser Zeit durch sein an der Natur orientiertes Denken über Mensch, Recht und Politik als eine Art „Revolutionär“. In seinem berühmtesten Werk geht der Theoretiker, basierend auf seinen Denkweisen, den Fragen der Herrschaftslegitimation, des Naturrechts und des politischen Individuums nach. Wie kann der Mensch einen „anarchischen“ und „destruktiven“ Naturzustand, in welchem jeder seinen Vorteil gegenüber dem anderen auch Gewaltsam durchzusetzen versucht, überwinden und in Frieden koexistieren?

Der Autor attestierte seinen Zeitgenossen dabei ein sehr negativ behaftetes Menschenbild: „Der Mensch ist ein Wolf für den Menschen“.2 Dieses Denkmuster muss jedoch im historischen Kontext der Zeit betrachtet werden. Für Thomas Hobbes ergab sich durch die Spätphase des Dreißigjährigen Krieges, die Revolutionskriege in den britischen Kolonien der Vereinigten Staaten und dem englischen Bürgerkrieg ein „Endzeitszenario“ der Menschheit.
Auch deshalb griff der Autor für den Namen und die bildliche Darstellung seines Lebenswerkes zu einem mythischen Symbol der Antike, das bis heute eine destruktive Allmacht repräsentiert.

„Die Zitierung des Leviathan wirkt nämlich nicht als bloße Veranschaulichung eines Gedankens, wie irgendein illustrierender Vergleich einer Staatstheorie oder wie ein beliebiges Zitat; es wird vielmehr ein mythisches Symbol von hintergründiger Sinnfülle beschworen“.3 

Daher bildet das Frontispiz der Erstausgabe des Leviathans eine ebenso reiche Interpretationsfülle wie das Werk, für welches es geschaffen wurde. Der Kupferstecher Wenceslaus Hollar schuf in enger Zusammenarbeit mit Thomas Hobbes ein bis heute immer wieder verwendetes und adaptiertes Motiv, das einerseits für die Allmacht des Staates und dessen Spitze, und andererseits für die Aufopferung des Volkes für diese steht. Im Rahmen dieser Seminararbeit möchte ich mich angesichts der Fülle an Adaptierungen des Frontispizes mit dem Bildnis des „Das verwirrte Europa“ von Petrus Valckenier, im Sinne einer ikonographischen Bildanalyse, näher auseinandersetzen. Nahm das Frontispiz einen direkten Bezug auf Hobbes Leviathan? Kritisiert es dessen absolutistisches Staatsverständnis? Und wie wird in der Neuzeit mit dem „Erbe des Leviathan“ und der suggestiven Macht der Kompositbilder, zu denen das Frontispiz zählt, verfahren?

Der methodische Aufbau der Arbeit orientiert sich dabei primär an einer klassischen Literaturanalyse. Zunächst beschreibe ich die Theorie der ikonografischen Bildanalyse, sowie das Besondere des Kompositbildes. Darauf folgt der historische Hintergrund des Leviathans. Anschließend wird kurz auf die zentralen inhaltlichen und bildlichen Aussagen des Leviathans von Hobbes eingegangen. Dabei beleuchte ich auch die unterschiedlichen Bilddarstellungen in den diversen Veröffentlichungsländern des Leviathans, etwa in Frankreich und den Niederlanden. Basierend auf diesen Ausführungen untersuche ich schließlich das bisher kaum erforschte Frontispiz „Das verwirrte Europa“ von Petrus Valckenier aus dem Jahr 1677, welches meiner Meinung nach einen direkten und kritischen Bezug auf den Leviathan von Hobbes nimmt. Da hierzu bisher kaum nennenswerte wissenschaftliche Literatur existiert, eine Ausnahme bilden die Werke von Horst Bredekamp, werden meine Ausführungen durchaus einen hohen interpretativen Charakter aufweisen. Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse münden schließlich in der Conclusio.

1. Semmler, Florian (2008): Thomas Hobbes Leviathan – Die Denkansätze des Leviathan in den Internationalen Beziehungen, S. 1

2. Vgl. Ottmann, Henning (2006): Von Machiavelli bis zu den großen Revolutionen (Teilband 1) in: Geschichte des politischen Denkens(Band 3), S.265

3. Schmitt, Carl (1938): Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes: Sinn und Fehlschlag eines politischen Symbols , S. 9

Beitragsbild: Biodiversity Heritage Libr/flickr (CC BY 2.0)


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